Das kalte Lächeln des Meeres

Commissario Montalbanos siebter Fall
 
 
Lübbe (Verlag)
1. Auflage | erschienen am 22. Juli 2011 | 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-1254-3 (ISBN)
 
Beim Schwimmen im Meer kollidiert Commissario Montalbano mit einer Leiche. Wie sich herausstellt, ist der Ertrunkene nur einer von vielen Menschen - illegalen Einwanderern, die von Schleppern nachts auf Booten abgesetzt werden-, die das Meer an die sizilianische Küste spült. Als Montalbano Nachforschungen anstellt, nimmt eine Tragödie gewaltigen Ausmaßes Gestalt an, die schließlich in dunkler Tiefe zu einem unvergesslichen Ort des Verbrechens führt ¿
Commissario Montalbano
1. Aufl. 2011
Christiane von Bechtolsheim
Deutsch
Breite: 125 mm
1,57 MB
978-3-8387-1254-3 (9783838712543)
3838712544 (3838712544)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Eins


Was für eine hundsgemeine Nacht, er hatte sich pausenlos im Bett herumgewälzt, war weggedöst und wieder wach geworden, war aufgestanden und hatte sich wieder hingelegt. Nicht etwa, weil er es beim Abendessen mit purpi strascinasali oder sarde a beccafico übertrieben hätte, das wäre wenigstens ein Grund für diese quälende Schlaflosigkeit gewesen, aber nein, nicht mal diese Befriedigung hatte er gehabt; abends war sein Magen so zugeschnürt gewesen, dass kein Grashalm hineingegangen wäre. Das lag an den düsteren Gedanken, die ihm ein Beitrag in den Fernsehnachrichten beschert hatte. »Ersoffen und noch vom Stein getroffen«, heißt es im Volksmund, wenn ein Unglücksrabe von einer unerträglichen Pechsträhne heimgesucht wird. Und da er jetzt schon seit ein paar Monaten verzweifelt in einem aufgewühlten Meer schwamm und sich manchmal verloren fühlte wie ein Ertrinkender, traf ihn dieser Bericht wirklich wie ein Stein, und zwar mitten auf den Kopf; der Schlag betäubte ihn und raubte ihm seine letzten, schwindenden Kräfte.

Mit gleichgültiger Miene hatte die Reporterin mitgeteilt, die Staatsanwaltschaft Genua sei in Zusammenhang mit der Erstürmung der Diaz-Schule während des G8-Gipfels zu der Überzeugung gekommen, dass die Polizisten die beiden in der Schule gefundenen Molotow-Cocktails dort selbst deponiert hätten, um die Aktion zu rechtfertigen. Man habe festgestellt - fuhr die Reporterin fort -, dass der Beamte, der bei der Erstürmung angeblich von einem Globalisierungsgegner mit einem Messer angegriffen worden war, gelogen habe: Er habe sich den Schnitt an der Uniform selbst zugefügt, um zu beweisen, wie gefährlich diese Jugendlichen seien, doch mittlerweile sei herausgekommen, dass sie in der Schule friedlich geschlafen hatten.

Nach dem Bericht saß Montalbano eine halbe Stunde in seinem Fernsehsessel, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, sprachlos vor Wut und Scham und schweißgebadet. Er fand nicht mal die Kraft, aufzustehen und ans Telefon zu gehen, das schon lange klingelte. Man brauchte über solche Meldungen, die die regierungsfreundlichen Medien tröpfchenweise verlautbaren ließen, nur ein bisschen nachzudenken, und schon hatte man ein klares Bild vor Augen: Seine Mitstreiter und Kollegen waren in Genua, als niemand damit rechnete, ohne jede Rechtsgrundlage gewaltsam vorgegangen, das war eine Art kaltblütiger Racheakt, obendrein mithilfe getürkter Beweise. So etwas rief verdrängte Aktionen der faschistischen Polizei oder der Polizei unter Innenminister Scelba in Erinnerung. Irgendwann beschloss Montalbano, ins Bett zu gehen. Als er vom Sessel aufstand, fing das blöde Telefon schon wieder an zu klingeln. Automatisch nahm er ab. Es war Livia.

»Salvo! Mein Gott, ich versuche schon die ganze Zeit, dich zu erreichen! Ich habe mir langsam Sorgen gemacht! Hast du das Telefon denn nicht gehört?«

»Doch, aber ich hatte keine Lust dranzugehen. Ich wusste ja nicht, dass du es bist.«

»Was machst du gerade?«

»Nichts. Ich habe an das gedacht, was vorhin in den Nachrichten kam.«

»Über Genua?«

»Ja.«

»Ah. Ich habe den Bericht auch gesehen.«

Pause. Und dann:

»Ich wäre jetzt gern bei dir. Ich könnte morgen kommen, was meinst du? Dann reden wir in Ruhe über alles. Du wirst schon sehen, dass .«

»Livia, da gibt's nicht mehr viel zu reden. Wir haben in den letzten Monaten doch so oft darüber gesprochen. Ich bin fest entschlossen.«

»Wozu denn?«

»Ich kündige. Morgen gehe ich zum Questore; Bonetti-Alderighi wird sich freuen.«

Livia antwortete nicht sofort, und Montalbano glaubte, die Verbindung sei abgebrochen.

»Livia? Bist du noch dran?«

»Ich bin noch dran. Salvo, ich halte es für einen Riesenfehler, so zu gehen.«

»Was meinst du mit >so<?«

»Wütend und enttäuscht. Du willst die Polizei verlassen, weil du dich fühlst, als hätte dich ein dir naher Mensch verraten, und deshalb .«

»Livia, ich fühle mich nicht verraten. Ich bin verraten worden. Hier geht's nicht um Gefühle. Ich habe meinen Beruf immer mit Anstand ausgeübt. Als Ehrenmann. Wenn ich einem Kriminellen mein Wort gegeben habe, habe ich es auch gehalten. Und dafür respektiert man mich. Das ist meine Stärke, verstehst du? Aber jetzt reicht's mir, ich hab die Schnauze voll!«

»Bitte schrei nicht«, sagte Livia mit zitternder Stimme.

Montalbano hörte sie nicht. In ihm war ein Geräusch, als finge sein Blut gleich an zu kochen. Er fuhr fort:

»Nicht mal dem schlimmsten Verbrecher habe ich falsche Beweise untergeschoben! Nie! Damit hätte ich mich ja auf sein Niveau begeben. Dann wäre meine Arbeit als Bulle zu einem Drecksgeschäft geworden! Stell dir das mal vor, Livia! Nicht irgendein unterbelichteter, gewalttätiger Polizist hat die Schule überfallen und irgendwelche Beweise fabriziert, da waren Polizeipräsidenten und stellvertretende Polizeipräsidenten, Hauptkommissare und Konsorten mit von der Partie!«

Erst jetzt begriff er, dass das Geräusch im Hörer Livias Schluchzer waren. Er holte tief Luft.

»Livia?«

»Ja?«

»Ich liebe dich. Schlaf gut.«

Er legte auf. Und dann hatte diese üble Nacht begonnen.

In Wirklichkeit hatte Montalbanos Unbehagen schon vorher angefangen, nämlich als im Fernsehen der Ministerpräsident zu sehen war, der durch die Gassen von Genua schlenderte, Blumenkästen aufstellen ließ und Anweisung gab, die Unterhosen, die zum Trocknen vor Balkonen und Fenstern hingen, zu entfernen, während sein Innenminister Sicherheitsmaßnahmen ergriff, die eher zu einem bevorstehenden Bürgerkrieg als zu einer Versammlung von Regierungschefs gepasst hätten: Stahlzäune zur Sperrung bestimmter Straßen, Abdichtung der Gullys, Schließung der Grenzen und mehrerer Bahnhöfe, Überwachung der Küstengewässer und sogar die Installation einer Raketenbatterie. Die Schutzvorkehrungen - dachte der Commissario - waren dermaßen übertrieben, dass sie eine Provokation darstellten. Und dann war das alles passiert: Schlimm genug, dass ein Demonstrant ums Leben gekommen war, doch das Schlimmste war vielleicht das Verhalten einiger Polizeiabteilungen, die friedliche Demonstranten mit Tränengas beschossen, während die Autonomen des so genannten Black Block tun und lassen konnten, was sie wollten. Und danach hatte sich in der Diaz-Schule diese widerwärtige Geschichte abgespielt, die weniger mit einem Polizeieinsatz zu tun hatte als mit einem miesen Überfall, um unterdrückte Rachegelüste auszutoben.

Drei Tage nach dem G8-Gipfel, als in ganz Italien heftig gestritten wurde, war Montalbano spät ins Büro gekommen. Als er aus dem Auto stieg, sah er zwei Maler, die eine Seitenwand des Kommissariats tünchten.

»Ah Dottori Dottori!, rief Catarella, als Montalbano hereinkam. »Die haben uns heute Nacht unanständige Sachen geschrieben!«

Montalbano verstand nicht sofort:

»Wer hat uns geschrieben?«

»Ich weiß nicht, wer das persönlich war, der uns geschrieben hat.«

Was für einen Mist redete Catarella da?

»Einen anonymen Brief?«

»Nein, Dottori, der war nicht onanym, Dottori, der war ein Mauerbrief. Und wegen dem Mauerbrief hat der Fazio heut Früh gleich die Maler angerufen, dass die den wieder wegmachen.«

Jetzt wusste Montalbano endlich, was es mit den beiden Malern auf sich hatte.

»Was stand denn da?«

Catarella wurde knallrot und redete um den heißen Brei herum:

»Mit so schwarzen Spreidosen haben die schlimme Wörter hingeschrieben.«

»Ja gut, aber was denn?«

»Scheißbullen«, antwortete Catarella und blickte verlegen zu Boden.

»Ist das alles?«

»Nein. Auch noch Mörder. Scheißbullen und Mörder.«

»Catarè, warum macht dir das denn so viel aus?«

Catarella fing fast an zu heulen.

»Weil hier bei uns keiner ein Scheißbulle oder ein Mörder ist, Sie schon gar nicht und niemand sonst und ich auch nicht, wo ich sowieso die letzte Geige spiele.«

Montalbano legte ihm tröstend die Hand auf die Schulter und ging dann in sein Büro. Catarella rief hinter ihm her:

»Ah Dottori! Das hab ich ganz vergessen: grannissimi cornuti war auch dabei.«

Klar, in Sizilien war aus einem Schmähspruch das Wort cornuto, Gehörnter, nicht wegzudenken! Dieses Wort war wie ein Markenname, eine typische Art, die sizilianische Mentalität auszudrücken. Er hatte sich gerade hingesetzt, als Mimì Augello hereinkam. Mimì schien sich durch nichts anfechten zu lassen, er war entspannt und guter Dinge.

»Gibt's was Neues?«, fragte er.

»Weißt du schon, was heute Nacht an unserer Hauswand stand?«

»Ja, Fazio hat's mir erzählt.«

»Und das findest du nichts Neues?«

Mimì sah ihn irritiert an.

»Machst du jetzt einen Witz, oder meinst du das ernst?«

»Ich mein's ernst.«

»Dann aber Hand aufs Herz, wenn du mir antwortest. Glaubst du, dass Livia dich betrügt?«

Diesmal sah Montalbano Mimì irritiert an.

»Sag mal, spinnst du?«

»Ein cornuto bist du also nicht. Und dass Beba mich betrügt, glaube ich auch nicht. Nun zum nächsten...

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