Opferzeit

Thriller
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Oktober 2013
  • |
  • 672 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11299-8 (ISBN)
 
Einer der perfidesten Serienkiller aller Zeiten kehrt zurück: Joe is back!

Die Einwohner der Neuseelandmetropole Christchurch sind aufgebracht. Ein Jahr nach der brutalen Mordserie, die ihre Stadt erschütterte, beginnt der Prozess um den berüchtigten Schlächter von Christchurch. Doch Joe, der scheinbar grenzenlos naive Serienmörder, beteuert nach wie vor seine Unschuld. Unterdessen zieht sich die psychopathische Melissa X einen neuen Killer heran, um Joe, mit dem sie einst eine unheilige Liaison einging, zu töten. Christchurch droht eine Apokalypse des Todes ...

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,92 MB
978-3-641-11299-8 (9783641112998)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Sonntagmorgen

Prolog

Tja, man lernt nie aus.

Ich hole tief Luft, schließe die Augen und drücke den Abzug bis zum Anschlag.

Die Welt um mich herum explodiert.

Sie explodiert mit einem Blitz, mit Lärm und mit Schmerzen, aber das ist nicht richtig, eigentlich sollte sie mit Dunkelheit explodieren. Eigentlich sollte ich in ein Tuch aus Schwarz gehüllt sein, das mich von hier fortträgt. Ich bin Slow Joe, und Slow Joe ist ein Gewinner. Ich habe alles unter Kontrolle, was sich zeigt, als mein Leben an mir vorüberzieht. Die Dunkelheit ist nicht mehr weit, aber zunächst muss ich Szenen mit meiner Mutter, mit meinem Vater, aus meiner Kindheit und aus der Zeit bei meiner Tante ertragen. Unzählige Stunden von Bildmaterial aus meinem Leben werden in Schnappschüsse zerlegt und zu einem zweisekündigen Film verdichtet; wie bei der Vorführung mit einem alten Filmprojektor geht eine Szene flackernd in die nächste über. Dann werden die Bilder schneller. Jagen durch meinen Kopf.

Aber da ist noch was.

Sally jagt mir ebenfalls durch den Kopf, nein, nicht durch den Kopf, sondern durch mein Blickfeld. Sie ist direkt vor mir, an mir, und hat ihren unförmigen Körper von oben bis unten gegen mich gepresst, so wie sie das immer wollte. Und es sind ein Dutzend Stimmen zu hören.

Ich knalle auf den Gehweg, und mein Arm wird zur Seite geschleudert. Mit meinem Körper schiebe ich Sallys Fleischmassen von mir fort, doch sie walzen über meine Gliedmaßen und drohen, mich wie ein weiches Sofa zu verschlucken. Ich bin zwar noch nicht tot, befinde mich aber schon in der Hölle. Planlos drücke ich den Abzug, ohne Erfolg, denn die Pistole ist nicht mehr in meiner Hand. Sally schnürt mir die Luft ab, und ich weiß immer noch nicht, was los ist. Die Welt steht Kopf, und eine Packung Katzenfutter drückt gegen meine Schulter. Mein Gesicht brennt und ist feucht von Blut. Und in meinem Ohr höre ich dieses schrille Kreischen, ein gleichförmiges Geräusch. Sally wird von mir heruntergezogen, und an ihrer Stelle erscheint Detective Schroder, und ich bin in meinem ganzen Leben noch nie so erleichtert gewesen. Schroder wird mich retten, Schroder wird Sally mitnehmen und sie hoffentlich dort einsperren, wo man dicke Frauen wie Sally einsperren sollte.

»Ich bin …«, sage ich, aber bei dem Dröhnen in meinen Ohren kann ich nicht mal meine eigene Stimme hören. Ich habe keine Ahnung, was hier los ist. Ich bin verwirrt. Die Welt ist völlig aus den Fugen geraten.

»Halt die Klappe«, brüllt Schroder, aber ich kann ihn kaum verstehen. »Verstanden? Halt die Klappe, oder ich jag dir eine verdammte Kugel in den Kopf!«

So habe ich Schroder noch nie erlebt, und nach dem, wie er mit Sally redet, ist er wohl echt sauer, weil sie sich auf mich geworfen hat. Plötzlich fühle ich mich ihm näher als je zuvor. Doch angesichts der Schmerzen und der Tatsache, dass Fat Sally mich gerade mit ihren Fleischmassen umschlungen hat, sehne ich mich nach der Kugel, die er ihr angedroht hat. Sehne ich mich nach glückseliger Dunkelheit und nach der Stille, die sie mit sich bringt. Aber ich halte den Mund. Fast.

»Ich bin Joe«, brülle ich für den Fall, dass den anderen ebenfalls die Ohren dröhnen. »Slow Joe.«

Irgendjemand, keine Ahnung wer, verpasst mir einen Tritt oder Schlag, er kommt wie aus dem Nichts, mein Kopf schnellt zur Seite. Für einen Moment verschwindet Schroder aus meinem Blickfeld, und die Seitenwand meines Wohnhauses schiebt sich ins Bild. Ich kann den obersten Stock und die Regenrinne erkennen und die verdreckten, gesprungenen Fenster, und irgendwo da oben befindet sich meine Wohnung, und ich will nichts weiter, als mich dort hinlegen und herausfinden, was los ist. Dann verschwimmt alles und scheint zu Boden zu träufeln, wie Wasserfarben, die von einem Bild laufen, bis nur noch das Rot übrig ist; daran ändert sich auch nichts, als man mich auf die Füße hievt. Meine Klamotten sind feucht, denn der Gehweg ist nass, weil es die ganze Nacht geregnet hat.

»Ich habe meinen Aktenkoffer vergessen«, sage ich, und das stimmt. Ich habe jedoch keine Ahnung, wo er ist.

»Halt. Verdammt noch mal. Die Klappe, Joe«, sagt jemand.

Joe? Ich verstehe nicht – sind diese Leute so gemein zu mir und nicht zu Sally?

Ich kann meine Hände nicht spüren. Ich habe die Arme auf dem Rücken, und sie sind so eng aneinandergekettet, dass ich sie nicht bewegen kann. Meine Handgelenke tun weh. Man zerrt mich fort, und ich komme ins Straucheln. Ich versuche, mein Augenmerk auf den Boden zu richten und zu erfassen, was gerade passiert. Ich schaue zu Sally und den Männern rüber, von denen sie zurückgehalten wird. Sie hat Tränen in den Augen. Und plötzlich sind die letzten sechzig Sekunden wieder da. Ich war auf dem Heimweg. Ich war glücklich. Ich hatte das Wochenende mit Melissa verbracht. Dann ist Sally in meine Straße gebogen. Sie hat mir vorgeworfen, ich hätte sie belogen, und sie hat mich beschuldigt, der Schlächter von Christchurch zu sein, und schließlich ist die Polizei aufgetaucht, und ich habe … ich habe versucht, mich zu erschießen.

Vergeblich, denn Sally hat sich auf mich geworfen.

Das Dröhnen in meinen Ohren wird ein wenig leiser und vor meinen Augen ist immer noch alles rot. Vor mir steht ein Polizeiauto, das vor ein paar Minuten, als Sally in die Straße gebogen kam, noch nicht dastand. Ein Mann in Schwarz öffnet die Hecktür. Auf der Straße sind eine Menge Männer in Schwarz, alle mit Pistolen bewaffnet. Jemand sagt etwas von einem Krankenwagen, worauf irgendwer meint: Auf keinen Fall, und ein anderer: Scheiße, verpass ihm eine Kugel.

»Mann, der blutet uns den ganzen Sitz voll«, sagt jemand anders.

Ich senke den Blick, und überall auf dem Sitz und auf dem Boden ist genug von meinem Blut, um eine Putzkraft wie mich für ein paar Stunden auf Trab zu halten. Von dort reicht eine Spur bis zu meiner Pistole. Daneben steht Sally, inzwischen wird sie nicht mehr zurückgehalten. Ihr Gesicht und ihre Kleidung sind mit Blut bespritzt. Mit meinem Blut. Sie hat feuchte Augen, und das kotzt mich an, obwohl ich nicht weiß, warum. Während sie mich anstarrt, überlegt sie bestimmt, wie sie zu mir auf die Rückbank klettern und mich erneut platt walzen kann. Ihr blondes Haar, das vor ein paar Minuten noch zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden war, hängt jetzt lose herunter, und sie nimmt ein paar Strähnen und fängt an, darauf herumzukauen. Das ist wohl ein nervöser Tick von ihr, oder sie will auf diese Weise die beiden Polizisten neben sich verführen; sollten die beiden es mitbekommen, versuchen sie vielleicht, sich eine Kugel in den Kopf zu jagen so wie ich.

Ich blinzle, bis das Rot verschwindet, doch ein paar Sekunden später schiebt es sich erneut in mein Sichtfeld.

Zwei Männer steigen vorne in den Wagen. Einer von ihnen ist Schroder. Er setzt sich hinters Steuer. Er dreht sich nicht mal zu mir um. Der zweite Mann ist schwarz gekleidet. Wie der Tod. Wie die anderen Männer. Er trägt eine Pistole, die aussieht, als könnte man großen Schaden damit anrichten. Er wirft mir einen Blick zu, als wollte er abschätzen, wie groß der Schaden tatsächlich wäre. Schroder lässt den Wagen an und schaltet die Sirene ein. Sie klingt lauter als jede andere Sirene, die ich bisher gehört habe, als sei das, was sie zu verkünden hat, wichtiger als sonst. Ich schaffe es nicht, den Sicherheitsgurt anzulegen. Schroder fährt los, und der Wagen macht einen so großen Satz nach vorne, dass ich fest in den Sitz gepresst werde. Ich drehe mich um und sehe, wie hinter uns ein weiterer Wagen, gefolgt von einem dunklen Transporter, auf die Straße biegt. Während ich beobachte, wie mein Haus immer kleiner wird, frage ich mich, was für ein Chaos ich wohl vorfinden werde, wenn ich heute Abend wieder zurückkehre.

»Ich bin unschuldig«, sage ich, aber es ist, als würde ich mit mir selber reden. Während ich spreche, läuft Blut in meinen Mund. Ich mag den Geschmack, und ich weiß, dass wir, führen wir jetzt zurück, Sally dabei erwischen würden, wie sie sich die Finger ableckt, denn sie mag den Geschmack ebenfalls. Arme Sally. In einem Anfall von Verwirrtheit hat sie diese Männer zu mir geführt, und was als das beste Wochenende meines Lebens begann, scheint jetzt das schlimmste Wochenende meines Lebens zu werden. Wie lange werde ich brauchen, um ihnen die Gründe für meine Taten darzulegen und sie davon zu überzeugen, dass ich unschuldig bin? Wie lange wird es dauern, bis ich wieder bei Melissa sein kann?

Ich spucke das Blut aus.

»Mann, lass das, verdammt noch mal«, sagt der Mann auf dem Vordersitz.

Ich mache die Augen zu, doch das linke lässt sich nicht mehr richtig schließen. Es brennt, tut aber nicht weh. Noch nicht jedenfalls. Ich richte mich auf und betrachte mich im Rückspiegel. Mein Gesicht und mein Hals sind blutverschmiert. Und ein Augenlid hängt schlaff herunter. Als ich den Kopf schüttle, rutscht es wie ein Blatt über mein Auge. Es ist nur noch durch einen dünnen Hautfetzen mit meinem Gesicht verbunden. Ich blinzle und versuche, es zu öffnen, doch es weigert sich.

Was soll’s, ich war schon schlimmer verletzt. Sehr viel schlimmer. Wieder muss ich an Melissa denken.

»Was gibt’s da zu grinsen?«, fragt der Mann in Schwarz.

»Bitte?«

»Ich hab gesagt, was zum Henker …«

»Sei...

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