Das Reispflanzerlied

Roman
 
 
Ullstein Taschenbuchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. April 2017
  • |
  • 224 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1580-5 (ISBN)
 
China, 50er Jahre: Der junge Bauer Jin'gen und seine Frau kämpfen ums Überleben, aber auch um ihre Hoffnung, die sie mit dem Aufbruch in den Kommunismus verbanden. Unversöhnlich prallen Staat und Individuum aufeinander, und es beginnt ein makabrer Totentanz. Eileen Chang erzählt einfühlsam und menschlich ein modernes Drama.
Seit der Bodenreform ist der Bauer Jin'gen sein eigener Herr, doch die Ernte reicht kaum, um ihn und seine Familie zu ernähren. Als der Landbevölkerung eine Sonderabgabe zugunsten der heldenhaften Soldatenfamilien aufgezwungen wird, steht ihre Existenz auf dem Spiel: Die Bauern werden elendig verhungern, wenn sie der Partei folgen- jener Partei, von der sie sich so viel erhofft hatten. In ihrer Not wagen die Dorfbewohner das Unmögliche, den Aufstand gegen die Machthaber- mit katastrophalen Folgen. Eileen Chang gelingt die ergreifende Schilderung menschlicher Not im Angesicht eines unerbittlichen politischen Willens. Ihr Roman erzählt eine zeitlose Geschichte von Hunger, Leid und Tod, aber auch von Hoffnung und Liebe.
1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 3,11 MB
978-3-8437-1580-5 (9783843715805)
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Eileen Chang wurde 1920 als Zhang Ailing in Shanghai geboren. Durch ihre Erzählungen und Übersetzungen von z.B. Hemingway wurde sie in den 40er Jahren zu einem Star der Literaturszene. Vor allem ihre oft sehr dunklen Liebesgeschichten fanden großen Zuspruch, wie die 1943 veröffentlichte Erzählung "Liebe in einer gefallenen Stadt". 1952 ging sie nach Hongkong und arbeitete bei der American News Agency. Dort entstand ihr großer Roman "Das Reispflanzerlied", zunächst auf English. 1955 emigrierte sie in die USA, übersetzte dort den Roman ins Chinesische, er erschien 1968 erstmals in Taiwan, und schrieb weitere Romane und Erzählungen. Sie geriet in ihrem Heimatland in Vergessenheit, da ihre Geschichten und ihr Erzählstil politisch nicht opportun waren. Sie starb 1995. Die Verfilmung ihrer Erzählung "Gefahr und Begierde" durch Ang Lee wurde 2007 bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet und machte ihre Erzählkunst weltweit bekannt.

1.


Das Erste, was von dem Marktflecken in Sicht kam, waren genau gleiche, strohgedeckte Latrinen, sieben oder acht an der Zahl. Obgleich der Wind gelegentlich einen Anflug von Gestank herantrug, wirkten sie verlassen. Eine blässliche Nachmittagssonne schien auf das verblichene Stroh.

Hinter den Latrinen schlossen sich die Läden an. Und über der Reihe kleiner weiß getünchter Geschäfte ragte dunkel die Masse des Berges auf, gekrönt von zwei Klecksen in dunstigem Blau, das waren fernere Gipfel.

Jenseits der mit Kieseln gepflasterten Straße, nur durch eine niedere Steinmauer abgetrennt, fiel das Gelände in eine tiefe Schlucht ab. Aus einem der Läden trat eine Frau mit einer roten Emailschüssel voll Schmutzwasser; sie überquerte die Straße und schüttete das Wasser über die Mauer. Dieser Vorgang hatte etwas zutiefst Beunruhigendes, es war, als gösse man Spülwasser über den Rand der Welt.

Die Läden wurden von mageren, verwegen dreinschauenden Frauen mit gelblicher Haut und glatten schulterlangen Haaren geführt. Sie trugen fast ausnahmslos Strickmützen aus mauvefarbener Wolle, die sie bis zu den Augenbrauen ins Gesicht gezogen hatten; jeweils über dem linken Ohr prangte eine große pfauenblaue Bommel. Schwer zu sagen, woher diese Mode stammte. Jedenfalls erinnerte sie fatal an die Kopfbedeckung der Straßenräuber in chinesischen Opern und flößte den Vorbeikommenden daher Unbehagen ein. In einem der Läden wurden Sesamplätzchen und steinharte schwarze Sesamstangen angeboten. Außerdem waren zwei Stapel kleiner Päckchen, unauffällig in einfaches weißes Papier gewickelt, auf dem Ladentisch aufgetürmt. Ein Mann trat ein und kaufte ein solches Päckchen. Er wickelte es aus und begann auf der Stelle zu essen. Es enthielt fünf Sesamplätzchen. Die Päckchen auf dem anderen Stapel enthielten wohl die Sesamstangen, wenn es nicht ebenfalls Sesamplätzchen waren.

Ein anderer Laden bot grobes gelbes Toilettenpapier in ordentlichen Stößen an. In der Glasvitrine nahe dem Eingang lagen Zahnpasta und Tüten mit Zahnpulver, verziert mit den Fotos chinesischer Filmstars. Die Konterfeis dieser bezaubernden Geschöpfe lächelten strahlend auf die leere Straße hinaus und verstärkten noch das Gefühl von Trostlosigkeit.

Hennen spazierten vorsichtig über die in schwarzen Straßendreck eingebetteten weißen Kiesel. Ein Mann mit einem Tragejoch über der Schulter kam jetzt die Straße herunter; in den Körben, die an ihren Enden baumelten, bot auch er schwarze Sesamstangen feil.

Und dann war da noch der übliche Kerzenladen, der auch Laternen im Angebot hatte. Kleine rote Kerzen hingen in dicken Bündeln von den Dachbalken wie seltsame, fingerförmige Beeren. Das nächste Geschäft war leer bis auf ein kleines Mädchen an einem Tisch, das die Kurbel an einem hellgrünen Kerosinfass bediente und auf diese Weise selbstgedrehte Zigaretten herstellte.

Der Sonnenschein lag wie ein alter gelber Hund quer über der Straße und versperrte den Weg. Hier war die Sonne alt geworden.

Eine Passantin, eine alte Frau mit gebundenen Füßen, hielt den Straßenhändler an und erkundigte sich nach dem Preis seiner Sesamstangen. Dann sah sie prüfend zu ihm auf und rief erfreut: »Ist das nicht Bruder Liansheng? Wie geht es deinen Eltern? Was macht die Schwägerin, und wie geht es Vierter Tante?«

Im ersten Moment sah der Mann sie verständnislos an, bis ihm einfiel, dass dies eine Verwandte seiner Vierten Tante war, der er zuletzt beim Begräbnis seines Großvaters begegnet war. Sie war klein und hatte ein kurzes eingedrücktes Gesicht, das von der Sonne gerötet, verschrumpelt und seitlich aufgewölbt war wie eine getrocknete Süßkartoffelscheibe. Auf dem Kopf trug sie einen jener altmodischen Turbane, die über der Stirn eine Spitze bilden. Sie blinzelte unablässig wie von der Sonne geblendet und redete dabei so laut, als müsse sie sich über ein Feld hinweg verständlich machen.

»Was führt dich her, Tantchen?«, erkundigte sich der junge Mann.

»Ich habe meine Nichte begleitet«, brüllte diese zurück. »Sie heiratet einen der Zhous aus Zhou-Dorf. Heute lassen sie sich auf der Kreisbehörde ins Eheregister eintragen. Das arme Kind hat beide Eltern verloren und nur noch einen älteren Bruder. Und weil die Schwägerin in der Stadt im Haushalt arbeitet, ist bloß der Bruder da. Wie du weißt, sind die Zhous eine große Familie und werden sicher zahlreich erscheinen, da würde es sich schlecht machen, wenn unsere Seite so spärlich vertreten wäre. Deshalb bin ich mitgekommen.«

Sie hielt inne und lächelte mit zusammengekniffenen Augen zu ihm hinauf. »Herrje, was für ein Zufall, dass ich dich hier treffe! Wir sind eben angekommen und ruhen uns im Pavillon an der Straße ein wenig aus. Da sage ich zu den beiden: >Ihr zwei<, sage ich, >bleibt erst mal hier, während ich nachsehe, ob die Zhous schon da sind. Wir wollen schließlich nicht vor ihnen ankommen. Eine angehende Braut sollte es nicht so eilig haben.<«

»Ist denn der Bräutigam schon da?«

»Ja, doch. Ein paar von den Zhous habe ich auf der Treppe der Kreisbehörde sitzen sehen. Aber jetzt muss ich los, die Braut holen. Die andere Seite zu lange warten lassen schickt sich auch wieder nicht. Und du solltest deine Zeit nicht hier verplaudern und die Pflicht vernachlässigen. Läuft das Geschäft gut? Wie viel, sagtest du, kosten die Sesamstangen?«

Diesmal weigerte sich der junge Mann, einen Preis zu nennen, sondern drückte ihr zwei der Stangen in die Hand. »Hier, Tantchen.«

Entrüstet schob sie ihn weg. »Das wäre nun wirklich unsinnig! Ich kann doch keine Geschenke von dir annehmen, wo wir uns nach Jahren zum ersten Mal wiedersehen.«

»Nicht der Rede wert, Tantchen.«

»Auf keinen Fall! Unter gar keinen Umständen. Außerdem habe ich nicht mehr die Zähne für solche Süßigkeiten.«

»Dann bring sie den Kindern mit.«

»Nein, leg sie zurück.«

Die beiden glänzenden, klebrig-schwarzen Stangen mit den weißen Sesampünktchen begannen in seiner Hand zu schmelzen, während sie zwischen den Parteien hin und her geschoben wurden. Obgleich er tapfer lächelte, lief das Gesicht des jungen Mannes rot an; allmählich wurde er ungehalten und seine Hand immer pappiger. Er erfüllte ja, ganz gegen seinen Willen, nur eine Anstandspflicht und wollte die Sache zu Ende bringen.

Schließlich landete die Süßigkeit doch bei ihr. Die alte Frau fühlte sich von seiner Höflichkeit übervorteilt, murmelte leicht gekränkt ihren Dank und wandte sich zum Gehen. Kaum dass sie ihm den Rücken zukehrte, wechselte das Lächeln seinen Standort: Es verschwand vom Gesicht des jungen Mannes, um auf dem ihren zu erscheinen. Er ging, sein Tragejoch über der Schulter, mit entschlossener, leicht gequälter Miene weiter, während sie zufrieden grinsend davonwatschelte.

Vorbei an den Geschäften und Latrinen ging sie vor die Stadt hinaus bis zu dem weiß getünchten Pavillon, den man für Reisende am Straßenrand errichtet hatte.

»Ratet mal, wen ich getroffen habe!«, rief sie schon von weitem. »Ihr kennt doch meine Cousine, die nach Taohecun geheiratet hat. Eben bin ich diesem Süßwarenhändler begegnet, und da stellt sich doch tatsächlich heraus, dass er ihr angeheirateter Neffe ist. Ich hatte ihn seit Jahren nicht gesehen und traute mich kaum, ihn anzusprechen.«

»Ja, aber was ist mit ihnen? Sind die Zhous schon da?«, erkundigte sich ihr Neffe Jin'gen mit leiser Ungeduld. Der hochgewachsene junge Mann stand abwartend im Torbogen, grobknochig und gutaussehend, mit einer Haut, die die stumpfe Farbe hellen Lehms hatte. Unter der zerschlissenen wattierten Baumwolljacke, die zu hellstem Blau verschossen war, zeichneten sich seine Schultern ab.

»Sie sind da, ich hab sie gesehen, sie sind da.«

»Sollten wir dann nicht besser auch gehen?« Jin'gen wandte sich seiner Schwester Jinhua zu, der angehenden Braut.

Die jedoch schien ihn nicht gehört zu haben. Den Rücken zu ihm gewandt, spuckte sie in ein Taschentuch, um dem kleinen Mädchen, das sie bei sich hatten, die Hände abzuwischen. Es war Jin'gens Tochter. Das Kind war missmutig, weil es nicht einsah, warum es im Pavillon hatte bleiben müssen. Aus Langeweile war es über die Bänke geklettert, hatte die Hände nach dem fächerförmigen Fenster ausgestreckt und sich dabei schmutzig gemacht. Womöglich würde es den Dreck auch noch an das neue Kleid ihrer Tante schmieren. Es war aus tiefrotem wattierten Baumwollstoff mit Blümchenmuster und würde ihr morgen als Hochzeitskleid dienen müssen.

Weil er von seiner Schwester keine Antwort bekam, stand Jin'gen, die Hände in die Hüften gestützt, unschlüssig da und blickte sie an.

Da kam Tantchen keuchend in den Pavillon gestürzt. »Warum kommt ihr denn nicht?«, rief sie.

»Gehen wir«, sagte Jin'gen zu seiner Schwester. »Sei nicht so altmodisch.«

»Wer ist hier altmodisch?«, gab sie ohne sich umzudrehen zurück. »Du könntest Tantchen wenigstens verschnaufen lassen. Sicher ist sie müde nach all dem Hin und Her.«

»Nun komm schon, komm«, drängte die Tante. »Wer wird denn so schüchtern sein. Das hat man heutzutage nicht mehr.«

»Wer ist hier schüchtern?« Widerwillig stand Jinhua auf und ging in Richtung Ortschaft voraus. Sie war achtzehn Jahre alt, wirkte in ihrer kindlichen Schönheit aber wesentlich jünger. Ihre Lippen waren wegen eines etwas vorstehenden Zahns immer leicht geöffnet, was ihr Aussehen jedoch keineswegs beeinträchtigte. Das Vorderhaar hatte sie hoch auffrisiert, darunter hing ein langer dünner Pony ihr so weit in die Augen, dass sie ständig blinzeln musste und stets ein wenig besorgt wirkte.

Sie führte die Prozession an, unmittelbar gefolgt von der alten...

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