Sommer in der Toskana

Eine italienische Liebe
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. März 2015
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-98229-0 (ISBN)
 
Die Literaturagentin Mia beauftragt Dario, ein Buch über seine Heimat Chianti und ihren berühmten Wein zu schreiben. Per E-Mail teilt er mit Mia Anekdoten aus seiner Jugend und Erinnerungen an Freunde. Wie von allein entsteht so ein Buch über das Leben in der Toskana, und mit jeder Nachricht wächst auch Darios Interesse an der Frau, der er so viel offenbart und die doch so wenig von sich selbst preisgibt.
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  • 2,39 MB
978-3-492-98229-0 (9783492982290)
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2.


Auf der Jagd nach der Erinnerung


Ich werde wieder wach, später am Vormittag; das Gefühl der Übelkeit ist nahezu gänzlich verschwunden. Sogar ein leichtes Mittagessen kann ich genießen. Während ich das Geschirr abspüle, verspüre ich plötzlich das Bedürfnis nach einer langen Tour durch den Wald, um mich gänzlich zu regenerieren.

Schnell schlüpfe ich in meine Laufschuhe, eine kurze Hose und ein Shirt und stürme begeistert zur Tür hinaus. Es ist ein herrlicher, frischer Herbsttag, der zu Aktivitäten im Freien einlädt. Für mich ist laufen nicht nur ein Weg, meinen Körper zu entgiften, sondern gleichzeitig eine einzigartige Gelegenheit, meinen Kopf von Müll zu befreien. Es ist nicht ungewöhnlich, dass mich, während ich allein durch die Landschaft jogge, unerwartete Inspirationsschübe heimsuchen - Ideen, Überlegungen, die ich später zu Papier bringe, in Gesellschaft eines anständigen roten Tafelweins, entweder auf meiner Terrasse oder, in der kälteren Jahreszeit, vor dem knisternden Kamin.

Heute muss ich während des Laufens über das Angebot der amerikanischen Agentin nachdenken. Ich kann es kaum abwarten; die körperliche Anstrengung wird mir helfen, mein Bewusstsein zu klären und herauszufinden, ob ich bereit - und in der Lage - bin, den Wunsch des Verlegers zu erfüllen.

Ich drehe den Zündschlüssel meines alten Fiat, und sobald der Motor zum Leben erwacht, stelle ich das Radio auf den toskanischen Klassiksender ein, Radio Toscana Classica, gerade rechtzeitig, um eine Übertragung von Qual occhio al mondo aus Puccinis Tosca zu hören, gesungen von der unsterblichen Maria Callas und dem großartigen Tenor Giuseppe Di Stefano. Minuten später, das Duett hat seinen Höhepunkt erreicht, parke ich den Wagen an einer holprigen, unbefestigten Straße in der Nähe eines alten, verlassenen Dorfes.

Hier, bei diesem verwunschenen Nest, dessen letzte Einwohner vor etwa zehn Jahren verstorben sind und das mit der Zeit mehr und mehr verfällt, laufe ich oft los. Der Verfall erstreckt sich auf eine Reihe bröckeliger Häuser, die den Ortskern bilden. Sie stehen um einen großen Platz mit einem alten Backsteinbrunnen in der Mitte. Auf einer Seite befindet sich eine kleine, namenlose Kapelle, unter deren undichten Dachziegeln eine Taubenkolonie Einzug gehalten hat. Ihr unablässiges Geflatter durchdringt hallend die Stille.

Ich springe über eine rostige Kette, von der ein BETRETEN-VERBOTEN-Schild hängt, das, so habe ich vor langer Zeit beschlossen, für mich nicht gilt. Hier beginnt mein üblicher Weg. Er führt mich durch ein unbestelltes Feld, an dessen Rändern zwei heruntergekommene Scheunen voller landwirtschaftlicher Geräte und schlammverkrusteter Traktoren stehen und vom trostlosen Niedergang sprechen.

Schließlich tauche ich in einen dunklen Eichenwald ein. Die Luft wird dick und klamm, und der weiche, feuchte Untergrund rechts und links von mir ist mit Flechten und Pilzen bedeckt. Ich hinterlasse meine Fußspuren inmitten zahlreicher anderer - Hufabdrücke von Rehen, Hirschen und Wildschweinen. Gelegentlich stoße ich auf einen eleganten, schwarz-weiß-gestreiften Stachel, der einmal einem der hier heimischen Stachelschweine gehörte.

Es gelingt mir, eine gleichmäßige Geschwindigkeit beizubehalten, während ich mich weiter in meinen Kopf zurückziehe und in meinen Erinnerungen grabe, um mir ins Gedächtnis zu rufen, dass der Wein schon während meiner Kindheit eine stete Hauptrolle gespielt hatte - selbst als ich noch in England lebte, auf dieser kalten nördlichen Insel, auf der es kaum Wein oder gar eine Weinkultur gibt.

Mein Vater hatte Önologie studiert, wurde Weinhändler und machte es sich zur Lebensaufgabe, den Briten die alten Traditionen des edlen bacchantischen Nektars nahezubringen. Im Laufe zweier Jahrzehnte importierte er Millionen Kisten italienischen Weins, die er in sämtlichen Ecken des Vereinigten Königreiches vertrieb.

Bei meiner Geburt, die in einer Klinik in Wimbledon stattfand, wurde ich, da bin ich mir ganz sicher, mit einem begeisterten brindisi begrüßt. Mein Vater muss sehr stolz gewesen sein, dass sowohl mein Einstand als auch der meines Bruders (mittlerweile selbst ein angesehener Önologe) mit historischen Ernten für einen der größten italienischen Weine zusammenfiel, der in seiner Heimatgegend, dem Piemont, hergestellt wird: den Barolo.

Ich laufe weiter mit gleichmäßigen Schritten den Weg entlang, nehme den intensiven Pilzgeruch sich zersetzender Blätter in mir auf; dann wird die dichte Vegetation plötzlich licht, und ich finde mich unter einem ungetrübten blauen Himmel wieder. Wie durch Zauberei wird die Luft trocken und kühl, und die Sonne ergießt sich ungehindert über das Dach eines prächtigen Kolonialhauses, das traurigerweise verlassen und somit dem Verfall anheimgegeben ist. Eine seiner ehemaligen Wände ist von einem krummen, alten Feigenbaum überwuchert, der während der Erntezeit immer noch reife, saftige Früchte im Überfluss liefert. Ich habe dieses altehrwürdige Gebäude offiziell zum Haus meiner Träume ernannt; leider steht es nicht zum Verkauf. Doch sollte es der Besitzer eines Tages auf dem Immobilienmarkt anbieten, würde ich mein Bestes tun, seine Preisvorstellungen zu erfüllen.

Ich versuche, einen regelmäßigen Atemrhythmus beizubehalten, atme durch die Nase ein und durch den Mund aus; und in der Zwischenzeit ordne ich die fernen Erinnerungen an meine Kindheit, versuche ich, mir meine allerersten Erfahrungen mit Wein zu vergegenwärtigen.

Meine Mutter stammt aus der Toskana, der einzigen Region in Italien, die sich hinsichtlich der Weinproduktion mit dem Piemont messen kann. Aus der Ehe zwischen einem Piemonteser und einer Toskanerin mussten folgerichtig kleine Weinliebhaber hervorgehen. Deshalb ist es auch kaum verwunderlich, dass unter den ersten Worten, die ich lernte, obwohl ich meine ersten Lebensjahre in England verbrachte, die Namen der bedeutendsten Rebsorten waren, die in der Heimat meiner Eltern wachsen: Sangiovese und Nebbiolo.

Langsam verspüre ich die ersten Anflüge von Müdigkeit; meine Schweißdrüsen arbeiten auf Hochtouren, mein Shirt wird feucht, nasse Flecken bilden sich unter den Armen. Trotzdem behalte ich meine Geschwindigkeit bei, ein Auge auf den Boden unter mir gerichtet, für den Fall, dass ich unvermutet auf eine der giftigen Vipern stoße, die um diese Jahreszeit gern zusammengerollt in der Sonne liegen. Von Natur aus scheu, halten sie sich in den heißen Sommermonaten versteckt, doch wenn die Temperaturen zurückgehen und sie selbst langsam und benommen werden, ist es nicht ungewöhnlich, über eine von ihnen zu stolpern, die die letzten Strahlen lebensspendenden Sonnenlichts aufsaugt, bevor sie in die Winterstarre verfällt.

Der schmale Weg geht jetzt abrupt in einen steilen Abhang über, bis er sich in eine Art Gerölllawine verwandelt, die am Fuß des Tals endet, ganz in der Nähe eines kleinen Sees. Ein großer Fischreiher, gestört durch meine Anwesenheit, flattert auf, wobei er mit seinen Flügelspitzen die Wasseroberfläche peitscht. Heute sind keine Wildschweine zu sehen, obwohl das hier eine der Stellen ist, an denen man manchmal auf eine ganze Herde stößt, die hier ihren Durst stillt - furchterregende Biester, denen ich für gewöhnlich völlig gleichgültig bin, meist heben sie kaum ihre struppigen Köpfe.

Ich tauche wieder in den Wald ein und folge einem schmalen Bachlauf, der während der Sommermonate komplett austrocknet. Allmählich steigt der Weg an. Er führt zu einem dritten verlassenen Bauernhof, dessen Eingang nicht mehr auszumachen ist: Die Tür wurde von der gefräßigen Natur verschluckt.

Dieses Gebäude ist nicht so ansprechend wie die klassischen Kolonialhäuser des Chianti-Gebiets, weil die typischen Steinwände von den letzten Besitzern, die in den 1970ern hier lebten, mit einer Schicht fader weißer Farbe versehen wurden. Offenbar hatten sie versucht, jede Spur ihres bäuerlichen Erbes zu übertünchen.

Wenn ich als Kind meinen Vater zu seinem Auslieferungslager im Norden Londons begleitete, hatte ich großen Spaß daran, über den riesigen Hof zu streifen. Ich war an den Paletten hinaufgeklettert, auf denen Tausende von Weinkisten aus allen Teilen der italienischen Halbinsel gestapelt waren. Im Nu waren mir die Namen der italienischen Weine und ihrer Hersteller vertraut, und während meine Freunde Fußballkarten tauschten, vergnügte ich mich damit, die Weinetiketten von den Lieferanten der Italvini GmbH zu sammeln und in ein spezielles Album zu kleben.

Jetzt habe ich die Strecke zur Hälfte hinter mir; ich erkenne schon den vernachlässigten Olivenhain, der das Bauernhaus umgibt. Die Bäume gehören dringend geschnitten. An der Grenze des Anwesens stehen Brombeer- und Besenginsterbüsche, in denen ganze Fasanenfamilien leben, die nun, als ich auf sie zulaufe, entsetzt und mit heiserem Protestgeschrei auseinanderstieben.

Ein Stück weiter passiere ich eine heruntergekommene, nicht mehr benutzte Scheune, in der bis vor gar nicht langer Zeit Truthähne gehalten wurden. Der Weg führt weiter hügelan. Mein Atem geht stoßweise, und ich muss vor Anstrengung die Zähne zusammenbeißen. Nachdem ich den Olivenhain umrundet habe, geht es in ein Wäldchen aus Kastanien und Pappeln. Hier wird mir der Weg von einer rostigen Metallkette versperrt - über die ich leider nicht mehr wie früher mit einem lässigen Sprung hinwegsetzen kann. Ich muss anhalten und ein Bein nach dem anderen hinüberschwingen.

Während meiner frühen Kindheit in London hatte ich meine Tage damit verbracht, all die Dinge zu tun, die ein typisches englisches Kind tut. Ich ernährte mich...

»Wer entspannen und seine Seele baumeln lassen möchte, dem sei >Sommer in der Toskana< wärmstens ans Herz gelegt.«, Loveletter

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