Drei Tage im Mai

Ein Fall für Alexander Gerlach
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 5. Oktober 2015
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  • 400 Seiten
 
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978-3-492-97105-8 (ISBN)
 
Anfang Mai: Eine drückende, hochsommerliche Hitze liegt über Heidelberg. Die Woche von Kripochef Alexander Gerlach beginnt träge, doch dann wird er zu einer Geiselnahme gerufen. Ein bewaffneter Mann hat den Chef einer Immobilienfirma in seine Gewalt gebracht. Streit war zu hören, ein Schuss, seitdem nichts mehr. Der Tag verstreicht, ohne dass der Geiselnehmer Forderungen stellt. Alle Versuche, mit ihm in Kontakt zu treten, laufen ins Leere. Welches Motiv steckt hinter der Tat? Feinde des erfolgreichen Geschäftsmannes finden sich zuhauf, denn vor Kollateralschäden zugunsten seiner Karriere war er nie zurückgeschreckt. Schließlich gibt Gerlach den Befehl zur Stürmung. Doch von den beiden Männern fehlt plötzlich jede Spur .
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  • 1,81 MB
978-3-492-97105-8 (9783492971058)
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Wolfgang Burger, geboren 1952 im Südschwarzwald, ist promovierter Ingenieur und hat viele Jahre in leitenden Positionen am Karlsruher Institut für Technologie KIT gearbeitet. Er hat drei erwachsene Töchter und lebt heute in Karlsruhe und Regensburg. Seit 1995 ist er schriftstellerisch tätig. Die Alexander-Gerlach-Romane waren bereits zweimal für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert und standen mehrfach auf der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Erster Tag - Montag, 4. Mai


1


Ich hatte wirklich schon bessere Tage erlebt. Der erste Mai war in diesem Jahr auf einen Freitag gefallen und hatte endlich Sonnenschein gebracht, nach dem nicht enden wollenden Aprilregen. Wie hatte ich mich auf ein ruhiges, extralanges Wochenende gefreut! Und nun? Nun hatte ich Streit mit Theresa, Stress mit meinen Töchtern, immer neuen Ärger mit meiner Mutter - und das bittere Sahnehäubchen bildete mein geliebter, siebzehn Jahre alter Peugeot Kombi, der soeben mit Pauken und Trompeten durch die TÜV-Prüfung gefallen war. Eigentlich wäre die Untersuchung schon im April fällig gewesen, aber irgendwie hatte ich es nicht früher geschafft.

Heute aber, pünktlich um acht, hatten ich und mein braves Auto hoffnungsfroh vor den Toren gestanden, waren auch fast sofort drangekommen, der Prüfingenieur schien ein umgänglicher, besonnener Mann zu sein, lächelte wohlwollend und verlor sogar ein paar nette Worte über mein altes Auto. Das Lächeln war ihm im Verlauf der Untersuchung leider rasch vergangen: leckende Servolenkung, Ölverlust am Motor, angerostete Bremsleitungen und noch etwas höchst unschön und teuer Klingendes mit der Vorderachse. Der Prüfer war kein Unmensch. Er meinte es gut mit uns und gab mir den Rat mit auf den Weg, ich solle mich doch besser nach einem neuen Auto umsehen.

»Ihr Oldie da, das lohnt sich nie und nimmer«, hatte er gemeint, als er mir tröstend die Hand drückte. »Das ist ein Fass ohne Boden.« Er überreichte mir das Prüfprotokoll wie eine Sterbeurkunde und winkte sogar zum Abschied.

Allmählich zerrte auch die trockene Hitze, die Westeuropa seit Tagen in ihren glühenden Krallen hielt, an meinem Nervenkostüm. Dieser viel zu frühe, knisternde Hochsommer, der die Menschen nervös machte, aggressiv und unleidlich. Schon jetzt, um kurz nach halb neun, zeigte das Thermometer an der Czerny-Apotheke siebenundzwanzig Grad. Spätestens um zehn, halb elf würden wir wieder die Dreißig-Grad-Marke reißen. Da mein Auto nicht über so moderne Einrichtungen wie eine Klimaanlage verfügte, wurde mir schon während der Fahrt zur Polizeidirektion heiß und heißer, und ich verspürte nicht die geringste Lust auf Arbeit und Ärger im Büro. Louise und Sarah waren heute Morgen verachtungsvoll schweigend in Richtung Schule abgezogen, und seit meine Mutter nicht mehr bei uns lebte, war es plötzlich ungewohnt still geworden in unserer Wohnung. Beim Frühstück hatte ich mich regelrecht einsam gefühlt, nachdem ich zuvor wochenlang gehofft hatte, sie würde endlich eine eigene Bleibe finden und uns wieder in Ruhe lassen.

Im Radio erklärte ein vermutlich selbst ernannter und widerlich gut gelaunter Meteorologe, die Ursache der ungewöhnlichen Wetterlage seien wüstentrockene Winde aus Nordafrika.

Durch die heruntergekurbelten Fenster hörte ich, dass wenigstens einige Vögel sich über die Sonne freuten. Der Duft von Flieder und frühem Sommer wehte herein. Und der von Dieselabgasen. Vor mir tuckerte ein uralter Traktor mit Germersheimer Kennzeichen in Richtung Innenstadt und behinderte qualmend und knatternd den Berufsverkehr.

Ich versuchte, mich zu entspannen, nicht mehr an den TÜV zu denken und vor allem nicht an Theresa. Ich versuchte, meine Gedanken auf etwas Positives zu lenken, etwas, worauf ich mich freuen konnte. Aber das Einzige, was mir einfiel, war Lorenzo. Morgen Abend würde ich ihn endlich wieder einmal besuchen. Er würde für uns beide kochen, vielleicht spielten wir anschließend ein wenig Schach, wobei ich üblicherweise verlor, was mir aber nicht das Geringste ausmachte. Wir würden auf seiner Terrasse sitzen mit Blick auf die Heidelberger Altstadt, das berühmte Schloss, den im Abendlicht träge schimmernden Neckar.

Was die Arbeit betraf, bestand Hoffnung auf eine ruhige Woche. Der eine oder andere war schon in Urlaub, und die Hitze hatte aus Sicht der Kriminalpolizei immerhin den Vorteil, auch die Bösewichte unserer Gesellschaft kraft- und fantasielos zu machen.

Was ich in diesen Minuten allerdings nicht bedachte: Nicht jeder Verbrecher ist ein Bösewicht. Nicht jedes Verbrechen geschieht aus Berechnung, nach einem genau kalkulierten Plan. Zu diesem Zeitpunkt hatte Alfred Leonhard, einer der reichsten, angesehensten und meistgehassten Männer der Kurpfalz, noch zwei Tage und sechs Stunden zu leben. Oft ist es ein Segen, dass wir unsere Zukunft nicht kennen.

Ein erster kleiner Lichtblick dieses Montags, der so niederschmetternd begonnen hatte, war die morgendliche Routinebesprechung. Das lange Wochenende sei weitgehend friedlich verlaufen, berichtete die Erste Kriminalhauptkommissarin Klara Vangelis. Auch sie schien heute nicht die Fitteste zu sein. Offenbar setzten selbst ihr, obwohl griechischer Abstammung, die hohen Temperaturen zu. Nachts konnte man nicht mehr richtig schlafen, und nach der morgendlichen Dusche war man schon wieder erschöpft.

»Das Übliche im Hochsommer«, begann sie ihren Bericht. »Betrunkene in der Altstadt, Betrunkene auf den Neckarwiesen, der erste Badeunfall des Jahres, die traditionellen Samstagabendprügeleien und ein paar ungewöhnlich freche Taschendiebstähle bei der Maikundgebung des DGB am Freitag .«

Trotz der Wetterkapriolen war sie auch heute untadelig gekleidet zum Dienst erschienen. Nur das Grau ihres Kostüms und die Farbe ihrer Strümpfe schienen eine Nuance heller zu sein als sonst. Auch von den anderen Fronten - handgreifliche Familienkonflikte, Brände mit unklarer Ursache, Menschen, die keines natürlichen Todes gestorben waren - gab es erfreulich wenig zu berichten.

»Die einzigen Leichen, die wir hatten, waren Schnapsleichen«, sagte sie abschließend und klappte ihr in braunes Leder gebundene Notizbüchlein zu. »Davon aber reichlich.«

Die Komasäufer schienen immer jünger zu werden und ihr Zustand, wenn sie in den Notaufnahmen der Kliniken abgeliefert wurden, immer beklagenswerter.

»Wenigstens ist bei Schnapsleichen die Täterermittlung nicht so kompliziert«, meinte Sven Balke grinsend, der neben ihr saß, seine durchtrainierten Beine von sich streckte und sich mit einigen Papieren lässig Luft ins Gesicht wedelte. Obwohl er schon einige Jahre hier im Süden Deutschlands lebte, hörte man deutlich, dass er aus dem Norden stammte. Im Gegensatz zu mir machte er einen mit der Welt und seinem Leben zufriedenen Eindruck. Er steckte in den unvermeidlichen Jeans und trug dazu ein eng sitzendes T-Shirt, das die Rundungen seines muskulösen Oberkörpers nicht verheimlichte. Nirgendwo an seinem Körper schien es ein Gramm Fett zu geben. Am linken Ohr glitzerten Piercings im Morgenlicht. Balke war der heimliche oder in manchen Fällen nicht ganz so heimliche Schwarm mancher jungen Kollegin. Bis vor wenigen Monaten hatte er mit Evalina Krauss Büro und Frühstück geteilt. Dann war jedoch irgendetwas vorgefallen, was dazu führte, dass die junge Oberkommissarin sich krank meldete und wenig später um ihre Versetzung in eine andere Dienststelle ersuchte. Seit Anfang April war sie nun in der Polizeidirektion Heilbronn tätig und ließ nichts mehr von sich hören.

»Zum Abschluss was Lustiges«, übernahm Balke mit selbstzufriedener Miene. »Irgendein Knallkopf hat vergangene Nacht einen Porsche im Neckar versenkt. Einen fast neuen Neunhundertelfer mit Mannheimer Nummer.«

»Wie geht das denn?« Es gelang mir, ein Gähnen zu unterdrücken. Meine beiden Mitarbeiter hatten das Wochenende über Dienst gehabt, während ich auf der faulen Haut gelegen und mich mit meinen Töchtern und diversen anderen Damen herumgeärgert hatte. Da konnte ich als Vorgesetzter nicht mit dem Gähnen anfangen. »An der Bundesstraße sind doch überall Leitplanken, oder irre ich mich?«

»Das geht nur mit voller Absicht«, erklärte er fröhlich. Sollte er etwa schon wieder eine feste Freundin haben? »Er ist gar nicht auf der Bundesstraße unterwegs gewesen, sondern von der Uferstraße sozusagen falsch abgebogen.«

»Da ist doch eine Böschung. Und eine Hecke. Da gehen Treppen runter auf die Neckarwiesen .«

»Die Treppen, genau.« Immer noch grinsend faltete er seine Papiere zusammen. »Ich bin vorhin selbst draußen gewesen und habe mir das Elend angesehen. Der Typ ist volle Kanne die Treppe runter, hat dabei den Auspuff abgerissen, ist über die Wiesen gebrettert und mit Karacho ins Wasser.«

»Was ist mit dem Fahrer?«

»Verschwunden. Die Fahrertür war offen, als die Feuerwehr die Karre rausgezogen hat. Seine Leiche ist aber bisher nirgendwo angeschwemmt worden. Vermute, er ist ausgestiegen und an Land geschwommen.«

»Merkwürdiges Hobby. Hoffentlich wird das nicht Mode.«

»Car diving.« Balke grinste immer noch, und ich beneidete ihn um seine gute Laune. »Jedenfalls war das definitiv kein Unfall, sondern Absicht. Nehme an, es war nicht seine Karre.«

Erneut übermannte mich um ein Haar eine Gähnattacke. »Irgendwelche Zeugen?«, fragte ich, weil man als Chef der Kriminalpolizei solche Sachen fragt, um Interesse an der Arbeit seiner Mitarbeiter zu zeigen.

»Fehlanzeige.« Balke schüttelte kraftvoll den Kopf. Wo nahm der Mann nur seine Energie her? »Das Ganze muss morgens zwischen drei und vier Uhr passiert sein. Die paar Leutchen, die um die Zeit noch auf den Neckarwiesen herumgelegen haben, waren alle zu besoffen oder bekifft, um noch irgendwas zu checken.«

»Ist der Porsche als gestohlen gemeldet?«

Die Ringe in Balkes linkem Ohr blitzten und funkelten. »Rübe versucht gerade, den Halter zu erreichen.«

Rübe war Balkes Spitzname für Rolf Runkel, einen älteren Kollegen, dem wir allzu komplizierte Fälle nicht mehr zumuten...

»Burgers neuer Roman ist nicht nur ein spannender Krimi, sondern auch eine Studie in Sachen heutiger Geschäftsethik.«, SüdWestPresse, 19.12.2015
 
»Wolfgang Burger hat einen starken Kriminalroman mit Lokalkolorit vorgelegt.«, Rhein-Neckar-Zeitung, 14.11.2015
 
»Wolfgang Burger zählt zu den erfolgreichsten deutschen Autoren«, Badisches Tagblatt, 16.10.2015

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