Der Apotheker

Roman
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2013
  • |
  • 447 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81183-4 (ISBN)
 
England, 1718. Eliza lebt mit ihrer Mutter, einer Kräuterheilerin, in einem kleinen Dorf im ländlichen England. Als sie unverheiratet schwanger wird, ist sie verzweifelt. Ein Skandal scheint vorprogrammiert. Doch ihre Mutter schickt sie nach London, wo ein Apotheker namens Black sie als Hausmädchen aufnimmt. Eliza erhofft sich von Black eine Lösung für ihr "kleines Problem". Sie ahnt nicht, dass der geheimnisvolle, stets mit einem Schleier verhüllte Hausherr ganz andere Pläne mit ihr hat. Er betreibt unheimliche Studien und Eliza kommt ihm sehr gelegen für seine Experimente, die ihm, so hofft er, endlich Anerkennung als Wissenschaftler verschaffen. Was geht in dem Haus vor sich, und welche Rolle soll Eliza dabei spielen? Als sie schließlich erkennt, welches Geheimnis der Apotheker wirklich hütet, ist es für sie schon fast zu spät. "Seit Charles Dickens haben nur wenige Romane Londons Unterwelt so bildgewaltig beschrieben." Brigitte
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 2,64 MB
978-3-455-81183-4 (9783455811834)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Clare Clark, geboren 1967 in London, studierte Geschichte am Trinity College in Cambridge. Sie arbeitete einige Jahre in den USA und lebt heute wieder in London. Bei Hoffmann und Campe erschienen ihre historischen Romane Der Vermesser, Der Apotheker und Die französische Braut.

I


1718

Später, als mir klar wurde, dass ich ihn überhaupt nicht geliebt hatte, fuhr mir der Schrecken in die Magengrube, ein Gefühl wie beim Treppensteigen im Finstern, wenn man sich verzählt und auf eine Stufe tritt, die gar nicht vorhanden ist. Es war nicht mein Herz, das so durcheinandergeraten war, sondern mein Gleichgewicht. Ich hatte noch nicht gelernt, dass es möglich war, einen Mann innig zu begehren, ihn dabei aber kein bisschen zu lieben.

Oh, wie ich mich nach ihm sehnte. Wenn er nicht da war, vergingen die Stunden so langsam, dass man hätte meinen können, die Sonne wäre am Himmel eingeschlafen. Ich wartete den lieben langen Tag am Fenster, nur um einen Blick auf ihn zu erhaschen, wenn er kam. Jedes Mal, wenn jemand aus den Bäumen heraus um die Ecke bog, machte mein Herz einen Satz, meine Haut fiebrig vor Erwartung, auch wenn mir meine Augen sagten, dass dieser Jemand nicht die geringste Ähnlichkeit mit ihm hatte. Selbst bei Slack, dem Metzger, der vom Scheitel bis zur Sohle höchstens eins fünfzig, dafür aber um die Leibesmitte deutlich mehr maß und dessen Arme so erbärmlich kurz waren, dass er Mühe hatte, die Fingerspitzen in seine Rocktasche zu schieben. Dann wandte ich mich schnell ab, die Wangen heiß, schwankend zwischen Scham und Belustigung. Wie hätte sich dieser biergetränkte Kloß die Lippen geleckt, hätte er gewusst, welchen inneren Aufruhr mir sein Anblick bereitete – dieses Aufflammen der Begierde zwischen meinen Schenkeln, das mich vor köstlicher Vorfreude die Fingernägel in die Handballen graben und mir die Haut im Nacken kribbeln ließ.

Im staubig dämmrigen Licht des oberen Zimmers lehnte ich mich atemlos an die Wand, hob die Röcke und presste meine Hand auf die zarte Moschusblüte. Sofort teilten sich die Lippen, der schwellende Mund saugte gierig an meinen Fingern und umschloss sie mit kräftiger Inbrunst. Wenn ich schließlich die Hand an den Mund führte, um an ihr zu lecken, und dabei an das leidenschaftliche Drängen seiner Zunge dachte, an das Aroma der geheimsten Winkel meines Körpers auf seinem heißen roten Mund, musste ich mir auf die Fingerknöchel beißen, um nicht vor unerträglichem Verlangen laut aufzuschreien.

O ja, ich brannte vor Verlangen nach ihm, mit jeder Faser meines Körpers. Ein Hauch des Orangenwassers, das er so gern hatte, sein seidenes Taschentuch an meiner Wange, die Erinnerung an den goldenen Saum seiner Wimpern oder die zarten Windungen seines Ohrs – das und noch weniger genügte, dass mein Mund trocken wurde und sich das Fleisch zwischen meinen Beinen in flüssigen Honig verwandelte. Wenn er bei mir war, wurde meine spitze Zunge weich wie Butter. Ich, die die anderen Mädchen wegen ihrer törichten Schwärmereien stets verspottet hatte, konnte kaum mehr atmen. Nicht einmal die Unzulänglichkeiten seines Gesichts, das mädchenhafte Rosa seiner feuchten Lippen oder die fliehende Linie seines Kinns, vermochten meine Leidenschaft zu dämpfen. Im Gegenteil, gerade diese Unvollkommenheit entflammte mich. In seiner Nähe konnte ich nur noch daran denken, ihn zu berühren, ihn zu besitzen. Am makellosen Glanz seiner Haut war etwas, das meine Fingerspitzen magnetisch zu ihm hinzog. Ich musste die Hände im Schoß verschränken, damit sie stillhielten.

Das Verlangen berauschte mich so sehr, dass ich ihn kaum ansehen konnte. Wir saßen zusammen vor dem leeren Kamin, ich im Schaukelstuhl, er auf einem Schemel mir zu Füßen. Mutters Stricknadeln klapperten im Sekundentakt, obwohl sie den Blick entschlossen auf die Wand gerichtet hielt. Ich hingegen betrachtete seine Hände, diese schmalen Hände mit den langen, zarten Fingern und Nägeln wie rosa Muscheln. Ungeduldig baumelten sie zwischen seinen Beinen, verschlangen sich zu komplizierten Knoten.

Es kam mir nie in den Sinn, ihm meine Hand zu reichen, damit er sie hielt. Langsam, als wollte ich es mir ein wenig bequemer machen, schürzte ich leicht den Rock und ließ die weiße Haut meiner Waden sehen. Seine Hände begannen unbeherrscht zu zucken. Da hob ich meine Unterröcke noch ein bisschen höher. Die Finger seiner rechten Hand streckten sich nach mir, zögerten nur einen Augenblick. Ich spürte ihre Hitze, obwohl er mich noch gar nicht berührt hatte. Meine Beine zitterten. Und dann waren seine Fingerspitzen auf meiner Haut und liebkosten den sanften Spalt meiner Kniekehle.

Die unbändige Begierde, die in meinem Leib aufwallte, presste mir den Atem aus den Lungen. Ich keuchte unwillkürlich. Stumm hob er die andere Hand und legte sie mir auf den Mund. Ich küsste sie, leckte an ihr, biss hinein. Er stöhnte sanft. Unter meinen Röcken bewegte sich seine rechte Hand geschmeidig über meine Haut, sodass die feinen Härchen auf meinen Schenkeln zu winzigen Feuerblumen entflammten. Ich glitt näher zu ihm, die Beine gespreizt, und schloss die Augen, sog den Ledergeruch seiner Hand auf meinem Gesicht ein. Jeder Nerv meines Körpers fieberte seiner Berührung entgegen, als sich seine Hand unaufhaltsam, wundergleich, immer höher schob.

In entfesselter Begierde bog mein Leib sich ihm entgegen. Als er mich schließlich im Innersten berührte, gab es nichts mehr, nichts mehr auf der Welt als seine Finger und die rasende, unfassbare Verzückung, die sie kreisend durch meinen Körper schickten, als wäre ich ein Instrument, das himmlische Engelschöre zum Erklingen brachten. War er zu einem Engel geworden? Meine Zehen in den Stiefeln verkrampften sich, und in einem Augenblick der Stille, als die Flamme strahlend hell erzitterte, reckte sich mein Bauch empor. Ich hielt den Atem an. Die Explosion zerriss mich in eine Million glitzernder Stücke, die Dunkelheit meines Bauchs erstrahlte vom Funkeln der Sterne. Als ich schließlich die Augen aufschlug und ihn anblickte, glitzerten Tränen auf meinen Wimpern. Er hob einen Finger an die Lippen und lächelte.

Oh, dieses Lächeln! Wenn er lächelte, zog er den einen Mundwinkel ein wenig höher, sodass sich auf seiner rechten Wange ein Grübchen bildete. Dieses Grübchen war für mich beredter als seine ach so blauen Augen. Und es war gewiss hundertmal vielsagender als seine Worte, die meist nur stockend und abgehackt herauskamen und häufig von unverständlichen Ausrufen unterbrochen waren. Selbst heute noch, nach so langer Zeit, wo es mich Mühe kostet, mir jenes Mädchen zu vergegenwärtigen, kann mich die Erinnerung an dieses winzige Grübchen in Unruhe versetzen. Damals war mir, als berge diese makellose Delle ein Geheimnis, etwas unvorstellbar Wunderbares, das nur mir allein offenbar würde. Denn wie jeder Mensch, der zum ersten Mal in den Bann des körperlichen Verlangens gerät, hielt ich mich für eine Pionierin, eine Entdeckerin von etwas, das vor mir noch niemand erblickt hatte, von etwas gänzlich Außergewöhnlichem. Ich war gottähnlich, allmächtig, ein Alchimist, der durch einen Zauber gewöhnliches Fleisch in Gold verwandelt hatte.

Hätte man mich damals gefragt, hätte ich gesagt, ich liebe ihn. Wie sonst hätte ich erklären können, wie ungeheuer lebendig ich mich dank seiner fühlte? Erst später, als die Begierde nachgelassen hatte, erkannte ich, dass keineswegs er es war, den ich liebte, sondern ich selbst – diejenige, zu der ich wurde, wenn er mich berührte. Ich hatte mich nie für besonders hübsch gehalten. Meine Lippen waren zu dick, meine Nase war zu wenig gebieterisch, meine Augen unter den dichten Brauen standen zu weit auseinander. Mein Gesicht hatte nicht die Porzellanfarbe, die ich mir insgeheim wünschte. Stattdessen lag auf meinem Gesicht ständig ein schläfriger, leicht gekränkter Ausdruck, als wäre ich eben erst aufgewacht. Aber wenn er mich berührte, war ich wunderschön. Erst danach, wenn er sich in aller Form von meiner Mutter verabschiedete und sich zum Heimgehen anschickte, wurde ich wieder zu einem gewöhnlichen Mädchen, das mit seinen plumpen Stiefeln wie angewurzelt auf dem kalten Steinboden stand.

Von Anfang an behandelte er meine Mutter von oben herab, sprach zu ihr mit übertriebener Höflichkeit, als wollte er sich über sie lustig machen. Sie wiederum warf bei jeder seiner salbungsvollen Unaufrichtigkeiten den Kopf in den Nacken, die ihr eigene argwöhnische Miene von mädchenhaftem Eifer beseelt.

»Stets Ihr ergebenster Diener, Madam. Ich kann mir kein größeres Privileg vorstellen, als Ihnen zu Dank verpflichtet zu sein«, lautete gewöhnlich sein Spruch, bei dem er sich tief verbeugte, bevor er sich in den Schaukelstuhl fallen ließ und meiner Mutter erlaubte, ihm die Stiefel aufzuschnüren. Er gab sich nicht die Mühe, sie anzusehen, wenn er zu ihr sprach. Mit der Zunge befeuchtete er die Lippen, wenn er mir sein träges Lächeln zuwarf und den Blick über meinen Hals und den Ansatz meiner Brüste schweifen ließ.

Ich schäme mich, es zu gestehen, aber in jenen Augenblicken kümmerte es mich nicht im Geringsten, dass er sie demütigte. Er hätte meine Mutter eine Hure schimpfen oder sie als Königin von Saba preisen können, es wäre mir einerlei gewesen. Die Höflichkeitsfloskeln waren eine lästige Pflicht, doch mein Herz pochte so laut in meinen Ohren, dass ich sie kaum hörte. Ich dachte nur an den schweren Atem in meiner Brust, das erwartungsvolle Prickeln zwischen meinen Schenkeln. Solange er mich berührte, solange er mich anlächelte, mich liebkoste und seine Finger auf meinen bis zum Zerreißen gespannten Nerven eine Melodie spielten, die mich erbeben ließ, verlor ich keinen Gedanken an die Würde meiner Mutter. Solange dieses winzige Grübchen auf seiner Wange meinem Herzen seine Geheimnisse zuflüsterte, hätte er ebenso gut seinen Degen ziehen und meiner Mutter den Kopf abschneiden können. Ich hätte einen Grund gefunden, ihr die Schuld an dieser Untat zu geben.

Wenn ich zuließ, dass...

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