Gefahr und Begierde

Erzählungen
 
 
Ullstein Taschenbuchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. April 2017
  • |
  • 256 Seiten
 
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978-3-8437-1578-2 (ISBN)
 

Die Wiederentdeckung einer chinesischen Schriftstellerin von Weltrang

Shanghai ist von den Japanern eingenommen. In einem Café wartet nervös eine junge Frau auf den Mann, mit dem sie ein Verhältnis hat: Lao Yi, der mächtige Geheimdienstchef der japanischen Marionettenregierung, soll in dieser Nacht sterben. Die junge Frau soll ihn verraten. Als er vor ihr steht, erkennt sie, dass sie ihn liebt. Sie warnt ihn, und er flieht rechtzeitig. Sie wird verhaftet und hingerichtet. Die von Ang Lee verfilmte Erzählung Gefahr und Begierde fängt das Leben in einer besetzten Stadt ein - wie auch Eileen Changs andere Geschichten aus dem Shanghai der vierziger Jahre. Eileen Chang gehört zu den großen modernen Erzählern wie F. Scott Fitzgerald und Marguerite Duras. Gefahr und Begierde erscheint nun erstmals in deutscher Übersetzung.

Eileen Chang, Star der Shanghaier Literaturszene der vierziger Jahre, war im kommunistischen China jahrzehntelang verfemt. Heute wird sie weltweit als literarische Wiederentdeckung gefeiert. Ihre Erzählungen halten den verzweifelten Lebenswillen der chinesischen Metropole fest und bewahren eine versunkene Welt vor dem Vergessen.

"Sie ist ein gefallener Engel der chinesischen Literatur." Ang Lee

"Ihre Erzählungen präsentieren ein Stück literarischen Existenzialismus." Tilman Spengler

"Die Meisterin der modernen chinesischen Literatur." The New York Times

"Nun können sich also auch deutsche Leser ein plastisches Bild machen, warum diese Autorin heute im angloamerikanischen Raum von der chinesischen Exilgemeinde als dichtende Greta Garbo kultisch verehrt wird, warum sie überhaupt als eine der interessantesten Ezählerinnen der klassischen Moderne gilt." taz, Susanne Messmer

1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 2,95 MB
978-3-8437-1578-2 (9783843715782)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Eileen Chang wurde 1920 als Zhang Ailing in Shanghai geboren. Durch ihre Erzählungen und Übersetzungen von z.B. Hemingway wurde sie in den 40er Jahren zu einem Star der Literaturszene. Vor allem ihre oft sehr dunklen Liebesgeschichten fanden großen Zuspruch, wie die 1943 veröffentlichte Erzählung "Liebe in einer gefallenen Stadt". 1952 ging sie nach Hongkong und arbeitete bei der American News Agency. Dort entstand ihr großer Roman "Das Reispflanzerlied", zunächst auf English. 1955 emigrierte sie in die USA, übersetzte dort den Roman ins Chinesische, er erschien 1968 erstmals in Taiwan, und schrieb weitere Romane und Erzählungen. Sie geriet in ihrem Heimatland in Vergessenheit, da ihre Geschichten und ihr Erzählstil politisch nicht opportun waren. Sie starb 1995. Die Verfilmung ihrer Erzählung "Gefahr und Begierde" durch Ang Lee wurde 2007 bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet und machte ihre Erzählkunst weltweit bekannt.

Gefahr und Begierde


Über dem Mah-Jongg-Tisch brannte auch am Tag eine starke Lampe und ließ beim Mischen der Spielsteine die Diamantringe aufblitzen. Das weiße, an den Tischbeinen festgebundene Tischtuch war so straff gespannt, dass die schneeige Fläche die Augen blendete. Dieser harte Kontrast von Licht und Schatten brachte Jiazhis wohlgeformte Brust besonders gut zur Geltung; auch ihr Gesicht brauchte das erbarmungslos direkte Licht nicht zu scheuen. Die Stirn war fast ein wenig schmal, der Haaransatz ungleichmäßig, aber erstaunlicherweise gewann dieses schöne sechseckige Gesicht dadurch eher. Sie war nur leicht geschminkt; lediglich die fein geschnittenen schmalen Lippen waren leuchtend nachgezogen, ihr erlesenes Rot erinnerte an tropfendes Öl. Vorne war das Haar duftig hochfrisiert und reichte am Hinterkopf bis zu den Schultern. Sie trug einen knielangen, ärmellosen qipao aus stahlblauem Satin, der in unregelmäßigem Moiré changierte. Der kleine, runde Stehkragen, nur knapp zwei Zentimeter hoch, gab dem Kleid ein westliches Gepräge. Die daran befestigte Brosche wies dieselbe Kombination aus Diamantsplittern und blauen Saphiren auf wie die runden Ohrstecker.

Die beiden Damen rechts und links von ihr trugen schwarze Wollcapes, deren Umlegkragen von einer schweren, zweifachen Goldkette gehalten wurde. Da Shanghai in diesen Kriegszeiten von der übrigen Welt abgeschnitten war, blühte die lokale Mode wieder auf. Der Goldpreis in den besetzten Gebieten war ins Absurde gestiegen, und derart massive Ketten kosteten ein Vermögen; trug man sie anstelle von Knöpfen, so konnte man auf diese Weise öffentlich Eindruck machen, ohne als ordinär oder gewöhnlich zu gelten. Sie wurden nachgerade zur Uniform der Damen im Umkreis der Regierung von Wang Jingwei. Vielleicht galten diese Capes ja auch deshalb als so würdevoll, weil ihre Trägerinnen nach wie vor unter dem Einfluss von Chongqing, dem Regierungssitz der Nationalisten, standen.

Frau Yi als Gastgeberin trug zwar keinen dieser glockenartigen Umhänge, doch da sie stark zugenommen hatte, saß sie selbst wie eine mächtige Glocke da. Sie hatte Jiazhi zwei Jahre zuvor in Hongkong kennengelernt. Das Ehepaar Yi war Wang Jingwei seinerzeit von Chongqing nach Hongkong gefolgt und hatte sich eine Zeit lang dort aufgehalten. Kurz zuvor war Zeng Zhongming, ein Anhänger Wangs, in Hanoi ermordet worden, weshalb man in Hongkong sehr zurückgezogen lebte. Aber Frau Yi hatte natürlich dennoch das eine oder andere zu besorgen gehabt. Im Hinterland des Widerstandskriegs und in den besetzten Gebieten war das Warenangebot knapp, und sie konnte aus einem Einkaufsparadies wie Hongkong doch nicht mit leeren Händen nach Shanghai zurückkehren. Jemand hatte ihr Mai Jiazhi als Begleiterin bei ihren Einkäufen empfohlen, denn in Hongkong wurde selbst in den großen Kaufhäusern gehandelt, und wer nicht Kantonesisch sprach, hatte das Nachsehen. Ihr Mann, ein gewisser Herr Mai, war im Import/Export-Geschäft tätig, und wie alle Geschäftsleute suchte er die Freundschaft einflussreicher Beamtenkreise. Jedenfalls hatte sich Jiazhi rührend um sie bemüht, und Frau Yi war ihr dankbar. Nach Pearl Harbor war dann auch Hongkong von den Japanern besetzt worden, und Herrn Mais Geschäfte stagnierten. Seither verdiente sich Jiazhi ein bisschen nebenher, indem sie als Kleinhändlerin zwischen den Städten pendelte; jedes Mal, wenn sie nach Shanghai kam, brachte sie einen Vorrat an Armbanduhren, westlichen Medikamenten, Parfüms und Seidenstrümpfen mit. Frau Yi bestand darauf, dass sie dann bei ihnen wohnte.

»Gestern waren wir im Shuyu - diesem Sichuan-Restaurant, das Frau Mai noch nicht kannte«, berichtete Frau Yi einem der schwarzen Capes.

»Ach.«

»Und Sie, Frau Ma, sind ja schon ewig nicht mehr hier gewesen«, bemerkte das zweite schwarze Cape.

»Eine Familienangelegenheit«, murmelte die Angesprochene unter dem Klappern der Mah-Jongg-Steine.

»Erst Einladungen aussprechen und dann kneifen. Sie haben sich wohl gedrückt«, entgegnete Frau Yi lachend. Jiazhi hatte allerdings eher den Verdacht, dass Frau Ma eifersüchtig war. Seit ihrer Ankunft drehte sich nämlich alles um sie.

»Gestern hat Frau Liao eingeladen, weil sie die letzten beiden Tage eine Glückssträhne hatte«, erzählte Frau Yi weiter. »Im Lokal bin ich dann dem Kleinen Li und seiner Frau begegnet und habe die beiden an unseren Tisch gebeten, aber Herr Li sagte, er erwarte selbst Gäste. Darauf ich: >Wie könnt ihr das ausschlagen, wo Frau Liao uns so selten freihält?< Li hatte selbst einen Tisch voll Leute eingeladen, und auch nachdem zusätzliche Stühle gebracht wurden, reichte es noch nicht, sodass Frau Liao hinter mir in der zweiten Reihe sitzen musste wie eine Animierdame. Da witzelte ich: >Ist sie nicht reizend, die Kurtisane, die ich mir herbestellt habe?!< Und Frau Liao erwiderte: >Jetzt bin ich so alt und muss mich noch veräppeln lassen.< - >Tja, reife Äpfel bekommen leicht Flecken<, warnte ich sie. Wir haben uns fast totgelacht, und prompt haben sich ihre weißen Pockennarben rot verfärbt.«

Alles lachte.

Während die Gastgeberin Frau Ma über die Neuigkeiten der letzten beiden Tage informierte, erschien Herr Yi und begrüßte mit einem Kopfnicken die drei Besucherinnen seiner Frau.

»Heute haben Sie aber früh zusammengefunden.«

Er blieb hinter seiner Frau stehen und sah ihr beim Spiel zu. Die gegenüberliegende Wand war ganz mit einem dicken ockergelben Wollvorhang verhängt, der mit riesigen Stängeln ziegelroten Phönixschwanzgrases bedruckt war. Obwohl die Halme sich neigten, waren sie noch immer mannshoch. Im Haus von Zhou Fohai, dem Kanzler Wang Jingweis, gab es solche Vorhänge, weshalb auch die Yis unbedingt welche haben mussten. Im Westen war es derzeit Mode, mit solchen Vorhängen bodenlange Fenster vorzutäuschen. Um eine ganze Wand auf diese Weise zu verhängen, brauchte man mehrere Ballen Stoff, zumal man aufs Muster achten musste. Im kriegsgebeutelten Shanghai, wo es kaum importierte Vorhangstoffe gab, war dies allerdings kein leichtes Unterfangen.

Vor diesen Halmen aus dem Land der Riesen wirkte Herr Yi noch kleiner als sonst. Er trug einen grauen Anzug, der seine Gesichtszüge blass und distinguiert erscheinen ließ. Seine Stirn hatte sich bereits gelichtet, nur zwischen den tiefen Geheimratsecken war ein langer Haarstreifen stehen geblieben; seine Nase war spitz wie die einer Maus, was jedoch als Zeichen von Würde galt.

»Wie viel Karat hat denn Ihr Ring, Frau Ma? Drei?«, erkundigte sich Frau Yi. »Vor ein paar Tagen war diese Pinfen wieder hier. Sie hatte einen Fünfkaräter dabei, aber der Schliff war bei weitem nicht so gut wie bei Ihrem hier.«

»Alle sagen, Pinfens Sachen seien besser, als alles, was man im Laden bekommt«, entgegnete Frau Ma.

»Und es ist so praktisch, wenn einem die Ware nach Hause gebracht wird. Außerdem kann man sie meist ein paar Tage zur Ansicht behalten«, sagte Frau Yi. »Manchmal hat sie Sachen, die in normalen Geschäften tatsächlich kaum noch zu kriegen sind. Den Feuerglanz-Diamant, den sie neulich brachte, hat man ihr ja leider nicht abgekauft«, fuhr sie mit einem ärgerlichen Seitenblick auf Herrn Yi fort. »Wie viel wird der jetzt wohl kosten? Lupenreine Feuerglanz-Diamanten werden mittlerweile für Dutzende Tael Gold pro Karat gehandelt. Und Pinfen sagte noch, dass rosafarbene und feuerglänzende Diamanten inzwischen auch für viel Geld nicht mehr zu haben seien.«

Lachend erwidert Herr Yi: »Das besagte Stück hatte mehr als zehn Karat. Das ist schließlich kein Taubenei. Auch Diamanten sind Steine. Mit so was könntest du beim Mah-Jongg keinen Finger mehr rühren.«

Im Grunde, dachte Jiazhi, war dieser Spieltisch nichts anderes als eine Schau der Ringe. Sie als Einzige hatte keinen Diamanten vorzuweisen und trug immer denselben Jadering. Ich sollte besser gar keinen tragen, überlegte sie. Auf diese Weise mache ich mich nur lächerlich. Tatsächlich betrachteten die anderen sie mit einer gewissen Herablassung.

»Erst kaufst du ihn nicht, und dann spottest du auch noch!«, schalt Frau Yi ihren Mann und warf den Stein >Ringe 5< ab. Daraufhin legte Frau Ma, das schwarze Cape ihr gegenüber, mit lautem Klappern ihre Steine offen: »Mah-Jongg!« Augenblicklich brachen alle in Lachen, Stöhnen und Bedauern aus, das Geplauder fand ein jähes Ende.

Alle waren jetzt mit dem Zählen ihrer Punkte beschäftigt. Herr Yi nutzte das allgemeine Durcheinander, um Jiazhi mit dem Kinn diskret ein Zeichen zur Tür hin zu geben.

Jiazhi warf einen raschen Seitenblick auf die beiden schwarzen Capes. Glücklicherweise schien niemand etwas bemerkt zu haben. Sie beglich ihre Spielschulden, nahm einen Schluck Tee und sagte dann unvermittelt: »Wie dumm von mir! Ich habe um drei eine geschäftliche Verabredung. Fast hätte ich es vergessen. Was nun? Vielleicht könnte Herr Yi für mich einspringen. Nur für zwei Runden. Ich komme umgehend zurück.«

»Aber das geht nicht!«, schrie Frau Yi auf. »Auf gar keinen Fall. Warum hast du das nicht früher gesagt? Du kannst uns doch nicht einfach im Stich lassen.«

»Ausgerechnet jetzt, wo mein Glück sich wendet«, jammerte das schwarze Cape, das eben gewonnen hatte.

»Wir könnten Frau Liao kommen lassen. Ruft sie an«, schlug Frau Yi vor, und an Jiazhi gewandt: »Bleib wenigstens, bis sie da ist.«

»Herr Yi wird so lange für mich spielen«, sagte Jaizhi mit einem Blick auf ihre Armbanduhr. »Ich bin spät dran, treffe mich mit einem Mittelsmann zum Kaffee.«

Doch Herr Yi erwiderte: »Heute bin ich leider beschäftigt. Aber demnächst werde ich einmal die ganze Nacht mit den Damen spielen.«

»Also wirklich, diese Wang Jiazhi!« Frau Yi fügte in...

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