Speak out!

Die Kraft weiblicher Wut
 
 
Suhrkamp (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Mai 2020
  • |
  • 393 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-518-76507-4 (ISBN)
 

Frauen haben in unserer Gesellschaft allen Grund, wütend zu sein - Sexismus, Diskriminierung, Misogynie -, aber zornige Frauen gelten als hysterisch, und so schweigen sie. Bis jetzt. Die US-amerikanische Aktivistin Soraya Chemaly zeigt in ihrem aufrüttelnden Buch, welche befreiende Kraft in weiblicher Wut steckt.

Gleichbehandlung ist bis heute inexistent: Mädchen sollen artig sein, Jungen durchsetzungsfähig. Frauen werden im Berufsalltag doppelt so oft unterbrochen wie ihre Kollegen. Bei gleichen Symptomen bekommen Männer Schmerzmittel - und Frauen Beruhigungsmittel. Anhand von Fakten und persönlichen Erlebnissen veranschaulicht Chemaly, wie die Erfahrung von Sexismus sich in Psyche und Körper von Frauen einschreibt und zu einer tiefsitzenden Wut wird. In Speak out! plädiert Chemaly für eine radikale Neubewertung weiblicher Wut: Richtig eingesetzt, kann sie zu einer mächtigen Waffe gegen persönliche und politische Unterdrückung werden und uns helfen, die Welt zu verändern.

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Soraya Chemaly ist eine vielfach ausgezeichnete US-amerikanische Aktivistin, Publizistin und Autorin. Sie schreibt unter anderem für TIME und The Guardian. Speak out! ist ihr erstes Buch.

Kirsten Riesselmann ist Journalistin und Übersetzerin, u. a. von Adrian McKinty, Elmore Leonard und DBC Pierre. Sie lebt in Berlin.

Freut mich, dich kennenzulernen, Wut!


Die Hochzeit meiner Eltern 1965 war eine große Sache: Das Fest dauerte mehr als 20 Stunden, über 500 Gäste waren geladen. Auf den Fotos sieht man elegante Frauen mit langen Abendkleidern und lächelnde Männer in maßgeschneiderten Smokings, die sich glitzernd rund um einen esstischgroßen Kuchen gruppieren.

Zu den wertvollsten Geschenken, die meine Eltern an jenem Tag bekamen, gehörte das Hochzeitsporzellan. Die weißgoldenen Teller waren mehr als eine kostspielige Geste: Sie standen symbolisch dafür, dass meine Eltern jetzt erwachsen waren - und dass die Ehe im Allgemeinen und diese Ehe im Besonderen innerhalb ihrer Community und ihrer Familie Anerkennung fand. Für meine Mutter waren diese Teller ein wichtiger Teil ihrer Identität: Sie repräsentierten sie als Frau und zukünftige Mutter, als emotionalen Anker und Umsorgerin ihrer Familie. In meiner Kindheit befand sich dieses Geschirr - für das immer galt: »anschauen ja, anfassen nein« - ganz oben in der von meiner Mutter aufgestellten Tellerhierarchie. Als meine Geschwister und ich noch klein waren, wurde es nur ganz selten und nur zu ganz besonderen Gelegenheiten hervorgeholt und immer mit allergrößter Vorsicht benutzt.

Und darum konnte ich es auch nicht fassen, als ich eines Tages - ich war 15 - meine Mutter auf der langen Veranda vor unserer Küche stehen und einen Porzellanteller nach dem anderen so weit sie konnte in die schwülwarme Luft schleudern sah. Unsere Küche lag im ersten Stock eines auf einem sanften Hügel thronenden Hauses. Ich schaute zu, wie die Teller einer nach dem anderen durch die Luft segelten, eine klar definierte, gleichmäßige Flugbahn zeichneten und sehr weit unten auf der Terrasse in tausend Teile zersprangen.

Obwohl mir dieses Bild noch lebhaft vor Augen steht, erinnere ich mich an überhaupt kein Geräusch. Ich weiß noch genau, dass alles vollkommen lautlos blieb, während meine Mutter systematisch erst den ersten, dann den zweiten und schließlich nacheinander alle Teller warf, bis ihre Hände leer und frei waren. Dabei gab sie keinen Ton von sich. Vielleicht wusste sie gar nicht, dass sie beobachtet wurde, ich bin mir nicht sicher. Als sie fertig war, kam sie in die Küche zurück und fragte mich, wie es in der Schule gewesen sei - so, als ob nichts Ungewöhnliches passiert wäre. Ich wollte unbedingt wissen, wovon ich hier gerade Zeugin geworden war, aber ich hatte nicht den Eindruck, als sei gerade ein guter Zeitpunkt, um nachzufragen. Also setzte ich mich hin und machte meine Hausaufgaben, während meine Mutter das Abendessen vorbereitete und der Tag sich seinem Ende zuneigte. Über Wut haben wir nie gesprochen.

Warum wird uns kaum richtig beigebracht, wütend zu sein?

Wie die meisten Frauen habe auch ich über Wut und Aggression nur in einem Informationsvakuum etwas erfahren, und zwar, indem ich die Menschen in meinem Umfeld beobachtete: Wie gehen sie mit ihrem Ärger um, wie reagieren sie, wenn sie auf andere sauer sind? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass meine Eltern oder andere Erwachsene je konkret mit mir über Wut gesprochen hätten. Über Traurigkeit schon. Auch über Neid, Angst und Schuldgefühle. Aber nicht über Wut. Das ist bei einem Mädchen nicht anders zu erwarten. Obwohl Eltern mit ihren Töchtern häufiger über Emotionen sprechen als mit ihren Söhnen, bilden Wut und Aggression in diesem Rahmen eine Ausnahme. Denken wir kurz gemeinsam nach: Wie wurde Ihnen beigebracht, was von Gefühlen zu halten ist, vor allem von Wut und Ärger? Können Sie sich daran erinnern, je mit einer Autoritätsperson oder einer Vorbildfigur darüber gesprochen zu haben, wie Sie über Ihre Wut denken oder wie Sie mit ihr umgehen sollen? Sollten Sie eine Frau sein, können Sie diese Fragen mit hoher Wahrscheinlichkeit nur mit einem Nein beantworten.

Der Vorfall mit den Tellern sagt eigentlich schon alles über mein erstes eigenes Verständnis von Wut aus: Meine Mutter mochte auf hundertachtzig sein, nach außen hin wirkte sie aber trotzdem gut gelaunt und glücklich. Indem sie kein Wort sagte und für ihre Gefühle dieses Ventil wählte, vermittelte sie mir eine ganze Menge an Information: zum Beispiel, dass man nur ganz für sich allein wütend zu sein hat und dass Wut es nicht wert ist, anderen verbal mitgeteilt zu werden. Dass man es am besten für sich behält, wenn man Wut und Zorn fühlt. Dass es furchteinflößend, schockierend und zerstörerisch sein kann, wenn solche Emotionen sich doch einmal Bahn brechen.

Meine Mutter verhielt sich so, wie es bis heute für viele Frauen typisch ist: Sie ließ ihre Wut zwar »raus«, aber nur so, dass dieses Rauslassen ihre Beziehungen explizit nicht tangierte. Die meisten Frauen allerdings geben an, am häufigsten in persönlichen oder zwischenmenschlichen Situationen wütend zu werden. Sie differenzieren ihre Beziehungen zu Hause, bei der Arbeit und auch in politischen Kontexten bewusst oder unbewusst danach, ob und wie sie bei der jeweiligen Person negative Gefühle zum Ausdruck bringen können.

Teller zu zerschmettern ist ein Beispiel für eine Form der Bewältigung. Eine effektive oder gesunde Art, Wut auszudrücken, ist es sicher nicht. Dieses Bewältigungsverhalten geht oft einher mit self-silencing, also mit Selbstzensur und dem damit einhergehenden Verstummen, sowie mit Ohnmachtsgefühlen. Wut auf diese Weise Ausdruck zu verleihen ist nicht dasselbe, wie Wut als Mittel zu begreifen, das einem dabei hilft, die Welt um sich herum zu verändern. Das Tellerwerfen erlaubte es meiner Mutter immerhin, wütend zu sein, ohne dass man es ihr ansah. Über diesen Umweg konnte sie eine »anständige Frau« bleiben. Sie vermied es, fordernd oder laut zu werden, und stellte die eigenen Bedürfnisse hintenan. Auch wenn dieser Vorfall mehr als 35 Jahre in der Vergangenheit liegt, sind es doch auch heute noch gesellschaftliche Normen, die uns vorschreiben, was wir über Emotionen denken und wie wir mit ihnen umgehen - speziell, wenn es um Frauen und Wut geht.

Zunächst stellt sich jedoch die Frage: Was passiert eigentlich, wenn wir wütend sind? Beim Empfinden von Wut spielen mehrere Faktoren eine Rolle, unter anderem die Physis, die Gene und unsere kognitiven Verarbeitungsprozesse. Aus diesen Faktoren ergibt sich für jeden Menschen ein spezifischer »Wutcharakter«. Vielleicht sind Sie eine Person, die dazu neigt, schnell wütend zu werden, die also eine so genannte »Ärger-Disposition« hat. Die Wut, die in einer konkreten Situation in Ihnen aufsteigt, beispielsweise, wenn Sie provoziert werden, bezeichnet man als »Ärger-Zustand«. Der jeweilige Kontext ist gleichermaßen entscheidend. Wie wir auf eine Provokation reagieren und zu welcher Einschätzung oder welchem Urteil wir gelangen, ist immer Ergebnis eines Wechselspiels aus charakterlicher Veranlagung und situativer Gegebenheit. Es ist relevant, wo wir uns gerade befinden und auf wen wir wütend sind. Genauso relevant ist aber, wie Wut allgemein gesellschaftlich (als ein Element der so genannten »Gefühlskultur«) behandelt wird.

Obwohl wir sie in unserem Inneren empfinden, ist Wut doch durch äußere, gesamtkulturelle Faktoren, durch die Erwartungen anderer und durch gesellschaftliche Tabus vermittelt. Unsere Wut nimmt Gestalt an innerhalb unserer Rollen und Verantwortlichkeiten, wird gerahmt durch unsere jeweilige Machtposition und unsere Privilegien. Wie wir über Wut denken, wie wir sie erleben und strategisch einsetzen, wird elementar beeinflusst von unseren Beziehungen, unseren Diskriminierungs- und Armutserfahrungen sowie unserem Zugang zu Macht. Es wurde wissenschaftlich belegt, dass Länder, Regionen und sogar benachbarte Gemeinden im selben Land ganz spezifische Wutprofile haben, in denen je unterschiedliche Verhaltensmuster und soziale Dynamiken zutage treten. In manchen Kulturen beispielsweise dient Wut dazu, Frust herauszulassen, in anderen hingegen wird sie eher genutzt, um Autorität geltend zu machen. In den Vereinigten Staaten wird die Wut weißer Männer oft als legitim und patriotisch dargestellt, die Schwarzer Männer jedoch als kriminell; der Zorn Schwarzer Frauen wird als Bedrohung wahrgenommen. In der in diesem Buch vor allem behandelten westlichen Welt wurde - und wird - weibliche Wut oft mit Wahnsinn in Verbindung gebracht.

Wut kennt nicht nur eine Richtung, sie ist keine Einbahnstraße, sondern Bestandteil endloser unterbewusster,...

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