Der Vermesser

 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 22. Juli 2013
  • |
  • 414 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81160-5 (ISBN)
 
London 1855. Unter der Stadt ein gewaltiges Labyrinth von alten Tunneln, das Menschen aller Couleur anzieht. Die einen suchen nach Dingen, die sich zu Geld machen lassen, andere sind auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit. Bis ein grausiger Mord geschieht, der alle Tunnelmänner gleichermaßen erschüttert.

Der Vermesser William May sucht häufig Zuflucht in den modrigen Gewölben unter der Stadt. Die Erneuerung des uralten Abwassersystems, mit der man ihn beauftragt, ist ihm ein willkommener Vorwand, immer wieder in die Tunnelwelt einzutauchen und dort ungestört sein Geheimnis zu pflegen. Mit den armen Schluckern der Stadt, die aus dem, was sie in den Tunneln finden, ihren Lebensunterhalt bestreiten, hat William May nichts zu tun. So weiß er auch nicht, dass die so genannten Kanaljäger alles andere als erfreut sind über die bevorstehende Sanierung von Londons Untergrund, fürchten sie doch um ihre Existenz. Als in den unterirdischen Gängen ein Mord geschieht und William May unter Verdacht gerät, ist der Kanaljäger Tom allerdings der Einzige, der ihn retten kann.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 2,12 MB
978-3-455-81160-5 (9783455811605)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Clare Clark, geboren 1967 in London, studierte Geschichte am Trinity College in Cambridge. Sie arbeitete einige Jahre in den USA und lebt heute wieder in London. Bei Hoffmann und Campe erschienen ihre historischen Romane Der Vermesser, Der Apotheker und Die französische Braut.

I


An der Stelle, wo der Kanal eine Biegung nach rechts machte, konnte man trotz des stärkeren Gefälles nicht mehr aufrecht stehen. Und obwohl sich William, der die Laterne ausgestreckt vor sich hielt, duckte, stieß er mit dem Hut an die schlammüberzogene Decke. Fäkaliengeruch stach ihm in die Nase. Er konnte die Hand nicht ruhig halten, so dass der Lichtschein in der Dunkelheit zitternd hin und her hüpfte. Das Wasser, das durch den schmaleren Kanal schoss und immer höher stieg, presste ihm die kniehohen, eingefetteten Lederstiefel an die Waden. Das Rauschen übertönte sogar das Klappern der Pferdehufe und der eisenbereiften Räder über ihm. Natürlich – er befand sich bereits in großer Tiefe. Zwischen ihm und der gepflasterten Straße lagen mindestens sechs Meter schwerer Londoner Lehm, dessen Gewicht die Dunkelheit noch erdrückender machte. Die morschen Backsteine unter seinen Füßen waren tückisch, weich wie Käsekrümel, und bei jedem Schritt schmatzte der dicke schwarze Schlamm unter seinen Sohlen. Obwohl er so große Erregung verspürte, dass ihm die Haare zu Berge standen, zwang sich William, so langsam und vorsichtig zu gehen, wie es ihm die Ausspüler gezeigt hatten. Er drückte die Fersen fest in den unsicheren Boden, um dann sein Gewicht über den Fußballen abrollen zu lassen, und suchte dabei die Wasseroberfläche nach aufsteigenden Blasen ab. Im Schlamm verbargen sich Blasen mit Faulgas, wie die Ausspüler es nannten, und angeblich genügte schon der leiseste Hauch, um einen Menschen auf der Stelle ohnmächtig niedersinken zu lassen, wie von einer Kugel getroffen. Das Wenige, das William über die giftige Wirkung von Schwefelwasserstoff wusste, reichte aus, ihnen vorbehaltlos zu glauben.

Der fahle Schein seiner Laterne brach sich auf der schwarzen Wasseroberfläche und warf den Schatten eines Bösewichts an die gewölbte Wand. Ansonsten herrschte vollkommene Finsternis, selbst im ersten Tunnelabschnitt, wo Einstiegsgitter direkt nach oben auf die Straße führten. Den ganzen Tag hatte dichter Nebel über London gehangen, eine schokoladenfarbene Düsternis, die nach Schwefel stank und selbst der Morgendämmerung trotzte. Vergeblich drückten die Gaslaternen ihre Lichtkreise in die Dunstglocke. Kutschen tauchten jäh aus der Dunkelheit auf, und das gedämpfte Getrappel und Wiehern der Pferde vermengte sich mit den Warnrufen der Kutscher. Fußgänger mit tief ins Gesicht gezogenen Hüten und hochgeschlagenen Kragen huschten aufeinander zu, um ebenso rasch wieder im Nichts zu verschwinden. Die klobigen Schemen der Express-Dampfboote auf der Themse erinnerten an eine hingekritzelte Kohlezeichnung, über die ein Kind unachtsam mit dem Ärmel gewischt hatte. Jetzt, um fast sechs Uhr abends, war das schmutzige Braun des Nachmittags von der Schwärze der Nacht verschluckt worden. Verstohlen wie ein Kanaljäger schloss William jedes Mal, wenn er zu einem Einstiegsgitter kam, die Blende seiner Laterne. Nicht genug damit, dass er allein umherstreifte, ohne Unterstützung von der Straße aus, was einen groben Verstoß gegen die Vorschriften der Baubehörde darstellte. Wie sollte er seine Anwesenheit hier erklären, in einem Kanalabschnitt, der erst kürzlich für einsturzgefährdet erklärt und geschlossen worden war, bis umfangreiche Reparaturarbeiten vorgenommen werden konnten? William konnte schwerlich behaupten, er habe davon nichts gewusst. Schließlich stammte der Bericht von ihm, in dem genau dies gefordert wurde, sein erster offizieller Bericht an die Baubehörde:

Im südlichen Abschnitt des Zweigs in der King Street ist der Verfall des Backsteinmauerwerks weit fortgeschritten, wobei besonders die Bogenlaibung unter beträchtlicher Zersetzung leidet. Zwar ist davon auszugehen, dass der Gezeitenstrom eine übermäßige Anhäufung von Ablagerungen verhindert, doch die große Menge einströmenden Wassers, der der Tunnel bei Flut und schweren Regenfällen standhalten muss, stellt eine gravierende Gefahr für die Stabilität der gesamten Konstruktion dar. Eine Unterfangung des Gewölbes ist dringend erforderlich, um dem weiteren Verfall entgegenzuwirken. GEFAHR.

Den Sachverhalt in so präzise Worte zu kleiden hatte ihn befriedigt. Sie zeugten von einer Welt, die mit Methodik und Vernunft das Chaos bannte. Als er an seinem ersten Arbeitstag als Assistent des Ausschusses zusammen mit den anderen jungen Männern mit Mr. Bazalgette persönlich bekannt gemacht worden war, hatte einer aus der Gruppe, eifrig bestrebt, sich bei seinem Dienstherrn einzuschmeicheln, diesen gebeten kundzutun, was für ihn einen erfolgreichen Ingenieur ausmache. Bazalgette hatte kurz nachgedacht, die Finger an den Lippen. Dann antwortete er ganz leise, fast als spräche er zu sich selbst. Der große Ingenieur, sagte er, sei ein Pragmatiker, der durch die augenscheinlichen Mängel überstürzt entworfener Bauwerke und Maschinen Vorsichtig an den Tag lege. Er habe feste Gewohnheiten, sei zuverlässig, diszipliniert und systematisch, wenn es darum gehe, Probleme zu lösen. Er sei ausgeglichen und gesetzestreu. Nachlässigkeit, Maßlosigkeit, Unordnung und Launenhaftigkeit seien ihm fremd. Im Durcheinander seiner natürlichen Instinkte habe er Ordnung geschaffen.

»Wie unsäglich langweilig er uns gern hätte!«, hatte einer der Assistenten William zugeraunt, als sie wieder entlassen wurden. William beachtete ihn nicht weiter. In den folgenden Monaten hatte er sich an Bazalgettes Worte gehalten und sie sich so oft wiederholt, bis sie zur Beschwörungsformel für ihn wurden. Auf Gebete vertraute William nicht mehr.

Dort, wo der Untergrund wieder eben wurde, blieb er stehen und hielt die Laterne an die Wand. Das Wasser zerrte ungeduldig an seinen Stiefeln. Im Lichtschein sah er, dass das Mauerwerk von Pilzkissen überzogen war, die einander überlappten. Üppig sprossen sie aus dem porösen Backstein, die fleischigen Unterseiten aufgebläht und stumpf, und polsterten die Löcher aus, mit denen die Wände übersät waren. Sie waren das Äußerste, was die Tunnel an pflanzlichem Leben gebaren, doch William konnte keinen Gefallen an ihnen finden. Er duckte sich noch mehr und zog die Schultern ein, um nicht ihr bleiches Fleisch zu streifen. Ihr kalter, hefiger Geruch überlagerte selbst den Fäkaliengestank des Abwassers. William schnürte es die Kehle zu. Einen Augenblick spürte er, wie das Schiff krängte und es in seinem Haar von Ungeziefer wimmelte. Rings um ihn stöhnten Männer und schrien um Hilfe, die nicht kam. Plötzlich verspürte er den Drang, seine Laterne an der Wand zu zerschmettern. Eine Scherbe davon würde scharf wie ein Messer durch die stinkenden Pilze gleiten, bis sie von der Wand abfielen. Würden sie bluten oder einfach nur eine gelbliche Flüssigkeit absondern wie eine Leiche, die zu lange in der Sonne gelegen hatte? Der Taumel wurde immer heftiger, William atmete flach und stoßartig. Er stellte sich vor, wie sich seine Finger um einen gläsernen Dolch legten, fest und immer fester, bis ihm das Blut in schwarzen Rinnsalen zwischen den Knöcheln hervorsickerte. Das brennende Verlangen danach schnürte ihm Brust und Kehle zu. Er starrte auf die Laterne und die Flamme, die sich wie ein Wurm wand, als er sie langsam vor- und zurückpendeln ließ. Ein einziger harter Schlag nur. Mehr wäre nicht nötig. Er holte aus …

Nein! Die Laterne schwang wie benommen hin und her, als er den Arm zurückriss, und ein fahles Pilzkissen wirbelte im Strom davon. Ein feiner Riss zog sich durch das Laternenglas, aber das Licht war nicht erloschen. Gemächlich züngelte die Flamme hoch, zitterte und brannte schließlich wieder ruhig. Unter Williams Hutrand tropfte Schweiß hervor. Er hielt die Laterne fest am Griff und ärgerte sich über seine Unbesonnenheit. Ohne diese Lampe würde er den Rückweg zum Schacht niemals finden. Er leckte sich die Lippen. Feste Gewohnheiten, Zuverlässigkeit, Disziplin, Systematik beim Lösen von Problemen. Ausgeglichenheit und Gesetzestreue. Während er weiter in den Tunnel eindrang, sprach er sich diese Worte vor. Ihm zitterten die Knie.

Wieder wurde die Röhre enger. Hier war kaum noch Platz, sich mit den Schultern durchzuzwängen, und das Wasser war mehr als kniehoch. Beim Höchststand der Flut würde sich der Kanal fast bis zur Decke füllen. Wo das Wasser die Wände streifte, gab es keine Pilze mehr. Im Schein der Laterne war das Mauerwerk durch die fettigen Ausblühungen des Salpeters mit einem seidigen Glanz überzogen. Von einem schmalen Backsteinvorsprung in der Deckenwölbung vor ihm hingen Stalaktiten wie vergilbte Zähne herab. Hier war es, hier war der junge Jephson zusammengebrochen.

Der Zwischenfall ereignete sich nicht ganz ohne Vorwarnung. Jephson, ebenfalls Mitarbeiter der Baubehörde, von schlaksiger Statur und mit den groben Knöcheln eines Mannes ausgestattet, der offensichtlich nicht zur Oberschicht gehörte, hatte mindestens schon einen halben Kilometer lang lamentiert. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, und er klagte über Magenschmerzen, Kopfweh und Atemnot. Er bestand darauf, dass der Vorarbeiter alle paar Schritte anhielt und seine an einem Stab befestigte Lampe in die Dunkelheit vor ihnen hielt, um nach giftigen Gasen Ausschau zu halten. Bei den Messungen hatten Jephsons Hände so heftig gezittert, dass William ihm die Wasserwaage abgenommen hatte, damit sie nicht im Schlamm unter ihren Füßen verloren ginge. Als sie die Stelle, an der William jetzt stand, erreicht hatten, drehte der Kerl durch. Seine Angst hatte sich wie Gas hinter ihm im Tunnel ausgebreitet und die anderen Männer angesteckt – außer William. Mit kühler Gleichgültigkeit hatte der zugesehen, wie Jephson schreiend in der dreckigen Brühe um sich schlug. William hatte die salatgrüne Färbung in dessen abgehärmtem...

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