Das Haus an der Ocean Road

Roman
 
 
Goldmann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. August 2019
  • |
  • 448 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-22518-6 (ISBN)
 
Ein wunderbarer Sommerschmöker - von Australiens Küste direkt ins Herz.

»Verdammt noch mal, Gerry Clancy, hättest du nicht einfach in Irland bleiben können?«

Die Irin Ellen O'Shea war blutjung, als sie nach Australien kam. Hier traf sie ihren Mann Nick, hier zog sie ihre Tochter Louise groß und hier fand sie eine Heimat in dem kleinen Küstenort Port Lincoln. Doch seit Nick bei einem tragischen Autounfall ums Leben kam, vergräbt Ellen sich in ihrer Trauer und in ihrem Haus an der Ocean Road. Bis eines Tages Gerry Clancy vor ihrer Tür steht - ihre erste große Liebe. Und schnell drängen nicht nur alte Gefühle an die Oberfläche, sondern auch ein lange gehütetes Geheimnis .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Goldmann
  • 1,34 MB
978-3-641-22518-6 (9783641225186)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Geboren und aufgewachsen in Irland hat Esther Campion in Australien eine Heimat gefunden. Zusammen mit ihrem Mann, den gemeinsamen Kindern, einem verwöhnten Labrador und zwei Pferden lebt und schreibt sie in ihrem Haus in Tasmanien.

Kapitel 1


Ellen stand am Rand der Koppel. Obwohl es bereits vier Uhr nachmittags war, trug sie noch immer ihren Pyjama. Im Haus klingelte das Telefon. Wer der Anrufer auch sein mochte - er schien nicht so schnell aufzugeben. Genervt machte sie sich auf den Weg zur Haustür, Paddy folgte ihr auf dem Fuße.

»Ich rufe jetzt schon seit einer geschlagenen Stunde an. Hast du meine Nachricht bekommen?«, schallte es Ellen aus dem Hörer entgegen.

Tracey. Ihre Freundin konnte genauso lästig wie loyal sein.

»Ich war auf der Koppel und habe Spots gefüttert.« Ellen klemmte den Hörer zwischen Ohr und Schulter und machte sich daran, die Teller von ihrem späten Frühstück abzuspülen.

»Brav!«, lobte Tracey. »Das Pferd sah bei meinem letzten Besuch recht mager aus.«

»Es steht bis zu den Knien in saftigem Gras.« Ellen versuchte, sich ihre Gereiztheit nicht anmerken zu lassen.

Tracey lachte. »Wie war dein Tag?«

»Großartig«, log Ellen. »Und deiner?«

»Ich stehe wie immer unter Hochdruck.«

Ellen wartete darauf, dass Tracey sich lang und breit über jedes noch so kleine Detail ausließ, aber die obligatorischen dramatischen Schilderungen vom Alltagsleben der Familie Pope blieben aus.

»Dann legen wir mal besser auf.«

»Ich hab Neuigkeiten.« Tracey zögerte. »Du bekommst vielleicht Besuch.«

Ellen nahm das Telefon wieder in die Hand und griff mit der anderen nach einem Geschirrtuch.

»Keine Sorge«, beruhigte Tracey sie. »Ich habe ihn abgewimmelt. Hab ihm weisgemacht, du seist für mindestens eine Woche verreist.«

»Ihm?« Ellen brachte kaum mehr als ein Krächzen hervor.

In der Zeit, die Tracey brauchte, um ihren nächsten Satz zu formulieren, ging sie im Kopf eine Myriade von Möglichkeiten durch: Es könnte jeder gemeint sein - vom Finanzbeamten, der mit einem der Formulare, die sie ignoriert hatte, vor der Tür stand, bis hin zu jemandem vom Statistikamt, der im Rahmen der Volkszählung unangenehme Fragen stellte.

»Irgendein Ire«, hörte sie Tracey sagen. »Der Typ behauptet, er würde dich von früher kennen.«

»Hat er dir seinen Namen genannt? Wie sah er aus?«

»Wenn du mir die Chance dazu gibst, beantworte ich deine Fragen gern.«

Ellen klemmte den Hörer erneut zwischen Ohr und Schulter und bearbeitete mit dem Geschirrtuch energisch einen längst trockenen Teller. Jemand von der irischen Steuerbehörde konnte es kaum sein, da sie seit über zwanzig Jahren nicht mehr in Irland gearbeitet hatte.

»Gerry Canty, oder nein . hieß er vielleicht Clancy?« Als Ellen keinen Laut von sich gab, fuhr Tracey fort: »Großer Kerl, gut gebaut, kräftig, aber nicht dick, du weißt, welchen Typ Mann ich meine.«

Der Teller fiel ihr aus der Hand und zerbarst mit einem lauten Knall am Boden.

»Was war das?«

»Ach, nichts.« Ellen schaute auf die Keramikscherben, die auf dem abgetretenen Linoleum verstreut lagen. »Wo ist er jetzt? Ist er wieder abgereist?«

»Das weiß ich nicht. Er sagte, er wolle seinen Sohn in Adelaide besuchen und du würdest ihn erwarten. Er hätte dir einen Brief geschrieben .«

Ellens Gedanken überschlugen sich. Sie schluckte angestrengt, dann straffte sie die Schultern. »Tracey, frag auf dem Postamt nach meiner Post. Ich rufe dort an und sage, dass ich krank bin und sie nicht abholen kann.«

»Wann warst du denn zum letzten Mal dort?«

»Offenbar vor viel zu langer Zeit. Tu's einfach, okay?«

»Jetzt reg dich nicht auf. Ich bringe dir die Post morgen vorbei.«

Ellen legte auf und setzte sich fassungslos an den Küchentisch.

Gerry Clancy bog mit seinem gemieteten Allradwagen in die Zufahrt des Sunshine Motels ein. Er konnte kaum glauben, dass er tatsächlich in Australien war. Seit er vor vierzehn Tagen gelandet war, hatte es ununterbrochen geregnet.

»Bleiben Sie nur eine Nacht, Mr Clancy?« Die Empfangsdame sah ihn über den Rand ihrer Brille hinweg fragend an.

»Ich weiß es noch nicht. Ich bin hier, um mich mit einer alten Freundin zu treffen, aber die Dame von der Raststätte meinte, sie sei womöglich verreist.«

Die Frau setzte die Brille ab, die an einem langen Band befestigt war, und ließ sie vor ihrem gestrickten Pulli baumeln. »Mit wem möchten Sie sich denn treffen?«

»Ellen O' - nein, ich meine Ellen Con-stan-tinopoulos«, stammelte Gerry.

Die Frau lächelte. »Ich kenne Ellen. Sind Sie aus Irland?«

»Ich komme aus Cork, Ellens Heimatstadt.«

»Ich wusste gar nicht, dass sie verreist ist .« Die Empfangsdame machte Anstalten, noch etwas hinzuzufügen, doch dann setzte sie ihre Brille wieder auf und wandte sich der Buchung zu. »Bleiben Sie, solange Sie möchten, Mr Clancy. Um diese Jahreszeit ist es in Südaustralien ziemlich ruhig. Genießen Sie es, denn bald werden wir wieder von den Sommerurlaubern überrannt.«

Er war noch keine fünf Minuten in der Stadt und hatte bereits mit zwei Leuten gesprochen, die Ellen kannten. Gerry überlegte, ob er der Empfangsdame von seinem Sohn in Adelaide erzählen sollte, aber er ahnte, dass die Buschtrommeln bereits genug Informationen über ihn in Umlauf gebracht hatten.

Das Motelzimmer war einfach, aber sauber und bot einen unverstellten Blick auf das wunderschöne Küstenvorland. Gerry musste nur ein kleines Stück bis zur Hauptstraße gehen, um in einem der nahe gelegenen Restaurants die lokale Küche zu probieren. Anschließend kehrte er auf ein paar Gläser Aussie-Bier in einer Hotelbar ein, die ihn an die Walkabout-Creek-Bar aus Crocodile Dundee erinnerte. Bevor es wie im Film zu Kabbeleien kommen konnte, war er schon wieder zurück in seinem sicheren Motelzimmer, doch erst nachdem ihn der Barmann und die Stammgäste über seine Herkunft und Reise ausgefragt hatten. Er hatte sogar einen kleinen Einblick in das Leben von Ellen und ihrem griechischen Ehemann in Australien gewinnen können.

»Das war ein harter Schlag für die Familie«, erzählte ihm einer der Einheimischen. »Nick war ein guter Kerl. Der ist keiner Arbeit aus dem Weg gegangen.«

»Und einem anständigen Drink auch nicht«, meldete sich sein Kumpel zu Wort, was allgemeines Gelächter hervorrief.

»Ich hab Ellen schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen«, sagte der Barmann nachdenklich und schenkte ein großes Glas Bier ein. »Sonst ist sie jeden Freitag vorbeigekommen, um ihn abzuholen. Ab und zu hat sie sich selbst ein Glas genehmigt.«

Es fiel Gerry schwer, sich Ellen mit Anfang vierzig vorzustellen. Er hatte sie nur zweimal gesehen, seit sie nach Australien ausgewandert war, und das letzte Mal lag nun auch schon wieder Jahre zurück: eine flüchtige Umarmung und Kondolenzbekundungen auf der Beerdigung ihrer Mutter. Ab und an begegnete er in Cork ihrem Bruder oder ihren Cousins und Cousinen, von denen er nebenbei erfuhr, wie es ihr ging, aber mehr auch nicht. Es war ihm so endgültig erschienen, als sie ihm mitgeteilt hatte, dass sie nach Australien gehen würde. Er war damals an das Familienunternehmen gebunden gewesen, und sie hatte ein Stipendium bekommen, das es ihr ermöglichte, ihr Abschlussjahr an der Universität Sydney zu absolvieren. Ihre Sommerliebe hatte keine Chance mehr, nachdem sie beschlossen hatte, alles in Cork stehen und liegen zu lassen - auch ihn. Im Nachhinein war man immer klüger, dachte er nun. Hätte er damals weniger Stolz und mehr Mumm besessen, hätte er ihr folgen können, doch als er endlich zu dieser Erkenntnis gelangte, hatte bereits Jessica Sheehy ein Auge auf ihn geworfen. Kurz darauf bat man Jessica und ihn, Brautjungfer und Trauzeuge bei Pat Clohessys Hochzeit zu sein, und damit war die Sache gelaufen, wie man so schön sagte.

Gerry holte das Bündel Briefe aus dem Koffer und machte es sich auf dem Bett bequem. Er nahm sich die Briefe der Reihe nach vor, sorgfältig darauf bedacht, sie nicht durcheinanderzubringen. Nach der Beerdigung ihrer Mutter hatte sie ihm den ersten Brief geschickt. Darin schrieb sie, sie wolle in Verbindung mit ihm bleiben, um Neuigkeiten aus Irland zu erfahren und aus der Ferne mitzuverfolgen, wie sein Leben so verlief. Er wusste, dass sie alte Freunde in Cork hatte, mit denen sie ab und an telefonierte, mailte oder zumindest Weihnachtskarten austauschte, doch etwas an ihrem Ton, die Tatsache, dass sie wieder Kontakt zu ihm aufnehmen wollte, hatte es ihm unmöglich gemacht, jenen ersten Brief einfach zu ignorieren.

Sie waren bald übereingekommen, dass sämtliche Kommunikation via Postbrief erfolgen sollte. Ihr Stil war unverbindlich, freundlich. Sie liebte es zu schreiben, er war kein großer Fan von Computern. Und so hatten sie ihre Beziehung aus der Versenkung gehoben wie ein zu bergendes Schiffswrack - ramponiert und längst nicht mehr so wie früher, aber immer noch existent. Ellen schrieb hauptsächlich über Louise, hielt ihn auf dem Laufenden über die Erfolge ihres einzigen Kindes. Ihr Mann, so berichtete sie, war häufig fort. Er hielt den Ton seiner Briefe eher seicht, zog es vor, sich über das irische Wetter zu beklagen und ihr in jenem überspitzten Stil von Familie und Freunden zu berichten, der sie früher stets zum Lachen gebracht hatte.

Hatte sie seinen letzten Brief erhalten? Oder wusste sie womöglich gar nicht, dass er hier war? Er hatte ihr darin seine Handynummer mitgeteilt. Vielleicht hatte sie versucht, ihn anzurufen, und er hatte vergessen, die Ländervorwahl hinzuzufügen? Wenn er jetzt darüber nachdachte, wurde ihm bewusst, dass...

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