Pascual Duartes Familie

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. August 2018
  • |
  • 239 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-99112-4 (ISBN)
 

Mit »Pascual Duartes Familie« begann die Karriere des späteren Literaturnobelpreisträgers Camilo José Cela. Nach Cervantes »Don Quijote« das meistgelesene Buch der spanischen Literatur.

Pascual Duarte erzählt uns sein Leben aus seiner Gefängniszelle heraus, dort wartet er auf seine Hinrichtung. Pascual wächst in einem lieblosen Elternhaus in der spanischen Provinz auf. Sein Vater ist ein Schläger, seine Mutter Alkoholikerin - so wächst Pascual in einer lieblosen Umgebung auf und lässt für sein Erwachsenenleben nichts Gutes erahnen. Einzig die Frauen in seinem Leben, seine Schwester und seine Ehefrauen sind Lichtblicke in seinem Leben. Doch der aufbrausende Pascual stolpert von einem Unglück ins nächste, oft weiß er sich nicht anders als mit Gewalt zu wehren und so scheint sein Schicksal unausweichlich.


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Camilo José Cela (1916 - 2002) war ein spanischer Schriftsteller und erhielt 1989 den Nobelpreis für Literatur. Cela nahm zunächst auf Seiten Francos am Spanischen Bürgerkrieg teil, wurde aber später zu einem radikalen Gegner seiner Diktatur. Celas Werk umfasst neben Romanen und Gedichten, auch Essyas und Reisetagebücher.

Kapitel 1


Ich bin nicht schlecht, Herr, wenn es mir auch nicht an Gründen fehlte, es zu sein. Alle, die wir sterblich sind, tragen bei der Geburt die gleiche Haut. Und dennoch gefällt es dem Schicksal, wenn wir älter werden, uns zu verändern, als seien wir aus Wachs, und uns auf verschiedenen Wegen demselben Ziele, dem Tode, zuzuführen. Es gibt Menschen, die dürfen auf Blumen wandeln, während andere den Weg der Disteln und Dornen gehen müssen. Jene erfreuen sich eines steten Blicks und lachen ihrem Glück mit unschuldsvollem Gesicht entgegen. Die anderen sind den erbarmungslosen Sonnenstrahlen der Ebenen ausgesetzt und runzeln die Stirn, wie das kleine Raubzeug in der Verteidigung. Ein großer Unterschied ist zwischen dem, der sich schminkt und mit Kölnisch Wasser abreibt, und dem, der sich mit dem Schmuck von Tätowierungen begnügen muß, die nachher nicht mehr zu beseitigen sind .

Vor vielen Jahren schon - es sind mindestens fünfundfünfzig her - bin ich auf die Welt gekommen, in einem Dorf tief in der Provinz Badajoz. Zwei Meilen von Almendralejo war das Dorf entfernt, hingeduckt auf eine staubige Landstraße, völlig eben und schnurgerade wie ein Tag ohne Brot, endlos und gerade wie die Tage von einem, der zum Tode verurteilt ist, so grenzenlos lang, wie Sie zu Ihrem Glück es sich gar nicht vorstellen können .

Das Dorf war heiß und sonnig, ziemlich reich an Olivenbäumen und Schweinen (mit Verlaub!), seine Häuser so weiß gestrichen, daß mir heute noch die Augen schmerzen, wenn ich daran zurückdenke, mit einem Dorfplatz, der ganz mit Steinplatten ausgelegt war und einem schönen Brunnen mit drei Rohren mitten auf dem Platz. Als ich das Dorf verließ, war schon seit ein paar Jahren kein Wasser mehr aus den Rohren geflossen. Und doch, wie leicht, wie elegant erschien uns allen der Brunnen mit der Figur des nackten Kindes obendrauf und dem Rand des Brunnenbeckens, geriffelt wie die Pilgermuscheln. Am Dorfplatz lag die Bürgermeisterei, groß und rechteckig wie eine Tabakskiste, mit einem Turm in der Mitte und in dem Turm eine Uhr, weiß wie eine Hostie, deren Zeiger immer auf neun standen, als wenn das Dorf die Uhr nur zur Zierde brauchte. Im Dorfe gab es natürlich gute Häuser und schlechte. Die letzteren waren, wie das bei allen Dingen so ist, in der Mehrzahl. Eines, das zweistöckig war und Don Jesús gehörte, war ganz besonders schön, mit seinem Empfangszimmer, das ganz mit Fliesen ausgelegt war und voller Blumentöpfe stand. Don Jesús war immer sehr für grüne Pflanzen. Mir kam es vor, als habe er seiner Haushälterin befohlen, die Geranien, Heliotropen, die Palmen und Minzen mit der gleichen Zärtlichkeit zu pflegen, als seien es seine Kinder. Denn die Alte lief immer mit einem Schöpflöffel in der Hand herum und begoß die Töpfe mit einer Miene, für die ihr die Pflanzen ohne Zweifel dankbar waren, so üppig wucherten sie, so grün waren sie. Das Haus von Don Jesús lag auch am Dorfplatz, und es unterschied sich von allen anderen, abgesehen durch all das Schöne, von dem ich schon erzählte, besonders in einem Punkt, in dem ihm alle anderen überlegen waren; und das trotz des vielen Geldes, das der Herr sonst bedenkenlos ausgab: in der Hausfront, die in der natürlichen Farbe des Steines gehalten war, was doch so gewöhnlich aussieht. Es war gar nicht geweißt, wie das des Ärmsten im Dorf. Nun, er wird seine Gründe gehabt haben. Über dem Portal war ein Wappen in den Stein gehauen, das, wie man sich erzählte, großen Wert besaß. Es stellte zwei alte Ritterköpfe dar, mit Helm und Federbusch, von denen der eine nach Osten, der andere nach Westen schaute, als wollten sie den Anschein erwecken, sie wachten über das, was von der einen oder anderen Seite kommen könnte. Hinter dem Platz an der Seite, wo das Haus von Don Jesús lag, war die Kirche mit ihrem steinernen Turm und der kleinen Glocke, deren Klang ich nicht beschreiben kann, den ich aber jetzt im Ohr habe, als würde sie hier um die Ecke geläutet . Der Glockenturm war ebenso hoch wie der Uhrturm, und im Sommer, wenn die Störche kamen, dann wußten sie immer, in welchem Turm sie das Jahr zuvor ihr Nest gebaut hatten. Der lahme Storch, der noch zwei Winter überlebte, war aus dem Nest vom Glockenturm, von wo er als ganz kleines Tier einmal heruntergefallen war, weil er sich vor dem Sperber erschreckt hatte.

Mein Haus lag außerhalb des Dorfes, etwa zweihundert große Schritte vom letzten der eigentlichen Siedlung entfernt. Es war eng und alle seine Räume lagen zu ebener Erde, meinem Stande entsprechend. Aber ich habe es doch lieb gewonnen, und es gab sogar Zeiten, wo ich stolz darauf war. In Wirklichkeit war das einzige, was sich vom Haus sehen lassen konnte, die Küche, der erste Raum, den man betrat, immer sauber und tadellos geweißt. Der Fußboden war zwar nur aus Lehm, aber er war so schön festgetreten, und die Kieseln darin gaben ein so feines Muster ab, daß er in nichts den vielen anderen nachstand, die der Besitzer auszementieren ließ, weil er sich fortschrittlich dünkte.

Der Herd war groß und sauber. Um den Rauchfang herum lief ein Gestell mit Keramik darauf als Zierde, Krügen mit blau aufgemalten Bildern, Tellern mit blauen oder orangefarbenen Zeichnungen. Einige davon zeigten ein Gesicht, andere eine Blume, wieder andere einen Namenszug oder einen Fisch. An den Wänden hing Verschiedenes: ein sehr hübscher Kalender, der ein junges Mädchen zeigte, das sich in einem Boot Luft zufächelte, und unter dem in Buchstaben von Silberstaub zu lesen war »Modésto Rodríguez«, feine Spezereien, Mérida (Badajoz), dann ein Bildnis in Farben vom »Espartero« im Torerokostüm, und drei oder vier Fotografien, die einen klein, die anderen größer, von, ich weiß nicht, wem. Ich sah sie immer am gleichen Platz hängen, und ich habe nie daran gedacht, danach zu fragen. Auch eine Weckuhr hatten wir an der Wand hängen, und das will etwas heißen. Sie funktionierte immer, wie Gott es befahl. Dann war da noch ein Nadelkissen aus rotem Plüsch, in dem einige hübsche Nadeln mit farbigen Glasknöpfen steckten. Die Einrichtung der Küche war so knapp wie sie einfach war: drei Stühle, davon einer besonders gut mit gedrechselter Lehne und geschwungenen Beinen und einem Rohrsitz. Ein Tisch aus Tannenholz mit einer Schublade, der für die Stühle etwas niedrig war, aber doch seinen Dienst tat. In der Küche ließ es sich gut sein. Sie war bequem, und im Sommer, wenn der Herd nicht brannte, war es auf den Herdsteinen köstlich frisch, wenn wir gegen Abend die Türen weit öffneten. Im Winter war es durch die Glut fein warm. Manchmal, wenn man aufpaßte, glimmte sie die ganze Nacht über weiter, und wie unterhaltend war es, unsere Schatten an der Wand zu sehen, wenn ein paar Flammen hochschlugen! Sie kamen und gingen, mal langsam, mal sprunghaft, wie im Spiel. Ich erinnere mich, daß sie mir als kleines Kind Furcht einflößten, und noch jetzt, als Erwachsener, läuft es mir den Rücken herunter, wenn ich an jene Ängste zurückdenke.

Es verlohnt sich nicht, den Rest des Hauses zu beschreiben, so armselig war es. Wir hatten noch zwei Wohnräume, wenn man sie, angesichts der Tatsache, daß sie bewohnt wurden, so nennen will, und den Stall, von dem ich heute manchmal nicht weiß, warum wir ihn so nannten, so leer und vernachlässigt war der Raum. In einem der Zimmer schliefen meine Frau und ich, in dem anderen meine Eltern, bis Gott oder vielleicht der Teufel sie sich holten. Nach ihrem Tode stand der Raum immer leer, anfangs, weil niemand da war, der ihn hätte bewohnen können, und später, als jemand da war, weil dieser Jemand immer die Küche vorzog, die heller war und nicht so zugig. Wenn meine Schwester zu Besuch kam, schlief sie immer dort, und auch die Kinder, wenn welche da waren, strebten dorthin, sobald sie der Mutterbrust entwachsen waren. In der Tat waren die Wohnräume nicht sehr sauber und auch nicht gut gebaut Andererseits konnte man sich nicht beklagen: sie boten, was die Hauptsache ist, Schutz vor den Wolken der Weihnachtszeit, und man war in ihnen, soweit man es verdiente, vor der stickigen Hitze des Augusts sicher. Der Stall war das Schlimmste. Er war düster und dunkel, und an seinen Mauern klebte der gleiche Geruch nach totem Tier, der an den Felswänden im Monat Mai emporsteigt, wenn die verendeten Tiere zu verwesen anfangen und dann von den Raben gefressen werden .

Seltsam, wenn ich als junger Bursche diesen Geruch vermißte, stand ich Todesängste aus. Ich entsinne mich jener Reise nach Madrid, wo ich mir die Gärten ansehen wollte. Den ganzen Tag, den Gott geschaffen hatte, war ich nicht in Stimmung und sicherte wie ein Jagdhund. Als ich mich abends in der Herberge niederlegte, drang mir der Geruch meiner Manchesterhose in die Nase. Das Blut erhitzte mir den ganzen Körper . Ich schob das Kissen beiseite, legte den Kopf auf die zusammengerollte Hose und schlief danach wie ein Stein.

Im Stall hatten wir einen abgetriebenen und mageren Schindesel stehen, der uns bei der Erntearbeit half. Ging es uns gut, was, um bei der Wahrheit zu bleiben, nicht immer der Fall war, hielten wir auch zwei oder drei Schweine (mit Verlaub!). Hinter dem Hause war ein Gehege, eine Art Hof, nicht allzu groß, aber es tat uns gute Dienste. Darin war ein Brunnen, den wir später zuschütten mußten, da das Wasser schlecht war.

Hinter dem Gehege lief ein Bach entlang. Er war nie sehr voll, oftmals halb trocken, schmutzig und stinkig wie eine Rotte Zigeuner. Man konnte in ihm schöne Aale fangen, und ich habe das auch an manchem Nachmittag getan, um mir die Zeit zu vertreiben. Meine Frau, die trotz allem noch Witz hatte, sagte immer: die Aale seien so rund, weil sie dasselbe äßen wie Don Jesús, nur einen Tag später. Ging ich zum Angeln, so verflogen mir die Stunden rasch, daß es fast immer spät am Abend war, ehe ich meine...

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