Das Land des Lachens

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. September 2021
  • |
  • 368 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-26219-8 (ISBN)
 
Als Sohn des ebenso erfolgreichen wie egozentrischen Schauspielers Stephen Abbey hatte Thomas eine schwierige Kindheit. Sein einziger Trost war das Buch »Das Land des Lachens« des früh verstorbenen Autors Marshall France, das er stets bei sich trug wie andere Kinder ihre Kuscheltiere. Inzwischen arbeitet Thomas als Englischlehrer in einer kleinen Stadt in Connecticut. Sein Job langweilt ihn, er hat nur wenige Freunde und sein Liebesleben existiert quasi nicht - nur Marshall France und seine Bücher bringen ein wenig Licht ins graue Einerlei. Eines Tages beschließt Thomas, eine Biografie über seinen Lieblingsautor zu schreiben und fährt nach Galen, Missouri, wo France ein zurückgezogenes Leben führte. Dort begegnet er nicht nur der exzentrischen Saxony, sondern auch einer Dorfgemeinschaft, die ein magisches Geheimnis zu hüten scheint. Ein Geheimnis, das mit Marshall France´ Büchern zu tun hat ...
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Heyne
  • 1,61 MB
978-3-641-26219-8 (9783641262198)
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Jonathan Carroll wurde 1949 in New York City als Sohn eines Drehbuchautors und einer Schauspielerin geboren. Er studierte an der Rutgers University in New Jersey und schloss sein Studium mit Auszeichnung ab. Kurz darauf zog er nach Wien, wo er an der American International School unterrichtete. Mit seinem ersten Roman »Das Land des Lachens« gewann er so prominente Fans wie Stephen King und Michael Ende. Zahlreiche Romane und Erzählungen folgten, für die Jonathan Carroll mit dem British Fantasy Award und dem Bram Stoker Award ausgezeichnet wurde. Der Autor ist verheiratet und hat einen Sohn.

2

Immer, wenn mein Vater einen Film abgedreht hatte, sagte er, er würde nie wieder in einem mitspielen. Aber das war völliger Quatsch, wie das meiste, was er sagte. Denn kaum hatte er sich für ein paar Wochen erholt und sein Agent für ihn einen neuen lukrativen Vertrag ausgehandelt, stand er wieder unter den Scheinwerfern, um zum dreiundvierzigsten Mal ein triumphales Comeback zu feiern.

Nach vier Jahren als Lehrer war ich nun ebenfalls an diesem Punkt angelangt. Zeugnisse, Fakultätstreffen, Basketballtraining mit Neuntklässlern - das alles hing mir zum Hals raus. Meine Erbschaft hätte es mir erlaubt, zu tun, was ich wollte, aber um ehrlich zu sein, hatte ich gar keine Vorstellung davon, was ich stattdessen tun sollte. Korrektur: Ich hatte eine sehr genaue Vorstellung, doch das war ein Hirngespinst. Ich war kein Schriftsteller, ich verstand nichts vom Recherchieren und hatte noch nicht einmal alles gelesen, was er geschrieben hatte - dabei war es gar nicht so viel.

Mein Traum war es, eine Biografie von Marshall France zu schreiben, dem wunderbaren und sehr mysteriösen Autor der schönsten Kinderbücher der Welt. Bücher wie Das Land des Lachens und Der Sternenteich, die mir im Laufe meines dreißigjährigen Lebens immer wieder geholfen hatten, nicht den Verstand zu verlieren.

Das war das einzige Mal, dass mir mein Vater wirklich etwas Gutes getan hat. Zu meinem neunten Geburtstag - ein schicksalhafter Tag! - schenkte er mir ein rotes Kinderauto mit echtem Motor, das ich vom ersten Moment an hasste, einen Baseball mit der Aufschrift »Vom größten Fan deines Vaters, Mickey Mantle« und, ganz sicher nur als Anhängsel, die Shaver-Lambert-Ausgabe von Das Land des Lachens mit den Van-Walt-Illustrationen. Ich habe sie immer noch.

Ich setzte mich in das Auto, um meinen Vater nicht zu enttäuschen, und las das Buch in einem Rutsch durch. Und las es wieder und wieder. Als ich es nach einem Jahr immer noch nicht aus der Hand legen wollte, drohte mir meine Mutter damit, Dr. Kintner anzurufen, meinen sündhaft teuren Analytiker, und ihm zu sagen, ich verhielte mich nicht »kooperativ«. Wie es damals so meine Art war, ignorierte ich sie einfach und blätterte die Seite um.

»Das Land des Lachens war von Augen hell, die sahn das Licht, das keiner sah.«

Ich dachte, dass jeder Mensch auf der Welt diese Worte kennen musste. Ich sang sie mir unaufhörlich vor, mit jener leisen, intimen Stimme, mit der Kinder Selbstgespräche führen, wenn sie allein und glücklich sind.

Da ich nie rosa Häschen oder Plüschhunde brauchte, um nächtliche Spukgestalten oder kinderfressende Ungeheuer abzuwehren, erlaubte mir meine Mutter schließlich, das Buch mit mir herumzutragen. Wahrscheinlich war sie gekränkt, weil ich sie nie bat, mir daraus vorzulesen. Aber inzwischen war ich so stolz darauf, Das Land des Lachens zu besitzen, dass ich es noch nicht einmal mit der Stimme eines anderen Menschen teilen wollte.

Heimlich schrieb ich France einen Brief, der einzige Fanbrief, den ich je geschrieben habe. Und ich war überglücklich, als er mir antwortete.

Lieber Thomas,

Die Augen, die im Land des Lachens leuchten,

Sehn Dich und blinzeln Dir zum Dank.

Dein Freund

Marshall France

Ich ließ Frances Brief rahmen, als ich auf die Prep School kam, und auch jetzt sah ich ihn mir noch an, wenn ich ein wenig Seelenruhe brauchte. Seine Handschrift war eine krakelige Kursive, deren g tief unter die Zeile reichte und bei der die Buchstaben innerhalb der Wörter oft nicht zusammenhingen. Der Brief war in Galen, Missouri, abgestempelt, wo France die meiste Zeit seines Lebens verbracht hatte.

Ich wusste noch mehr solcher Details über ihn. Ich konnte einfach nicht widerstehen, ein bisschen Amateurdetektiv zu spielen. France starb mit vierundvierzig an einem Herzanfall, war verheiratet und hatte eine Tochter namens Anna. Er hasste Publicity, und nach dem Erfolg seines Buches Die Trauer des grünen Hundes verschwand er mehr oder weniger von der Bildfläche. Eine Zeitschrift brachte einmal einen Artikel über ihn - mit einem Foto von seinem Haus in Galen. Das Haus war eines jener herrlichen alten viktorianischen Monster, die an eine durchschnittliche Kleinstadtstraße mitten im mittleren Amerika gestellt worden waren. Immer wenn ich solche Häuser sah, musste ich an den Film meines Vaters denken, in dem dieser Typ aus dem Krieg heimkommt, nur um an Krebs zu sterben. Da sich die Handlung überwiegend im Wohnzimmer und auf der vorderen Veranda abspielte, nannte mein Vater den Film Krebshaus. Er spielte ein Vermögen ein und brachte meinem Vater eine weitere Oscarnominierung.

Im Februar, dem Monat, in dem Selbstmord für mich immer einen gewissen Reiz hat, nahm ich in einer meiner Klassen Poe durch - und das gab den Anstoß zu meinem Entschluss, für den kommenden Herbst zumindest eine Beurlaubung zu beantragen, bevor ich endgültig durchdrehte. Ein durchschnittlicher Schwachkopf namens Davis Bell sollte ein Referat über Der Fall des Hauses Ascher halten. Er stellte sich vor die Klasse und sagte Folgendes: »Edgar Allan Poe war Alkoholiker und heiratete seine jüngere Cousine.« Das hatte ich ihnen vor ein paar Tagen erzählt, in der Hoffnung, ihre Neugier zu wecken. Aber hören wir weiter: ». seine jüngere Cousine. In diesem Haus, äh, ich meine, in dieser Story geht es um einen sehr interessanten Fall .«

»Einen Kriminalfall?«, hakte ich nach, auf die Gefahr hin, seinen Klassenkameraden, die die Geschichte ebenfalls nicht gelesen hatten, die Handlung zu verraten.

»Jaaa, einen Kriminalfall.«

Es war Zeit, die Zelte abzubrechen.

Grantham überbrachte mir die Neuigkeit, dass mein Gesuch angenommen worden war. Wie immer legte er mir, nach Kaffee und Fürzen riechend, den Arm um die Schultern. Dann fragte er mich, während er mich zur Tür schob, was ich denn mit meinem »kleinen Urlaub« anzufangen gedächte.

»Ich denke daran, ein Buch zu schreiben.« Ich sah ihn nicht an, weil ich befürchtete, er würde das gleiche Gesicht machen, das ich machen würde, wenn einer wie ich mir gerade gesagt hätte, er wolle ein Buch schreiben.

»Das ist ja großartig, Tom! Eine Biografie Ihres alten Herrn?« Er legte den Finger auf den Mund und sah sich theatralisch um, als ob die Wände Ohren hätten. »Sie können ganz unbesorgt sein. Ich sage niemandem ein Sterbenswörtchen, das verspreche ich. So was ist heutzutage absolut in, wissen Sie. Weltstars ganz privat und so. Aber vergessen Sie nicht, ich will ein signiertes Exemplar, wenn es herauskommt.«

Es war wirklich Zeit, die Zelte abzubrechen.

Der Rest des Wintertrimesters verging schnell, und die Osterferien kamen fast zu früh. Während der freien Tage war ich mehrmals drauf und dran, alles wieder abzublasen, denn der Gedanke, mich mit einem Projekt, bei dem ich noch nicht einmal wusste, wie ich es anfangen, geschweige denn vollenden sollte, ins Ungewisse zu stürzen, war alles andere als ermutigend. Aber mein Nachfolger war schon eingestellt, ich hatte mir einen kleinen Kombi für die Fahrt nach Galen gekauft, und die Schüler zerrten weiß Gott nicht an meinen Rockschößen, um mich zurückzuhalten. Also dachte ich mir: Egal, wie es ausgeht, es wird mir auf alle Fälle guttun, von Davis Bell, Furz Grantham und der ganzen Bande wegzukommen.

Doch dann geschahen einige merkwürdige Dinge.

Eines Nachmittags stöberte ich in einem Antiquariat, als ich auf dem Ladentisch die Alexa-Ausgabe von Frances Pfirsichschatten mit den Originalillustrationen von Van Walt liegen sah. Aus irgendeinem Grund war das Buch seit Jahren vergriffen - und ich hatte es noch nicht gelesen.

Ich stolperte hinüber, wischte mir die Hände an den Hosen ab und nahm das Buch ehrfürchtig vom Tisch. Dann merkte ich, dass mich ein Gnom, der aussah, als hätte man ihn in Talkum gewendet, von der Ladenecke aus beobachtete.

»Ist das nicht ein herrliches Exemplar? Jemand ist neulich aus heiterem Himmel hier aufgetaucht und hat es mir auf den Tisch geknallt.« Er hatte einen Südstaatenakzent und wirkte auf mich wie jemand, der mit seiner toten Mutter in einer heruntergekommenen Villa lebt und unter einem Moskitonetz schläft.

»Es ist fantastisch. Was kostet es denn?«

»Oh, tut mir leid, aber es ist schon verkauft. Eine echte Rarität. Wissen Sie, warum es nicht mehr zu haben ist? Weil Marshall France es nicht mochte und irgendwann keine Neuauflage mehr zuließ. War schon ein komischer Kauz, dieser France.«

»Könnten Sie mir sagen, wer es gekauft hat?«

»Nein, hab sie vorher noch nie gesehen. Aber Sie haben Glück, sie wollte es heute abholen, so gegen, warten Sie mal .« Er sah auf seine Armbanduhr, eine goldene Cartier. »Ja, jetzt, so gegen elf, hat sie gesagt.«

Sie. Ich musste dieses Buch haben, und sie würde es mir verkaufen, ganz egal, was es mich kosten würde. Ich fragte ihn, ob ich es mir so lange ansehen dürfe, und er sagte, er wüsste nicht, was dagegenspreche.

Wie immer bei Marshall France war ich sofort gefesselt und vergaß alles um mich herum. Die Worte! »Die Teller hassten das Silberbesteck, das seinerseits die Gläser hasste. Sie verhöhnten einander mit grausamen Liedern. Pling. Klirr. Plong. Solche Gemeinheiten dreimal täglich.« Wie völlig neu alle diese Figuren waren, aber hatte man sie erst einmal kennengelernt, fragte man sich, wie man jemals ohne sie auskommen konnte. Wie die letzten Teile...

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