Das goldene Joch

Erzählungen
 
 
Ullstein Taschenbuchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. April 2017
  • |
  • 368 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1579-9 (ISBN)
 

Die chinesische Wegbereiterin der Moderne

Eileen Changs fünf brillante Erzählungen spiegeln die Umbruchzeit der 40er Jahre in China wider. Sie erzählen vom Leben der Frauen, die sich ihren Weg bahnen zwischen rigider Familienmoral und dem Versprechen auf Selbstbestimmung. In "Das goldene Joch", der bekanntesten Geschichte der chinesischen Moderne, muss eine Frau sich entscheiden, ob sie die Zwänge einer arrangierten Ehe oder die vermeintliche Freiheit des Konkubinats aushalten will.

Qiqiao ist mittellos, aber schön. Im China Mitte des 20. Jahrhunderts hat sie die Wahl, sich vor das goldene Joch einer arrangierten Ehe spannen oder als Konkubine aushalten zu lassen. Qiqiao heiratet in die reiche Jiang-Familie ein und muss sich mit dem bettlägerigen Sohn abfinden. Sie hasst ihren Mann, und in ihrer Einsamkeit verliebt sie sich in den gut aussehenden Schwager. Gefangen in der strikten Familienordnung und den Gehässigkeiten ihrer Verwandtschaft hilflos ausgeliefert, beginnt sie Trost im Opium zu suchen. Qiqiao zerbricht an ihrer Zeit, in der das moderne Versprechen der Selbstbestimmung neben der rigiden Moral und dem konfuzianischen Familienideal steht.

In dieser und vier weiteren Erzählungen erweckt Eileen Chang das sich wandelnde Shanghai der 40er Jahre zum Leben.

"Eileen Changs psychologisches Gespür und ihr sprachliches Geschick sind überwältigend." Neue Zürcher Zeitung

"Das goldene Joch: Die brillanteste Erzählung der gesamten chinesischen Literaturgeschichte." Kindlers Literaturlexikon

weitere Ausgaben werden ermittelt
Eileen Chang wurde 1920 als Zhang Ailing in Shanghai geboren. Durch ihre Erzählungen und Übersetzungen von z.B. Hemingway wurde sie in den 40er Jahren zu einem Star der Literaturszene. Vor allem ihre oft sehr dunklen Liebesgeschichten fanden großen Zuspruch, wie die 1943 veröffentlichte Erzählung "Liebe in einer gefallenen Stadt". 1952 ging sie nach Hongkong und arbeitete bei der American News Agency. Dort entstand ihr großer Roman "Das Reispflanzerlied", zunächst auf English. 1955 emigrierte sie in die USA, übersetzte dort den Roman ins Chinesische, er erschien 1968 erstmals in Taiwan, und schrieb weitere Romane und Erzählungen. Sie geriet in ihrem Heimatland in Vergessenheit, da ihre Geschichten und ihr Erzählstil politisch nicht opportun waren. Sie starb 1995. Die Verfilmung ihrer Erzählung "Gefahr und Begierde" durch Ang Lee wurde 2007 bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet und machte ihre Erzählkunst weltweit bekannt.

Das goldene Joch


Shanghai vor dreißig Jahren in einer Mondnacht .

Vielleicht haben wir den Mond von vor dreißig Jahren gar nicht recht bemerkt. In den Augen der jungen Leute ist er wohl nur ein feuchter, rötlich gelb schimmernder Klecks von der Größe einer Kupfermünze, eine Träne auf einem altmodischen Briefbogen, alt und verwaschen. In der Erinnerung der alten Leute dagegen nimmt sich der Mond von vor dreißig Jahren heiter aus, und er ist größer, runder und weißer als der von heute. Und doch umgibt auch den schönsten Mond nach so vielen Jahren der Mühsal ein Anflug von Trauer.

Das Mondlicht fiel auf den Rand von Fengxiaos Kissen. Sie war ein Sklavenmädchen der Dritten Herrin, die erst kürzlich an den Dritten Sohn der Familie Jiang verheiratet worden war; als ein Teil der Mitgift war sie in den Haushalt der Jiangs übergesiedelt. Sobald sie die Augen aufschlug, fiel ihr Blick auf ihre bläulich weiße Hand auf der abgenutzten koreanischen Steppdecke. »Ist das der Mond?«, wunderte sie sich.

Sie schlief auf einer Matte am Fenster. Die letzten Jahre hatten im Zeichen des Machtwechsels gestanden, und die Jiangs waren vor den Kriegswirren nach Shanghai geflohen, wo sie nun unter äußerst beengten Verhältnissen lebten. Deshalb war die Gesindekammer mit Schläfern überfüllt.

Fengxiao glaubte ein Rascheln hinter dem großen Bett zu hören; vermutlich war jemand aufgestanden, um sich zu erleichtern. Sie drehte sich um - tatsächlich schob jemand den Vorhang beiseite, und ein schwarzer Schemen schlurfte in Pantoffeln heraus. In der Annahme, es sei Xiao Shuang, die Dienerin der Zweiten Herrin, rief sie leise: »Xiao Shuang!«

Die Angesprochene kam kichernd herüber und tippte mit dem Fuß gegen die Schlafmatte auf dem Boden. »Jetzt hab ich dich geweckt.«

Sie steckte ihre Hände unter die blassviolette alte Seidenjacke, die sie über einer Hose aus dunkelgrün schimmerndem Stoff trug. Fengxiao fühlte den Stoff der Hose mit den Fingern und schmunzelte. »Buntes ist jetzt aber ziemlich aus der Mode, hier im Süden trägt man eher schlichte Sachen.«

Xiao Shuang lächelte. »Weißt du, diese Familie tickt ein bisschen anders. Die alte Dame ist fürchterlich altmodisch, nicht mal ihre Schwiegertöchter können selbst entscheiden, was sie tragen wollen, von uns ganz zu schweigen . Wir ziehen an, was man uns gibt - deshalb sind wir rausgeputzt wie Bäuerinnen!« Sie hockte sich auf Fengxiaos Matte und nahm eine kleine Jacke, die am Fußende lag. »Ist das neu? Für die Hochzeit deiner Herrin?«

Fengxiao schüttelte den Kopf. »Nein, das ist von meinen Herbstsachen, nur die paar Kleider hier drüben sind neu. Den Rest hat meine Herrin aussortiert.«

»Was für ein Pech für sie, dass ausgerechnet, wenn sie heiratet, die Revolution ausbricht!«

Fengxiao seufzte. »Hör bloß auf. Sicher, im Moment müssen alle sparen, aber irgendwo ist auch Schluss, sonst wird es doch peinlich. Sie hat zwar nichts gesagt, aber es hat sie bestimmt ziemlich gewurmt.«

»Kein Wunder! Ihre Mitgift war ja nicht gerade klein, und dann fällt die Hochzeit hier so dürftig aus . Selbst in dem Jahr, als die Zweite Herrin ins Haus gekommen ist, hat man sich mehr ins Zeug gelegt.«

Fengxiao stutzte. »Was? Die Zweite Herrin .«

Xiao Shuang schlüpfte aus ihren Schuhen und stieg über Fengxiao hinweg ans Fenster. »Komm«, sagte sie lächelnd, »schau dir den Mond an!«

Flink richtete Fengxiao sich auf. »Ich wollte dich schon längst mal fragen«, flüsterte sie, »die Zweite Herrin .«

Xiao Shuang bückte sich nach Fengxiaos kurzer Jacke und zog sie ihr über. »Pass auf, dass du dir keinen Schnupfen holst.«

Fengxiao knöpfte ihre Jacke zu und schmunzelte. »Lenk nicht ab, komm schon, erzähl!«

»Das ist mir nur so rausgerutscht, war dumm von mir.«

»Wir sind doch jetzt wie Schwestern, wozu die Geheimniskrämerei?«

»Erzähl es aber nicht deiner Herrin! Die Familie der Zweiten Herrin hat einen Laden für Sesamöl!«

»Ach! Einen Laden für Sesamöl! Wer hätte das gedacht . Die Erste Herrin stammt doch aus einer adligen Familie, und meine eigene Herrin hat zwar keine so hohe Herkunft, aber aus gutem Hause ist sie auch.«

»Das hat natürlich seinen Grund. Du hast ja den Zweiten Herrn gesehen, er ist ein Krüppel. Welche Beamtenfamilie hätte dem schon ihre Tochter zur Frau gegeben? Was hätte die alte Dame denn machen sollen? Sie wollte für ihn eine Nebenfrau holen, und die Kupplerin hat dann Cao Qiqiao gefunden.«

»Eine Nebenfrau also .«

»Sie sollte zumindest eine werden. Und dann hat sich die alte Dame eben gedacht, wenn sich für den Zweiten Herrn sonst niemand findet, könnte die Neue ihn auch gleich richtig heiraten - dann würde sie ihm wenigstens den Haushalt führen und immer für ihn da sein.«

Auf das Fensterbrett gestützt, murmelte Fengxiao: »Jetzt wird mir einiges klar. Ich bin zwar noch nicht lange hier, aber ein paar Sachen sind mir doch schon aufgefallen.«

»Niemand kann seine Herkunft verleugnen, sagt man. Du hast sie noch nicht sprechen gehört! Selbst vor den jungen Fräuleins nimmt sie kein Blatt vor den Mund. Zum Glück dringt nichts, was hier passiert, nach draußen und nichts von draußen herein. Die Mädchen hier verstehen eigentlich noch gar nichts, und trotzdem würden sie vor Scham oft am liebsten im Boden versinken.«

Fengxiao kicherte. »Wirklich? Wo hat sie denn diese Ausdrucksweise her? Nicht mal wir .«

Xiao Shuang verschränkte die Arme. »Sie war die Attraktion im Sesamölladen, stand hinter der Theke und hatte mit allen möglichen Leuten Umgang. Da können wir nicht mithalten!«

»Bist du mit ihr zusammen hergekommen?«

Xiao Shuang verzog verächtlich das Gesicht. »Von wegen. Eigentlich gehöre ich zur alten Dame, aber weil der Zweite Herr zu wenig Bedienstete hatte - er muss ja dauernd seine Medizin nehmen und braucht ständig jemanden um sich -, hat sie mich zu ihm geschickt. Was hast du? Ist dir kalt?«

Fengxiao schüttelte den Kopf.

»Wie du den Kopf einziehst. Du verträgst die kalte Luft wohl nicht.«

Im nächsten Moment nieste Fengxiao auch schon, so dass Xiao Shuang ihr einen Schubser gab und sagte: »Na komm, lass uns schlafen. Husch ins Bett!«

Fengxiao kniete sich hin und zog lächelnd ihr Jäckchen aus. »Es ist doch noch nicht Winter, so weit kommt's noch, dass ich mich jetzt erkälte .«

»Das Fenster ist zwar zu, aber es zieht durch die Ritzen.«

Nachdem sie sich beide hingelegt hatten, fragte Fengxiao leise: »Vier oder fünf Jahre ist sie jetzt schon hier, oder?«

»Wer?«

»Na, wer wohl .«

»Ach die, ja, fünf Jahre.«

»Und Kinder hat sie auch. Gibt das nicht viel Gerede?«

»Aber sicher, jede Menge! Als die alte Dame vorletztes Jahr mit der ganzen Familie zum Putuoshan gepilgert ist, hatte die Zweite Herrin gerade entbunden und konnte nicht mit. Also hat sie hier auf das Haus aufgepasst. In dieser Zeit hat ihr Bruder ziemlich oft vorbeigeschaut, und hinterher fehlte ein Haufen Sachen.«

Fengxiao stutzte. »Und man ist der Sache nie auf den Grund gegangen?«

»Was hätte das genutzt? Man hätte sich bloß fürchterlich blamiert! Der Schmuck wäre sowieso später auf die Söhne übergegangen. Der Erste Herr und seine Frau haben aus Rücksicht auf den Zweiten Herrn nichts gesagt, und der Dritte Herr konnte schlecht was sagen, weil er selber das Geld zum Fenster rauswirft und bei der Familie tief in der Kreide steht.«

Während sie sich quer durch den Raum unterhielten, bemühten sie sich, möglichst leise zu sprechen. An ein, zwei Stellen waren ihre Stimmen aber doch lauter, und so wurde die alte Zhao wach, die auf dem großen Bett schlief. »Xiao Shuang!«

Die Angesprochene wagte nicht zu antworten.

»Xiao Shuang! Alle können dich hören. Wenn du weiter so einen Unsinn redest, kriegst du morgen richtig Ärger!«

Xiao Shuang schwieg.

»Glaub nur nicht, du könntest dich hier so gehenlassen wie früher, als wir noch in den großen Hallen und Höfen lebten. Hier sind wir so zusammengepfercht, dass du nichts verheimlichen kannst. Also hör besser auf zu schwatzen, es sei denn, du bist auf Prügel aus!«

Sofort war es still im Zimmer. Die alte Zhao litt an einer Augenentzündung, und deshalb hatte sie sich Chrysanthemenblüten ins Kissen gesteckt, denen man eine kühlende Wirkung nachsagte. Sie hob den Kopf, rückte die silberne Nadel zurecht, die ihren Haarknoten zusammenhielt, und dabei raschelten die Blütenblätter leise. Dann drehte sie sich auf die Seite, so dass all ihre Knochen knackten, und seufzte: »Was wisst ihr schon!«

Xiao Shuang und Fengxiao wagten nichts weiter zu sagen. Lange sprach niemand mehr, und schließlich schliefen sie ein.

Es dämmerte bereits. Der flache Mond, im letzten Viertel, versank langsam; langsam und groß wie ein Becken aus purem Gold. Noch war der Himmel in ein düsteres, kaltes Krabbenblau getaucht, die wenigen niedrigen Häuser lagen schwarz darunter, und der Blick reichte weit. Doch am Horizont zeichneten sich schon die Farben des Morgens ab, Grün, Gelb, Rot, übereinandergeschichtet wie bei einer aufgeschnittenen Wassermelone, die Sonne ging auf. Nach und nach füllten sich die Straßen mit ratternden Wagen und Handkarren, von den Pferdewagen ertönte Hufgeklapper. Der Tofupuddinghändler, der seine Körbe an einer langen Tragestange durch die Gassen schleppte, pries in einem gemächlichen Singsang seine Ware an, doch man hörte nur noch die letzte Silbe, bis mit wachsender Entfernung auch dieses »-ding« zu einem bloßen »i« verklungen war.

Auch im Haus waren die...

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