Der Abschied

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. Dezember 2015
  • |
  • 560 Seiten
 
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978-3-492-97079-2 (ISBN)
 
Es ist der Abschied von der unvergänglichen See, den Schiffen, die nicht mehr sind, und den Männern, deren Tage nicht mehr wiederkehren. Zwei Männer machen sich noch einmal gemeinsam auf den Weg: Lothar-Günther Buchheim und der »Alte«, Buchheims Kommandant auf der U 96. An Bord des Nuklearschiffes »Otto Hahn«, dem absurdesten Schiff der deutschen Nachkriegszeit, fahren sie von Rotterdam nach Durban. Unendlich viele Fragen sind noch offen - für die Antworten, beide wissen es, bleibt nicht mehr viel Zeit.

»Liest sich wahnwitzig spannend.«
Süddeutsche Zeitung
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Piper ebooks in Piper Verlag
  • 2,17 MB
978-3-492-97079-2 (9783492970792)
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Lothar-Günther Buchheim, 1918 in Weimar geboren und 2007 in Starnberg gestorben, lebte als Autor, Maler und Kunstsammler in Feldafing am Starnberger See. Im Sommer 2001 wurde in Bernried sein »Museum der Phantasie« eröffnet. 1973 erschien sein Weltbestseller »Das Boot«, danach die Bildband-Trilogie »U-Boot-Krieg«, »Die U-Boot-Fahrer« und »Zu Tode gesiegt«, sowie »Jäger im Weltmeer« und die Romane »Die Festung« und »Der Abschied«.

Der Himmel über Rotterdam ist Grau in Grau. Das Taxi fährt unter der Maas hindurch, dann an einem riesigen Containerhafen entlang, schließlich an einer Raffinerie hin, von der es heißt, sie sei die größte der Welt. Die Destillieranlagen sind schierer Futurismus. Danach nehmen wir eine Parade von schwarzen Tankwagen der Esso ab. Dann folgen wie zur Abwechslung grüngestrichene Tanks, dann graue, dann weiße. Und immer neue Destilliertürme. Hinter den Destilliertürmen das Filigran der Kräne. Von oben gesehen muß sich das Areal, das ich nur regenverhangen und in perspektivischer Verkürzung wahrnehme, unermeßlich weit strecken.

Nach den Kränen die geknickten Insektenbeine der Getreideheber. Immer merkwürdigere Formen tauchen nun auf: graue Kugelbehälter einer Karbonfabrik, riesige Zementabfalltrichter, monumentale kantige Müllverbrennungsanlagen, die halbringförmigen Spanten halbfertiger Lagerhallen.

Über eine Hebebrücke geht es weiter in Richtung »Botlek«, einem Becken dieses Monsterhafens, in dem NS Otto Hahn liegen soll. Das »NS« steht für »Nuklearschiff«, eine Bezeichnung, die auf der ganzen Welt einzig und allein die Otto Hahn führt. Dabei ist die Otto Hahn ein durchaus konventioneller Dampfer, nur die Krafterzeugung ist nicht die normale.

Die Reise soll nach Durban gehen. Straight ahead zur Südspitze Afrikas und dann um die Spitze herum. Kein einziger Hafen dazwischen. Ein langer Seetörn also und für den Alten seine letzte Fahrt. Der Alte ist Sechsundsechzig Jahre alt, Seemann von Jugend an. Im Krieg war er mein U-Boot-Kommandant, eines der hoch dekorierten Asse.

Durban in Südafrika: noch ein ganzes Stück hinter dem Kap, dem Kap der Guten Hoffnung. Für das Schiff gilt Hoffnung nicht. Das Schiff wird bald ausgedient haben.

Als ich vor Jahren mit dem Schiff fuhr, war es noch ein Fliegender Holländer: Es durfte keinen Hafen anlaufen. Im Schiffstagebuch las ich den kuriosen Eintrag: »Von Bremerhaven nach Bremerhaven via Azoren.«

Ich hatte damals viel Arbeit von zu Hause mitgeschleppt. Das war ein grober Fehler. Diesmal will ich den Alten ausfragen - nach Strich und Faden: Wir haben viel Zeit vor uns.

Meine zweite Reise mit dem Nuklearschiff.

»Die erste Reise war angenehm, o Jonny! Die zweite Reise war unbequem, o Jonny!« geht es mir durch den Sinn. Hoffentlich wird das nicht stimmen .

Der Abschied nach meiner ersten Reise war trist. Er hätte gar nicht trister sein können: Winter. Schlechtes Wetter. Alles mögliche ging schief.

Das soll meine zweite Reise mit der Otto Hahn werden. Gegen Ende der ersten hatte mir der Alte auf der Seekarte gezeigt, zu welchem Liegeplatz das Schiff in Bremerhaven verholt werden sollte. Das konnte eine Ewigkeit dauern: durch die Schleuse und dann durch mehrere Hafenbecken.

»Hier geht's nur über den Achtersteven«, sagte der Alte damals, und, als hätte er meine Gedanken erraten: »Von der Schleuse bis Festmachen mindestens zwo Stunden.«

Dabei bewegte mich nur ein Gedanke: nichts als runter von dem Kahn!

Aber daran war nach dem Festmachen noch nicht zu denken. Ich hatte meine Kammer abgeschlossen und lungerte an Oberdeck herum, weil der Alte noch keine Zeit hatte für ein richtiges Abschiednehmen.

Da fuhr auf der Pier ein kleines signalrotes Auto vor: die Kapitänsfrau! Weil sich kein Mensch um sie kümmerte, half ich ihr über die steile Hühnerstiege und den Niedergang herauf und weiter zur Kammer des Alten. Heftig schnaufend erklärte ich ihr dabei: »Der ganze Salon sitzt noch voller Typen von der Gesellschaft. Wasserschutzpolizei ist auch da, der Hafenarzt - und was weiß ich noch.«

Als wäre es gestern erst passiert, ist mir alles wieder gegenwärtig.

»Dann kann das noch Stunden gehen«, höre ich die Kapitänsfrau.

Die Sitzung im Salon will sie nicht stören, wir machen es uns also in den grünen Sesseln der Kapitänskammer bequem.

»Wo hier der Whisky ist, weiß ich«, sage ich und hole die Flasche aus dem Papierkorb neben dem Schreibtisch.

Während ich Gläser und Eiswürfel bringe, redet die Kapitänsfrau ohne Unterbrechung. Ich tue, als sei ich ganz Ohr, hänge aber meinen Gedanken nach. Trotzdem höre ich immer wieder mal aus dem Redefluß das Wort »Atmosphäre« heraus. »Eine reizende Atmosphäre«, »eine bezaubernde Atmosphäre«, »da hatte alles so viel Atmosphäre«.

Als sie ihren Whisky hat, sagt die Dame: »Sie wollen noch was über den U-Boot-Krieg schreiben? Das verstehe ich nicht. Wen interessiert denn das heute noch? Das ist doch alles schon sooo lange her.«

Ganz Höflichkeit, bestätige ich ihr: »Ja, Schnee von gestern, würde ich sagen.«

Nach dem dritten Glas geht die Kapitänsfrau aus sich heraus. Ich erfahre, daß der Alte nach dem Krieg als Steuermann auf einem Kümo fuhr, der ihrem Vater gehörte. An der argentinischen Küste von Hafen zu Hafen und immer die ganze Familie an Bord.

Die Kapitänsfrau hebt geziert ihr Glas, wobei ein Lächeln über ihr Gesicht geht. Sie trinkt mit vorgestülpten Bardot-Lippen und läßt für einen Moment ihre rosa Zungenspitze sehen.

»Und nach ein paar Wochen war schon Hochzeit«, sagt sie mit einem merkwürdigen Anflug von Rechthaberei in der Stimme. Und dann erzählt sie weiter, wie sie an Bord mit dem Alten zurechtgekommen sei.

Mitten in die Bekenntnisse der Kapitänsfrau hinein platzt ein untersetzter Mittvierziger, picobello im schwarzen Anzug, der sich als »Schräder!« vorstellt: der Agent des Schiffes.

Herr Schrader trägt die Haare mit Pomade angeklitscht scharf nach hinten gekämmt. Die paar Meter vom Schott her legte er fast tänzelnd zurück. Nun aber läßt er sich wie ein Sack in den dritten Sessel fallen, lehnt sich weit zurück und streckt seine Beine von sich.

Der Kapitänsfrau verschlägt es die Sprache: Man kann die Beule, die sein Gemächte in der Hose macht, deutlich sehen.

Ich biete Herrn Schrader einen Whisky an, doch Herr Schrader lehnt ab, er dürfe nichts mehr trinken, er habe - und dabei zwinkert er mir zu, als ginge es um Obszönitäten - schon ganz gehörig einen gezwitschert. Die Erklärung für die Sauferei folgt auf dem Fuß: »Ich habe nämlich eben einen Freund beerdigt.«

Das erklärt, warum Herr Schrader einen schwarzen Anzug trägt, samt schwarzer Krawatte.

»Fünfunddreißig Jahre - Krebs!« informiert uns Herr Schrader mit gedämpfter Stimme.

»Erst fünfunddreißig?« kommt es von der Kapitänsfrau. »Und schon Krebs?«

Herr Schrader richtet seine Augen fest auf die Kapitänsfrau und sagt bitter: »Ja, Hodenkrebs!«

Danach ist erst mal Ruhe. Die Kapitänsfrau gibt sich verwirrt. Dann fragt sie zaghaft: »Gibt es denn so was?«

»Ja!« antwortet Herr Schrader und ist jetzt todernst.

Nun sitzen wir wörtlos herum. Herr Schrader starrt halb verglast vor sich hin, die Kapitänsfrau wendet sich schließlich ganz langsam aus der Hüfte zu mir her.

Ich weiß, daß es jetzt an mir ist, etwas zu sagen, aber was nur? Wie kann ich nur diesem Gespräch einen Drall zum Optimismus hin geben? Herr Schrader preßt die Lippen aufeinander, dann reißt er plötzlich den Mund auf, daß es dumpf klackt. Herr Schrader schluckt trocken und fährt sich mit langer Zunge über die ganz Breite der Oberlippe. Erst mit den Fingern der linken, dann der rechten Hand trommelt er Wirbel auf die Sessellehnen und läßt sich schließlich zehn Zentimeter tiefer sinken. Es würde mich nicht wundern, wenn er jetzt auch noch seinen schwarzen Schlips löste.

Am liebsten würde ich diesen Stinkstiefel beim Kragen packen, aus dem Sessel hieven und aus der Kammer befördern - mit einem Tritt in den Hintern. So aber sage ich nur: »Das ist schlimm, Herr Schrader.«

Herr Schrader richtet nun seine schwimmenden Augen auf mich. Gleich wird er losschluchzen, denke ich und sage schnell: »Aber Sie leben!«

Herr Schrader nickt gedankenschwer und erwidert: »Da haben Sie eigentlich recht!«

Dann greift er zur Flasche und gießt sich das große Glas halbvoll.

»Sodawasser?« frage ich ihn.

»Nein!« sagt Herr Schrader entschieden und schüttet sich den Whisky mit weit nach hinten gelegtem Kopf in den Schlund.

Allmählich wird's Zeit für mich, aber der Alte ist immer noch im Salon beschäftigt. Seine Besucher haben es sich anscheinend bequem gemacht. Da kann er nicht einfach aufstehen und verschwinden. Ich verfalle auf eine List, vom Maschinenbüro aus rufe ich im Salon an: »Hier ist der Direktor für Arbeitsschutz beim Senat der Hansestadt Bremen 

Damit eise ich den Alten für ein paar Minuten zum Abschiednehmen los.

»Mach's gut! - Laß dich nicht unterkriegen! - Also: Mast- und Stengebruch und daß mir keine Klagen kommen! - Und laß dich bald wieder sehen!«

Und dann die Klettertour über die Gangway hinab bis zum Podest. Nun die Stufen am frisch gebauten Gestell hinunter, über einen amerikanischen Ponton hinweg, dann auf einer Laufplanke durch den Schlamm. Neben dem wartenden Auto ein Blick zurück. Ich war noch nie so nahe am Schiff, um es mit einem Blick fassen zu können. Ich mußte den Kopf hin und her drehen und die Augen vom Bug bis zum Heck wandern lassen.

Mein Gott, war der Dampfer auf einmal groß! Viel größer, als er mir während der Bordtage vorgekommen war. Und wie er über die Dalben hochwuchs! Noch einmal konnte ich seine merkwürdige Silhouette mit dem Blick abtasten: zwei mächtige Aufbauten statt einem.

Kein Mensch war zu sehen. Ein verlassenes Schiff! Niemand da, dem ich winken...

»Kein Buch des Frühjahrs, des Sommers, des Jahres ... ein Jahrhundert-Buch!«, Welt am Sonntag

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