Picknick für eine Leiche

 
 
Aufbau (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. Mai 2020
  • |
  • 282 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8412-1914-5 (ISBN)
 
Theodosia Browning ist glücklich: Ihr kleiner Indigo Tea Shop ist inzwischen zu einer festen Einrichtung in dem Hafenstädtchen Charleston geworden. Dieses Jahr kommt ihr sogar die Ehre zu, das Picknick zur alljährlichen "Isle of Palms"-Regatta auszurichten. Wetter und Stimmung könnten nicht besser sein und die Gäste sind begeistert von Theodosias neuer - eigens für diesen Anlass kreierten - Teemischung. Als sich die ersten Boote dem Ziel nähern, zerreißt ein Schuss die gespannte Stille - das traditionelle Signal, dass die Regatta zu Ende ist. Doch dann sinkt der wohlhabende und angesehene Geschäftsmann Oliver Dixon getroffen zu Boden. Alles deutet auf einen tragischen Unfall hin. Theodosia kann jedoch nicht glauben, dass Dixons Tod ein Unfall gewesen sein soll, und forscht auf eigene Faust nach. Und schon bald bringen sie ihre Nachforschungen gefährlich nahe an des Rätsels Lösung...
1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 2,67 MB
978-3-8412-1914-5 (9783841219145)

Laura Childs war über zwanzig Jahre lang erfolgreich in der Werbe- und Marketingbranche tätig, bevor sie anfing, Kriminalromane zu schreiben. Zusammen mit ihrem Mann und ihren zwei Hunden lebt sie in Charleston, South Carolina.

1


Theodosia Browning befestigte die Schildpattspange neu, die ihre kastanienbraune Lockenpracht an Ort und Stelle hielt. Wie aufs Stichwort fing sich der frische Wind von Charleston Harbor in ihren Haaren und spielte mit ihnen wie mit den anmutig flatternden Fahnen an den Masten der Jachten, die im Hafenbecken auf und ab tanzten.

Jetzt ist es gleich so weit, dachte Theodosia und beschattete die Augen gegen die strahlende Nachmittagssonne. In der Ferne konnte sie Dutzende schlanker J-24-Boote ausmachen, die auf die Meerenge zwischen Patriots Point und Fort Sumter zurasten. Mit ächzenden Masten und geblähten Spinnakern kämpften die vierköpfigen Mannschaften, nutzten jede Böe, um das Letzte aus ihren Booten herauszuholen. Noch zwanzig Minuten, dann würden die ungefähr zweihundert Zuschauer, die sich zum Picknick in White Point Gardens an der Spitze der Charlestoner Halbinsel versammelt hatten, den Ausgang der diesjährigen Isle-of-Palms-Segelregatta kennen.

Die meisten Picknickgäste saßen in gemütlichen Grüppchen beieinander, schläfrig vom schönen Aprilwetter und gesättigt vom Überfluss an Speisen und Getränken. Als die Segelboote der rivalisierenden Jachtklubs an den Start gegangen waren, hatte natürlich helle Aufregung geherrscht: fröhliches Gedränge, zum Toast erhobene Gläser und großtuerisches Prahlen der Anhänger beider Teams. Doch als die Segelboote die Bucht von Charleston Harbor durchkreuzt und auf dem Weg zur Isle of Palms die äußerste Markierungsboje umrundet hatten, waren sie aus dem Blickfeld der Zuschauer verschwunden.

Aus den Augen, aus dem Sinn. Die zurückgebliebenen Mitglieder der Jachtklubs hatten sich mitsamt ihrem Gefolge aus Freunden, Familie und Unterstützern, von denen die meisten in den eleganten georgianischen, föderalistischen und viktorianischen Häusern des nahe gelegenen historischen Viertels wohnten, in fröhlicher Runde in den grünen Gärten niedergelassen, die die alte Festungsanlage von Charleston, The Battery, so ungeheuer anziehend machten.

Als Besitzerin des Indigo Tea Shops, der ebenfalls in der Altstadt lag, war Theodosia vom Charleston Jachtklub, dem diesjährigen Gastgeber der Regatta, mit der Bewirtung betraut worden. Zu ihrer Freude hatten Drayton Conneley und Haley Parker, ihre guten Freunde und Mitarbeiter, mal wieder die übliche unübertroffene Kreativität in Sachen Veranstaltungs- und Menüorganisation an den Tag gelegt und sich mit Begeisterung in die Herausforderung gestürzt, ihr an diesem außergewöhnlich schönen Sonntagnachmittag zur Hand zu gehen.

Möwen kreisten majestätisch in den Lüften, und dicke rosa Wolken türmten sich am Horizont, als Theodosia sich die Schürze enger um die schmale Taille band und den Blick über die zwei langen, mit weißem Damast gedeckten Tafeln schweifen ließ, die sich unter all den Köstlichkeiten förmlich bogen. Es hätte nicht besser laufen können, und auf Theodosias rundem, klugem Gesicht mit den hohen Wangenknochen und der feinen Nase zeichnete sich Entspannung und Zufriedenheit ab.

Ja, es lief perfekt, dachte Theodosia. Goldgelb gebackene Weißbrotstangen standen in Weidenkörben, und auf Platten mit gestoßenem Eis lagen frisch aufgebrochene Krebsscheren. Auf Minibagels lag geräucherter Lachs, garniert mit Frischkäse und kandiertem Ingwer. Und die in Schokolade getauchten Erdbeeren mit Creme fraiche . oh Himmel . verschwanden mit gefährlicher Geschwindigkeit.

Theodosia schenkte sich aus einer Silberkaraffe gelben Eistee in ein Glas mit Eiswürfeln. Sie nahm einen Schluck und genoss die kräftige, erfrischende Mischung aus chinesischem Gunpowder Green und frischer Minze.

Drayton, seines Zeichens Meisterteeverkoster und ihr Angestellter, hatte den Tee eigens zu diesem Anlass kreiert. Der chinesische Gunpowder Green verdankte seinen Namen der Eigenschaft der winzigen Teeblätter, sich beim Trocknen zu kleinen festen Kugeln zusammenzurollen, die sich erst bei der Berührung mit kochendem Wasser wieder entfalteten. Die frische Minze hatte Theodosia gestern eigenhändig im Garten ihrer Tante Libby im Low Country, dem Marschland hinter Charleston, gepflückt.

Theodosia hatte die Kreation White Point Green getauft, ein Zugeständnis an das heutige Debüt des Eistees in White Point Gardens. Und wenn man nach der Anzahl der Karaffen gehen durfte, die bereits konsumiert worden waren, so würde dieser Tee mit Gewissheit den Weg in die Regale ihres Ladens auf der Church Street und von dort zu ihren Kunden finden.

»Deine Tafel erinnert mich an ein Stillleben von Cézanne: poetisch, elegant und beinahe zu schön, um davon zu essen.« Delaine Dish, Inhaberin des Cotton Duck Clothing Shops war an Theodosias Seite aufgetaucht. Ihr langes, rabenschwarzes Haar hatte sie zu einem lockeren Knoten hochgesteckt, der ihr herzförmiges Gesicht unterstrich.

Theodosia seufzte innerlich. Cotton Duck lag nur ein paar Türen weiter von ihrem Teeladen, und Delaine, so großherzig und energisch sie auch war, wenn es darum ging, sich für Bürgerinitiativen und soziale Ereignisse zu engagieren, war die erklärte Klatschbase der Nachbarschaft.

»Ich meine es ernst, Theodosia, es ist der reinste Augenschmaus«, säuselte sie. Stets gekleidet wie für eine Modenschau, war Delaine heute mit einer vogeleiblauen Seidenbluse und einer eleganten, schmalen, cremefarbenen Hose ausstaffiert. Theodosia wischte sich die Hände an der Schürze ab und ließ den Blick unauffällig zu Delaines Füßen hinunterwandern. Sie steckten in farblich entsprechenden vogeleiblauen Pythonslippern. Klar, dass Delaines Kleidung perfekt abgestimmt war, dachte Theodosia. Sie war immer perfekt abgestimmt.

Delaine tunkte eine riesengroße reife Erdbeere in ein Schälchen Crème fraiche und hielt ein paar Zentimeter vor dem Mund inne: »Hast du eigentlich je daran gedacht, dich ganz auf Veranstaltungen zu verlegen, Theodosia?« Es klang, als sei ihr diese Frage ganz plötzlich in den Sinn gekommen. »Du wärst einfach fantastisch

»Meinen Teeladen aufgeben? Nein danke«, sagte Theodosia entschieden. Schließlich hatte sie den Indigo Tea Shop sprichwörtlich aus dem Boden gestampft. Angefangen hatte sie mit einem nichts sagenden, leer stehenden kleinen Geschäft auf der Church Street; sie hatte Schichten von Schmutz und die fehlgeleiteten Verschönerungen ganzer Jahrzehnte abgetragen wie Korktapeten, fluoreszierende Lichter und Linoleumböden. Irgendwann im Verlauf des Umbaus hatte Theodosias Vision immer festere Formen angenommen, und sie hatte gezeichnet und entworfen und Luftschlösser gebaut und sämtliche Antiquitätengeschäfte auf der Jagd nach der vollkommenen Einrichtung und Ausstattung durchkämmt, bis ihr Laden ein echtes Juwel geworden war. Jetzt atmete der kleine Teesalon den eleganten Charme der Alten Welt. Es gab hölzerne Bodendielen, freiliegende Balken und Ziegelmauern. Antike Tische und Stühle, Teekannen aus Porzellan und kupferne Teekessel unterstrichen die üppige Patina und den durchdringenden Hauch vergangener Zeiten.

Vom Boden bis zur Decke erstreckten sich Holzfächer mit Dosen und Gläsern, die gefüllt waren mit losem Tee: kupferfarbener Munnar vom Südzipfel Indiens, blumiger Keemun aus der chinesischen Provinz Anhui, köstlicher Formosa Oolong mit dem Aroma von Pfirsichen und Honig; jeder Tee Chinas, wie Drayton oft stolz bemerkte; dazu Tee aus Japan, Tibet, Nepal, der Türkei, Indonesien und Afrika. Sogar South Carolina war mit dem kräftigen American Classic vertreten, der auf der Charleston-Teeplantage angebaut wurde, die sich gut vierzig Kilometer südlich der Stadt auf der subtropischen Insel Wadmalaw befand.

Der Teeladen hatte Theodosias Ausstieg aus der gnadenlosen Welt von Medien und Marketing markiert. Vierzehn Jahre im Dienste der Kunden hatten ihren Tribut gefordert. Sie hatte sich für andere verausgabt, statt für sich selbst zu arbeiten. Theodosia war fest entschlossen, nie wieder auf dieses Karussell aufzuspringen.

»Ich wette, mit Veranstaltungen könntest du mehr Geld machen«, redete Delaine ihr zu. »Denk doch nur mal an die ganzen gesellschaftlichen Ereignisse, die in Charleston ständig stattfinden.«

»Auf Partyservice umzuschwenken ist einfach nichts für mich«, sagte Theodosia. »Ich habe alle Hände voll mit dem Teeladen zu tun. Dazu kommt, dass unsere Webseite inzwischen steht und der Verkauf im Internet überraschend gut läuft. Drayton mischt ständig neue Sorten, um unser Sortiment zu erweitern, und er hat wunderbare Pläne für seine Tee-Events.«

»Was um alles in der Welt sind denn bitte Tee-Events?«, fragte Delaine.

»Kammermusik-Tees, Jungfernabschied-Tees, Krimi-Tees .«

»Ein Krimi-Tee!«, rief Delaine. »Was ist das denn?«

»Am besten schaust du es dir selbst an«, lud Theodosia sie ein. »Drayton hat für nächsten Samstagabend einen geplant.«

Theodosia war sich bewusst, dass sie und Delaine Dish aus völlig verschiedenem Holz geschnitzt waren. Sie hatte die Überholspur auf der Jagd nach Kunden verlassen und war wunderbar zufrieden mit der kleinen Oase der Ruhe, die ihr der Teeladen bot. Delaine hingegen war stets darauf bedacht, neue Trends auszumachen, und legte bei ihren Kunden fast schon unlautere Methoden an den Tag. Wenn eine Frau Cotton Duck auf der Suche nach einer neuen Bluse betrat, garantierte Delaines goldenes...

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