Lügen über meinen Vater

 
 
Albrecht Knaus Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 24. November 2011
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-07720-4 (ISBN)
 
Eine Geschichte von alttestamentarischer Wucht - John Burnsides großer Text über seinen Hass auf den Vater

Am Ende wünscht John Burnside seinem Vater nur noch den Tod. Er hat für den Mann, der über Jahre die Familie terrorisiert, der lügt und säuft, einzig Hass übrig. Doch er verbirgt seine Gefühle und schweigt. Bis die Begegnung mit einem Fremden ihn zwingt, sich seinen Erinnerungen zu stellen und diese Geschichte von alttestamentarischer Wucht zu erzählen.

Der Vater war ein Nichts. Als Säugling auf einer Türschwelle abgelegt. Zeitlebens erfindet er sich in unzähligen Lügen eine Herkunft, will Anerkennung und Bedeutung. Er ist brutal, ein Großmaul, ein schwerer Trinker, ein Tyrann. Seine Verachtung zerstört alles, die Mutter, die Familie, John. Dieser hat als junger Mann massivste Suchtprobleme, landet in der Psychiatrie und erkennt in den eigenen Exzessen den Vater. Erst die Entdeckung der Welt der Literatur eröffnet ihm eine Perspektive. Nur einem Autor vom Kaliber John Burnsides kann es gelingen, eine solche, auch noch autobiographische Geschichte in Literatur zu überführen. So ist dieses Buch ein radikal wahrer Blick in die menschlichen Abgründe und zugleich eine Feier der Sprache.

  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Knaus
  • 0,70 MB
978-3-641-07720-4 (9783641077204)
3641077206 (3641077206)
weitere Ausgaben werden ermittelt
John Burnside, geboren 1955 in Schottland, ist einer der profiliertesten Autoren der europäischen Gegenwartsliteratur. Der Lyriker und Romancier wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Corine-Belletristikpreis des ZEIT-Verlags, dem Petrarca-Preis und dem Spycher-Literaturpreis. Sein Prosawerk erscheint auf Deutsch seit vielen Jahren im Knaus Verlag.
Dobermanntage (S. 189-190)

C’est l’inconnu qu’on porte en soi, ècrire, c’est ça ou rien.
Marguerite Duras

1


Ich blieb so lange fort wie nur möglich, ging aufs College, um was zu tun zu haben, ließ mich treiben, und wenn die Luft rein war, sah ich manchmal zu Hause vorbei. Allerdings blieb ich zur Enttäuschung meiner Mutter nie lang und war bald wieder unterwegs, zog von Ort zu Ort, suchte einen Job, hing in Pubs mit Leuten ab, denen es wie mir ging, und verdiente ein bisschen nebenbei. Das Geld reichte meist nicht weit, wurde aber bestens eingesetzt. Es gab lange Sonnentage draußen auf den Grantchester Meadows, Winternachmittage im Bett mit einem guten Buch und einer Flasche Rum, Schäferstündchen in Sheffield oder Northampton bis spät in die Nacht.

So wäre es vielleicht noch ewig weitergegangen, hätte sich nicht jemand die Mühe gemacht, mich aufzuspüren und mir zu sagen, dass mein Vater einen Herzinfarkt gehabt hatte. Eigentlich wollte ich nicht nach Hause, aber ich wusste, wie sehr meine Mutter darunter leiden würde, wenn ich mich nicht blicken ließe. Seit dem Plan, meinen Vater umzubringen, hatte ich ihn kaum mehr gesehen; jetzt schien er ihn auch ohne meine Hilfe in die Tat umzusetzen.

Einige Tage nachdem ich die Nachricht erhalten hatte, kehrte ich heim und rechnete damit, meinen Vater an der Schwelle des Todes vorzufinden, doch war es das Aussehen meiner Mutter, das mich erschreckte. Meinen Vater hatte man kaum aus dem Krankenhaus entlassen, da nahm er den Herzinfarkt schon auf die leichte Schulter. Er war ins Kettering General gebracht und mit der Warnung entlassen worden, er solle mit dem Rauchen und der Trinkerei aufhören, woran er nicht einmal im Traum dachte, führte er doch an, dass sein Onkel Willie, der es auf ein reifes Alter von vierundachtzig Jahren gebracht habe, sechzig Stück am Tag geraucht und praktisch im Pub gewohnt habe.

Die Männer seiner Familie, sagte er, seien schon immer hart im Nehmen gewesen; es gäbe keinen Anlass, sich Sorgen zu machen, Ärzte behaupteten doch ständig, dass man mit dem Rauchen aufhören solle, aber was hätte das Leben noch für einen Sinn, wenn es keinen Spaß mehr machte? »Außerdem«, sagte er, »kann ich wieder zur Arbeit. Und das ist die Hauptsache. Seit meinem vierzehnten Lebensjahr habe ich keinen Tag Arbeit wegen Krankheit ausfallen lassen. Und ich werde jetzt nicht damit anfangen.«

Das Übliche eben, doch klang er diesmal angespannt. Er wirkte nervös, unsicher. Meiner Mutter entging dies so wenig wie mir, und kaum war ich zu Hause, wusste ich, dass sie jede Gelegenheit genutzt hatte, ihn zu bearbeiten, auf ihn einzureden, ihn zu überreden, zu umschmeicheln und zu bezirzen. Anfangs nahm ich folglich an, dass es die Sorge um ihn war, die sie so müde aussehen ließ, dass sie der Grund für die dunklen Ringe um ihre Augen war und dass die stete Anspannung, meinen Vater im Zaum halten zu müssen, ihren Tribut forderte. Doch bald wurde mir klar, dass es da noch etwas gab, was mit ihr nicht stimmte.

Sie sah mager aus, mitgenommen, die Lippen schmaler als sonst, das Gesicht verhärmt. Als mein Vater eines Nachmittags ins Hazel Tree ging – zum ersten Mal, seit der Sache mit dem Herzen –, setzte ich mich zu ihr, um offen und rückhaltlos mit ihr zu reden. Wie sich herausstellte, hatte Margaret – die kürzlich in ein Haus in Corby Village gezogen war, um ihre eigene Familie zu gründen – es auch schon versucht. Selbst die Arbeitskolleginnen hatten auf meine Mutter eingeredet.

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