Der unheimliche Weg

Kriminalroman
 
 
Atlantik Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 2. März 2021
  • |
  • 192 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-01089-3 (ISBN)
 

Eigentlich wollte Hilary Craven gerade in Ruhe Selbstmord begehen. Da platzt ein britischer Agent in ihr marokkanisches Hotelzimmer - mit einer gar nicht so abwegigen Alternative: die Teilnahme an einer gefährlichen Mission. Sie soll die Rolle einer gerade bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommenen Frau übernehmen, um deren Mann, einen verschwundenen Kernphysiker, aufzuspüren. Ist er in die Sowjetunion übergelaufen? Inmitten ihrer Reisegruppe, die mit unbekanntem Ziel unterwegs ist, erwacht Hilarys Neugier wieder zum Leben.

  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 0,73 MB
978-3-455-01089-3 (9783455010893)
Agatha Christie begründete den modernen britischen Kriminalroman und avancierte im Laufe ihres Lebens zur bekanntesten Krimiautorin aller Zeiten. Ihre beliebten Helden Hercule Poirot und Miss Marple sind - auch durch die Verfilmungen - einem Millionenpublikum bekannt. 1971 wurde sie in den Adelsstand erhoben. Agatha Christie starb 1976 im Alter von 85 Jahren.

Erstes Kapitel


Der Mann hinter dem Schreibtisch verrückte einen wuchtigen gläsernen Briefbeschwerer um vier Zoll nach rechts. Seine Miene war nicht so sehr nachdenklich oder geistesabwesend als vielmehr ausdruckslos. Er besaß die bleiche Haut eines Menschen, der den größten Teil des Tages unter künstlichem Licht verbringt. Dieser Mann, ahnte man, war ein Stubenhocker. Ein Schreibtischmensch, ein Aktenmensch. Die Tatsache, dass man, um sein Büro zu erreichen, lange, gewundene unterirdische Korridore entlanggehen musste, schien auf eine seltsame Weise passend. Sein Alter war schwer zu schätzen. Er sah weder alt noch jung aus. Sein Gesicht war glatt und faltenlos, aber in seinen Augen lag eine große Müdigkeit.

Der andere Mann im Raum war sichtlich älter. Er war brünett und trug einen kleinen militärischen Schnurrbart. Er strahlte eine hellwache nervöse Energie aus. In diesem Augenblick marschierte er, unfähig, still zu sitzen, auf und ab und gab von Zeit zu Zeit abrupte Bemerkungen von sich.

»Berichte!«, platzte es jetzt aus ihm heraus. »Berichte, Berichte und noch mehr Berichte, und nicht einer davon ist zu irgendwas nütze!«

Der Mann am Schreibtisch richtete den Blick auf die Papiere, die er vor sich liegen hatte. Zuoberst prangte eine amtlich aussehende Karteikarte mit der Aufschrift »Betterton, Thomas Charles«. Hinter dem Namen stand ein Fragezeichen. Der Mann am Schreibtisch nickte nachdenklich. Dann sagte er:

»Sie haben diese Berichte studiert, und keiner davon taugt etwas?«

Der andere zuckte mit den Schultern.

»Wie soll man das wissen?«, fragte er.

Der Mann hinter dem Schreibtisch stieß einen Seufzer aus.

»Ja«, sagte er, »das ist der Knackpunkt. Man kann es eigentlich nicht wissen.«

Der ältere Mann fuhr in seiner abgehackten, maschinengewehrartigen Sprechweise fort:

»Berichte aus Rom; Berichte aus der Touraine; an der Riviera gesichtet; in Antwerpen erkannt; in Oslo eindeutig identifiziert; in Biarritz mit Sicherheit gesehen; in Straßburg bei verdächtigem Tun beobachtet; am Strand von Ostende mit glamouröser Blondine gesichtet; auf den Straßen von Brüssel mit einem Windhund ausgemacht! Im Zoo beim Umarmen eines Zebras hat man ihn bislang noch nicht gesehen, aber ich schätze, das kommt noch!«

»Sie selbst haben keinen speziellen Favoriten, Wharton? Persönlich hatte ich gewisse Hoffnungen auf die Spur aus Antwerpen gesetzt, aber sie ist im Sande verlaufen. Natürlich ist mittlerweile .« Der jüngere Mann verstummte und schien ins Koma zu fallen. Schon bald darauf kam er wieder zu Bewusstsein und äußerte kryptisch: »Ja, wahrscheinlich . andererseits - hm.«

Colonel Wharton setzte sich abrupt auf die Armlehne eines Sessels.

»Aber wir müssen uns Klarheit verschaffen!«, sagte er hartnäckig. »Wir müssen diese ganzen Wies und Weshalbs und Wohins endlich knacken! Es geht nicht an, dass uns alle ein, zwei Monate ein unbescholtener Wissenschaftler abhandenkommt und wir keine Ahnung haben, wie sie verschwinden oder weshalb sie verschwinden oder wohin! Dorthin, wo wir glauben - oder nicht? Wir haben es immer wie selbstverständlich vorausgesetzt, aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Haben Sie das Neuste über diesen Amerikaner, Betterton, gelesen?«

Der Mann hinter dem Schreibtisch nickte.

»Die üblichen linksromantischen Phantasien, als jeder welche hatte. Soweit man feststellen konnte, nichts Ernstzunehmendes oder Dauerhaftes. Hat vor dem Krieg solide Arbeit geleistet, aber nichts Aufsehenerregendes. Als Mannheim aus Deutschland floh, wurde Betterton ihm als Assistent zugewiesen, was darauf hinauslief, dass er Mannheims Tochter heiratete. Nach Mannheims Tod machte er auf eigene Faust weiter und lieferte brillante Resultate. Die verblüffende Entdeckung der ZE-Spaltung machte ihn schlagartig berühmt. Die ZE-Spaltung war eine geniale und absolut revolutionäre Entdeckung. Sie katapultierte Betterton in die oberste Liga. Alles sprach dafür, dass ihm drüben eine glänzende Karriere bevorstand, aber dann war seine Frau schon kurz nach der Hochzeit gestorben, und das hatte ihn völlig aus der Bahn geworfen. Er kam nach England. Vor achtzehn Monaten nahm er seine Tätigkeit am Kernforschungszentrum Harwell auf. Erst vor einem halben Jahr hat er wieder geheiratet.«

»Von der Seite her etwas?«, fragte Wharton scharf.

Der andere schüttelte den Kopf.

»Wir haben jedenfalls nichts gefunden. Sie ist die Tochter eines Anwalts. Hat vor der Heirat in einer Versicherungsagentur gearbeitet. Keine radikalen politischen Neigungen, soweit wir feststellen konnten.«

»ZE-Spaltung«, sagte Colonel Wharton mit hörbarem Widerwillen. »Weiß der Geier, was das alles heißen soll! Ich bin ein altmodischer Mensch. Selbst ein Molekül habe ich mir nie so recht vorstellen können, aber heutzutage zerkrümeln sie ja gleich das ganze Universum! Atombomben, Kernspaltung, ZE-Spaltung und was weiß ich noch alles. Und Betterton war einer der Oberspalter vom Dienst! Was erzählen sie in Harwell über ihn?«

»Offenbar ganz sympathischer Typ. Was seine Arbeit angeht, nichts Weltbewegendes. Lediglich Variationen zum Thema praktische Anwendung der ZEs.«

Die zwei Männer verstummten. Es war ohnehin nur ein halbherziges, fast mechanisch geführtes Gespräch gewesen. Auf dem Schreibtisch stapelten sich die Geheimdienstberichte, und die Geheimdienstberichte hatten nichts von Bedeutung ergeben.

»Natürlich wurde er bei seiner Ankunft in England gründlich durchleuchtet«, sagte Wharton dann.

»Ja, es gab nicht die geringsten Beanstandungen.«

»Vor achtzehn Monaten«, sagte Wharton nachdenklich. »Das macht einen ohne Frage fertig. Strenge Sicherheitsvorkehrungen. Das Gefühl, ständig wie auf dem Objektträger zu sitzen, ein Leben in klösterlicher Abgeschiedenheit. Das zehrt an den Nerven, schlägt aufs Gemüt. Das habe ich oft genug erlebt. Die Typen fangen an, von einer perfekten Welt zu träumen. Freiheit und Brüderlichkeit, keine Geheimnisse mehr voreinander und alle vereint zum Wohle der Menschheit! Das ist genau der Punkt, wo jemand, der mehr oder weniger der Abschaum der Menschheit ist, seine Chance erkennt und sie ergreift!« Er rieb sich die Nase. »Keiner ist so leicht zu übertölpeln wie ein Wissenschaftler«, erklärte er. »Das wird Ihnen jedes spiritistische Medium bestätigen. Fragen Sie mich nicht, warum das so ist.«

Der andere lächelte - ein äußerst müdes Lächeln.

»O doch«, sagte er, »das leuchtet absolut ein. Wissenschaftler glauben, den totalen Durchblick zu haben. Das ist immer gefährlich. Unsereins ist da schlichter gestrickt. Wir sind bescheiden. Wir erwarten nicht, die Welt zu retten, sondern begnügen uns damit, ein, zwei Scherben aufzulesen und vielleicht einen Schraubenschlüssel herauszuziehen, der ins Getriebe geraten ist.« Nachdenklich klopfte er mit dem Finger auf den Schreibtisch. »Wenn ich nur ein bisschen mehr über Betterton wüsste!«, sagte er. »Ich meine nicht seinen Lebenslauf und seine Leistungen, sondern die weit aufschlussreicheren alltäglichen Kleinigkeiten. Über welche Sorte Witze er lachte. Was ihn zum Fluchen brachte. Wen er bewunderte und wer ihn wütend machte.«

Wharton sah ihn neugierig an.

»Was ist mit der Ehefrau - haben Sie es bei der schon versucht?«

»Mehrmals.«

»Kann sie nichts Sachdienliches beitragen?«

Der andere zuckte die Achseln.

»Hat's jedenfalls bislang noch nicht getan.«

»Sie glauben, sie weiß etwas?«

»Sie gibt es natürlich nicht zu. Zeigt sämtliche zu erwartenden Reaktionen: Sorge, Kummer, verzweifelte Unruhe, >hätte so etwas im Traum nicht erwartet!<. Ehemann hatte ein vollkommen normales Leben geführt, ohne Stress irgendwelcher Art und so weiter und so weiter. Ihre eigene Theorie lautet, dass er entführt worden ist.«

»Und Sie glauben ihr nicht?«

»Ist so eine Berufskrankheit von mir«, sagte der Mann hinterm Schreibtisch bitter. »Ich glaube niemandem ein Wort.«

»Na ja«, sagte Wharton langsam, »Unvoreingenommenheit ist vermutlich kein Fehler. Wie ist sie denn so?«

»Eine ganz durchschnittliche Frau, wie man sie jederzeit beim Bridge kennenlernen könnte.«

Wharton nickte verständnisinnig.

»Das macht die Sache schwieriger«, sagte er.

»Sie wartet draußen. Wir werden alles noch einmal von vorne durchkauen.«

»Ist die einzige Möglichkeit«, sagte Wharton. »Ich brächte es allerdings nicht fertig. Dazu fehlt mir die Geduld.« Er stand auf. »Ich will Sie nicht länger aufhalten. Viel mehr haben wir schließlich nicht, oder?«

»Leider nein. Sie könnten diesen Bericht aus Oslo einmal gründlich unter die Lupe nehmen. Geographisch würde es ja passen.«

Wharton nickte und verließ das Zimmer. Der andere Mann griff zum Hörer des Telefons, das griffbereit neben ihm stand, und sagte:

»Ich lasse jetzt bitten. Schicken Sie Mrs Betterton rein.«

Er starrte ins Leere, bis es an der Tür klopfte und Mrs Betterton hereingeführt wurde. Sie war eine hochgewachsene Frau von vielleicht siebenundzwanzig Jahren. Das Auffälligste an ihr war ihre kupferfarbene Haarpracht. Unter dieser Herrlichkeit verblasste ihr Gesicht fast zur Unscheinbarkeit. Sie hatte die blaugrünen Augen und die hellen Wimpern, die man bei Rothaarigen so häufig antrifft. Er bemerkte, dass sie ungeschminkt war. Während er sie begrüßte und sie bat, es sich in dem Besuchersessel bequem zu machen, erwog er...

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