Mein Name ist Mindaugas

 
 
epubli (Verlag)
  • 6. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. Februar 2020
  • |
  • 100 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7502-7973-5 (ISBN)
 
Die allermeisten Menschen müssen sich beim Warten auf den Tod vor allem deshalb nicht weiter ablenken, weil sie gar nicht auf den Tod warten. Ihnen wird erst auf Sichtweite klar, dass der Besuch des Sensenmanns unausweichlich ist.
Ich gehöre zu jenen Menschen, die warten, obwohl sie sich der Statistik nach noch eine Weile gedulden könnten. Die Beschäftigung mit der dunklen Brühe dient mir aber gerne als Ablenkung.
6. Auflage
  • Deutsch
  • 0,31 MB
978-3-7502-7973-5 (9783750279735)
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Vorgeplänkel zu den Anderen


Einer meiner Nachbarn war ein fetter Mann, dessen Alter ich auf Ende fünfzig schätzte. Seine Frau war eine fette Frau ähnlichen Alters. Beide kämpften mit ihren Lungen. Gemeinsam, wenn ich sie im Treppenhaus traf. Er allein, wenn ich ihn durch die dünnen Wände hörte. Treu um viertel vor sieben weckte er mich mit dem immer wieder aufs Neue mühsamen aber erfolgreichen Versuch, seine Lungen vom morgendlichen Schleim zu befreien. Das freute mich umso mehr, da er selbst keiner Arbeit nachging. Und so war er am Abend auch pünktlich um zehn im Bett, was sich auf mein eigenes Ruhebedürfnis positiv auswirkte. Manchmal traf ich den Schleimhustenwecker auf dem Balkon. Unserem gemeinsamen Balkon. Ich ließ mich dort nicht oft blicken. Weil ich keine Lust hatte, meinen Nachbarn zu treffen. Ich denke, ihm ging es genauso. Er kam zum Rauchen hinaus. Und zum Gaffen. Zu beiden Anlässen trug er ein weißes Unterhemd. Das Weiß strahlte nicht wie in der Werbung. Er war Asthmatiker und suchte eine Wohnung weiter unten. Das erzählte er wenigstens seit vier Jahren. Ich wohnte dort seit vier Jahren. Er erzählte das nicht nur mir, was ich verstehen würde, ich war nur sein Nachbar. Er erzählte das auch seinen Bekannten. Wenn sie ihn besuchten. Und am Telefon. Und er schimpfte viel mit seiner Frau. Wenn er in Rage war, schimpfte er gleich über die Hausverwaltung mit. Über sein verdammtes Recht, eine Wohnung weiter unten zu bekommen. Schon weil er Asthmatiker war. Ein rauchender Asthmatiker. Die Ärzte sagen, man solle das Rauchen lassen. Die Frau meines Nachbarn rauchte nicht. Sie wurde aber gerne vom Rettungsdienst geholt. Lungenleiden hörte ich den Nachbarn am Telefon erklären. Dann schimpfte er über die Hausverwaltung, weil sie es zugelassen hatte, dass seine Frau die vielen Stockwerke mühsam hinuntergetragen werden musste. Und er schimpfte über seine Frau. Weil sie es wagte, ihn während ihres Aufenthalts im Krankenhaus im Stich zu lassen.

Ich war der Überzeugung, dass seine Frau verreckte, noch bevor sie beide umgezogen waren. Und er würde über die Hausverwaltung schimpfen, weil sie ihm auch dann keine kleinere Wohnung zur Verfügung stellen würde.

Neben mir war ein Paar eingezogen. Meiner Einschätzung nach war es jung und damals erst seit kurzem zusammen. Noch war ich ihm nicht begegnet. Meine Einschätzung rührte aus den Signalen her, die durch die dünnen Wände drangen. Kein Zeichen eines Streits, nur die der Liebe. Häufige laute Liebe. Die Häufigkeit nahm ab, die Schallausbreitung ging zurück. Dann waren Techniker des Bezahlfernsehens im Flur. Danach konnte ich dem Fußballgeschehen von nebenan mühelos folgen und schreckte nur noch auf, wenn die Lieblingsmannschaft ein Tor schoss. Zärtlichkeit, Leidenschaft oder gar Hemmungslosigkeit waren Vergangenheit. In sexueller Hinsicht auf jeden Fall. Ein Hund zog fast zeitgleich ein. Die gemeinsame Verantwortung hätte ein harmonisierendes Moment bilden können. Tatsächlich aber entbrannte ein hemmungsloser Streit. Darüber, wer dem armen Tier bei der Ausübung seiner Rechte regelmäßig zur Seite stehen sollte. Der Köter konnte wie all seine Artgenossen nicht selbstständig von der vierten Etage auf die Straße und zurück, um seinen Instinkten nachzugehen. Erst recht nicht um sechs Uhr morgens. Wenn es draußen regnete. Ich wohnte in einem jener Viertel der Stadt, in denen man keine Hunde halten sollte. Es sei denn, man hatte Verwendung für verstörte Kampfhunde. Oder man scherte sich nicht um Verantwortung.

Ich ging davon aus, dass sie schwanger von ihm wurde. Er würde seiner jungen Jahre wegen das Weite suchen, ohne das Bezahlfernsehen vorher abzumelden. Den Hund würde er am wenigsten vermissen. Sie würde zu spät merken, dass ein Hund, ein Bezahlfernsehenabonnement und ein Neugeborenes zu viel des Guten sind. Ich grübelte, wovon sie sich zuerst trennen würde.

Unter mir wohnte Frau Pauli. Sie war einundachtzig Jahre alt. Anders als meine dicken Nachbarn schaffte sie die Treppen noch ganz gut alleine. Augen und Geist hatten jedoch gelitten. Manchmal suchte sie mich auf. Am Anfang fehlten ihr nur Zutaten zum Kochen. Eier, Milch, Mehl. Später musste ich Strahlen aus ihren Räumen entfernen. Mit einer Sprühflasche. Ich bot ihr an, bei ihr ein wenig sauberzumachen, was sie ablehnte. Ihre Kinder machten das schon, wenn sie kämen.

Ich glaubte nicht, dass sie je kamen. Wenn es sie überhaupt gegeben hatte und noch gab. Sie würden nicht einmal kommen, um die Wohnung zu räumen. Das würden drei oder vier abgehalfterte Gestalten machen. Die würden die Schränke ausräumen und alles in blaue Müllsäcke werfen. Das ein oder andere würden sie zu verkaufen versuchen. In einer Verkaufsbaracke, die noch armseliger war, als die Wohnung von Frau Pauli. Frau Pauli würde wahrscheinlich von einem ihrer Nachbarn gefunden werden. Wenn der Verwesungsgeruch ins Treppenhaus drang. Bis dahin würde sie in trauter Regelmäßigkeit kochen, backen und mich ab und zu um Hilfe bitten.

Im Erdgeschoss wohnte Hannelore. Frau Doktor Hannelore Lamprecht. Sie war Internistin. Mit ihr war ich mal ein Paar. Kein junges. Aber auch eines, das nur kurz zusammenblieb. Und auch eines, das die dünnen Wände des Hauses strapazierte. Darauf lag im Übrigen ihr Hauptaugenmerk. Leider nicht das meine, was unserer Beziehung wenig Stabilität verlieh. Ich will nicht verhehlen, dass ich mir gewünscht hatte, länger mit ihr zusammen zu bleiben. Am Ende war ich nur froh, von der Boshaftigkeit verschont worden zu sein, die aus der Liebe gebastelt wird, wenn klar wird, dass sie einseitig ist.

Sie würde noch ein paar holprige Versuche unternehmen, so war ich mir sicher, einen akzeptablen Mann für ihre Bedürfnisse zu finden, um schließlich mit jüngeren und mittellosen Männern in eine heimliche Form des Gebens und Nehmens einzutreten. Sie würde ihr Äußeres mühsam aber vergeblich vor dem Verfall bewahren wollen, was groteske Züge annehmen würde.

Ich selbst, so spekulierte ich, würde noch einige Jahre Bier trinken, mich mit diversen Fragestellungen auseinandersetzen und dann allmählich körperlichen Gebrechen Gelegenheit zum Austoben geben. Diesen würden Depressionen folgen, die mich zu einer armen Gestalt, einer noch ärmeren, als ich sie bereits war, würde verkommen lassen. Mein Ende würde ich im Pflegeheim finden, einsam und verbittert. Mein letzter Tag, so nahm ich mir vor, würde der sein, an dem ich den Fernseher mit der Fernbedienung nicht mehr würde einschalten können.

Henrik war solchen Gedanken gegenüber wenig aufgeschlossen. Ich schrieb sie ihm regelmäßig. Ob ihm das gefiel oder nicht. Es gefiel ihm nicht. >> Mindy << , so antwortete er, >> Du hast zu viel Scheiße im Hirn. Trink mehr oder geh mehr raus! << Seine Nachrichten waren stets kurz. Er lebte irgendwo am anderen Ende der Welt. Mit einer Frau vom anderen Ende der Welt und Kindern, die sicher nur die Sprache des anderen Endes der Welt sprachen. Sicher kannten sie schon lange das Wort "Scheiße" in ihrer Sprache. Seine Nachrichten waren kurz, weil ich auf seine eigenen Schilderungen nie eingegangen war und ihm meine Überlegungen wohl auf den Zeiger gingen.

Ich folgte seinem Rat und trank mehr.

Henrik und ich waren seit unserer Jugend engste Freunde. Unsere Freundschaft wurde nicht oft auf die Probe gestellt und überstand solch seltene Momente in der Regel ohne größere Blessuren. Als wir fünfzehn oder sechzehn Jahre alt waren, verliebte sich Henrik in ein Mädchen, das erst seit kurzem in unserer Nachbarschaft wohnte. Er scharwenzelte ganze Nachmittage um sie herum und ließ nicht davon ab, ihr mit jugendlichen Albernheiten imponieren zu wollen. Er erzählte schlüpfrige Witze, vollführte akrobatische Turnübungen und versuchte sich an Zaubertricks, die er mit mir abends mühsam einstudierte. Als er damit keinen Erfolg verbuchen konnte, wechselte er bewusst oder unbewusst die Strategie und bot allerlei Dienste feil. Er erledigte ihre Hausaufgaben, reparierte ihr Fahrrad, begleitete sie als Träger bei Einkäufen und machte sich auch sonst zum willfährigen Lakaien. Ich schimpfte mit ihm. Wenn wir allein waren. Seine Rechtfertigung stand logischerweise auf dünnem Fundament. Er wollte mir weismachen, aus Berechnung zu handeln, während ich ihm vorwarf, schon längst ein Opfer geworden zu sein. Einige Zeit später, er war in seinem Bestreben nicht viel weitergekommen, änderte sich sein Verhalten mir gegenüber. Er redete in ihrer Gegenwart abfällig über mich, machte Zoten auf meine Kosten und ließ mich demonstrativ links liegen, sofern ich nicht als Prügelknabe dienlich sein konnte. Unsere regelmäßigen zweisamen Treffen mied er, wusste er schon, dass er für dieses Verhalten mehr als nur Kritik von mir zu erwarten hatte. Dass keine Erklärung der Welt eine angemessene Entschuldigung darstellte. Mein Gram darüber legte sich jedoch nach geraumer Zeit, und ich bildete mir endlich ein, für sein Verhalten Verständnis aufbringen zu können. So betrachtete ich seine Bemühungen fortan aus der Ferne und freute mich schon auf den Tag, da er mit eingezogenem Schwanz bei mir vorbeikommen und um Verzeihung betteln würde. Zu meiner Verwunderung erhörte die Angebetete sein Flehen und ging mit ihm das ein, was man im fortgeschrittenen Alter eine Beziehung nennen würde. Fast im gleichen Augenblick bedurfte der Bräutigam eines sozialen Umfelds, interessanter Freunde und lustiger Vorschläge für die Freizeitgestaltung. Urplötzlich wurde ich vom Pantoffelabtreter zum Freund der Familie...

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