Ab in die Wüste!

Mut zur Selbsterkenntnis - den Wüstenvätern abgeschaut
 
 
Kösel-Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 2. September 2013
  • |
  • 160 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10795-6 (ISBN)
 
Man musste schon ziemlich hartgesotten sein, um sich wie die Wüstenväter des 3. und 4. Jahrhunderts in die Einöde zurückzuziehen, dorthin, wo die bösen Geister lauerten. Wir kämpfen heute nicht mehr mit Dämonen wie einst die frommen Einsiedler in der ägyptischen Wüste. Aber die weisen Ratschläge, wie wir mit unseren Schatten umgehen lernen und zu uns selbst finden - im Wüstensand erprobt und geläutert -, können auch in unserer Zeit eine gute Richtschnur sein.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Kösel
  • 0,75 MB
978-3-641-10795-6 (9783641107956)
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Ein kleiner Schritt für Antonius, ein großer für die Menschheit

Ob sich der 24-jährige Antonius bewusst war, dass er eine geistige Revolution im Christentum entfachen würde, als er an einem Tag des Jahres 275 die Tür seines Hauses in seinem ägyptischen Heimatdorf Kome für immer hinter sich zuzog und hinaus in die Wüste ging? Wir dürfen annehmen, dass ihm diese Frage ziemlich egal war. Eine andere Frage stellten sich aber wahrscheinlich seine Dorfgenossen: Was will der Kerl da draußen in der Wüste? Ist er wahnsinnig? Bevor wir beim Wort Wüste in ekstatische Verzückungen geraten und im Geiste schon mit Antonius den grandiosen Sternenhimmel in der nächtlichen Wüste bewundern, sollten wir uns bewusst werden, was die Wüste für die alten Ägypter war bzw. nicht war: Sie war definitiv kein Rückzugsort zur Selbstfindung bei Stress. Es steht in den Sternen, ob ein Zeitgenosse des Antonius mit dem Begriff des Stresses etwas anzufangen gewusst hätte. Entbehrung, Hunger, Not, das kannte man, Stress dann doch eher nicht.

Die Wüste war der lebensfeindliche und bedrohliche Raum schlechthin. Wer dorthin ging, war entweder tot - die Rede vom Gehen ist hier zugegebenermaßen etwas unpassend - oder auf der Flucht. Leben fand entlang des Nils statt. Dort gab es Wasser, Felder und somit alles, was menschliches Leben ermöglichte. In der Wüste gab es Steine, Sand, kein oder kaum Wasser, keine Felder, dafür Dämonen, Tote und Verbrecher. Letztere suchte hier nämlich keiner mehr, denn dort zu leben war Strafe genug und für den zivilisierten Menschen gleichbedeutend mit tot zu sein.

Die positive Wirkung von Steuerforderungen

Und doch ging Antonius genau dorthin, wo kein vernünftiger Ägypter freiwillig hingegangen wäre, ins Land der Toten und der Verbrecher. Was trieb ihn, einen jungen und für seine Umgebung sogar relativ wohlhabenden Mann, hinaus in die Wüste? Antonius zählte in seinem Fellachendorf zu den Privilegierten. Seine Eltern starben, als er noch nicht ganz 20 Jahre alt war. Für ihn war das ein schwerer Verlust. Aber sie vererbten ihm ihre Ländereien; für die Dorfverhältnisse sogar relativ große Flächen. Antonius tat nun etwas, was doch eher selten vorkommt und bald seinem Ruf, ein Heiliger zu sein, zuträglich wurde: Er verschenkte den größten Teil des Erbes. Lediglich einen kleinen Teil hielt er für die Versorgung seiner minderjährigen Schwester zurück. Wenn wir dem heiligen Athanasius, Bischof von Alexandrien, glauben dürfen, der Mitte des 4. Jahrhunderts das Leben des Antonius aufschrieb, lag der Grund für diese eher ungewöhnliche Tat darin, dass Antonius im Gottesdienst in der Lesung die Stelle aus Markus 10,21 hörte, wo es heißt: »Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach.«

Die Lehre des Evangeliums, die der des Lesens und Schreibens unkundige junge Mann im Gottesdienst immer wieder hörte, hätte in ihm tiefe Spuren hinterlassen. So habe Antonius diesen Text als direkten Ruf Jesu an ihn verstanden und daher beschlossen, nicht nur besitzlos zu leben, sondern sich aus der Gemeinschaft in die Einsamkeit zurückzuziehen.

Dass das Verschenken seines Erbes indessen nicht nur der Treue zum Evangelium geschuldet gewesen sein könnte, sondern zudem profanere Gründe gehabt haben könnte, legt ein Blick aufs Steuersystem der damaligen Zeit nahe.

Antonius hatte eigentlich gar keine andere Wahl, als seine Äcker entweder selbst zu bestellen oder dem Dorf zur Verfügung zu stellen, denn der römische Kaiser Diokletian war mindestens so erfinderisch wie moderne Politiker, als es um die Sanierung seiner maroden Staatsfinanzen ging. Wo sparen nicht geht oder gewollt ist, müssen eben die Einnahmen steigen und das geschieht in der Regel durch Steuererhöhungen bzw. durch ein rigoroses Eintreiben der Steuerschuld. Die letztgenannte Methode perfektionierte Kaiser Diokletian. In Ägypten wurden die Steuern pro Dorf berechnet. Wenn das Dorf diese nicht begleichen konnte, hafteten die Reichsten mit ihrem Vermögen. Das Dorf konnte also unmöglich auf die Erträge der Felder von Antonius verzichten.

Diese Erklärung ist zwar nicht ganz so fromm, aber sie charakterisiert die Situation zur Zeit des Antonius recht gut. Wahrscheinlich legten ihm seine Nachbarn nahe, wenn er schon nicht mehr seiner Arbeit als Bauer nachgehen wolle, dann solle er doch wenigstens an die Dorfgemeinschaft denken, was er dann tat: ideell motiviert und unterstützt durch die Anweisung Jesu im Evangelium, alles um des Himmelreichs willen zu verschenken. Die Kombination aus steuerlichen Gründen und christlicher Besitzlosigkeit sollte in der Folgezeit für nicht wenige Wüstenbewohner der Antrieb für ein besitzloses Leben in der Wüste werden.

Ein spiritueller Bestseller

Antonius hielt jetzt nichts mehr in Kome. Er schloss, nachdem er seine minderjährige Schwester gut versorgt wusste, die Haustür hinter sich und wagte etwas, was vor ihm in Ägypten so noch keiner getan hatte, er ging freiwillig in die Wüste. Allerdings war er nicht ganz unvorbereitet. Denn noch während er in seinem Dorf lebte, suchte er sich einen Alten in der Nähe, der bereits seit langer Zeit streng asketisch lebte und ihn in diesen neuen way of life einführte. Wenn man den Berichten des Kirchenvaters Hieronymus (347-419) trauen darf, gab es nämlich doch einen, der schneller war als Antonius, der heilige Paulus von Theben. Aber da gibt es heute einige, die dem guten Hieronymus nicht trauen wollen und den Verdacht hegen, er habe die Geschichte des heiligen Paulus von Theben nur erfunden, weil ihn der gigantische Erfolg des Athanasius - das ist der Mann, der über den Einsiedler Antonius schrieb - gewurmt habe.

Jener Athanasius, um 295 in Alexandrien geboren und später dort Bischof, war mit seiner Biografie des Einsiedlers Antonius ein echter Bestseller gelungen. Von Ägypten bis Rom schrieben sich die Kopisten die Finger wund. Man riss ihnen die Exemplare förmlich unterm Federkiel bzw. Schilfrohr weg. So schön waren die vielleicht nicht immer historisch ganz korrekten, eher etwas verklärenden Beschreibungen der Taten des Antonius. Athanasius verfolgte jedoch mit dem Schreiben dieser »Biografie« nicht ganz uneigennützige Ziele. Zu gut war die Person des Antonius geeignet, um seine eigenen theologischen Vorstellungen nun durch den Mund eines so begnadeten und verehrten Mannes unters Volk zu bringen. Dennoch scheint Athanasius den hochbetagten Antonius tatsächlich selbst getroffen zu haben, als er selbst für einige Zeit in die Wüste ging.

Dass die Erzählungen nicht nur historische Tatsachen wiedergaben, störte die antiken Leser nicht im Geringsten; im Gegenteil, man erwartete von besonderen Menschen auch besondere Taten. Ob sie Christen oder Heiden waren, spielte dabei keine Rolle. Dies ist vermutlich der Grund, weshalb wir in allen antiken Erzählungen über große Männer (und die wenigen großen Frauen) doch recht ähnliche Wundertaten finden. Wundersame Heilungen, Dämonenkämpfe, Zähmungen wilder Tiere, das Beherrschen der Naturgewalten etc., all das gehörte zum Repertoire, das antike Leser von einem besonderen Mann zu hören erwarteten. Es gab also keinen Grund, weshalb Bischof Athanasius seine Leser enttäuschen sollte. Einige Leser und Leserinnen der Lebensbeschreibung des heiligen Antonius waren so von den Berichten gefesselt, dass sie sich gleich persönlich in die Wüste aufmachten, um die »Athleten Christi«, so eine geläufige Bezeichnung für die Asketen, vor Ort zu bewundern.

In Gräbern zu Hause

Aber alles der Reihe nach. Noch ist der junge Antonius gerade erst bis an den Wüstenrand gekommen und außer ihm sitzt noch kein weiterer »Athlet Christi« in der unendlichen Ödnis. Sie werden sich jetzt vielleicht fragen: Woher wissen wir, was dann geschah? Wenn Antonius ganz allein in der Wüste sitzt, dann hat das doch gar keiner mitbekommen! Einer scheint zumindest davon gewusst zu haben, denn schließlich musste der Neu-Mönch ja von etwas leben. Ein Freund kam ab und zu vorbei und brachte ihm etwas Essen. Wasser scheint es in der Umgebung gegeben zu haben.

Wo fand Antonius nun seinen ersten Unterschlupf in der Wüste? Wenn wir der Spur seines Freundes folgen, der ihn mit Essen versorgte, dann führt uns diese direkt vor eines der aufgelassenen altägyptischen Höhlengräber, deren Grabkammern recht geräumig sein konnten und von denen es viele gab. Das freiwillige Sich-Einschließen in eine Grabkammer für asketische Übungen war jedoch keine Erfindung des Antonius. Vor ihm übten sich schon die Priester des ägyptischen Gottes Serapis in dieser Kunst. Sie ließen sich zum Teil monatelang in Grab- oder Tempelkammern einschließen, ohne einen Strahl Sonnenlicht zu Gesicht zu bekommen.

Was in Antonius' Grab im Folgenden, besonders nächtens, passierte, schilderte sein Biograf, Bischof Athanasius, recht eindrücklich: Es begann ein Kampf auf Leben und Tod mit den Dämonen:

»Dann ging er in eines der Gräber hinein und blieb, nachdem jener [der Freund, der ihn mit Brot versorgte] die Türe hinter ihm geschlossen hatte, allein drinnen. Da hielt es der böse Feind nicht aus, er fürchtete, Antonius möchte in Kurzem auch die Wüste mit seiner Askese erfüllen, und so ging er in einer Nacht hin mit einer Schar von Dämonen und schlug ihn so heftig, dass er sprachlos vor Qualen auf dem Boden lag. Antonius versicherte nachher, die Schmerzen seien so grausam gewesen, dass man behaupten könne, Schläge von Menschenhand hätten niemals eine solche Pein verursacht. Durch Gottes Fürsorge aber - denn der Herr verlässt die nicht, welche auf ihn hoffen - erschien am nächsten Tage sein...

»Ceming versteht es, anschaulich, packend und anregend die ersten Jahrhunderte der Wüstenspiritualität Revue passieren zu lassen.«

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