Abschied von Rock Harbor

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. März 2015
  • |
  • 224 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-98210-8 (ISBN)
 
Frankie erinnert sich gern: Der Sommer 1916 in Rock Harbor war der schönste ihres Lebens. Sie spürt noch genau Winslows Griff um ihre Taille, als er ihr das Schwimmen beibrachte, und Joes Hand, die sie stützte. Die beiden jungen Männer sind Freunde: Joe, der in der Baumwollfabrik arbeitet, und Winslow, der Sohn des Fabrikbesitzers. Doch schon bald ist der idyllische Sommer zu Ende. Frankie muss sich entscheiden: zwischen dem nachdenklichen Rebellen Joe und dem weltgewandten Charmeur Winslow ...
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  • 1,28 MB
978-3-492-98210-8 (9783492982108)
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1916

Ein Mann kann selbst entscheiden, was er mit seinem Leben anfängt«, sagte Papa, nachdem es passiert war, zu mir, denn ich war die Einzige, mit der er redete, als er tagaus, tagein bei zugezogenen Vorhängen im oberen Zimmer des Hauses in Poughkeepsie lag und Verbände um die Handgelenke hatte, die nie in meiner Gegenwart gewechselt wurden. Seine Stichel hatte man ihm abgenommen - für immer, dachten wir alle.

»Was soll ich ihm sagen?«, fragte ich Mutter, als ich herunterkam. Erbost und mit trockenen Augen blickte sie zu mir auf. »Nein, kann er nicht. Sag ihm, dass er das nicht mehr entscheiden kann.«

Benommen stand ich da und blickte an ihr vorbei auf das hellgelbe Kreuz an einem Nagel über der Tür. Ich hatte es selber gemacht, im Vorjahr, als wir in der Kirche aus langen Schilfblättern Kruzifixe für den Palmsonntag geflochten hatten; Grün hatten sie begonnen und waren inzwischen zu Gelb vertrocknet.

»Los, geh«, sagte Mutter.

Undenkbar, so etwas zu meinem Vater zu sagen. Er war derjenige, der mir sagte, was ich tun sollte, nicht umgekehrt.

Papa weigerte sich, mit ihr zu reden. Der Arzt fand, man solle ihm seinen Willen lassen, wenn er sich dann nicht aufrege. Ruhe sei das Wichtigste für seine Nerven. Mutter hatte Papa vier Tage zuvor im oberen Bad gefunden, in der Wanne, und wurde seither dafür bestraft. Seltsamerweise sagen einem die Leute, man könne sich doch glücklich schätzen, und meinen damit, dass die Eltern auch beide tot sein könnten, statt dass sich der eine Elternteil vom Unaussprechlichen erholt und der andere vom eigenen Gatten. Da klafft ihm die Haut beider Handgelenke weit auseinander, und trotzdem knallt er ihr die Faust ins Gesicht, und sie taumelt und fällt erst gegen das Waschbecken und dann auf den kühlen Boden. Die kleinen sechseckigen Fliesen waren geschrubbt worden, aber in den Fugen hielt sich ein hartnäckiges Hellrosa. Ich sah jeden Tag nach. Es hätte schlimmer kommen können, wiederholten die zwei älteren Schwestern meiner Mutter bei ungezählten Tassen Tee, als weideten sie sich an der Vorstellung. Wir hatten das Haus nicht verlassen, seitdem es passiert war, und ich dachte, wir könnten auch nie wieder aus dem Haus gehen. Für den Rest meines Lebens kämen und gingen die Tanten, brächten Essen und säßen bis tief in die Nacht mit Mutter in der Küche, während ich oben allein bei Papa wäre. Es war Anfang Januar, der Hudson war bis zum anderen Ufer zugefroren; seit Ewigkeiten war alles verschneit, und ich konnte mich schon nicht mehr an Weihnachten erinnern. Ich war vierzehn.

Ich musste dauernd an dieses warme rote Wasser in der Badewanne denken, aber ihn mir nackt vorzustellen, davor scheute ich zurück; das fand ich verstörender, als ich mir eingestand. Wäre es nach seinem Willen gegangen, hätten ihn der Coroner und andere Fremde nackt gesehen. Mutter und ich waren übernächtigt und hatten schon fast keine Tränen mehr; ihr Gesicht war immer noch bleich und verquollen. Vielleicht konnte er wegen ihres Gesichts nicht mit ihr reden. Sie wechselte ihm die Verbände und gab ihm seine Dosis Laudanum, aber sobald sie ins Zimmer kam, drehte er sich zur Wand - er, der sie immer auf den Schoß gezogen und in aller Öffentlichkeit ihre Hand gehalten hatte, was ihr peinlich war.

»Geh rauf und sag's ihm«, wiederholte sie.

»Sag du es ihm«, antwortete ich, überrascht, dass es mir auf einmal egal war. Normalerweise war ich diejenige, die immer alles zu wichtig nahm. Nie konnte ich fünfe gerade sein lassen, und Mutter sagte immer, ich würde mich noch zu Tode sorgen, aber ich verstand wirklich nicht, weshalb man nicht ständig Fragen stellen sollte. Ob es früh am Morgen oder spätnachts war, ließ sich schwer sagen; es war totenstill, nur an den froststarren Bäumen vor dem Haus knackte ab und zu mal ein Zweig. Zu diesen Zeiten verlangte Papa meine Anwesenheit am dringendsten und wollte reden, reden, reden. Eigentlich hätte ich Mutter alles, was er sagte, weitererzählen sollen, und ich gab mir ja auch Mühe, alles zu behalten, aber er redete so viel, und ich wurde immer so schläfrig.

Mutter stemmte sich heftig vom Tisch auf, und ich war schon darauf gefasst, angeschnauzt zu werden, aber sie nickte mir nur einmal knapp zu und ging dann geradewegs nach oben. Als ich endlich einschlief, redeten sie immer noch, und von da an ignorierte Mutter die Anweisungen des Doktors.

»Er muss arbeiten«, sagte sie zu ihren Schwestern, die ihr die Idee, wegzuziehen, ausreden wollten. »Und zwar als Kupferstecher.« Mein Großvater hatte ihm die Chance gegeben, als Baumwollmakler für ihn zu arbeiten, aber nachdem Grandpa gestorben war, wurde Papa wieder, was er damals in England, in Manchester, gewesen war - Kupferstecher für Stoffmuster, ein Fabrikarbeiter. Papa fing immer ganz groß an, aber ich war inzwischen alt genug, um zu erkennen, dass seine Begeisterung nicht lange vorhielt, und den Verdacht zu hegen, dass vielleicht nicht die Welt daran schuld war, wenn bei Papa wieder mal was schiefging. Mutter entdeckte eine Anzeige, dass in Rock Harbor Facharbeiter gesucht wurden, und zwei Monate später standen wir drei an der Reling eines Schiffs, das uns vom Rhode Island Sound den Sakonnet River flussaufwärts brachte. Wir waren von New York aus mit der Fall River Line gefahren und dann in ein kleineres Fährschiff nach Rock Harbor umgestiegen. Entlang dem Ufer standen so viele Fabriken, dass es aussah, als führen wir mitten in eine Wolkenbank hinein - ein rauchverhangener Horizont unter blauem Aprilhimmel.

Der Aufbruch war ganz schnell vonstattengegangen, und Mutter hatte nur auf einem bestanden: ihre Rosen mitzunehmen. Sie grub sie in allerletzter Minute aus, damit sie die größten Überlebenschancen hätten. Von unserem Abschied an diesem Morgen zeugten in unserem Garten vier Quadrate aufgewühlter Erde. Mutter hielt die in Lumpen und Zeitungen gewickelten Rosen den ganzen Weg bis Rock Harbor in den Armen und sah, wie ich fand, mit ihrem schmutzigen Bündel aus wie eine kummergebeugte Einwanderin. Als wir von Bord gingen, genierte ich mich neben ihr auf der Landungsbrücke und hängte mich stattdessen bei Papa ein. Trotz des Vorgefallenen war nicht er mir peinlich, sondern sie. Mutter war immer elegant gewesen, groß genug, um das Gewicht zu tragen, das sie im Lauf der Jahre zugelegt hatte; sie hatte eine stämmige Gestalt und eine besorgte Miene. Das schwere kastanienbraune Haar, das sie jeden Morgen bürstete und aufsteckte, war der einzige Luxus, den sie sich zugestand, doch außer mir und Papa bekam niemand sie je zu Gesicht, wenn sie dieses Tau einmal löste und das Haar offen über den Rücken fallen ließ. Ich selbst hatte praktisch noch gar keine Figur, und als ich einmal mit Zitronensaft experimentierte und mir einen Sommer lang das Haar damit spülte, um den rotgoldenen Farbton zustande zu bringen, wie sie ihn hatte, trocknete es nur zu einem steifen Hellbraun. Am Tag unserer Ankunft in Rock Harbor aber sah ich meine Mutter zum ersten Mal mit anderen Augen und wünschte, sie wäre mir fremd.

Sie war vierunddreißig, genauso alt, wie ich heute bin. Jetzt ist mir klar, wie erschüttert sie damals war und wie sehr sie ihn geliebt haben muss. Heute, an diesem schwülen Nachmittag mit seinem fremdartigen Licht, an dem ich hier draußen sitze, Briefe schreibe und wieder zerreiße, bin ich weit weg von Rock Harbor und kann die Geschichte erzählen. Meilenweit von zu Hause. Ich würde gern sagen, dass ich nicht weiß, wie alles gekommen ist, aber das mag falsch sein. Das Leben lässt sich leicht voraussehen, wenn jede Entscheidung, die man trifft, zweierlei Ursachen hat: zu viel Angst und zu viel Glück.

1916 schien Rock Harbor der ideale Ort zu sein, und ich war nicht die Einzige, die so dachte. In den Kriegsjahren verdienten alle gut.

»Diese Stadt ist auf Granit gebaut«, sagte Papa, als ich ihn an meinem ersten Schultag zu seiner allerersten Schicht in der Fabrik, der Flint Mill, begleitete. Er strich leicht über die Torpfosten. »Guter Stein. Neuenglischer Stein.« Papa war 1884 eingewandert, unter dem Arm die lange Metallkiste mit seinem Werkzeug und am Leib sämtliche Kleidungsstücke, die er besaß. Er war zehn Jahre älter als Mutter, und man sah es ihm am Gesicht an, auch an seinen sehnigen Armen. Er hatte die kompakte Statur eines Walisers, und mit seinen frisch geschnittenen Haaren sah er wirklich schick aus. Er fing alles gut an - obwohl es ihm sicher widerwärtig war, wie ihn Frau und Tochter keine Sekunde lang aus den Augen ließen.

Wir hatten beide Angst, ihn zu verlieren.

Von der Borden Highschool ging ich immer allein nach Hause, jeden Tag. Ich tat, als wäre es mir egal, aber innerlich fühlte ich mich hässlich und wie aussätzig. Ich war mitten im Schuljahr gekommen, und zu allem Überfluss hatten sie mich in die Zehnte gesteckt, eine Klasse höher, weil in Poughkeepsie die Schulen besser waren. Im Februar war ich fünfzehn geworden, aber ich sah immer noch jünger aus als die anderen. Den portugiesischen Mädchen wäre es nicht im Traum eingefallen, mit mir nach Hause zu gehen, und die Irinnen und Frankokanadierinnen klebten zusammen wie Pech und Schwefel. Unter meinen Klassenkameradinnen gab es keine, mit der ich mich unterhalten konnte.

In Poughkeepsie hatte ich so viele Verwandte in der Schule gehabt, dass ich mir nie neue Freundinnen suchen musste. Dass mich die Mädchen in meiner Klasse nicht...

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