In der Brandung

Roman
 
 
Goldmann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. Mai 2013
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-09281-8 (ISBN)
 
Ein Polizist mit einer dunklen Vergangenheit, eine Frau mit einer schweren Schuld und ein Mädchen in Gefahr.

Roberto Marías führt als verdeckter Ermittler im Kampf gegen Drogenhandel und Bandenkriminalität ein Doppelleben. Die Grenze zwischen Rolle und Realität verschwimmt jedoch zusehends, als er sich in die Tochter eines Drogenbosses verliebt. Es kommt der Moment, in dem Roberto sich entscheiden muss, auf welcher Seite er steht - mit tragischen Konsequenzen, an denen er fast zerbricht. Er wird vom Dienst freigestellt und versucht, Schritt für Schritt wieder ins Leben zurückzufinden. Eines Tages begegnet er Emma, die genau wie er an einer großen Last trägt. Die beiden kommen sich vorsichtig näher. Als Emmas Sohn Giacomo ihm von einem Mädchen erzählt, das in Gefahr zu sein scheint, muss Roberto sich die Frage stellen, ob er bereit ist, den Kampf gegen die dunkle Seite wiederaufzunehmen.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Goldmann
  • 0,46 MB
978-3-641-09281-8 (9783641092818)
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1

Er begegnete ihr nun zum dritten Mal vor der Haustür des Doktors, wieder an einem Montag und wieder zur selben Uhrzeit. Er war sich sicher, sie schon einmal gesehen zu haben, aber er hätte nicht sagen können, wo oder wann.

Vielleicht war sie auch eine Patientin, die für vier Uhr bestellt war, sagte er sich, während er die Treppe zur Praxis hinaufstieg.

Die Klingel schellte, kurz darauf ging die Tür auf, und der Doktor ließ ihn ein. Wie immer durchquerten sie den Flur mit den vollen Bücherregalen schweigend, betraten das Sprechzimmer und setzten sich. Roberto vor den Schreibtisch, der andere dahinter.

»Und, wie geht es Ihnen heute? Letztes Mal hatten Sie schlechte Laune.«

»Heute geht es besser. Ich weiß nicht, warum, aber als ich die Treppe heraufkam, kam mir eine alte Geschichte aus meinen frühen Jahren als Carabiniere in den Sinn.«

»Und zwar?«

»Nach der Polizeiakademie wurde ich als Unteroffizier im Bahnhof einer kleinen Stadt in der Nähe von Mailand eingesetzt.«

»War das üblich für einen ersten Einsatz?«

»Ja, absolut. In dem Städtchen war es sehr ruhig. Fast schon zu ruhig, es passierte rein gar nichts. Der Bahnhofsvorsteher - ein älterer Polizeihauptmeister - war ein friedliebender Mensch, der immer versuchte, die Dinge gütlich zu lösen. Ich glaube, dass er nicht einmal Spaß daran hatte, Leute festzunehmen, was auch nur sehr selten vorkam. Ein paar kleine Diebe, höchstens mal ein harmloser Dealer.«

»Machte es Ihnen denn Spaß?«

»Wie bitte?«

»Machte es Ihnen Spaß, jemanden festzunehmen?«

Roberto zögerte einen Augenblick.

»So ausgedrückt, klingt es tatsächlich nicht schön. Aber es ist wahr. Der echte Bulle - das sind nicht alle Carabinieri, und auch nicht alle Polizisten - lebt für den Moment der Festnahme. Was den Beruf angeht, meine ich. Wer seinen Beruf liebt, will auch ein Resultat sehen. Und das Resultat unserer Arbeit, da braucht man sich nichts vorzumachen, ist es nun einmal, jemanden hinter Gitter zu bringen.«

Roberto dachte nach über das, was er gerade gesagt hatte. Es war zwar selbstverständlich, aber so ausformuliert und laut ausgesprochen, bekam es eine neue, unangenehme Bedeutung. Er schüttelte den Kopf und versuchte, den Faden seiner Geschichte wieder aufzunehmen.

»Eines Tages sitze ich gerade beim Friseur, als ich Geschrei von der Straße höre. Gleich danach rennt eine Frau vorbei und zieht ein Kind hinter sich her. Ich stehe auf und reiße mir das Handtuch herunter, während der Friseur mich ermahnt, keinen Dummheiten zu machen. Ich denke, da sind wir hier in Norditalien, und der Mann sagt so etwas zu mir. Das passiert doch nur im Süden. Dann sage ich ihm, dass ich ein Carabiniere bin, was er längst weiß, laufe aus dem Laden und der Frau nach.«

»Was war passiert?«

»Ein paar hundert Meter weiter wurde gerade eine Bank ausgeraubt.«

»Ach so.«

»Ich sehe alles noch ganz genau vor mir. Ich zog meine Pistole heraus, lud sie, sicherte sie und lief los. Als ich an der Straßenecke ankam, direkt vor dem Eingang zur Bank, sah ich einen Volvo mit laufendem Motor, aber ohne Insassen.«

»Stand er vor der Bank?«

»Nein, um die Ecke. Ein paar Dutzend Meter vom Eingang entfernt, aber in der Querstraße. Die Bank war in der Hauptstraße. Ich schob mich ins Auto, machte den Motor aus und zog den Schlüssel ab.«

»Aber warum hatten sie das Auto unbeaufsichtigt gelassen?«

»Die beiden Bankräuber brauchten länger als gedacht, und der Fahrer war ausgestiegen, um sie zur Eile anzutreiben. Das fanden wir natürlich erst später heraus. Ich war gerade um die Ecke gebogen, als ich sie aus der Bank kommen sah. Ich versuchte mich zu erinnern, was wir auf der Polizeischule über das Verhalten in solchen Situationen gelernt hatten.«

»Was hatten sie Ihnen beigebracht?«

»Keinen Unsinn zu machen. Bei Überfällen sollten wir Verstärkung holen und die Situation beobachten, statt im Alleingang zu handeln.«

»Dann hat der Friseur das Richtige gesagt.«

»Stimmt.«

»Und?«

»In jenem Moment fielen mir diese Instruktionen nicht ein.«

»Die Bankräuber waren natürlich bewaffnet?«

»Zwei Pistolen. Als ich sie kommen sah, warnte ich sie im Namen der Polizei. Wie das ging, wusste ich noch, denn ich hatte es immer wieder allein geübt, in Erwartung meiner ersten Gelegenheit, den Warnruf anzuwenden.«

Roberto dachte, dass er diese Geschichte fast noch nie erzählt hatte, und hatte den Eindruck, dass sich dahinter eine ganze Menge von Erinnerungen zusammenballte. Einen Moment fühlte er sich wie überwältigt von dieser Empfindung, und er konnte nicht weitersprechen. Er glaubte, nichts mehr erzählen zu können, weil er sich nicht entscheiden konnte, was.

»Sie haben also die polizeiliche Warnung ausgesprochen, und dann?«

Die Stimme des Doktors setzte den stockenden Mechanismus wieder in Gang.

»Im Protokoll schrieben meine Vorgesetzten, dass die Bankräuber das Feuergefecht eröffneten und der Unteroffizier Roberto Marías mit seiner Dienstpistole zurückschoss. Aber ich weiß nicht, wer tatsächlich zuerst geschossen hat. Sicher ist nur, dass ein paar Sekunden später einer von ihnen am Boden lag, vor dem Eingang zur Bank, und die anderen beiden davonliefen. Was danach geschah, ist mir deutlicher in Erinnerung geblieben. Ich kniete mich hin, zielte und schoss das ganze Magazin leer.«

Roberto erzählte den Rest der Geschichte. Ein weiterer Bankräuber lag am Boden, er war an den Beinen getroffen worden. Der dritte wurde später festgenommen. Der Mann, der vor der Bank angeschossen worden war, war schwer verletzt, überlebte jedoch. Ein paar Tage nach der Schießerei wurde Roberto zum Einsatzchef gerufen, der ihm gratulierte, ihm eine Auszeichnung ankündigte und ihm eine Versetzung nach Mailand vorschlug. Roberto nahm an und wurde auf diese Weise mit nur dreiundzwanzig Jahren das, was er im Sinn hatte, als er zu den Carabinieri ging: Fahnder.

»So hat also alles angefangen?«

»So hat alles angefangen.«

»Und Sie sagten, diese Geschichte sei Ihnen wieder eingefallen, als Sie die Treppe zu mir hochstiegen?«

»So ist es.«

»Wollten Sie mir ursprünglich etwas anderes erzählen?«

»Ja. Ich wollte Ihnen einen Traum von letzter Nacht erzählen.«

»Was haben Sie geträumt?«

»Vom Surfen. Ich habe geträumt, dass ich auf den Wellen stand.«

»Windsurfen?«

»Nein, Wellensurfen.«

»Haben Sie diesen Sport jemals ausgeübt?«

Roberto schwieg eine Weile, während sein Blick auf ferne, stille Wellen gerichtet war, und dachte an den herben Duft des Ozeans, ohne dass es ihm gelingen wollte, ihn heraufzubeschwören.

»Ich habe als Kind viel gesurft, bevor ich mit meiner Mutter nach Italien kam.«

Er wollte weitersprechen, aber er fand entweder die Worte oder die Erinnerungen nicht mehr, vielleicht fehlte ihm auch der Mut, und so blieb er stumm sitzen, ohne den Doktor anzusehen. Dieser ließ ein paar Minuten verstreichen und sagte dann, dass es für diesen Nachmittag genug sei.

»Wir sehen uns kommenden Donnerstag wieder.«

Roberto blickte ihn erwartungsvoll an. Der Doktor schien immer etwas hinzufügen zu wollen, was dann aber ausblieb. Wir sehen uns kommenden Montag, wir sehen uns kommenden Donnerstag. Das war alles. Roberto verließ die Praxis mit einer leichten Enttäuschung, in die sich jedoch in letzter Zeit auch eine gewisse Erleichterung mischte.

Nach langen Monaten des Sich-Treiben-Lassens schien so etwas wie Ordnung in sein Leben zurückzukehren.

Zunächst einmal konnte er wieder schlafen. Mit Hilfe von Tropfen, zugegebenermaßen, aber das war ein Klacks im Vergleich zu der Zeit vor ein paar Monaten, als er sich mit schweren Geschützen betäuben musste, um in einen metallischen, todesähnlichen Schlaf zu versinken.

Er hatte begonnen, wieder ein wenig Sport zu treiben, las von Zeit zu Zeit die Zeitung, trank so gut wie nichts und hatte seinen täglichen Tabakkonsum auf weniger als zehn Zigaretten reduziert.

Außerdem waren da die Spaziergänge.

Der Doktor hatte ihm geraten, viel zu Fuß zu gehen. So viel, dass er müde oder - noch besser - erschöpft war, wenn er nach Hause kam. Er hatte seine Skepsis kundgetan, sich jedoch gefügt, so wie man sich einer ärztlichen Anordnung fügt - und genau das war es ja auch -, und hatte kurz darauf staunend festgestellt, dass die Spaziergänge aus irgendeinem Grund ihren Zweck erfüllten.

Er konzentrierte sich auf seine Schritte und wiederholte im Geiste den Vorgang. Ferse, Spitze, Abstoßen, Schwung. Und wieder Ferse, Spitze, Abstoßen, Schwung. Ohne Ende, wie ein Mantra.

Diese ungewohnte Bewusstmachung der Bewegungen hatte eine hypnotische Wirkung und vertrieb seine schlechte Laune. Roberto lief manchmal drei, vier Stunden lang, und wenn er am Ende müde war, erschien ihm das als ein Anzeichen von Gesundheit im Vergleich mit der Erschöpfung und dem Nebel der vergangenen Monate.

Es war nicht so, dass er nicht nachgedacht hätte während dieser Spaziergänge. Nichts zu denken wäre zweifellos das Beste gewesen. Aber das schnelle Gehen und die Konzentration auf die Bewegung verhinderten, dass seine Gedanken sich allzu sehr festhakten in seinem Kopf. Die Dinge kamen ihm in den Sinn, doch sie machten auch schnell wieder anderen Platz.

Die Tage und Wochen hatten wieder einen Rhythmus bekommen. Die Woche kreiste um die zwei Termine beim Doktor, Montag und Donnerstag. Der Tag kreiste um seine endlosen, hypnotischen Wanderungen.

Manchmal riefen Kollegen an und schlugen ihm vor, sich auf einen Kaffee oder eine Pizza zu treffen. Anfangs hatte er immer höflich abgelehnt, aber sie ließen sich nicht entmutigen,...

"Ein nachdenklicher Krimi, der durch leise Töne überzeugt und dabei bis zur letzten Seite spannend bleibt."
 
"Kein Krimi, keine Knalleffekte, sehr schön und sanft erzählt."
 
"Gnadenlos spannender, dicht erzählter Krimi"
 
"Tiefsinnig und kraftvoll."
 
"Ein nachdenklicher Krimi, ein Lesegenuss, spannend, vielschichtig, unaufgeregt und gerade deswegen etwas ganz Besonderes."
 
"Ein Krimi, der mit leisen Tönen zu überzeugen weiß und darüber hinaus absolut fesselnd ist bis zur letzten Seite."
 
"Wie Carofiglio mit unaufdringlicher Eindringlichkeit von Schicksalsschlägen und Lebenslinien erzählt, ist einzigartig."
 
"Kein klassischer Krimi, sondern ein einfühlsamer Roman über das Verbrechen und das, was es bei den Menschen anrichtet."
 
"Was profan klingen mag, baut Carofiglio zu einem nahezu perfekten Kriminalroman zusammen."
 
"Von dem vielschichtigen Plot, der poetischen Sprache und den glaubhaft gebrochenen Figuren können selbst skandinavische Krimimeister noch etwas lernen. Dicht, spannend und empfehlenswert."

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