Der dunkle Fluss der Sehnsucht

 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. Mai 2020
  • |
  • 556 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7325-8547-2 (ISBN)
 
Durch einhundert Jahre getrennt, doch verbunden durch das gleiche Schicksal

Jess' und Brads Ehe steht auf dem Prüfstand, nachdem ein Schicksalsschlag ihr Leben bis in seine Grundfesten erschüttert hat. Trotzdem begleitet Jess ihren Mann auf eine Forschungsreise ins Diamantina-Gebiet. Dort findet sie die Tagebücher einer Frau, die um 1870 gelebt hat. Jess erkennt, dass ihre beiden Schicksale sich erstaunlich ähneln. Durch die Erfahrungen der jungen Jenna sieht Jess ihr Leben in einem neuen Licht ...

Von Irland im Jahr 1867 bis ins heutige Queensland spannt sich der Bogen einer berührenden Geschichte, an deren Ende eine schwere Entscheidung steht.

Dieser Familiengeheimnis-Roman ist in einer früheren Ausgabe unter dem Titel "Weil die Sehnsucht ewig lebt" erschienen.

Weitere Romane von Robyn Lee Burrows bei beHEARTBEAT:

Der wilde Duft der Akazie. Wind über dem Fluss. Weil die Hoffnung nie versiegt. Weil nur die Liebe wirklich zählt.

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Robyn Lee Burrows wurde in New South Wales, an der Ostküste Australiens, geboren und lebt nun im Hinterland der Gold Coast in Queensland. Bei beHEARTBEAT sind fünf Romane der Australierin lieferbar: Der dunkle Fluss der Sehnsucht, Der wilde Duft der Akazie, Wind über dem Fluss und die Saga um die Familie Hall. Robyn Lee Burrows ist verheiratet, hat drei Söhne, fünf Enkelkinder und diverse Haustiere. Besuchen Sie die Homepage der Autorin unter http://www.robynleeburrows.com/.

KAPITEL 2

Newtownlimavady, Irland

Juli 1867

Adam O'Loughlin saß auf den Stufen vor seinem Cottage; die heiße Sonne wärmte sein Gesicht, während er seinen Tee trank. Eine Brise raschelte in dem Kartoffelacker, dessen Kraut und Blüten sich über den Hang des Hügels erstreckten. Er sah aus wie ein grünes Meer mit violetten Tupfen. Adam war noch nie am Meer gewesen, hatte nur in Büchern darüber gelesen, stellte sich aber vor, wie es aussehen könnte. Einmal hatte ihn sein Vater mit nach Londonderry genommen, das achtzehn Meilen weit weg war; dort hatte er über den Fluss Foyle geblickt und sich gefragt, wie es wohl wäre, mit einem der Schiffe, die in den Docks lagen, davonzusegeln. Wie alt mochte er damals gewesen sein? Sechs? Sieben? Ein anderer Gedanke riss ihn jäh in die Gegenwart zurück: Sein Dad war vor vier Monaten am Fieber gestorben. Und als ältester Sohn war er, Adam, nun schon mit achtzehn Jahren das Familienoberhaupt.

Er sah verdrossen auf die O'Loughlin-Felder unterhalb des Cottages; die Verantwortung lastete schwer auf seinen jungen Schultern. Der Boden seiner Farm war schlecht; die Felder und Wiesen lagen tief, und in den regnerischen Monaten verwandelten sie sich in Morast, da sie nicht einmal zureichend entwässert werden konnten. Er besaß insgesamt zehn Acres, und mehr als die Hälfte des Landes war kaum besser als Torfmoor. Rinder und Schafe hatte er längst für einen Bruchteil ihres Wertes verkauft, um den ausstehenden Pachtzins bezahlen zu können. Jetzt hatte Adam nur noch ein einziges Schwein, ein kümmerliches Tier, und drei Acres Kartoffelfelder.

»Es ist eine Schande, an einem so schönen Tag trüben Gedanken nachzuhängen«, rief jemand plötzlich neben ihm.

Seine Mutter setzte sich zu ihm auf die Stufen und legte die Hände auf ihren Bauch und das ungeborene Kind. Adam warf ihr einen Blick zu, wandte sich dann aber verlegen wieder ab. Sie war bei ihrer Hochzeit mit Dad kaum älter gewesen als er jetzt. Und heute war sie noch nicht einmal vierzig und doch schon eine alte Frau mit fast weißem Haar und vielen kleinen Falten um die Augen und den Mund.

»Woher weißt du, was ich denke?«

»Eine Mutter spürt so etwas.«

Er presste die Lippen zusammen und schaute in die Ferne. Weiß getünchte Cottages mit Strohdächern, ganz ähnlich wie seines, von mit Steinmäuerchen abgegrenzten Feldern und Weiden umgeben, waren weit in der Landschaft verstreut. Auf dem Gipfel des Hügels zur Linken stand das Farmhaus des Großgrundbesitzers. Die Böden seiner höher gelegenen Felder waren dunkel und fruchtbar, und große Schafherden - helle Pünktchen inmitten des satten Grüns - grasten friedlich auf den Weiden. Das Haus des Großgrundbesitzers erstreckte sich über den gesamten Kamm des Hügels, und die Mauern hoben sich unnatürlich weiß von den frisch bestellten Äckern ab. Der Turm in der Mitte war um eine Spur dunkler. Rechts davon markierte eine Baumlinie den Verlauf des Rivers Roe.

»Die Kartoffeln«, sagte seine Mutter. »Was meinst du, wann wir mit dem Ausgraben anfangen?«

Adam blinzelte und richtete den Blick erneut auf das O'Loughlin-Land unterhalb des Cottages. Manchmal, wenn er die Zeit fand, um hier zu sitzen, bildete er sich ein, die neuen Blätter wachsen und die Blüten aufgehen zu sehen, so schnell entwickelten sich die Pflanzen. Gott sei Dank, dachte er. Mit dem Erlös für die Ernte konnte er die halbjährliche Pacht bezahlen, die seit dem »Gale Day« im Mai fällig war, und sie konnten die eigenen Vorratsfässer wieder füllen. Zurzeit hatten sie nur die knorrige Sorte im Haus, die weit weniger schmackhaft war als die festen Feldfrüchte, die augenblicklich in der feuchten Erde wuchsen.

»In ein paar Wochen«, antwortete er mit einem Stirnrunzeln. »Vielleicht in einem Monat, wenn wir noch so lange warten können.«

Er entdeckte plötzlich zwei Gestalten, die auf dem Weg, der vom Ort herausführte, in ihre Richtung kamen. Selbst aus dieser Entfernung erkannte er sie. Einer war der Constable, ein Nachbar, den Adam schon fast sein Leben lang kannte. Er war mit den Söhnen dieses Mannes in die Schule gegangen. Der andere, der Gerichtsvollzieher mit prächtig maßgeschneidertem Rock, glänzend gewienerten Schuhen und hohem Zylinder, hüpfte vorsichtig über die Pfützen, die der Regen der letzten Nacht zurückgelassen hatte, um sich die Schuhe nicht schmutzig zu machen. Adam musste sich das Lachen verbeißen, obwohl er keineswegs erfreut war, die beiden zu sehen.

»Was ist denn daran so lustig?«, fragte seine Mutter und sah in die gleiche Richtung wie er.

»Der Geldeintreiber tanzt um die Pfützen, damit kein Schlamm an seine feinen Schuhe kommt.«

»Ich weiß nicht, warum er sich solche Mühe macht. Der Schlamm ist noch das sauberste in dieser Gegend.«

Adam beobachtete, wie die zwei Männer keuchend den Hof erreichten. Der Gerichtsvollzieher hielt Adams Mutter ein Stück Papier vor die Nase. »Mrs. O'Loughlin, nehme ich an.«

»Was ist das?«, wollte Adam wissen.

»Eine Räumungsklage. Und sagen Sie bloß nicht, Sie hätten nicht damit gerechnet!«

Adam sah seine Mutter an. Ihr Gesicht wirkte plötzlich eingefallen und noch faltiger. Sie schloss die Augen, und eine Träne löste sich aus den Wimpern. Ihre Stimme klang matt: »Womit sollen wir Sie denn bezahlen? Unsere Kartoffeln sind noch nicht erntereif, und Geld haben wir keines.«

»Klage niemandem dein Leid, der kein Mitgefühl hat!«, höhnte Adam.

»Ihnen bleibt ein Monat Zeit, die Schulden zu begleichen, oder Sie müssen das Cottage räumen«, fuhr der Gerichtsvollzieher ungerührt fort und stemmte die Arme in die Hüften.

Adam legte die Hand auf den Arm seiner Mutter, um sie zu beruhigen. »Keine Sorgen, Mam! Ich regle das.«

»Adam! Nein!«

Sie streckte protestierend die Hände aus, doch Adam achtete nicht auf seine Mutter, sondern führte sie die Stufen hinauf und machte die Haustür zu, ehe er sich zu den Männern umdrehte. »Wie Sie sehen, geht es meiner Mutter nicht gut. Sie werden mit mir verhandeln müssen.«

»Und Sie sind?«, fragte der Schuldeneintreiber streitlustig.

Die Frage war eine reine Formalität, das wusste Adam. Sie sollte ihn aus der Ruhe bringen. Im Dorf kannte jeder jeden, und der Constable hatte dem Gerichtsvollzieher ganz bestimmt auf dem langen Weg hierherauf alles Wissenswerte über die Familie O'Loughlin erzählt. Doch verdiente die Frage eine Antwort. »Adam O'Loughlin, Sohn des Hugh O'Loughlin«, erwiderte er geduldig.

»Wo ist Ihr Vater?«

»Er ist vor vier Monaten gestorben, wie Sie sicher bereits erfahren haben.«

»Unverschämt«, brummte der Gerichtsvollzieher, lauter setzte er hinzu: »Wo ist Ihr Bruder?«

»Conor?«, fragte Adam erstaunt. »Was wollen Sie von ihm?«

»Er hat sich auf den Feldern des Landbesitzers herumgetrieben. Falls irgendetwas vermisst werden sollte, wird er der Erste sein, den man verdächtigt.«

»Und was soll man da oben schon vermissen?«, spottete Adam mit einem Blick auf das riesige Haus.

»Vorräte zum Beispiel?«

»Bezichtigen Sie meinen Bruder des Diebstahls?«

»Ich habe nur Anweisung, die Räumungsklage zu überbringen. Sie ist vom Magistrat geprüft und unterzeichnet worden. Dem Landbesitzer ist es gleichgültig, ob Ihre Mutter auf dem Sterbebett liegt oder Ihre Kartoffeln die Fäule haben. Er will einfach nur sein Geld. Ihnen bleiben dreißig Tage, um den ausstehenden Pachtzins aufzubringen, sonst .«

»Sonst was?«

Der Gerichtsvollzieher zuckte hochmütig mit den Achseln - dabei zog er die Schultern übertrieben hoch und ließ sie schnell wieder sinken - und machte sich davon.

Der Constable wandte sich jetzt Adam zu: »Tut mir Leid, Junge«, sagte er. »Ich hab damit nichts zu tun.« Er nickte mitfühlend und trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen, ohne Adams Blick zu begegnen.

Adam sah ihn scharf an, dann drehte er sich weg und beobachtete, wie der Geldeintreiber in Richtung Dorf stapfte. »Sie sollten auch besser gehen«, sagte er zu dem Constable, ging ins Haus und machte die Tür zu. Die kühle Luft in dem kleinen Steincottage hüllte ihn ein, und er schauderte.

»Das war's also, wie? Das ist das Ende.«

Seine Mutter saß auf einem Stuhl neben dem Fenster. Adam konnte nur ihre Silhouette, nicht aber ihr Gesicht vor dem hellen blauen Himmel erkennen. Ihm fiel jedoch ihre stolze Kopfhaltung auf, das nach vorn gereckte Kinn und der gewölbte Bauch unter der Schürze.

»Sie haben nach Conor gefragt«, sagte er ausdruckslos.

»Conor?« Sie drehte ihm abrupt das Gesicht zu, und er sah, wie ihr Mund das O formte. »Was wollen sie von ihm?«

»Der Geldeintreiber meint, er hätte an Plätzen herumgelungert, an denen er nichts zu suchen hat.«

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und senkte niedergeschlagen den Kopf. »Dieser Junge ist noch mal mein Tod.«

»Da wir gerade von Conor sprechen - weißt du, wo er ist? Ich habe ihn seit Tagen nicht zu Gesicht bekommen.«

Sie erhob sich schweigend und nahm den Besen, der an seinem Platz neben dem Herd stand. Mit kurzen, gleichmäßigen Strichen fegte sie das Stroh über den irdenen Boden und den unsichtbaren Staub in Richtung Tür, wie es der Aberglaube diktierte.

Adam spürte, wie Ärger in ihm aufstieg. Verdammter Conor, dachte er, er macht Mutter Kummer, wenn sie es am wenigsten braucht. Hat sie nicht schon genug Sorgen wegen dieser Räumungsklage und der Aussicht, bald noch ein...

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