Die Wandernden zwischen den Welten

Vier Schicksalserzählungen
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. Februar 2021
  • |
  • 164 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7534-6721-4 (ISBN)
 
Vier Erzählungen über vier menschliche Schicksale. Tragisch, aber auch hoffnungsvoll. Gibt es einen zeitlich fortlaufenden Zusammenhang zwischen ihnen? Wer weiß es schon?
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,33 MB
978-3-7534-6721-4 (9783753467214)
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Geboren 1944 im damaligen Ostpreußen, besuchte Manfred Chaluppa die Volksschule und wurde von Beruf Maschinenschlosser. Nach einer Berufsqualifizierung studierte er an einer Fachhochschule und Universität. Die meiste Zeit seiner Berufsjahre war er als Sozialpädagoge mit der Betreuung neuro-psychisch Erkrankter beschäftigt.

Nur der Steuermann sieht das Kielwasser


Da war sie nun. Angekommen!

Durch ihn, ganz alleine durch ihn, wohlwollend einen Platz empfangend für sich erhalten zu haben. In seinem Boot, welches ewiglich alle Meere durchpflügt. Ja, und er? Er stand in aller Herrlichkeit erscheinend im Ruderhaus. Hielt das Steuerrad und lenkte das Schiff. Das Bugwasser sprühte auf, verlief sich dann an den seitlichen Rändern. Am Heck des Schiffes war alles wieder glatt. Keine Spur war mehr wahrnehmbar. Außer den Erinnerungen, als Aufbauendes oder auch Zerstörendes.

Es war das Ewige. Das Lenkende, Schenkende, das Nehmende.

Sie schaute sich um. Nicht sehr viele waren eingeladen worden. Hatten die Plätze eingenommen. Weiter, sich nach hinten lehnend, sah sie es: Was denn?

Ihr Vergangenes, ihre Herkunft und ihren Lebensweg. Ihre Gefühle, Gedanken, ihr Handeln und ihr Schicksal.

Was hatte doch ihre Mutter immer erzählt, weit, weit herholend:

Als der Krieg verloren war, kam er, so nach einigen Jahren, zurück aus der Gefangenschaft. Der Zug, in dem er sein musste, rollte stampfend und schnaubend in den Bahnhof ein.

Er! Wen meinte sie damit? Es war Mamas Ehemann.

Beim Aussteigen hatten beide das Gefühl, sich gleich wiederzuerkennen. Er sah etwas schmal aus. Sein Stirnhaar hatte sich ein wenig gelichtet. Doch seine braunen, auffallend tiefliegenden Augen waren wie vor Jahren gleich, bedrohlich wirkend geblieben. Aber irgendetwas an ihm schien ihr anders. Hatte sich verändert. So erzählte sie.

Als sie ihm gefühlsvoll zuwinkte und er dies erwiderte, da fiel es ihr auf. Er gebrauchte nicht, wie gewohnt, seinen rechten Arm. Er nahm die Begrüßung mit dem anderen, linken Arm vor. Dann stellte sie an ihm fest, dass sein rechter Arm fehlte. Oberhalb amputiert war. Sie umarmten sich, lachten im Überschwang und nahmen beide dabei ihre sie verbindenden Tränen der Freude über ihr Zueinanderfinden wahr. Sie hatte noch in Erinnerung, dass er irgendwie nach Holz, Teer roch. Sie vernahm auch seinen Tabakgeruch, und als ihre Gesichter einander näherkamen, verspürte sie seine Bartstoppeln und seine männliche, angeraute Haut und seinen Geruch.

So blieben sie zusammen. Im Frieden musste es sich nun anders leben als zur Kriegszeit.

Sie bezogen eine enge Dachgeschosswohnung mit einem Kohleofen und ohne fließendes Wasser. Er fand aber wegen seiner Behinderung nicht so schnell eine Arbeit. Sie war Industriekauffrau und erhielt auch gleich eine Anstellung in einer Verwaltung. Dort bekam sie dazu die Möglichkeit, einmal in der Woche verbilligte süße Schlemmereien einzukaufen. Er aß sehr gerne diese mit Likör gefüllten Pralinen.

Beide waren noch sehr jung. So nach vier Jahren wurde sie, ihre Mutter, dann mit ihr schwanger.

Ihr Vater hatte mittlerweile in einem Hotel als Nachtportier eine Beschäftigung gefunden. Dazu erhielt er als Kriegsverwundeter eine geringe Kriegsversehrtenrente. Sie fanden dann auch eine größere Wohnung.

Viel später, nach langem Verschweigen, erzählte ihre Mutter ihr auch noch Weiteres über ihren Vater. Vor allem, dass er ein sehr ausgeprägtes Liebesbedürfnis hatte. Sie, als ihr Kind, lehnte aber sowas zu hören erst mal ab. Hielt, wenn die Mutter davon anfing, sich meist die Ohren zu. Denn sie hatte in sich das Verlangen, reine geschlechtslose, platonische Liebeswesen als Eltern zu haben. Doch ihre Mutter überzeugte sie, ihr zuzuhören, da sie diese auch mehr liebte als ihren Vater. Vor allem wies ihre Mama sie immer wieder darauf hin, dass auch die Kinder einen Teil ihrer Eltern mit eingepflanzt bekommen hätten und ihre Wesensart sich entsprechend danach entwickeln werde.

Dann erzählte ihre Mutter weiter, dass ihr Vater ein Mann mit großer Kraft gewesen sei. In der Liebe hätte er sie fast zerquetscht, wie sie so zu sagen pflegte. Er sei so wenig zärtlich, aber dafür sehr verlangend, sprach sie, etwas genussvoll klingend. Auch mit seinen Augen habe er dann immer sehr bedrohlich dreingeschaut. Dieses Gefühl hatte auch sie, sein Kind, in Situationen, wo ihr Vater sie mit strengem Blick fixierte.

»Ja, und weißt du, was er mir noch erzählte?«

»Nein, sprich!«

»Im Krieg, an der Front, hatten sie bei einem Angriff Gefangene gemacht. Es sei auch ein Politoffizier darunter gewesen. Seine Untergebenen hätten bei ihren Vernehmungen erzählt, dass dieser immer wieder seine eigenen Leute habe erschießen lassen, wenn diese sich feige im Kampf verhalten hätten. Dein Vater erhielt dann einen Befehl. Er berichtete mir, sein Vorgesetzter habe ihm gesagt, morgen früh legst du diesen Häuptling um. Ob er ihn verstanden hätte? Am nächsten Morgen habe er den Gefangenen, mit der Pistole in seiner Hand, an eine abgelegene Stelle getrieben. Habe ihn noch ein Stückchen von seiner Zigarette rauchen lassen. Dann mit einem Schuss in den Kopf und in das Herz getötet. Ja, und stell dir vor, dabei sei in ihm so eine Erhabenheit, ein Lustgefühl entstanden. Da habe er auch so richtig begriffen, wie er weitererzählte, dass er als Mann von Natur aus jagen, töten, vernichten wolle. Das habe er auch seinem immer noch verehrten Führer zu verdanken, der die Männer den Kampf hatte erproben lassen, damit sie hart wurden und eine Überlegenheit in sich trugen.« Sie habe ihn dann gefragt, was denn nun die Frauen von Natur aus seien. Das könne er nicht so genau sagen, weil er bis jetzt nur eine kennengelernt habe. Diese sei sehr erduldend, hingebungsvoll. Die Tochter fragte sie, ob sie das auch tatsächlich sei. Sie bejahte dies. Erwähnte aber auch, dass sie eine Kraft, Kämpferin zu sein, in sich verspüre.

Sie, die Tochter sah dann auch, dass ihr Vater gerne Alkohol zu sich nahm. Ab und an war er auch betrunken. In seinen Gefühlen erwachte er dann. Schmuste mit beiden herum. Herzte und lachte mit ihnen. Ohne Alkohol war er ganz das Gegenstück. Wortkarg, zurückhaltend, sogar etwas schüchtern wirkend. Er erzählte auch nie, wie es ihm im Krieg ergangen war. Ob er Heimweh, Angst gehabt hatte. Ob er auch mal traurig gewesen war, geweint hatte.

So vergingen gemeinsam ihre Kinderjahre. Sie beendete ihre Schulzeit mit einem guten Abschlusszeugnis. Erlernte, so wie ihre Mutter, den Beruf einer Kauffrau. Bestand die Abschlussprüfung und arbeitete bei derselben Firma in ihrem erlernten Beruf.

In ihr keimte aber auch die Sehnsucht, das Verlangen, sich in einen Mann zu verlieben. Sich ihm ganz hinzugeben. Besah sich dabei auch immer im Spiegel, um ihre Schönheit zu prüfen. Auch was sie für eine Figur hatte und ob die Beine schön geformt waren. Ihre Mutter beobachtete sie ab und zu dabei, und sie sah auch wohlwollend, dass ihr Kind sich prächtig entwickelt hatte.

Dieses strich mit ihren Freundinnen suchend um die Häuser. Ging gerne mit diesen zum Tanz in die Discotheken. Hüpfte dort ausgelassen und flirtend mit den Jungs herum. Aus keinem Tanz entwickelte sich für sie eine nähere oder gar feste Beziehung. Der Drang danach nahm in ihr immer mehr zu. Angefacht auch dadurch, weil sie gerne Liebesromane las, die meist tragisch endeten.

Ja, und dann zufällig, schon fast schicksalshaft, machte sie in ihrem Urlaub am Meer eine Bekanntschaft. Es war ein größerer, gut genährter Südländer, mit schwarzen Haaren und dunklen Augen.

Er verzauberte sie immer wieder gefühlsbetont, dass sie mit ihm gehen solle. Sie würden zusammenwachsen, ineinander verschmelzen und gemeinsam etwas aufbauen.

Er rührte an ihrem Herzen. Sie zog dann zu ihm. Beide schworen sich ewig anhaltende Liebe und bewohnten im Stadtzentrum eine recht schöne, helle Wohnung.

Dann umarmte sie ihn eines Tages, ganz fest an ihren Leib drückend. Offenbarte ihm, dass sie schwanger sei, und die Frauenärztin sogar meinte, dass da in ihr Zwillinge gediehen.

Er selbst war auch Arzt und beschäftigt in einem Krankenhaus. Doch was er dazu noch an sich hatte: Er war ein sehr impulsiv sich gebärdender Mensch. Im Guten wie im Bösen. War er gut gelaunt, dann kam ein hell wirkendes Lachen auf sein Gesicht, mit eben gewachsenen, weißglänzenden Zahnreihen. Doch wurde er zornig, dann benahm er sich unbeherrscht. Schmiss Gegenstände um oder kam bedrohlich nahe, gewalttätig wirkend, auf sie zu. Sie schockte dies aber nicht so sehr. Meist nach seinen Gefühlsausbrüchen gaben sie sich einander verlangend, aufnehmend hin. In ihr stieg dann auch eine heiße Lust auf, wenn er, roh wirkend, sie mit seinen Armen umschlang, fesselte.

An einem warmen Tag waren sie mit dem Auto an einen einsam gelegenen See gefahren. Das Auto hatte er vertikal zeigend zum Seeufer hin geparkt. Sie hatte etwas im Fahrzeug vergessen. Ging es holen. Als sie sich im Inneren suchend bewegte, löste sie versehentlich die Handbremse. Das Auto fing an wegzurollen. Sauste die Böschung hinunter. Geradewegs ins Wasser. Geistesgegenwärtig ließ sie sich, mit einem Satz, rücklings aus dem Auto fallen und landete im weichen Sand. Das Auto versank langsam im See.

Er sah dies alles. Schrie los und stürzte sich wutentbrannt auf sie. Schlug mit seinen geballten Händen unbeherrscht auf sie ein. Trat ihr mehrmals in ihren schon etwas...

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