Wie ich einmal eine Meerjungfrau vor dem Ertrinken rettete

 
 
Carlsen (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 30. April 2020
  • |
  • 224 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-646-92979-9 (ISBN)
 
Ein besonderes Mädchenbuch mit ganz viel Herz und einem Funken Magie! Anthoni und ihre Mutter ziehen mit einem Bienenmobil durchs Land, um Honigshampoo und Cremes zu verkaufen. Dabei wünscht sich die Elfjährige nichts sehnlicher, als endlich eine Freundin zu finden. Doch dann lassen sich die beiden in dem verschlafenen Nest Eagle Waters nieder, in dem wunderlichen Hotel der alten Charlotte, von der man sagt, sie sei eine Meerjungfrau. Eine Zeit voller Geheimnisse wartet auf Anthoni. Und voller Mutproben. Bis sie am Ende nicht nur Schwimmen gelernt hat, sondern auch, was echte Freunde sind.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Josephine Cameron wuchs im Norden von Wisconsin auf. Nach ihrem Studium in Kreatives Schreiben legt sie nun ihr erstes Kinderbuch vor. Ihre zweite große Leidenschaft ist die Musik, sie gibt Musikunterricht an Schulen und komponiert eigene Songs.

6


Vielversprechende Kandidatinnen


Ich hoffe, ihr sucht nicht nach Lebendködern. Die sind echt eklig, und meine Mom musste kurz nach nebenan, deswegen halte ich hier die Stellung. Ich kann euch mit allem helfen, nur mit Ködern nicht so gern. Es sei denn, ihr braucht sie wirklich dringend.«

Das Mädchen, das in Annas Lädchen auf dem Hocker hinter der Kasse saß, war so klein, dass man sie für eine Drittklässlerin hätte halten können. Aber passend zu ihrem limettengrünen T-Shirt mit der Aufschrift »Club der Wasserskiratten« trug sie glitzernden Lidschatten und lackierte sich die Fingernägel mit übel riechendem limettengrünen Lack. Dazu hatte sie die Finger gespreizt auf die Glasoberfläche einer riesigen Kühltruhe gelegt. In normalen Läden hätte man darin Eis am Stiel vermutet. Auf dieser Truhe jedoch klebte ein Schild mit der Aufschrift RIESENREGENWÜRMER, BLUTEGEL, DICKKOPF-ELRITZEN und SCHIFFSHALTER - DIE FRISCHESTEN IN DER GANZEN STADT!

»Wie steht es denn mit Ohrstöpseln?«, fragte Mom. Das Mädchen seufzte erleichtert auf, schraubte den Deckel auf das Fläschchen und pustete über ihre Nägel.

»Die sind hinten bei den Aspirin und der Zahnpasta. Ich habe euch beide hier noch nie gesehen. Woher kommt ihr? Mein Name ist Julie. Ich bin elfeinhalb, aber im Oktober werde ich zwölf, also bin ich fast elfdreiviertel.«

»Anthoni ist auch elf! Ihr würdet euch bestimmt super verstehen.« Mom stieß mich mit dem Ellbogen an und nickte mir aufmunternd zu, damit ich die Chance ergriff. »TFE«, flüsterte sie mir zu, drehte sich um und ließ mich mit Julie und den Riesenregenwürmern allein.

TFEs nannte man bei BienenBeauty die »Taktiken fürs Erstgespräch«, die einem die richtige Richtung vorgeben sollten und die man sich leicht merken konnte. Es waren Dinge wie »Stellen Sie sich vor«, »Erzählen Sie eine persönliche Anekdote« und »Entdecken Sie Gemeinsamkeiten«.

Julie lächelte mich an und entblößte dabei eine Zahnspange mit limettengrünen Gummis. »Ich dachte immer, Anthoni wäre ein Jungenname«, sagte sie. »Aber er ist schön. Ich kannte mal ein Mädchen, die hieß Sam, aber das war nur die Abkürzung für Samantha. Deinen Namen könnte man auch abkürzen. Ann oder Toni, zum Beispiel. Oder Annie?«

»Nur Anthoni«, erwiderte ich. »So hieß mein Großvater.«

Julie sah mich nachdenklich an und schien darauf zu warten, dass ich noch etwas sagte.

»Meine Mom dachte, ich würde ein Junge werden, und sie hält sich immer an ihre Pläne«, fuhr ich daher fort.

»Wie lustig! Wie wärs dann mit Initialen? Der neue Junge in unserer Klasse heißt Dana, das klingt eher wie ein Mädchenname. Deswegen nennt er sich DJ. Ist ein ziemlich komischer Vogel. Das heißt jetzt nicht, dass ich denke, du wärst das auch oder so.« Sie griff nach dem Nagellackfläschchen. »Soll ich dir deine Nägel auch anmalen? Der Lack leuchtet im Dunkeln. Aber komm damit bloß nicht in die Nähe von Lavendel. Das ist mein Meerschweinchen. Die dreht dann immer voll durch.«

Auf der Suche nach einem anderen Gesprächsthema sah ich mich im Laden um. Ich wollte ihre Gefühle nicht verletzen, aber den Geruch von Nagellack konnte ich einfach nicht ertragen, und vor Meerschweinchen ekelte ich mich. Auf einem Ständer mit Postkarten entdeckte ich einige Archie-Comics. »Habt ihr auch was von den X-Men?«

»Oh Gott!« Julie schnaubte, als hätte ich etwas Heikles angesprochen. »Meine beste Freundin ist total besessen davon, und ich weiß einfach nicht, warum. Wer will schon etwas von kämpfenden Mutationen hören, die sich ständig gegenseitig in die Luft jagen?«

»Mutanten«, verbesserte ich sie. Julie war das einzige menschliche Wesen in meinem Alter, das ich bisher in Eagle Waters gesehen hatte. Allein deshalb musste ich sie als vielversprechende Kandidatin auf meine Liste setzen. Nur sammelten wir nicht gerade viele Punkte auf der Gemeinsamkeitenskala.

»Stimmt. Mutanten. Uäh! Meine Eltern würden niemals so gewalttätige Comics verkaufen. Sie mögen eher Dinge, die gut für Körper und Geist sind. Bist du eigentlich zum ersten Mal hier? Machst du bei unserer Wasserski-Gruppe mit? Das solltest du nämlich. Die Jungs aus der ersten Mannschaft sind dieses Jahr echt süß. Wo übernachtet ihr denn?«

Julie unterbrach ihren Redeschwall, sodass ich kurz »im Showschiff« einwerfen konnte. Sie sog scharf die Luft durch ihre Zahnspange.

»Echt jetzt? Das ist aber nicht, äh .« Ihr Blick wanderte zum Fenster. »Hey! Sag mal, sieht euer Auto aus wie eine Biene?« Sie sprang vom Hocker, um es sich genauer anzuschauen. »Tatsache! Ein Bienenauto! Das ist ja so was von cool! Darf ich ein Foto davon machen? Ich muss unbedingt ein Foto davon machen!«

Während Julie mit ihrem Handy hantierte, um durchs Fenster den besten Winkel für ihr Foto zu finden, spürte ich Mom in einem Gang mit Zahnpasta, Katzenfutter und Erdnussbutter auf.

»Sie ist nett«, flüsterte Mom. »Aber eher Vermittlerin als Kandidatin, oder?«

Ich nickte. Eine Kandidatenliste konnte man auch aufstellen, indem man eine Vermittlerin kennenlernte und sich ihren Freunden vorstellen ließ.

Die Ladenglocke bimmelte und Gelächter erfüllte den Raum.

»Julie, sag mir nicht, deine Mutter hat diesen scheußlichen Wagen da draußen gekauft! Euer Laden ist doch kein Zirkus!«

Ich drehte mich zu der unverschämten Frau um und bedachte sie mit einem bösen Blick, aber als Mom sie entdeckte, packte sie meinen Arm und zog mich in den hintersten Gang. Vor einem Regal mit Babynahrung gingen wir in die Hocke.

»Was soll das werden?«, flüsterte ich und versuchte, mich aus ihrem Griff zu winden.

Mom schnappte sich ein Glas mit Rote-Beete-Brei. »Tu so, als würden wir uns unterhalten.«

»Wir unterhalten uns doch. Warum hocken wir hier? Gehts dir gut?«

»Mrs Quinn!«, quiekte Julie. »Das Auto gehört nicht uns, sondern meiner neuen Freundin Anthoni. Ist Maddy auch da?«

Wieder ertönte die Türglocke und Julie stieß einen schrillen Schrei aus: »MADDYYYYYYYYY!«

Maddy? Maddy Quinn? Ich lugte hinter dem Regal hervor und erhaschte einen Blick auf knöchelhohe marineblaue Sneakers.

Mom war blass geworden, was ich mir nicht erklären konnte. Wenn das wirklich Maddy Quinn war, musste die Frau Mary Pepper sein. Genau die Mary Pepper, die mit Mom durch den »magischen« Thunder Lake geschwommen war, sechs Sommer hintereinander. Warum also taten wir so, als würden wir uns über Babynahrung unterhalten?

Mit erhobenen Armen, wie ein Arzt im Fernsehen, der sich gerade für eine OP die Hände desinfiziert hatte, tauchte Julie hinter uns im Gang auf. Als ich das Mädchen an ihrer Seite entdeckte, musste ich lächeln. Maddy Quinn sah überhaupt nicht mehr aus wie das Mädchen mit den Zöpfen aus meiner Erinnerung. Doch in der Hand hielt sie ein zusammengerolltes Comic-Heft. Ich konnte zwar nicht genau sagen, um welches es sich handelte, aber ich erkannte das Marvel-Logo und sah ein Stück von etwas aufblitzen, das wie eine Metallkralle aussah.

»Na Gott sei Dank!«, sagte Julie. »Ich dachte schon, ihr hättet euch in Luft aufgelöst. Das wär echt seltsam gewesen. So was ist hier noch nie passiert. Das hier ist Anthoni, meine neue Freundin. Ihr gehört das Bienenauto.«

»Carrie Floss?«, fragte Mrs Quinn. »Dich habe ich ja nicht mehr gesehen, seitdem die Mädchen im Kindergarten waren. Was in aller Welt machst du denn hier?«

Mom richtete sich auf und fing an, Small Talk mit Mrs Quinn zu halten, als wäre sie irgendeine x-beliebige Fremde, die sie auf der Straße getroffen hatte. Warum hüpften sie nicht auf und ab und fielen einander um den Hals, wie wahre Freundinnen es taten, wenn sie sich seit Jahren nicht gesehen hatten? Ich schluckte meine aufkeimende Nervosität herunter und grüßte Maddy lächelnd. Sie nickte mir zu und beugte sich zu Julie.

»Wir kennen uns von früher«, sagte sie ganz leise. Ich hörte es trotzdem. Maddy Quinn hatte mich also nicht vergessen.

»Hast du das Showschiff schon gesehen?«, fragte Mrs Quinn. »Du wirst es nicht wiedererkennen. Seit Mr Boulays Tochter es übernommen hat, geht es damit nur noch bergab.«

»Charlotte?«, fragte ich.

Mrs Quinn sah mich überrascht an. »Du kennst sie?«

»Anthoni übernachtet dort«, warf Julie ein.

Maddy gab ein ersticktes Geräusch von sich. »Ernsthaft?«

»Und wo seid ihr untergekommen?«, fragte ich.

Mrs Quinn lächelte mich an, als wäre ich eine Fünfjährige, die gerade eine niedliche Bemerkung gemacht hatte. »Leon und ich haben uns eine Ferienblockhütte gekauft, nachdem ich befördert wurde«, erklärte sie Mom. »Aber dann haben wir uns entschieden, dem Hamsterrad zu entkommen und endgültig hierherzuziehen. Lebensqualität ist wichtiger, als bis zum Gehtnichtmehr zu schuften, findest du nicht auch?« Sie berührte Mom am Ellbogen. »Ich kann nicht fassen, dass du das noch nicht wusstest, Carrie. Wir haben uns einfach zu lange nicht mehr gesehen!«

Maddy flüsterte Julie etwas zu, und als sie sich zu ihr umwandte, steckte sie das aufgerollte Comic-Heft in ihre Gesäßtasche. Es entfaltete sich zumindest so weit, dass ich sehen konnte, worum es sich dabei handelte: Wolverine und die X-Men.

Mrs Quinn klatschte in die Hände. »Storniert doch eure Reservierung. Ihr könnt bei uns...

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