Der Sommer, in dem meine Mutter zum Mond fliegen wollte

Roman
 
 
btb (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 2. September 2013
  • |
  • 464 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-12138-9 (ISBN)
 
Das Letzte, was ich finden wollte, war mich selbst ...

Man wächst nur an den Wunden. Hatten das nicht alle behauptet, bevor ich meines Weges gezogen war? Dass ich mich selbst finden müsse? Aber das wollte ich nicht. Das Letzte, was ich finden wollte, war mich selbst. Ich wollte einen anderen finden, mit dem der Umgang einfacher war, einer, mit dem ich einer Meinung sein konnte, mit dem ich leben konnte, ohne einzugehen.

Ein Sommer voller Magie in Oslo. Tage voller Selbstzweifel in der amerikanischen Kleinstadt Karmack. Dazwischen liegt ein ganzes Leben, das der norwegische Schriftsteller Funder auf der Suche nach sich selbst und dem ganz gewöhnlichen Glück verbracht hat. Wie er schließlich lernt, sich selbst mit anderen Augen zu sehen und der Phantasie gestatten kann, Einzug in seine wirkliche Welt zu halten, ist eine der zärtlichsten Wendungen in diesem großen, berührenden Roman von Lars Saaybe Christensen.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
btb
  • 0,67 MB
978-3-641-12138-9 (9783641121389)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Lars Saabye Christensen, 1953 in Oslo geboren, ist einer der bedeutendsten norwegischen Autoren der Gegenwart. Seine Bücher sind in 36 Sprachen übersetzt und wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Nordischen Literaturpreis, mehrmals mit dem Norwegischen Kritikerpreis, dem Preis des Norwegischen Buchhandels sowie dem Preis des Norwegischen Verlegerverbandes.

2

Ich öffnete den Koffer, der gerade groß genug war für eine Schreibmaschine, hob sie vorsichtig heraus und stellte sie auf den Tisch vor dem Fenster. Dann blieb ich sitzen und betrachtete dieses Wunder, eine Remington Portable, mit der Vater ganz überraschend vor einem halben Jahr angekommen war; ich hatte nicht einmal Geburtstag gehabt, es war nur ein gewöhnlicher Mittwoch gewesen. Die ist übrig, sagte er. Architekten brauchen keine Schreibmaschine. Die schreiben mit der Hand. Ich erinnere mich an Vaters Schrift. Vaters Buchstaben waren Häuser in Reih und Glied, einige hoch, die meisten niedrig. Die Zeilen waren Straßen. Ich versuchte lange, sie nachzumachen. Als mir klar wurde, dass ich es nie schaffen würde, nie besser als Vaters Schrift werden würde, da musste ich mir etwas anderes ausdenken. Und stattdessen ließ ich Menschen in diese Häuser, die Worte waren, einziehen, und ich ging durch die Straßen, die Sätze waren. Ich schlich mich zwischen die Zeilen und fand Zeichen, geheimnisvolle und aufmunternde Zeichen, die mir allein gehörten. Vater schenkte mir also eine Schreibmaschine. Vielleicht hatte er gesehen, dass meine Handschrift hoffnungslos war, nur ein Durcheinander von Durchgestrichenem und Wiederholungen. Ich bekam keine Ordnung in die Worte, ich, der im tiefsten Inneren doch ein ordnungsliebender Mensch ohnegleichen war. Und jetzt saß ich hier, in meinem Zimmer in der anderthalben Etage, vor der Schreibmaschine. Ich hatte natürlich das Farbband gewechselt und die Tasten zu diesem Anlass geputzt. Dann zog ich den ersten Bogen in die Walze, wählte doppelten Zeilenabstand und schrieb den Titel, der mir schon lange klar war. Monduntergang. Mit dem war ich ziemlich zufrieden. Streng genommen brauchte ich nichts weiter zu schreiben. So zufrieden war ich mit dem Titel. Aber so leicht wollte ich es mir doch nicht machen. Ich hatte 26 Tage Zeit, um mit dem Gedicht fertig zu werden, bevor die Menschen es geschafft haben würden, auf dem Mond zu landen. Das müsste reichen. Eigentlich war ich der Meinung, wir sollten den Mond in Ruhe lassen. Ich meine, wenn wir erst einmal den Fuß darauf gesetzt haben, dann konnte es nie wieder wie vorher werden. Deshalb hoffte ich insgeheim, dass etwas schiefgehen würde, nicht, dass die Astronauten umkämen oder so etwas, aber zum Beispiel, dass sich eine Schraube in der Apollo löste, dass es schlechtes Wetter gäbe, dass Nixon eine Magen-Darm-Grippe bekäme oder dass Neil Armstrong sich das Bein bräche, ja, das wäre doch etwas, hätte Neil Armstrong sich das Bein gebrochen, als er hinausging, um die Post zu holen, denn ich zweifelte stark daran, dass jemand auf Krücken zum Mond fahren konnte.

Ich zog die dünnen weißen Gardinen, die fast zu Staub in den Händen wurden, vors Fenster und konnte den Fjord sehen, den Fahnenmast, den Karpfenteich und den Rhododendron. Der Fjord lag glänzend und still da, mit einer Farbe, wie sie nur dieser eine Abend im Jahr, der Sankthansabend, mit sich bringen konnte, blaue Schatten, die wiederum blaue Schatten öffneten, und all dieses Blau verschwand in einem blauen Nadelöhr gleich hinter Kolsåstoppen. Über den Fahnenmast habe ich jetzt keine Lust etwas zu sagen, es muss reichen mit diesem Bettpfosten, abgesehen davon, dass die Farbe abgeblättert und die Kugel an der Spitze rostig war und die Stange deshalb einem Mast eines auf Grund gelaufenen Schiffes ähnelte. Es war übrigens schon ziemlich lange her, dass es Karpfen in dem trockengelegten Karpfenteich gegeben hatte, und ich zweifelte daran, ob es dort überhaupt jemals welche gegeben hatte, denn der Teich war so klein, dass selbst Kaulquappen sich in einer Schlange anstellen und warten mussten, bis sie Kröten wurden, oder waren es Frösche? Außerdem war das Wasser schon vor langer Zeit verrottet und zu Moos an den Rändern geworden. Wobei das ja auch unwichtig war. Aber der Rhododendron war ein richtiges Hotel für Hummeln, und es gab kein freies Zimmer mehr. Sie flogen den ganzen Tag aus den roten, weit geöffneten Türen ein und aus, und wenn die Dunkelheit einsetzte, wurden sie ordentlich hinter den Gästen geschlossen. Hummeln sind ziemlich gut erzogen, wenn man es recht betrachtet. Und wenn ich das Fenster kippte oder nur konzentriert genug lauschte, und ich habe ein ziemlich gutes Gehör, dann konnte ich das Summen bis hier oben hören, wo ich an der Schreibmaschine saß und das große Gedicht über den Mond schreiben wollte. Es gab übrigens einen in meiner Klasse in der Realschule, der stotterte, und jede Norwegischstunde zwang ihn der Lehrer, Rhododendron zu sagen, was er natürlich nicht hinbekam, und man braucht eigentlich gar nicht zu stottern, um Probleme mit diesem Busch zu bekommen, es wurde nur ro, ro, ro, und dann stotterte der Rest der Klasse auch, ich inbegriffen. Sie brauchen gar nichts anderes von mir zu denken, ro, ro, ro rolling home. Jedes Mal wieder gleich witzig. Aber wenn er sang, das hätten Sie hören mögen, dann flossen die Worte ohne jeden Knacks in der Platte, die Konsonanten rutschten nur so heraus, als ölte ihn die Melodie. Der Gesang war seine Werkstatt. Beim Gesang wurde er repariert. Mir ging es ähnlich, aber meine Scharten ließen sich kaschieren, jedenfalls ziemlich lange. Wenn ich schrieb, fiel alles an die richtige Stelle. Die Sprache war meine Werkstatt. In der Sprache wurde ich repariert.

Als ich das erste Feuer entdeckte, irgendwo zwischen Slemmestad und Sandvika, und das Nadelöhr über der Kolsåsspitze sich als ein verirrter Stern herausgestellt hatte, ging ich hinunter zu Mutter, die auf der Terrasse saß, mit einer grünen Decke um die Beine, und Tee trank. Vor ihr lag das kleine gelbe Notizbuch, das sie immer bei sich hatte, und in dem sie Einkaufslisten aufschrieb und Buch führte. Für mich stand auch eine Tasse bereit. Ich schenkte sie fast voll, legte eine Zitronenscheibe oben drauf und schüttete ein halbes Kilo Zucker hinein, das auf den Boden sank und in einer Süße aufstieg, die das Saure überdeckte.

»Was machst du?«, fragte Mutter.

»Schreiben.«

»Über was?«

»Über den Mond.«

»Bist du vorangekommen?«

Ich musste fast lächeln. Mutter redete, als sollte ich am nächsten Montag einen Aufsatz abliefern. Aber eigentlich gefiel mir ihre Art zu fragen, denn es bedeutete, dass sie keine Ahnung davon hatte, was es hieß zu schreiben, ich meine, ernsthaft zu schreiben, nicht Postkarten, Einkaufslisten und langweilige Aufsätze. Sie hatte keine Ahnung, was ich da trieb. So gewann ich irgendwie die Oberhand. Vielleicht war es das erste Mal, dass ich die Oberhand gewann. Es war jetzt meine Sache zu erklären, was sie, oder vielleicht sogar der Rest der Welt, von mir aus auch der, nicht verstand. Ich seufzte schwer und gnädig.

»Leider läuft es nicht so, Mutter.«

»Nein? Wie läuft es dann?«

»Man muss auf die Inspiration warten.«

»Habe ich deshalb nichts gehört?«

»Etwas hören? Glaubst du, man hört es, wenn jemand schreibt?«

Mutter lachte und zündete sich eine Zigarette an.

»Die Schreibmaschine, du Quatschkopf. Die habe ich nicht gehört.«

»Aber ich habe es dir doch erklärt. Oder hast du das nicht verstanden? Ich warte auf die Inspiration, nicht wahr?«

»Ja, natürlich. Du weißt doch, wie dumm ich bin.«

Der Rauch der Zigarette kringelte sich um sie und nahm ihrem Gesicht die Farbe. Ich schaute zu Boden. Ich hasste es, wenn sie so redete. Es wirkte so jämmerlich, und ich wollte nicht, dass Mutter jämmerlich wirkte. Ich bereute, was ich gesagt hatte und wie ich es gesagt hatte.

»So habe ich es nicht gemeint.«

»Ich weiß.«

»Der Titel steht jedenfalls schon fest. Monduntergang.«

»Warum nicht Mondaufgang?«

Es quälte mich sehr, dass sie an diesem Titel so herumklaubte. Er gehörte mir. Sie hatte mit ihm nichts zu tun. Niemand hatte das Recht, an ihm herumzuklauben. Ab jetzt würde ich ganz einfach den Mund halten.

»Ich bin schließlich derjenige, der schreibt, nicht du«, sagte ich.

»Ich finde nur, er klingt so pessimistisch. Ist es nicht schön, dass wir auf den Mond kommen?«

»Wir? Willst du auch da hin?«

Mutter drückte ihre Zigarette vorsichtig im Aschenbecher aus, ein bisschen Glut flog auf, und der Rauch glitt langsam fort, während ihr Gesicht näher rückte. Ob ich jetzt, zur schreibenden Stunde, wie es heißt, meine Mutter so sehe und versuche, in ihren Gesichtszügen zu lesen, oder es damals, am Abend der Mittsommernacht 1969 so war, das weiß ich nicht. Ich sollte es wissen, ich, der als ein Meister im Fach Erinnerung gilt. Aber die Menschen, die uns am nächsten stehen, ziehen sich zurück, wenn die Zeit zwischen sie und uns tritt, und die Erinnerung, dieser zerbrechliche und unbestimmbare Wasserspiegel, ist alles, an das wir uns lehnen und auf das wir vertrauen können. Wir müssen der unzuverlässigen Erinnerung trauen. Wo war Mutters Name? Sie beschriftete meine Kleider mit Namen, aber nicht ihre eigenen. Den Namen, mit dem sie geboren worden war, hatte sie gegen Vaters Namen ausgetauscht. Sie hatte nicht einmal ihren Namen auf der Tür in der Stadt. Deshalb bekam ich den Eindruck, dass sie sich nach etwas sehnte. Es überwältigte mich. Wonach konnte sie sich sehnen? Hatte sie nicht alles? Ich glaube, sie sehnte sich nach etwas, das größer war als sie und das sie erfüllen, ausfüllen konnte. Sie sehnte sich nach ihrem eigenen Leben, das ein anderes Leben war. Wer hatte es ihr genommen? Vater? Oder noch schlimmer: ich?

Ich hatte viele Namen. Wenn jemand mich rief, kam ich nicht.

»Übrigens, da ist er«, sagte Mutter und...

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