Hier könnte ich zur Welt kommen

 
 
Insel (Verlag)
  • 2. Auflage
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  • erschienen am 11. März 2013
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  • 349 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-458-73044-6 (ISBN)
 
Vancouver Island, an einem kühlen Morgen im August: Eine junge Frau legt ein neugeborenes Kind auf einer Türschwelle ab und eilt davon. Das Mädchen erhält den Namen Shannon und findet bei der warmherzigen Miranda und ihrer Tochter Lydia-Rose ein Zuhause. Doch sie fühlt sich stets wie eine Fremde - von wem hat sie den blonden Lockenbusch auf dem Kopf, woher die kleine Statur?
Die Frage danach, woher sie kommt, und die drängende Sehnsucht nach ihrer Mutter lassen Shannon nicht los, und so macht sie sich mit sechzehn auf die Suche. Ihr Weg führt sie nach Vancouver Island. Dort hofft sie, das Geheimnis um ihre Mutter und ihre Familie zu ergründen - und stößt auf eine ergreifende Geschichte von wilden Herzen und leisem Schmerz, von unstillbarer Sehnsucht und der grenzenlosen Liebe einer Mutter zu ihrem Kind .
2. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 1,34 MB
978-3-458-73044-6 (9783458730446)
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Marjorie Celona wuchs auf Vancouver Island auf und lebt in Cincinnati, wo sie an der Universität lehrt.
Sie studierte am Iowa Writer's Workshop, ihre Kurzgeschichten erschienen in verschiedenen Magazinen.

Christel Dormagen, geboren 1943 in Hamburg, studierte Anglistik und Germanistik. Sie ist Übersetzerin für angelsächsische Literatur und außerdem als Journalistin für Rundfunk und Printmedien tätig. Christel Dormagen lebt in Berlin.

~ 2 ~


Der Mann hinten im Wagen ist mein Vater. Sein Bruder sitzt am Steuer und meine Mutter, die Hand auf ihrem Bauch, vorne neben ihm. Ihre Fruchtblase ist geplatzt, und Wasser sickert in den Sitz, läuft in kleinen Rinnsalen an ihren Schenkeln hinunter und dringt durch die dicke, raue Baumwolle ihres ölfleckigen Overalls. Der Bruder meines Vaters fährt einen rostigen roten 63er Mercury Meteor mit weißem Dach, der aussieht, als hätte ihn jemand mit einem Schlagstock bearbeitet. Die Heizung geht nicht, und mein Vater nimmt die mexikanische Decke, die über der zerfledderten Rückbank liegt, und legt sie meiner Mutter über die bebenden Schultern. Der Tacho geht auch nicht, weshalb der Bruder meines Vaters das Tempo nach Gefühl regelt. Er fährt gerne schnell. Einmal ist er so flott um eine Ecke geschossen, dass die Beifahrertür aufsprang und nur noch an einer Angel hing.

Hier sind sie also, in dieser Schrottmühle von Oldtimer, in jener Nacht, in der ich geboren werde: mein Vater Harrison, sein Bruder Dominic und meine Mutter Yula. Die Sonne ist untergegangen, und die Ledersitze sind feucht und rutschig von der Kälte. Yulas Bauch ist riesig, sie trägt schon seit einem Monat einen der schmierigen Overalls meines Vaters. Der Stoff kratzt auf ihrer Haut. Ihre Zähne klappern, und sie schreit auf, wenn Dominic in ein Schlagloch gerät. Der Wagen schaukelt und schlingert, als sie die Bergstraße des Mount Finlayson hinunterfahren. Yula stemmt die Füße gegen den Boden, um nicht nach vorne zu fallen; die Straße ist steil, und der Wagen hat keine Sicherheitsgurte. Sie spürt, wie sich warme Tränen in ihren Augen sammeln, und versucht sie zurückzudrängen. Sie muss sich konzentrieren. Für Gefühle ist keine Zeit. Dominic drückt das Gaspedal ganz durch, der Wagen ruckt in einen höheren Gang und schießt vorwärts. Yula beobachtet den Bruder aus den Augenwinkeln. Im Wagen ist es dunkel; das Armaturenbrett ist nicht beleuchtet, und auf diesem Straßenabschnitt gibt es keine Laternen. Aber sie kann die Umrisse seines Gesichts erkennen. Dominic ist ein hässlicher Mann mit einem rasierten Schädel – in jeder Hinsicht größer und hässlicher als Harrison. Zweimal hat er versucht, mit ihr zu schlafen. Er spürt, dass sie ihn anstarrt, dreht den Kopf zu ihr, öffnet den Mund, und sie sieht, wie seine dicke rosa Zunge über die Zähne streicht. Sein Atem riecht scharf und süß, wie Whiskey.

Im Auto gibt es noch einen Mitfahrer: meinen Halbbruder Eugene. Außer Sichtweite im Kofferraum verstaut. Meine Mutter betet, dass das Auto schneller fährt. Bis jetzt hat sie die Wehen kontrollieren können, doch plötzlich schießt ein stechender Schmerz aus ihrem Unterleib und zieht in Bauch und Rücken. Ihre Unterhose ist nass, und sie rutscht auf ihrem Sitz hin und her, um der grässlichen, kalten Nässe auszuweichen. Mein Vater legt ihr die Hände auf die Schultern und hält sie sanft. Ihr Körper zittert, sie erbricht sich auf ihren Overall, und Dominic tritt angewidert wieder das Gaspedal durch. Draußen fegt der Wind vorbei, und meine Mutter kippt gegen die Beifahrertür, während der Wagen die tückische Bergstraße hinunterschleudert, die wie eine Schlange durch diese kalte, dunkle Nacht gleitet.

Fünf Tage bevor meine Mutter mich zur Welt bringt, kniet sie vor einem Blumenbeet und jätet Unkraut. Es ist Spätsommer, sie ist achtzehn und seit siebeneinhalb Monaten schwanger. Ihr Vater Quinn sitzt mit verspiegelter Sonnenbrille in einem Liegestuhl und raucht Pfeife. Er hat ein rundes, pummeliges Gesicht, einen weißen Bart, der seine untere Kinnhälfte wie ein Steigbügel umarmt, und eine Hakennase. Er ruft Yulas Sohn Eugene etwas zu, der im Garten hin und her läuft und dabei über die Blumenbeete trampelt. Eugene jagt zu gern die eigensinnigen Hühner des Nachbarn und läuft hinter dem Rasenmäher her, wenn Harrison damit über das Gras kurvt.

Meine Eltern Yula und Harrison leben zusammen mit meinem Halbbruder Eugene in einer Kiefernholzhütte auf einem Areal, das an den Goldstream Provincial Park grenzt   – man fährt etwa zwanzig Minuten den Malahat Highway hinauf und dann in die Finlayson Road. Zwei Häuser stehen einander auf dem Grundstück gegenüber, mit dem Mount Finlayson im Hintergrund: eines davon ein Zedernholzbau mit Flachdach und bodentiefen Fenstern, inspiriert von Frank Lloyd Wright, mit viel Glas und der strengen Linienführung der Moderne; im Inneren sollen sichtbare Trägerbalken daran erinnern, dass das Holz einst Wald war, aus Wald besteht. Das ist das Haus meines Großvaters Quinn, eines pensionierten Fischers und Amateur-Comiczeichners, dessen linker Arm nach einem schweren Motorradunfall verstümmelt und nutzlos ist. Harrison und Yulas Heim liegt etwas fünfzehn Meter vom Fluss entfernt – eine kleine Hütte aus Küstenkiefernholz, mit einem Dach, auf dessen Nordseite dickes, grünes Moos wächst.

Quinn hat die Hütte für Yula gebaut, als Eugene geboren wurde – da war sie erst sechzehn –, hat Gras gesät, einen Kiesweg angelegt, der die beiden Häuser verbindet, und Rosen- und Rhododendronbüsche gepflanzt. Aber alles andere drum herum ist wild: riesige Balsampappeln und Erlen; sechshundert Jahre alte Douglasfichten; der Fluss, der entweder nach toten Ketalachsen stinkt oder von den lebendigen silbernen Lachsleibern auf dem Weg zum Laichen schimmert. Touristen wagen sich auf das Grundstück, wenn sie sich verirrt oder eine falsche Abzweigung auf dem Wanderweg erwischt haben, und der Nachbarhund Beater jagt ihnen mit seinem dumpfen Knurren einen Heidenschreck ein. Beaters Besitzer baut Marihuana an. Die anderen Nachbarn, Joel und Edwin, haben einen Schrottplatz, und ihr 4500 Quadratmeter großes Grundstück ist vollgestellt mit verrosteten Traktoren und Autos. Aber wer sieht die schon? Hier draußen sieht man ja nicht mal den Himmel.

»Yula«, ruft Quinn hustend und wedelt mit seinem funktionierenden Arm meinem Halbbruder zu. »Schaff dieses Kind aus meinen Rosen.«

An guten Tagen halten Quinn und Eugene einander für seltsame Möbelstücke, die Yula angeschleppt hat, damit noch mehr Gerümpel im Haus rumsteht. Eugene kommt sein Großvater vor wie ein Bücherregal, das vor dem Fenster steht und das Licht aussperrt, und für Quinn ist der Junge wie ein achtlos mitten ins Zimmer geschobener Schemel, eine Falle, etwas, worüber man stolpert und sich das Knie aufschürft. Und um sie herum wirbelt, wie ein Wedel auf der Jagd nach Staub, Yula, die sie mit Suppe versorgt und nicht begreift, wieso ihr Vater und ihr Sohn einander nicht so sehen können, wie sie die beiden sieht.

Heute sammelt Eugene Kellerasseln. Er wirft vier, fünf, sechs mit seinen kleinen Händen in ein Weckglas und schüttelt sie sanft. Er trägt einen Spielanzug, rote Gummistiefel und kein Hemd. Sein schwarzes Haar ist straff hinter die Ohren geklatscht. Während Yula Unkraut ausreißt und in einen Eimer hinter sich wirft, rennt Eugene zum Ende des Grundstücks, kriecht unter einen der Rhododendronbüsche und trampelt die hässlichen welken Blüten mit seinen Füßen in den Boden.

Quinn friemelt an seiner Pfeife herum und blickt in den Himmel. Snowbird-Flugzeuge donnern auf dem Weg zu irgendeiner städtischen Festivität über die beiden Häuser in Richtung Dallas Road. Die Jets sind so laut, dass er sich die Ohren zuhält. Er klopft mit dem Fuß gegen den Metallrahmen des Liegestuhls, hebt seine gute Hand und zeichnet mit dem Finger die Kondensstreifen nach. In seiner Tasche hat er ein Röhrchen mit Schlaftabletten; ein an Yula adressierter Abschiedsbrief wartet in einem Umschlag auf seinem Schreibtisch.

Mein Großvater Quinn. Wie kam es, dass er hier gelandet ist? Anfang der Sechziger sprang er, auf der Suche nach Romantik und Abenteuer, auf einen Güterzug gen Westen und endete in einem Fischerboot, mit dem er vor der Küste von Vancouver Island Schalentiere, Lachse und Heilbutt fischte. Einige Monate lang wohnte er im YMCA in Victoria, dann lernte er meine Großmutter kennen, eine Frau namens Jo, die ihn am Rand ihres Grundstücks, nicht weit von der Stelle, wo jetzt die Hütte meiner Eltern steht, in einem Airstream-Wohnwagen hausen ließ. Jo und Quinn unterhielten sich gern übers Schreiben; beide mochten James Thurber. Quinn träumte davon, eines Tages Cartoons im New Yorker zu veröffentlichen. Abends lasen sie einander auf der Veranda vor. Sie machten große Wanderungen durch die Wälder, und wenn der Weg breit genug war, hielten sie sich an den Händen. Manchmal war der Anblick des Mount Finlayson so überwältigend, dass sie kein vernünftiges Gespräch führen konnten. Einer der beiden oder alle beide waren dann vollkommen fasziniert von der Landschaft, und irgendwelche womöglich klugen Bemerkungen gingen einfach unter. Schließlich verkaufte Jo den Airstream-Wohnwagen, und Quinn zog ins Haus.

Meine Großmutter Jo war eine kleine Frau – kaum über einen Meter fünfzig –, knochig, mit einem langen, eleganten Hals und einem stets leicht vorgebeugten Kopf. Ihre kaffeebraunen Haare hatte sie kurzerhand auf Kinnlänge abgeschnitten, in ihren Augen mit den schweren Lidern funkelte Intelligenz. Sie hatte das Grundstück vor Jahren geerbt und lebte dort allein, bis Quinn aufkreuzte. Sie war eine sonderbare Frau, schwer einzuordnen – ägyptisch, dachten die Leute beim ersten Anblick. Morgens fuhr sie mit einem Kamm ungeduldig durch ihr Haar und wanderte dann in den Wald – in Männerflanellhemd und Kordhosen, die bis über ihre Wanderstiefel aufgerollt waren, in der Hand einen Becher mit dampfendem Kaffee. Sie hatte nur eine enge Freundin, Luella, und außer ihr und Quinn schien sie wenig an der Welt und ihren Menschen zu interessieren. »Ich passe nirgendwo rein«, sagte sie, »außer hier...

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