Die Sekte der Engel

Roman
 
 
Nagel & Kimche (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 28. Januar 2013
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-312-00566-6 (ISBN)
 
Ein gottloser Skandal im Italien der Jahrhundertwende: In einem sizilianischen Dorf werden plötzlich viele unverheiratete Frauen schwanger. Zunächst kursiert das Gerücht, die Cholera sei ausgebrochen. Nachforschungen fördern allerdings bald die Wahrheit zutage - was der Panik in der Bevölkerung kaum abhilft. Jeder verdächtigt jeden, und so gerät der linke, idealistische Anwalt Teresi, der auf der Suche nach den Ursachen Beweise für die Existenz einer geheimen Priestersekte findet, bald in die Schusslinie von Kirche, Adel und Mafia. Camilleri schafft mit seinem neuen Roman nicht nur eine temporeiche Komödie, sondern auch einen veritablen Thriller über Unschuld, Macht und skrupelloses Verbrechen.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 4,24 MB
978-3-312-00566-6 (9783312005666)
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Andrea Camilleri, 1925 geboren, ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller Italiens. Seine berühmteste Figur ist der sizilianische Commissario Montalbano. Er veröffentlichte zahlreiche Romane und erhielt viele Preise für sein Werk, zuletzt 2009 den Literaturpreis Cesare Pavese, 2010 den Literaturpreis Piero Chiara und 2011 den Premio Campiello für das Lebenswerk.

Annette Kopetzki, 1954 in Hamburg geboren, studierte Germanistik, Philosophie und Erziehungswissenschaft und arbeitete viele Jahre als Universitätsdozentin und Journalistin in Italien. Sie übersetzte unter anderen Pier Paolo Pasolini, Erri De Luca und Alessandro Baricco.

ERSTES KAPITEL

Die Sache mit den Kugeln

«Wenn die Signori bitte einen Moment Aufmerksamkeit walten lassen wollen», sagte Don Liborio Spartà, der Vorsitzende des Vereins «Ehre & Familie», «ich möchte die Urne öffnen und zur Auszählung der Kugeln übergehen.»

Das Geplauder der Mitglieder verebbte, bis eine relative Stille im Salon herrschte. Relativ, weil Don Anselmo Buttafava wie gewöhnlich in dem mit Damast bezogenen Sessel, seinem angestammten Platz seit mindestens dreißig Jahren, eingeschlafen war und nun so kräftig schnarchte, dass die Scheiben der Balkontür vor ihm leicht zitterten. Als vor gut zehn Jahren das gesamte Mobiliar des Vereins erneuert worden war, hatte man diesen Sessel zum Behufe seines ausschließlichen Gebrauchs durch Don Anselmo zurücklassen müssen, jeder Einspruch war zwecklos gewesen.

«Was stinkt denn hier so verbrannt?», fragte Commendator Padalino mit lauter Stimme, als der Vorsitzende die Urne nach umständlichem Hantieren endlich geöffnet hatte.

«Aha, Sie riechen das auch?», fragte der pensionierte Colonnello Petrosillo den Commendatore.

«Und ich ebenfalls!», rief Professor Malatesta.

«Tatsächlich, hier stinkt's!», pflichteten viele bei.

Derweil noch alle die Nase rümpften und den Kopf nach rechts und links drehten, um zu ergründen, woher der Rauchgeruch kam, stieß Don Serafino Labianca einen Schrei aus:

«Don Anselmo qualmt!»

Alle Blicke richteten sich auf Don Anselmo Buttafava, dem unter fortwährendem Schnarchen der Kopf auf die Brust gefallen war. Und wirklich sah man eine kleine dünne Rauchsäule vom Sessel aufsteigen und sich bis zu den Fresken an der Decke winden, dem Werk der lokalen Berühmtheit Angelino Vasalicò, eines Karrenmalers («Da kann die Sixtinische Kapelle einpacken!», hatte der Bürgermeister Nicolò Calandro seinerzeit erklärt).

Der erste, der die Ursache für das Rauchzeichen erkannte, war Don Stapino Vassallo, vielleicht weil er der Jüngste unter den Anwesenden war und gute Augen hatte, denn er war erst zweiundvierzig, wohingegen das Durchschnittsalter der anderen um die sechzig lag.

«Die Zigarre!», rief er aus.

Und lief zum Damastsessel.

Don Anselmo war nämlich die Zigarre aus der eingeschlafenen Hand auf seine Hose gefallen, und zwar genau an der Stelle, wo sich gewöhnlich das wertvollste Stück des Mannes befindet. Die Glut hatte sich bereits durch den groben englischen Stoff der Hose gebrannt und griff nun die dicke Wolle der Unterhosen an.

Während Don Stapino zum Tischchen des Vorsitzenden stürzte, auf dem eine Karaffe mit Wasser stand, ergriff Colonnello Petrosillo, ein Mann der Tat, der sich unverzüglich zwischen Don Anselmos Beine gehockt hatte, schon mit der linken Hand die Zigarre, warf sie auf den Boden und hieb mit der rechten kräftig auf die vom Feuer bedrohten Stellen.

Vom Schlag aufs Gemächt abrupt aus dem Schlaf gerissen und vor sich den zwischen seinen Beinen knienden Colonnello, missverstand Don Anselmo Buttafava die Situation. Seit längerem schon kursierten im Ort böse Gerüchte über die allzu großen Vertraulichkeiten, die Amasio Petrosillo, der nie geheiratet hatte, dem zwanzigjährigen Sohn seines Feldhüters gestattete. Darum versetzte Don Anselmo, ohne zu überlegen, dem Colonnello einen heftigen Stoß ins Gesicht, so dass dieser rücklings zu Boden fiel. Sodann sprang er aus seinem Sessel auf und lief, wie ein Verrückter schreiend, zum Tisch des Vereinsvorsitzenden:

«Ich hab's ja immer gewusst, dass Petrosillo einer von diesen abartigen Perversen ist! Werft ihn sofort aus dem Verein!»

Der Vorsitzende Spartà versuchte, die Sache zu erklären:

«Don Anselmo, hier liegt ein Irrtum vor! Sehen Sie, der Colonnello wollte .»

Doch Don Anselmo, dem wenig bis gar nichts genügte, um zu entflammen wie ein Schwefelholz, schnaubte schon vor Wut und hörte auf gar niemanden mehr.

«Entweder er geht oder ich!»

«Aber, Don Anselmo, hören Sie mir doch bitte einen Moment zu .»

«Dann eben ich!»

Wütend stieß er gegen die geöffnete Urne, worauf diese zu Boden fiel und alle Kugeln herausrollten, verließ fluchend wie ein Droschkenkutscher den Saal und schloss sich auf der Toilette ein.

In der nun folgenden allgemeinen Erregung geschahen mehrere Dinge gleichzeitig, der Colonnello brüllte und blutete, da der Stoß ihn empfindlich an der Nase getroffen hatte, der Vorsitzende wollte augenblicklich sein Amt niederlegen, der Sekretär sammelte die über den Boden rollenden Kugeln ein, und ein Handgemenge bahnte sich an zwischen denen, die Don Anselmo recht gaben, und denen, für die er im Unrecht war, weshalb es eine gute halbe Stunde dauerte, bis endlich wieder Ruhe einkehrte.

«Die Abstimmung muss wiederholt werden. Die Signori sind gebeten, über die Aufnahme von Avvocato Matteo Teresi in den Verein abzustimmen. Eine schwarze Kugel bedeutet Nein, eine weiße Ja. Anwesend sind neunundzwanzig Mitglieder, da Barone Lo Mascolo ausrichten ließ, er könne nicht teilnehmen, das Gleiche gilt für Dottor Bellanca und Don Anselmo Buttafava, der .»

«. anwesend ist. Demnach sind die Stimmberechtigten dreißig an der Zahl», ergänzte Don Anselmo, durch eine Seitentür in den Saal tretend.

Colonnello Petrosillo, der sich noch immer ein nasses Taschentuch auf die Nase drückte, stand auf und sagte:

«Suche Ort.»

Alle verstummten verlegen, weil sie sich fragten, welchen Ort der Colonnello meinte und was er dort suchte. Der einzige, dem es dämmerte, war wie üblich Don Stapino Vassallo.

«Colonnello, bitte nehmen Sie das Taschentuch vom Mund und wiederholen Sie, was Sie gesagt haben.»

Der Colonnello gehorchte.

«Ich ersuche um das Wort.»

«Gewährt», sagte der Vorsitzende.

«Hiermit erkläre ich öffentlich, dass Don Anselmo Buttafava sich als von mir geohrfeigt zu betrachten hat, mithin zum Duell herausgefordert ist. Zu meinen Sekundanten ernenne ich .»

«Wollen wir später darüber reden?», fragte der Vorsitzende.

«Einverstanden», antwortete der Colonnello.

Man stimmte ab.

Aus der Urne kamen neunundzwanzig schwarze Kugeln, also neunundzwanzigmal Nein, und eine weiße Kugel. Es war kein einstimmiges Urteil, daher musste die Sache erneut diskutiert und dann noch einmal abgestimmt werden, denn für jede Entscheidung, die ein neues Mitglied betraf, war Einstimmigkeit vorgeschrieben.

Don Liborio Spartà beschloss einzuschreiten.

«Signori, da heute Sonntag ist, läutet es in einer halben Stunde zu den Mittagsmessen. Und wir alle müssen in die Messe gehen. Ich schlage deshalb eine Abweichung von der Verfahrensordnung vor, um die Prozedur abzukürzen. Sind alle einverstanden?»

«Ja! Ja!», tönte es von vielen Stimmen.

«Satzungsgemäß muss bekanntlich jede Kandidatur eines neuen Mitglieds von zwei Mitgliedern des Vereins mit über fünfjähriger Mitgliedschaft beantragt werden. Im vorliegenden Fall haben Barone Mascolo, abwesend, und der anwesende Marchese Don Filadelfo Cammarata die Kandidatur von Avvocato Matteo Teresi unterstützt. Ganz offensichtlich kann die weiße Kugel von niemand anderem als Marchese Cammarata stammen, den ich hiermit höflich bitte .»

«Ganz offensichtlich?! So ein hirnverbrannter Blödsinn!», rief dieser wütend aus.

Der Marchese war ein Mann von fünfzig Jahren, dürr wie ein Strich, verheiratet und Vater von acht Mädchen, allesamt brave fromme Kirchgängerinnen, er selbst dagegen reizbar, immer im Streit mit jedermann und nicht sparsam mit unflätigen Worten. Sogar wenn er allein war, sah man ihn lebhaft gestikulieren: er disputierte mit sich selbst.

«Signor Marchese, die Logik führt mich .»

«Es ist mir scheißegal, wohin die Logik Sie führt», erwiderte der Marchese, indem er sich aufrichtete, «ich erkläre hiermit, dass ich beim ersten wie beim zweiten Mal mit der schwarzen Kugel abgestimmt habe!»

Alle wunderten sich.

«Aber warum? Sie haben den Avvocato doch vorgeschlagen!»

«Und dann habe ich meine Meinung eben geändert, na und? Darf man das nicht?»

«Ich weiß, warum Sie Ihre Meinung geändert haben!», verkündete Don Serafino Labianca mit einem wissenden Lächeln vom anderen Ende des Saales.

Dass die beiden sich nicht ausstehen konnten, war allgemein bekannt. Der Liberale und Freimaurer Don Serafino und der Marchese, ein kirchentreuer Papist, waren überdies wegen eines nun schon seit zwanzig Jahren andauernden Prozesses entzweit, bei dem es um den Besitz eines Kirschbaums ging.

Schlagartig wechselte die Gesichtsfarbe des Marchese von Rot ins Grünliche. Damals gab es noch keine Ampeln, andernfalls hätte der Vergleich perfekt gepasst.

«Sagen Sie mal, Sie Serafino, engelhaft allerdings bloß dem Namen nach, denn in Wirklichkeit sind Sie ein Teufel mit Hörnern, was unterstellen Sie mit dieser Bemerkung?»

«Signori, ich muss doch sehr bitten!», flehte der Vorsitzende.

Don Serafino blieb ungerührt.

«Ich unterstelle gar nichts. Sie haben einen Prozess gegen Padre Raccuglia angestrengt, weil er sich angeblich ein Grundstück in Ihrem Besitz unter den Nagel gerissen hat, just so, wie Sie es mit den Kirschbäumen anderer Leute zu tun pflegen. Darum haben Sie sich an den Anwalt Teresi gewandt, der sämtliche Priester am liebsten bei lebendigem Leib aufgespießt und geröstet sehen möchte . Stimmt das nicht?»

«Es stimmt! Na und? Was reden Sie nur für einen Schwachsinn daher!...

"Scharfsinnige Schmunzellektüre." Stefanie Riedi, Sonntagszeitung, 27.01.13

"Andrea Camilleri, der große Geschichtenerzähler aus Sizilien, legt mit seinem neuen Buch wieder ein kleines Meisterwerk vor." Walter Bau, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 30.01.13

"Eine hochspannende und vergnügliche Lektüre." Sonja Kolb, dapd, 21.02.13

"Der Altmeister in Hochform. Camilleri gebührt ein goldener Lorbeerkranz. Ein Büchlein voller Kraft und Feuer." Jens-Uwe Sommerschuh, Sächsische Zeitung, 02./03.02.13

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