Psychodynamische Therapien mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen

Geschichte, Theorie, Praxis
 
 
Kohlhammer (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 27. Juli 2016
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  • 211 Seiten
 
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978-3-17-029865-1 (ISBN)
 
Ausgehend von einem geschichtlichen Überblick fasst das Werk den heutigen Stand der Psychodynamischen Psychotherapien mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in komprimierter und verständlicher Form zusammen. Wissenschaftlich fundiert und praxisorientiert bietet es einen Überblick über die von der Psychoanalyse ausgehenden therapeutischen Schulen und Verfahren. Dabei werden sowohl die von Freud als auch die von C. G. Jung beeinflussten Richtungen dargestellt: ein Kompendium der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie aus psychodynamischer Perspektive. Didaktisch durchdacht wird der Leser in die komplexe Thematik eingeführt und durch Fragen und vertiefende Literaturempfehlungen zum weiteren Studium angeregt.
  • Deutsch
  • Stuttgart
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  • Deutschland
  • 2,92 MB
978-3-17-029865-1 (9783170298651)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Dr. rer. biol. hum. Hans Hopf ist als Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut und in der Ausbildung von Psychotherapeuten tätig, Gutachter für ambulante tiefenpsychologisch fundierte und analytische Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen, Dozent und Kontrollanalytiker an den Psychoanalytischen Instituten Stuttgart, Freiburg und Würzburg.
Arne Burchartz, Diplom-Pädagoge und Theologe, ist Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut mit eigener Praxis sowie Dozent und Supervisor am Psychoanalytischen Institut Stuttgart. Psychodramaleiter.
Christiane Lutz ist als Kinder- und Jugendpsychotherapeutin sowie als Paar- und Familientherapeutin in eigener Praxis in Stuttgart tätig. Sie ist Dozentin am C. G. Jung- Institut in Stuttgart und an der Akademie für Tiefenpsychologie in Stuttgart.
1 - Deckblatt [Seite 4]
2 - Titelseite [Seite 4]
3 - Impressum [Seite 5]
4 - Vorwort [Seite 6]
5 - Inhaltsverzeichnis [Seite 8]
6 - Teil I Geschichte der psychodynamischen Therapien mit Kindern und Jugendlichen [Seite 16]
6.1 - 1 Die Anfänge [Seite 18]
6.1.1 - 1.1 Die Kinderpsychoanalyse beginnt bei Sigmund Freud [Seite 18]
6.1.2 - 1.2 Kinder assoziieren kaum . [Seite 19]
6.1.3 - 1.3 Alles, was in der Therapie inszeniert wird, hat mit der Symptomatik zu tun [Seite 21]
6.1.4 - 1.4 Die Behandlung einer adoleszenten Jugendlichen in der Berggasse [Seite 23]
6.1.5 - 1.5 Der kleine Hans: eine erste Therapie über die Bezugspersonen [Seite 26]
6.1.6 - 1.6 Welche von Freuds Behandlungsnotwendigkeiten sind heute noch gültig? [Seite 30]
6.1.6.1 - Zwischen Patient und Psychoanalytiker entsteht eine Beziehung [Seite 30]
6.1.6.2 - Die Grundlage jeder Psychotherapie ist das Arbeitsbündnis [Seite 31]
6.1.6.3 - Abstinenz und Neutralität [Seite 31]
6.1.6.4 - Übertragung und Gegenübertragung [Seite 32]
6.1.7 - Literatur zur vertiefenden Lektüre [Seite 33]
6.1.8 - Weiterführende Fragen [Seite 34]
6.2 - 2 Das Spiel ersetzt die Traumerzählung (Hermine Hug-Hellmuth, Anna Freud, Melanie Klein) [Seite 35]
6.2.1 - 2.1 Am Beginn der Kinderpsychotherapie steht eine Tragödie [Seite 35]
6.2.2 - 2.2 Anna Freud, die Verwalterin von Sigmund Freuds Werk [Seite 36]
6.2.3 - 2.3 Melanie Klein, die Begründerin der Kinderanalyse [Seite 40]
6.2.4 - 2.4 Das Spiel [Seite 43]
6.2.5 - 2.5 Regeln und Rahmen [Seite 45]
6.2.6 - 2.6 Weitere Entwicklungen und die Gründung verschiedener Ausbildungsinstitute [Seite 46]
6.2.7 - Literatur zur vertiefenden Lektüre [Seite 48]
6.2.8 - Weiterführende Fragen [Seite 49]
7 - Teil II Theoretische Grundlagen und therapeutische Implikationen [Seite 50]
7.1 - 3 Die Triebtheorie [Seite 52]
7.1.1 - 3.1 Einführung [Seite 52]
7.1.2 - 3.2 Metapsychologie [Seite 52]
7.1.3 - 3.3 Die Entwicklung der Triebtheorie bei Sigmund Freud [Seite 54]
7.1.3.1 - 3.3.1 Das erste topische Modell [Seite 54]
7.1.3.1.1 - Was ist ein Trieb? [Seite 55]
7.1.3.1.2 - Das Unbewusste [Seite 56]
7.1.3.2 - 3.3.2 Lust- und Realitätsprinzip, Primärund Sekundärprozess [Seite 59]
7.1.3.3 - 3.3.3 Das zweite topische Modell [Seite 60]
7.1.3.4 - 3.3.4 Todestrieb (zweiter Triebdualismus) [Seite 61]
7.1.3.5 - 3.3.5 Die infantile Sexualität [Seite 62]
7.1.3.6 - 3.3.6 Objektfindung [Seite 63]
7.1.3.7 - 3.3.7 Die Phasen der infantilen Sexualentwicklung [Seite 64]
7.1.3.8 - 3.3.8 Der Ödipuskomplex [Seite 65]
7.1.3.9 - 3.3.9 Entwicklungspsychologie [Seite 66]
7.1.3.10 - 3.3.10 Übertragung, Gegenübertragung, Widerstand [Seite 67]
7.1.4 - 3.4 Zur Kritik der Triebtheorie [Seite 69]
7.1.5 - 3.5 Klinische Relevanz [Seite 72]
7.1.6 - Literatur zur vertiefenden Lektüre: [Seite 74]
7.1.7 - Weiterführende Fragen: [Seite 74]
7.2 - 4 Das Ich und seine Aktivität [Seite 75]
7.2.1 - 4.1 Einführung [Seite 75]
7.2.2 - 4.2 Das »schwache Ich« [Seite 75]
7.2.3 - 4.3 Anna Freud: Die Abwehrmechanismen [Seite 77]
7.2.4 - 4.4 Kinderanalyse [Seite 80]
7.2.5 - 4.5 Das starke Ich: die Ich-Psychologie Heinz Hartmanns [Seite 80]
7.2.6 - 4.6 Entwicklungspsychologie [Seite 82]
7.2.7 - 4.7 Säuglingsforschung [Seite 84]
7.2.8 - 4.8 Noch einmal: Die Abwehrmechanismen [Seite 85]
7.2.9 - 4.9 Ich-Struktur bei Kindern und Jugendlichen [Seite 87]
7.2.10 - 4.10 Zur Kritik der Ich-Psychologie [Seite 90]
7.2.11 - 4.11 Klinische Relevanz [Seite 91]
7.2.12 - Literatur zur vertiefenden Lektüre [Seite 93]
7.2.13 - Weiterführende Fragen [Seite 93]
7.3 - 5 Die Bedeutung der Objekte [Seite 95]
7.3.1 - 5.1 Einführung [Seite 95]
7.3.2 - 5.2 Der Objektbegriff [Seite 95]
7.3.3 - 5.3 Sandor Ferenczi und Michael Balint [Seite 96]
7.3.4 - 5.4 Melanie Klein [Seite 98]
7.3.4.1 - 5.4.1 Paranoid-schizoide und depressive Position [Seite 98]
7.3.4.2 - 5.4.2 Projektive Identifizierung [Seite 101]
7.3.4.3 - 5.4.3 Neid und Dankbarkeit [Seite 102]
7.3.4.4 - 5.4.4 Kinderanalyse [Seite 103]
7.3.5 - 5.5 Wilfred Bion: Container-Contained [Seite 104]
7.3.6 - 5.6 Donald W. Winnicott [Seite 105]
7.3.6.1 - 5.6.1 Mütterliche Fürsorge [Seite 105]
7.3.6.2 - 5.6.2 Die »genügend gute Mutter« [Seite 107]
7.3.6.3 - 5.6.3 Übergangsphänomene und Übergangsobjekt [Seite 108]
7.3.6.4 - 5.6.4 Das Spiel [Seite 109]
7.3.6.5 - 5.6.5 Die Fähigkeit zum Alleinsein [Seite 110]
7.3.6.6 - 5.6.6 Wahres und falsches Selbst [Seite 111]
7.3.7 - 5.7 Die Bindungstheorie [Seite 113]
7.3.8 - 5.8 Zur Kritik der Objektbeziehungstheorien [Seite 114]
7.3.9 - 5.9 Klinische Relevanz [Seite 116]
7.3.10 - Literatur zur vertiefenden Lektüre [Seite 118]
7.3.11 - Weiterführende Fragen [Seite 118]
7.4 - 6 Das Selbst [Seite 119]
7.4.1 - 6.1 Einführung [Seite 119]
7.4.2 - 6.2 Was ist das Selbst? [Seite 121]
7.4.3 - 6.3 Selbstobjektbedürfnisse [Seite 123]
7.4.4 - 6.4 Empathie und Introspektion [Seite 125]
7.4.5 - 6.5 Zur Kritik der Selbstpsychologie [Seite 126]
7.4.6 - 6.6 Klinische Relevanz [Seite 128]
7.4.7 - Literatur zur vertiefenden Lektüre [Seite 132]
7.4.8 - Weiterführende Fragen [Seite 133]
7.5 - 7 Die Sicht der Analytischen Psychologie (C. G. Jung) [Seite 134]
7.5.1 - 7.1 Das Menschenbild bei C. G. Jung [Seite 134]
7.5.2 - 7.2 Das persönliche Unbewusste [Seite 135]
7.5.2.1 - 7.2.1 Die Manifestation des persönlichen Unbewussten im Schatten [Seite 135]
7.5.2.1.1 - Literatur zur vertiefenden Lektüre [Seite 137]
7.5.2.1.2 - Weiterführende Fragen [Seite 137]
7.5.2.2 - 7.2.2 Prägungen und Komplexe [Seite 137]
7.5.2.2.1 - Literatur zur vertiefenden Lektüre [Seite 141]
7.5.2.2.2 - Weiterführende Fragen [Seite 141]
7.5.3 - 7.3 Das Kollektive Unbewusste [Seite 142]
7.5.3.1 - 7.3.1 Die Manifestation des Kollektiven Unbewussten im Märchen [Seite 142]
7.5.3.1.1 - Altersgemäße Auswahl von Märchen [Seite 144]
7.5.3.1.2 - Konfliktbewältigung im Märchen [Seite 145]
7.5.3.1.3 - Literatur zur vertiefenden Lektüre [Seite 146]
7.5.3.1.4 - Weiterführende Fragen [Seite 146]
7.5.3.2 - 7.3.2 Die Manifestation des Kollektiven Unbewussten in Mythen [Seite 146]
7.5.3.2.1 - Die Auseinandersetzung mit Macht und Ohnmacht [Seite 147]
7.5.3.2.2 - Der Zwiespalt zwischen autonomen Notwendigkeiten und Bedürfnissen nach Abhängigkeit [Seite 148]
7.5.3.2.3 - Die Auseinandersetzung mit Schuld und der Generationenkonflikt [Seite 148]
7.5.3.2.4 - Literatur zur vertiefenden Lektüre [Seite 150]
7.5.3.2.5 - Weiterführende Fragen [Seite 150]
7.5.3.3 - 7.3.3 Die Arbeit mit Träumen aus der Sicht der Analytischen Psychologie [Seite 150]
7.5.3.3.1 - Die Objektstufe [Seite 151]
7.5.3.3.2 - Die Subjektstufe [Seite 151]
7.5.3.3.3 - Die archetypische Perspektive [Seite 152]
7.5.3.3.4 - Literatur zur vertiefenden Lektüre [Seite 154]
7.5.3.3.5 - Weiterführende Fragen [Seite 154]
7.5.4 - 7.4 Die Einstellungsweisen und die Typologie in der Analytischen Psychologie [Seite 155]
7.5.4.1 - 7.4.1 Die introvertierte Haltung [Seite 155]
7.5.4.2 - 7.4.2 Die extravertierte Haltung [Seite 155]
7.5.4.3 - 7.4.3 Die Funktionen [Seite 156]
7.5.4.3.1 - Die irrationalen, wahrnehmenden Funktionen Intuition und Empfindung [Seite 158]
7.5.4.4 - 7.4.4 Personen und Funktionen: eine Annäherung über bedeutende Persönlichkeiten [Seite 159]
7.5.4.4.1 - Der praxisnahe Bezug in der Arbeit mit Patienten und deren Familien [Seite 162]
7.5.4.5 - Literatur zur vertiefenden Lektüre [Seite 164]
7.5.4.6 - Weiterführende Fragen [Seite 164]
7.5.5 - 7.5 Die Bilderwelt der Symbole [Seite 165]
7.5.5.1 - 7.5.1 Der Symbolbegriff [Seite 165]
7.5.5.1.1 - Die Symbolik der Erscheinung und der spontanen Geste [Seite 166]
7.5.5.1.2 - Die Symbolik des Symptoms [Seite 167]
7.5.5.1.3 - Die Symbolik des kindlichen Spiels [Seite 170]
7.5.5.1.4 - Die Symbolik im Gruppengeschehen [Seite 172]
7.5.5.2 - Literatur zur vertiefenden Lektüre [Seite 173]
7.5.5.3 - Weiterführende Fragen [Seite 173]
7.5.6 - 7.6 Die Archetypen [Seite 174]
7.5.6.1 - 7.6.1 Das Phänomen der Archetypen [Seite 174]
7.5.6.1.1 - Die Doppelnatur des Mutterarchetyps [Seite 174]
7.5.6.1.2 - Der Archetyp des Männlichen [Seite 175]
7.5.6.1.3 - Die gegengeschlechtlichen Inbilder Animus und Anima [Seite 177]
7.5.6.2 - Literatur zur vertiefenden Lektüre [Seite 180]
7.5.6.3 - Weiterführende Fragen [Seite 180]
7.5.7 - 7.7 Die psychotherapeutische Behandlung [Seite 180]
7.5.7.1 - 7.7.1 Malen und Zeichnen [Seite 181]
7.5.7.2 - 7.7.2 Der Umgang mit ungestaltetem Material [Seite 182]
7.5.7.2.1 - Die therapeutische Wirksamkeit von Spielen mit Feuer [Seite 183]
7.5.7.2.2 - Die therapeutische Wirksamkeit von Spielen mit Wasser [Seite 183]
7.5.7.2.3 - Die therapeutische Wirksamkeit von Spielen mit Sand [Seite 184]
7.5.7.3 - 7.7.3 Der therapeutische Umgang mit figürlichem Material [Seite 185]
7.5.7.4 - 7.7.4 Das Wesen der Übertragung [Seite 185]
7.5.7.4.1 - Persönliche Projektionen [Seite 185]
7.5.7.4.2 - Archetypische Übertragungen [Seite 187]
7.5.7.5 - Literatur zur vertiefenden Lektüre [Seite 188]
7.5.7.6 - Weiterführende Fragen [Seite 188]
7.5.8 - 7.8 Der Begriff des Selbst [Seite 189]
7.5.8.1 - 7.8.1 Der Individuationsweg und das Göttliche Kind [Seite 190]
7.5.8.2 - 7.8.2 Das Labyrinth und das Einhorn als Ganzheitssymbol [Seite 191]
7.5.8.3 - 7.8.3 Die transzendente Funktion [Seite 192]
7.5.8.4 - Literatur zur vertiefenden Lektüre [Seite 193]
7.5.8.5 - Weiterführende Fragen [Seite 193]
8 - Literatur [Seite 194]
9 - Register [Seite 204]

2          Das Spiel ersetzt die Traumerzählung (Hermine Hug-Hellmuth, Anna Freud, Melanie Klein)


 

 

2.1       Am Beginn der Kinderpsychotherapie steht eine Tragödie


 

Hermine Hug-Hellmuth (eigentlich Hug Edle von Hugenstein, *1871 in Wien, ┼1924 Wien) gilt als die erste Kinderanalytikerin. Von Anfang an war sie davon überzeugt, dass das identische Ziel der Erwachsenen- wie der Kinderanalyse die Herstellung von psychischer Gesundheit sei. Unterschiede resultierten ihrer Meinung nach aus der noch nicht ausreichenden Einsicht der Kinder, die weder aus eigenem Antrieb zur Behandlung kommen, noch an ihrer Vergangenheit leiden oder sich gar ändern möchten. Als bedeutendste Neuerung führte Hug-Hellmuth ein, neben den Träumen auch auf das Spiel der Kinder einzugehen. Sie war der Auffassung, dass sich in den Spielformen manche Symptome, Eigenheiten und Charakterzüge erkennen ließen; bei jüngeren Patienten würde das Spiel sogar seine herausragende Rolle während der ganzen Behandlung behaupten (vgl. Heinemann & Hopf 2015). Inwieweit und wann freie Assoziation überhaupt anwendbar sei, ließ sich ihrer Meinung nach lediglich von Fall zu Fall entscheiden. Damit hat Hermine Hug-Hellmuth als erste die dem Traum oder der freien Assoziation gleichgestellte Verwendung des Spiels in die Kinderanalyse eingeführt (vgl. Geissmann & Geissmann 1994).

Ihre Leistungen auf dem Gebiet der Kinderpsychoanalyse wurden allerdings von den Umständen ihres Todes überschattet. Hug-Hellmuth hatte ihren Neffen, nichteheliches Kind ihrer Schwester, als kleines Kind selbst analysiert. Im Alter von 18 Jahren hatte er schließlich seine 53-jährige Tante, die seit seinem neunten Lebensjahr die gesamte Erziehungsverantwortung für ihn übernommen hatte, überfallen, beraubt und erdrosselt. Dieser tragische Vorfall bedeutete einen erheblichen Rückschlag für die gesamte Psychoanalyse, weil er alle damaligen Vorurteile zu bestätigen schien, dass es Schäden bewirken könnte, die Psychoanalyse in der Kindererziehung anzuwenden.

 

2.2       Anna Freud, die Verwalterin von Sigmund Freuds Werk


 

Als die eigentlichen Begründerinnen der Kinderanalyse gelten Anna Freud und Melanie Klein. Anna Freud (*1895 in Wien, ┼1992 in London) wurde als sechstes Kind von Martha und Sigmund Freud geboren. Ihr Traum, den sie im Alter von 19 Monaten hatte, wurde am Anfang des ersten Kapitels vorgestellt. Nach Gay (2006) wurde sie Sekretärin, Vertraute, Kollegin und Krankenschwester Freuds und vor allem zu einer glühenden Verfechterin und Verteidigerin seiner Theorien. Ihre ersten Überlegungen zur Technik der Kinderanalyse trug Anna Freud in vier Vorträgen vor der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung vor. Diese Vorträge wurden mit einem weiteren in dem Buch »Einführung in die Technik der Kinderanalyse« im Jahr 1926 publiziert.

Anna Freud entwickelte wesentliche Grundeinsichten der Kinderanalyse und eine spezielle Technik, die anfänglich darauf gründete, dass das Kind im Gegensatz zum Erwachsenen noch ein unreifes und unselbständiges Wesen sei, und der Entschluss zur Analyse nicht vom Patienten selbst, sondern von den Eltern oder seiner sonstigen Umgebung komme: »So fehlt uns in der Situation des Kindes alles, was in der des Erwachsenen unentbehrlich erscheint: die Krankheitseinsicht, der freiwillige Entschluss und der Wille zur Heilung« (1973, S.  16). Manche ihrer Ausführungen zur Einleitung einer Analyse und ihre frühen Äußerungen zum Erziehungsverständnis muten heute etwas befremdlich an. Wie bei Hug-Hellmuth können wir ihr damaliges Verständnis von Erziehung nur aus historischer Perspektive betrachten. Mittlerweile sehen wir es auch als Grenzüberschreitung in der Kinderanalyse, wenn - wie in den Anfangszeiten - Analytiker ihre eigenen Kinder analysieren, Sigmund Freud seine Tochter Anna, Melanie Klein zwei ihrer Kinder und Hug-Hellmuth ihren Neffen. Eine Vermischung von Elternschaft und Therapeut/Therapeutin wird inzwischen als inakzeptabel betrachtet, auch, aus ähnlichen Überlegungen, die gleichzeitige Behandlung von Familienangehörigen.

Einen besonderen Stellenwert nahm bei Anna Freuds kinderpsychoanalytischer Arbeit immer noch die Traumdeutung ein. »Dafür haben wir in der Traumdeutung ein Gebiet, in dem man von der Erwachsenen- zur Kinderanalyse nichts umzulernen hat« (ebd., S.  36). Das Kind stehe dem Traum noch näher als der Erwachsene. Darum sieht Anna Freud im Traum ein wesentliches Mittel der Kinderanalyse, das selbst weniger intelligenten Kindern (ebd., S.  36) zugänglich sei, da auch sie die Deutungen der Träume verstünden. Als großes Handicap sah sie lange Zeit, dass Kinder nur gelegentlich assoziieren. Die Einfallstechnik der Erwachsenen wurde bei ihr, hier griff sie auf die Arbeiten von Hug-Hellmuth und Klein zurück, durch das Spiel ersetzt.

Anna Freud glaubte, eine positive Übertragung herstellen zu müssen, negative Übertragungen gelte es abzubauen, »die eigentlich fruchtbringende Arbeit wird immer in der positiven Bindung vor sich gehen«, so Anna Freud (ebd., S.  54), daher war ihre Einleitung zur Kinderanalyse sehr aufwendig. Zudem ging sie davon aus, dass Kinder keine Übertragungsneurosen ausbilden, weil sie noch völlig von den Eltern bestimmt würden. Doch immer mehr begann sie, die Behandlungstechnik dem Kinde anzupassen: Kinder können sich zwar verbal ausdrücken, sie bekamen jedoch ergänzend Möglichkeiten angeboten, zu spielen, zu malen, zu dramatisieren oder zu agieren. Das Agieren müsste allerdings wiederum eingegrenzt und beherrscht werden, indem es von einem ständigen Deuten und Verbalisieren begleitet würde. Anna Freud ging davon aus, dass das Verbalisieren dem Ich des Kindes mit der Zeit die Möglichkeit verleihen würde, zwischen Wünschen und Phantasien einerseits und der Realität andererseits zu unterscheiden (Freud 1965, S. 2153; vgl. auch Katan 1961). Neben dem Verbalisieren erschien ihr die Durcharbeitung von Ich-, Es- und Über-Ich-Widerständen geboten sowie die Arbeit mit der Übertragung (Freud 1965, S. 2157).

Nach ursprünglicher Meinung von Anna Freud könnten Kinder zwar einzelne Übertragungsreaktionen entwickeln, jedoch keine volle Übertragungsneurose zustande bringen. Diese Tatsache rühre daher, weil das Kind - wie bereits erwähnt - noch in direkten Objektbeziehungen mit seinen Eltern in seinem häuslichen Umfeld lebt und der Analytiker Liebe und Hass mit den Eltern teilen muss. Da sich der Kinderanalytiker zudem viel aktiver in das spielerische Geschehen einlassen müsse, bleibe er natürlich auch nicht - wie der Erwachsenenanalytiker - restlos abstinent, sondern werde für das Kind eine unverwechselbare Persönlichkeit. Anna Freud gebrauchte in diesem Zusammenhang eine Kinometapher: Ein Bild lasse sich auf eine Leinwand, auf welcher bereits ein Bild sei, nur schlecht projizieren. Diese Überzeugung hat Anna Freud später revidiert (Freud 1965, S.  2157), als die ehemalige einleitende Phase nach Entwicklung der Ich-Psychologie durch eine konsequente Abwehranalyse ersetzt wurde. Hamann (1993) ist der Überzeugung, dass es im Laufe der Zeit zu vielerlei Veränderungen und zu einer gewissen Annäherung an die Vorstellungen von Klein im Hinblick auf die Handhabung der Technik kam, die aber nicht zu deutlich werden sollte!

Die von Anna Freud und ihrer Schule entwickelte ich-psychologische Behandlungstechnik wurde in den 1970er Jahren in Deutschland zur vorherrschenden Lehrmeinung hinsichtlich einer wirksamen kinderpsychoanalytischen Arbeit. Ihre theoretischen Überlegungen und praktischen Anweisungen werden in dem Gesamtwerk Die Schriften der Anna Freud (1965) dargestellt. In dem von Bittner und Heller (1983) herausgegebenen Buch Eine Kinderanalyse bei Anna Freud, mit allen Notizen und Materialien und mit Erinnerungen von Peter Heller, wurden die Anfänge der Kinderpsychoanalyse detailliert und authentisch nachgezeichnet. Heller war von seiner eigenen Psychoanalyse bei Anna Freud geprägt und blieb mit ihr zeitlebens herzlich verbunden. Aber er übte auch sanfte Kritik aus, wenn er - durchaus liebevoll - die Meinung vertrat, dass Anna Freud und ihrem Kreis die Grundstimmung einer »altjüngferlichen Heiligkeit und eines Puritanismus anhaftete«. (ebd., S.  297f.).

Empfehlenswert ist die Lektüre der Gesammelten Werke. Jeder Studierende der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie sollte jedoch wenigstens die folgenden Arbeiten kennen:

  »Das Ich und die Abwehrmechanismen«: Die wesentlichen Abwehrmechanismen werden von Anna Freud...

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