Die Orpheus-Prophezeiung

Thriller
 
 
Goldmann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. November 2013
  • |
  • 576 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-12146-4 (ISBN)
 
Ein alter Geheimbund, eine tödliche Verschwörung und die Suche nach einem verborgenen Ort

Als die gefeierte Stargeigerin Mara Thorn mitten im Konzert vom Tod ihres Managers erfährt, gerät ihre Welt ins Wanken. Was wollte ihr John S. Gritti vor seinem Unfall mitteilen? Hat sein Tod etwas mit der geheimnisvollen schwarzen Violine zu tun, die Mara vor Jahren von einem Unbekannten geschenkt bekam? In dem jungen Wiener Antiquar Jakob Lechner glaubt sie einen Verbündeten zu finden. Doch schon bald weiß sie nicht mehr, wer wirklich auf ihrer Seite steht. Mara sieht sich im Fadenkreuz einer mysteriösen "Orphischen Gesellschaft", deren Wurzeln weit in die Vergangenheit zurückreichen .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Goldmann
  • 0,90 MB
978-3-641-12146-4 (9783641121464)
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Prolog

Hatte Gott gesprochen?

Oder Satan?

Padre Antonio war klar, dass die Wege des Herrn unergründlich waren. So unergründlich, dass man manchmal teuflische Absichten dahinter vermuten konnte. Und dass umgekehrt der Teufel süßeste Hoffnungen zu wecken und sogar zu erfüllen pflegte, um den so Verlockten ins Verderben zu führen.

Nachdenklich blickte der Priester an der Fassade der Kirche San Giorgio empor. An seiner Kirche, in der er mehr als sein halbes Leben dem Herrn diente. Beklemmung quälte ihn. Immer wieder hatte er versucht, sie abzuschütteln, aber es gelang ihm nicht.

In etwa sieben Metern Höhe stand ein Arbeiter auf einer Leiter und untersuchte die Fassade.

Äußerlich war an dem Bauwerk nichts Außergewöhnliches zu sehen. Doch das hieß gar nichts. Irgendwo im Inneren konnte das Schreckliche lauern.

Herr, gib, dass wir noch einmal davongekommen sind, betete Antonio. Gib, dass wir es auch diesmal geschafft haben.

Er ging die paar Schritte zu der Leiter und wandte sich nach oben. »Wie sieht es aus?«, rief er.

Der Arbeiter antwortete etwas Unverständliches. Es klang nicht beunruhigend. Und wenn schon, dachte Padre Antonio. Es ging ja nicht nur um die Fassade. Es ging um die Fundamente, um die Statik der riesigen Wände, des Turms.

Im Inneren war der Ingegnere mit einigen weiteren Leuten bei der Arbeit. Padre Antonio wusste nicht, wie lange sie brauchen würden.

Im selben Moment setzte sich die Glocke im Turm in Bewegung und schickte vier einzelne Schläge in den Himmel über der kleinen Stadt. Dann folgten zwei weitere, etwas tiefer gestimmte. Vögel stoben auf und flogen als schwarze Silhouetten davon.

Vierzehn Uhr. Jetzt begann die Beichtstunde. Wenn jemand auftauchte, der seine Sünden vergeben haben wollte, würde der Padre ihn wegschicken müssen. Das Gotteshaus durfte nicht betreten werden.

Seit Wochen war niemand mehr zur Beichte gekommen. Die Kirchen litten an Besucherschwund. Wenn der Padre daran dachte, spürte er Hilflosigkeit, manchmal auch Zorn. Doch er würde weitermachen. Unerbittlich. Und wenn er irgendwann der Letzte sein sollte, der noch in den Gottesdienst ging. Wenn er die Messe nur noch für sich alleine las.

Die Leiter vibrierte. Der Arbeiter, ein kugelrunder Mann in blauer Arbeitshose, stieg herunter. Er nahm den gelben Helm ab und strich sich über das verschwitzte Haar.

»Ich kann nichts finden, Padre. Hier vorn sieht alles gut aus. Sie müssen sich wohl keine Sorgen machen. Drüben in Mugello ist es viel schlimmer.«

Der Padre nickte. Gott sei Dank. Es war wieder einmal gut gegangen.

»Warten Sie noch, bis der Ingegnere kommt«, sagte der Arbeiter. »Ich packe schon mal zusammen.«

Der Platz vor der Kirche war menschenleer. Wo sonst vor allem um diese Zeit reges Treiben herrschte, ging es zu wie in einer Totenstadt.

Man konnte es den Leuten nicht verdenken. Ihnen stand nicht der Sinn danach, auf den Plätzen zu flanieren oder sich zu unterhalten.

Zwei Tage war es her, dass am frühen Morgen gegen vier Uhr die Erde gebebt hatte. Zwölf Sekunden, hatten die Nachrichten später gemeldet, aber diese Zeit war jedem, der die Naturkatastrophe miterlebt hatte, wie eine Ewigkeit erschienen.

Padre Antonio war schlaftrunken und wie in einem Reflex aus dem Bett gestürzt. Ihn hatte gerade ein schrecklicher Traum gequält, der etwas mit seiner Zeit im Priesterseminar zu tun hatte. Doch als er im Schlafanzug neben dem Bett stand und das gewaltige, formlose Rumpeln unter sich spürte, waren alle nächtlichen Hirngespinste wie weggeblasen.

Er war auf die Straße gelaufen und auf dem Kirchplatz stehen geblieben, während viele andere ebenfalls aus ihren Häusern gestürmt waren. Ein fahler Fleck am Himmel dem Kirchturm gegenüber wetteiferte gerade mit dem Schein der Straßenlaternen. Es war das erste Morgenlicht des Ostens.

Wie beim Jüngsten Gericht, war es dem Padre durch den Kopf gegangen. Von Osten kommt das Heil. Von Osten wird er kommen …

Aber es war nicht die Apokalypse, die die Menschen hier erlebten. Es war ein Naturschauspiel, wie es in der Toskana, aber auch in anderen Gebieten Italiens immer wieder vorkam.

Der Padre schüttelte die Erinnerungen ab. Die Gestalt des Ingegnere erschien in der offenen Kirchentür. Er trug keinen Overall wie der Arbeiter, sondern einen dunklen Anzug, sodass er wie ein Manager wirkte. Unter seinem Arm klemmte eine schwarze Ledermappe.

Der Padre spürte, wie sein Herz bis zum Hals schlug.

»Alles in Ordnung«, sagte der Ingegnere. »Sie können die Kirche betreten und Ihre Gottesdienste feiern. Es gibt nicht das geringste Problem.«

Der Priester nickte erleichtert. »Das sind gute Nachrichten. Darf ich Sie vielleicht zu einem Kaffee einladen? Ich würde mich freuen, wenn …«

Der Ingegnere winkte ab. »Tut mir leid. Es warten noch andere darauf, dass ich mir ihre Gebäude ansehe.«

Er lächelte glatt, und als er die Stufen vor der Eingangstür hinuntergegangen war, blieb ein Hauch Rasierwasserduft zurück. Drei weitere Arbeiter kamen aus der Kirche. Im Vorbeigehen grüßten sie den Padre kurz und gingen dann zu ihrem Wagen, den sie neben dem kleinen schwarzen Mercedes des Ingegnere auf dem Kirchplatz abgestellt hatten. Auf der Seitentür prangte das Logo des Ingenieurbüros.

Der Padre atmete tief durch. Das Duftwässerchen hatte sich verflüchtigt, und es kam dem Priester so vor, als schmecke die Luft jetzt besser. Nach Erde und Gras, nach den Nadelbäumen der Toskana.

Als die beiden Wagen hinter der nächsten Ecke verschwunden waren, drehte er sich um und ging die wenigen Schritte in den Kirchenraum. Niemand würde zur Beichtstunde kommen. So konnte er seinem Herrn alleine nahe sein.

Immer wenn er die Kirche betrat, erlebte er so etwas wie eine seelische Befreiung. Es war, als fielen alle Sorgen, alle Nöte von ihm ab. Er fühlte sich Gott nah – und das bedeutete, dass er sich zugleich klein, aber auch ungeheuer stark vorkam. Es war, als lade sich in seinem Inneren eine Batterie auf.

Jetzt war dieses Gefühl viel stärker als sonst. Es war überwältigend.

Seine Schritte hallten noch in dem riesigen Raum, da ließ er sich vor dem Altar auf die Knie nieder – gleich auf den harten, kalten Stufen, ohne einen Blick auf den zu werfen, den er anbetete: den Gekreuzigten, dessen mattgraue Gestalt im Hintergrund zu erkennen war. Die Figur, die ein Handwerker im 18. Jahrhundert aus Holz geschnitzt, bemalt und lackiert hatte, schimmerte in dem diffusen Licht.

Der Padre bekreuzigte sich.

Danke, Herr, dass uns nichts geschehen ist. Hilf denen, die an dem Erdbeben nicht so glimpflich vorbeigekommen sind … Herr, ich bitte Dich, lass die Verletzten wieder genesen. Und gib ihnen die Erleuchtung, dass nur Du es warst, der sie vor größerem Unheil bewahrt hat. Schick sie in den Schoß Deiner Kirche zurück. Vertraue sie Deinem Diener an, der sich glücklich schätzen wird, die verlorenen Schäflein wie eine Herde zusammenzuhalten. Bald ist Sonntag, und wie herrlich wäre es, die nächste Sonntagsmesse zu einem Dankgottesdienst …

»Padre?«

Die Stimme drang nur langsam in sein Bewusstsein. »Padre, bitte … hören Sie mich?«

Sie klang heiser, diese Stimme. Lag das nur daran, dass der Mensch, dem sie gehörte, zu flüstern versuchte?

»Kann ich Sie sprechen? Bitte. Es ist wichtig.«

Die Beichtstunde. Padre Antonio hatte sie vergessen.

Er beendete sein Gebet, machte ein Kreuzzeichen und erhob sich. Da stand eine kleine, dickliche Gestalt. Der Padre kannte den Jungen. Er war einer von denen, die abends oft auf dem Platz vor der Kirche herumlungerten. Sie hatten stets ihre Mopeds dabei, sorgten für einen Heidenlärm, und vor allem nach dem Wochenende musste Renzo, der Küster, am Morgen haufenweise Scherben von leeren Getränkeflaschen zusammenkehren.

»Was willst du?«, fragte der Priester. »Ich bin beschäftigt.«

Der hoffnungsvolle Gesichtsausdruck, mit dem er den Padre angesprochen hatte, wich einer Miene der Bestürzung.

»Aber ich dachte …« Der Junge brach ab, suchte nach Worten.

»Ich muss die Beichte abnehmen. Ich habe zu tun.«

Die Bestürzung verschwand, und das runde Gesicht strahlte.

»Aber deswegen bin ich hier.«

»Tatsächlich?«

»Aber sicher, Padre.«

Der Priester überlegte. War es jetzt schon so weit gekommen, dass ihm die Jugendlichen aus dem Dorf in der Beichte einen Streich spielen wollten? Da gab es nur ein Gegenmittel: Strenge.

»Ich kann mich nicht erinnern, dass du jemals in der Sonntagsmesse gewesen bist.«

Der Junge nickte. »Sie haben recht. Aber ich habe so wenig Zeit. Zu Hause bete ich regelmäßig. Zweimal am Tag. Wirklich. Das kann ich Ihnen versichern.«

Padre Antonio runzelte die Stirn. Wer war dieser Junge? Von seinem Äußeren her mochte er siebzehn oder achtzehn sein, aber irgendetwas wirkte, als sei er jünger. Er machte nicht den Eindruck dieser Machos, die sich vor der Kirche mit Mädchen kabbelten. Und wenn Padre Antonio sich recht erinnerte, hatte er ihn immer etwas abseits stehen sehen.

»Wie heißt du?«

»Tino. Tino Fasone.«

Fasone … Das war die riesige Familie, die irgendwo hinter San Michele auf einem alten Bauernhof lebte. Padre Antonio hatte vor vier Jahren die Großmutter beerdigt. Einzelne Informationen kamen ihm in den Sinn: Der Vater, der sie pflegte, war alleine mit vier Söhnen. Er...

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