Die Seidentöchter

Roman
 
 
Blanvalet (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Juni 2019
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-24114-8 (ISBN)
 
Eine wundervolle Geschichte über Träume aus Samt und Seide und die Kraft, das eigene Schicksal zu verändern ...

Camilla hat hochfliegende Träume von einer glitzernden Karriere in der Modewelt, doch als Marianne, ihre Ziehmutter, schwer erkrankt, beschließt sie, an ihrer Seite zu bleiben. Was wie eine Sackgasse erscheint, entpuppt sich als Neuanfang voll ungeahnter Möglichkeiten, denn Camilla findet wunderschöne, von Mariannes Mutter gefertigte Kleidungsstücke, die ihr Ungeahntes offenbaren.
In den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts weiß die junge Caterina um ihr Talent fürs Schneidern und dass sie die Gabe hat, das Leben ihrer Kundinnen zu verändern. Ihr größter Wunsch wäre ein eigenes Unternehmen, doch das Schicksal hat andere Pläne mit ihr ...

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Blanvalet
  • 1,06 MB
978-3-641-24114-8 (9783641241148)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Cristina Caboni lebt mit ihrer Familie auf Sardinien, wo sie Bienen und Rosen züchtet. Ihr Debütroman Die Rosenfrauen verzauberte die Leser weltweit und stand in Deutschland wochenlang auf der Bestsellerliste. Ihr zweiter Roman Die Honigtöchter, der auf ihrer Heimatinsel spielt, und Die Oleanderschwestern waren ebenfalls große Erfolge. Der Zauber zwischen den Seiten ist nun Cristina Cabonis viertes Buch, das in der faszinierenden Welt der Bücher spielt.

1

Alpaka. Weich und anschmiegsam, glänzend und angenehm auf der Haut zu tragen. Ein Stoff der Erinnerung, der die Sehnsucht nach der Kindheit weckt. Er wird aus dem Haar der Alpakas gewonnen, einer in den südamerikanischen Anden beheimateten kleinen Kamelart, und für Jacken, Pullover, Decken und Teppiche verwendet.

Das Gewebe war hauchfein, eine besonders hochwertige Shantungseide. Der Stoff erinnerte sie an das Blau des Winterhimmels, durchsichtig wie Glas, eiskalt und scheinbar endlos.

Camilla Sampietro strich sanft darüber. Die zahlreichen Schattierungen reichten von einem sanften Türkis bis zu einem intensiven Indigo, es war ein changierendes Feuerwerk. Beim Darüberstreichen spürte man die dezenten Strukturen des kostbaren Gewebes.

Mit den Fingerspitzen fuhr sie über die leicht raue Oberfläche, dabei hielt sie den Atem an wie jedes Mal, wenn sie etwas so Edles in den Händen hielt.

»Reine Seide. Dupionseide«, sagte die junge Frau, die vor ihr stand.

Eindeutig wusste sie nicht, von was sie sprach, dachte Camilla. Aber das spielte keine Rolle. Wichtig war allein die Kundin, für die das Kleid bestimmt sein sollte. Sie hatte sich als Lucy Wong vorgestellt.

Eine Weile schwiegen beide, lediglich ihre Atemgeräusche waren zu hören.

»Glauben Sie, der Stoff reicht aus, um daraus ein Kleid für mich zu machen?«, fragte Lucy schließlich zögerlich, jedoch mit hoffnungsvoller Stimme.

Das Kleid, das sie ganz vorsichtig auf den Ladentisch des kleinen Schneiderateliers gelegt hatte, in dem Camilla seit einem Jahr arbeitete, hatte ihrer Urgroßmutter gehört. Mit Tränen in den Augen erzählte sie, dass ihre Familie vor etwa hundert Jahren wegen der revolutionären Umwälzungen aus China geflohen sei, mit nichts außer ein paar Habseligkeiten, darunter ein Bündel mit dem Familienschmuck und diesem Kleid. Der Schmuck war längst verkauft, das Kleid hingegen gab es noch immer.

Ab und zu hatte es ihr Vater aus der parfümierten Schachtel genommen, in der es verwahrt wurde, und es ihr für einen kurzen Moment gezeigt, um es danach sogleich wieder behutsam in Seidenpapier zu wickeln und zurückzulegen. Aber seit ihr Vater tot war, verspürte Lucy den Wunsch, das Kleid ändern zu lassen und es selbst zu tragen, um auf diese Weise die Erinnerung an ihn ständig bei sich zu haben.

Als Camilla die junge Frau mit der eng an die Brust gedrückten Schachtel in den Laden hatte kommen sehen, war ihr auf der Stelle klar gewesen, dass es sich nicht um eine ihrer üblichen Kundinnen handelte, sondern dass es mit ihrem Anliegen eine besondere Bewandtnis hatte.

Eindeutig gehörte sie zu jener Sorte Frau, die nicht nur gut aussehen, sondern sich mit ihrer Kleidung gleichzeitig identifizieren wollten. Zum Beispiel mit einem umgearbeiteten Kleid, das einmal jemand anderem gehört hatte, einem geliebten Menschen. Eine Äußerlichkeit zwar, die allerdings eine tiefe innere Verbindung zum Ausdruck brachte.

»Das hängt vom Schnitt ab, doch ich denke schon, dass es möglich ist, daraus ein Kleid für Sie zu machen.«

Der Stoff duftete dezent nach Sandelholz. Camilla hatte es gleich beim Auspacken bemerkt und war fasziniert gewesen, denn der Geruch erinnerte sie an den Garten aus ihren Kindertagen.

Sie lächelte die junge Frau an. »Das Kleid ist in einem hervorragenden Zustand, keinerlei Beschädigungen bis auf den Kragen.«

Mit dem Zeigefinger fuhr sie fast andächtig über die ­Stickereien, die typisch waren für Kleider aus der Spätzeit der Mandschu-Dynastie: Orchideen, das Symbol der Schönheit und der Fruchtbarkeit, dazu Hunderte von Schmetterlingen, die Glück bringen sollten, sowie kupfer- und goldfarbene Fäden, die den Saum des Kragens und der Ärmel durchzogen.

Der Stoff kam Camilla vor wie ein Gemälde, ein Kunstwerk aus Farben und Formen. Sie konnte den Blick kaum von dem Kleid abwenden, so überwältigt war sie von seiner Anmut, seiner Frische und der Kraft, die es ausstrahlte. Ein Wunder nach dieser langen Zeit.

Wie glücklich musste die Auserwählte gewesen sein, die dieses Kleid einst hatte tragen dürfen. Sie malte sich aus, wie sie selbst sich darin gefühlt haben würde. Es hätte sie mit Stolz erfüllt.

Lucy sah sie an und verzog die Lippen zu einem Lächeln.

»Ursprünglich war am Oberteil ein Jadestein als zusätzlicher Schmuck eingenäht - er wurde entfernt, um das Studium meines Vaters zu finanzieren. Eine Geschichte, die ich mir früher bestimmt an die tausend Male anhören musste, denn dieser Stein scheint etwas ganz Besonderes gewesen zu sein. Fast durchsichtig, änderte er je nach Lichteinfall die Farbe. Meine Familie jedenfalls betrachtete ihn als ihren kostbarsten Besitz und hat sich höchst schwer von ihm getrennt.«

Fasziniert hörte Camilla zu, wie sehr das Schicksal dieser Familie mit diesem Kleid verwoben war, und darüber hinaus erinnerten Lucys Worte sie an ihre eigene Existenz, an ihr eigenes Denken und Fühlen. Genau das bedeutete Mode nämlich für sie: dass ein Kleidungsstück eine Geschichte erzählen konnte.

Inzwischen hatte Lucy zu sprechen aufgehört und zog mit noch immer tränenfeuchten Augen ein zerknittertes Stück Papier aus der Tasche.

»Das hier würde mir gefallen.«

»Schauen wir mal.«

Camilla legte das Blatt auf die Platte des Ladentischs, strich es glatt, knipste die Lampe an und betrachtete die Skizze, die ein schlichtes Modell mit ärmellosem Oberteil und knöchellangem Rock zeigte. Dann hob sie die Augen, blickte Lucy an und fuhr instinktiv mit den Fingern über den Stoff, als wollte sie die alte Seide befragen.

Und sie bekam eine Antwort.

Das Modell verblasste, und vor ihrem inneren Auge tauchte ein anderes Bild auf. Sie sah es ganz deutlich. Das eben noch streng wirkende Gewebe schmiegte sich anmutig an den feingliedrigen Körper seiner Trägerin. Ein herzförmiger Halsausschnitt brachte die Stickereien eindrucksvoll zur Geltung und unterstrich Lucys Persönlichkeit, setzte sie, mehr noch, in Szene.

Der Rock öffnete sich wie ein Kelch nach unten, ­modern und zeitgemäß, klare Linien ohne Schnickschnack, genau passend zum Typ der jungen Frau, die vor ihr stand. Der Tradition verbunden, ohne Scheu, anders zu sein als die Mehrheit, so schätzte sie Lucy ein. Und gleichzeitig dem Fortschritt gegenüber aufgeschlossen, gradlinig, schnörkellos, sanft und zart, das war sie. Einzigartig.

Und davon würde das Kleid erzählen.

»Sehr schön«, erklärte sie schließlich.

Lucy hielt einen Augenblick inne, dann kam sie auf ­Camilla zu und umarmte sie.

»Danke, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie wichtig das für mich ist.« Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und lächelte. »Und wie geht es jetzt weiter?«

Camilla hatte Mühe zu antworten, ihre Gefühle drohten sie zu überwältigen. Sie wusste sehr gut, wie es sich anfühlte, mit dem Verlust einer geliebten Person leben zu müssen, beseelt zu sein von dem Wunsch, etwas zu finden, das einen auf ewig an den Verstorbenen erinnerte und eine unauslöschliche Verbindung herzustellen vermochte.

»Signora Sandra wird mit Ihnen die Formalitäten klären«, sagte sie und deutete auf eine elegant gekleidete Frau mittleren Alters, die gerade mit einer anderen Kundin beschäftigt war.

Ihre Chefin lächelte ihr zu. »Brauchst du mich?«

»Ja, es geht hier um etwas ganz Besonderes, ein New-Style-Kleid.«

Neuer Stil. Dieses Etikett heftete man in dem kleinen, aus einer einfachen Schneiderei hervorgegangenen Atelier von Sandra Finot solchen Kleidern an, die sich an früheren Stil­epochen orientierten und so verändert und umgestaltet wurden, dass sie jedes aktuelle Modell in den Schatten stellten. Es wurde also Altes zu neuem Leben erweckt.

Für Camilla war es die Erfüllung eines Traumes, entsprach es doch ihrer persönlichen Vision von einer Mode, die Äußerlichkeiten mit Emotionen in Einklang brachte. Vor ihrem inneren Auge pflegte sie die fertige Kreation bereits zu sehen, bevor sie einen Stich getan hatte.

Auf diese Weise arbeiten zu können, das war von frühester Jugend an ihr sehnlichster Wunsch gewesen. Deshalb hatte sie sich nach ihrem Modedesignstudium darauf spezialisiert, alte Kleider so umzugestalten, dass sie wie neu wirkten, ohne dabei ihren Charakter zu verlieren.

Zu ihrem Glück war Sandra von ihrer Idee überzeugt gewesen und hatte sie eingestellt.

Camillas Entwürfe, die sich auf historische Vorlagen stützten, hauchten diesen neues, zeitgemäßes Leben ein, sodass sie weder antiquiert noch imitiert aussahen. Und sie selbst bildete die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Während sie selbst sich den Weberinnen und Schneiderinnen, den Schöpfern der ursprünglichen Modelle, nahe fühlte, bemühte sie sich, auch zwischen den Trägerinnen von damals und heute eine Verbindung herzustellen. In den Augen ihrer Kundinnen versuchte sie zu lesen, welche Wünsche sich in ihren Herzen verbargen, welche Träume sie hatten. Sie nahm ihre Gefühle auf und setzte sie in ein Modell um, dessen Vorlage dies ebenfalls zum Ausdruck gebracht hatte.

Bei diesem besonderen schöpferischen Prozess kamen am Ende ausgewählte Einzelstücke heraus, die sie den Träumen ihrer Kundinnen entsprechend geschaffen hatte und die die Hoffnungen widerspiegelten, die sie hegten, und die Erwartungen, die sie an sich, an andere, ans Leben stellten.

Das war es, was sie mit ihren Kreationen zum Ausdruck brachte, und irgendwie setzte sie damit zugleich ihre eigenen Wünsche um.

Die Stimme ihrer Chefin riss Camilla aus ihren Gedanken.

»Eine Minute noch, dann bin ich ganz für Sie da«, versprach sie, und tatsächlich gesellte sie sich kurz darauf zu ihnen, um mit Lucy den...

»Ein Buch über Träume aus Samt und Seide - und die Möglichkeit, das Leben in die eigene Hand zu nehmen.«
 
»Herzerwärmend!«

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