Der Weihnachtsgurkenfluch

Ein Advents-Krimi
 
 
dtv (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 17. September 2021
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-423-43923-7 (ISBN)
 
Dieses Weihnachtszeug hat immer noch ein beschissenes Karma
Es ist schon wieder Weihnachten im Thüringer Wald und der verrückte Bürgermeister Blaschkehat sich diesmal etwas ganz Besonderes ausgedacht. Es soll ein Krippenspiel geben, allerdings mit echten Menschen und Tieren. Der altersschwache Dorfochse erlebt den Heiligabend dann aber leider nicht mehr, also müssen kurzerhand zwei Dörfler ins Kostüm gesteckt werden.
Doch auf dieser Rolle liegt offenbar kein Segen. Denn während der feierlichen Aufführung bricht das Hinterteil des Ochsen tot zusammen. Jetzt müssen gezwungenermaßen wieder die Weihnachtshilfssheriffs Nikolaus und Knecht Ruprecht ran, denn das mit dem toten halben Ochsen war kein Unfall .
weitere Ausgaben werden ermittelt
Julia Bruns wurde in Thüringen geboren und studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Psychologie. Sie arbeitete als Redenschreiberin und in der Öffentlichkeitsarbeit. Heute ist sie freie Autorin.

Weihnachten ist nichts für Weicheier. Ich muss es wissen. Ich bin der Nikolaus. Aber mal schön der Reihe nach. Heute ist Heiligabend. Wir haben zwölf Grad plus. Ein fieser Regen prasselt vom Himmel. Das Mittagessen liegt mir schwer im Magen und mein Freund Ruprecht steht kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Nikolaus und Knecht Ruprecht, genau. Das ist kein schlechter Scherz, also was Ruprecht angeht. Der heißt tatsächlich so. Mein Name ist Adam Märker, ich bin fünfundvierzig Jahre alt. Und ich hasse Weihnachten. Dennoch gebe ich nun schon im zweiten Jahr den heiligen Nikolaus in unserer Dorfweihnacht. Dass ich meinen besten Freund Ruprecht, also Knecht Ruprecht, an meiner Seite habe, macht es nicht besser. Denn was Weihnachten angeht, ist Ruprecht schlimmer als jeder Drogensüchtige auf kaltem Entzug. Ich bin ihm deswegen nicht böse. Jeder braucht nun einmal eine Aufgabe, die ihn ausfüllt, und wenn es nur vom ersten Dezember bis zum sechsten Januar ist. Aber Fakt ist, wenn Ruprecht sich nicht irgendwann dem Terror unseres dörflichen Weihnachtskomitees, ja, auch der Wahnsinn hat Strukturen, gebeugt hätte, wäre mein Leben in der Weihnachtszeit anders verlaufen. Ich bin gut ausgekommen, mit den Pornos, den Tiefkühlpizzen, der Glühheidi und so. Bis Eckbert, der geborene Nikolausdarsteller, vom Alkohol dahingerafft wurde und Ruprecht nach vierundzwanzig gemeinsamen Jahren allein zurückgelassen hat. Knecht Ruprecht ohne den heiligen Nikolaus, das war für unser Dorf schlimmer als der Borkenkäfer und die Fichtenröhrenlaus im Duett auf ihrem Vernichtungszug durch den kompletten Thüringer Wald. Es grenzt an ein Wunder, dass sich das selbst ernannte Weihnachtsdorf Eliasborn jemals wieder von diesem Schock erholt hat. Jedenfalls ist der Blaschke, unser blöder Bürgermeister, auf die Idee gekommen, dass nur ich diese enorme Lücke, die die Flasche Kräuterbitter in unsere Dorfweihnacht gerissen hatte, füllen kann. Das ist hart, ich weiß. Ruprecht allerdings sagt, er vergisst mir das nie. Ich glaube, er hat sogar ein bisschen geweint. Das hätte ich auch getan, wenn mir von Anfang an klar gewesen wäre, was mich als heiliger Nikolaus hier erwartet. Ich bin eine Geißel des Weihnachtsfestes, mit oder ohne Schnee. Grüne Weihnacht ist nur was für die Deppen im Thüringer Becken. Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz in den letzten drei Wochen bei uns im Dorf gehört habe. Einmal zu viel sicherlich, wenn man dem Gesetz der negativen Aura Glauben schenken darf. 

»Dahinten ist schon eine winzig kleine Schneewolke«, sagt Ruprecht und ich kann an seiner undeutlichen Aussprache hören, dass er seine Nase fest gegen die Scheibe drückt. Seit wir vom Mittagessen aufgestanden sind, lehnt er in der Fensterbank und starrt in den Garten. »Komm schon Wölkchen, hierher«, flüstert er.

Opa nickt uns aus seinem Ohrensessel behäbig zu. Er hat den Hosenknopf an seinem Stresemann geöffnet und tätschelt mit der rechten Hand seinen Bauch, als könnte er damit den Kartoffelsalat und die Wiener überreden, sich leichter verdauen zu lassen. Für einen über Achtzigjährigen müssen die zwei Portionen, die er verdrückt hat, eine enorme Herausforderung sein. Marlies, quasi die derzeitige Nummer eins unter Opas Verehrerinnen, und davon hat er ein gutes Dutzend im Dorf, hat in Sachen Mayonnaise alles gegeben, vor allem Öl und Eigelb.

»Unbedingt, mein Junge«, sagt der Opa verständnisvoll und zwinkert mir zu. Ich staune immer wieder, wie er mit alledem so klarkommt. Nicht das fette Essen, das kriegt ein echter Thüringer mit nachgespültem Selbstgebranntem einigermaßen hin. Nein, die Wohngemeinschaft mit Ruprecht, seinem fast fünfzigjährigen, unverheirateten Enkelsohn, der einen ausgeprägten Hang zum Weihnachtsfetischismus hat. Vor allem Letzteres muss man mögen.

Ruprecht kriegt davon nichts mit. Er murmelt gebetsmühlenartig etwas von »Minusgraden« und »weißer Pracht«
und wenn er nicht dieses Mantra herunterleiert, dann summt
er leise >Schneeflöckchen, Weißröckchen<. Wir haben noch ein paar Stunden, bis die Christvesper beginnt. Ruprecht schwört darauf, dass dies der Höhepunkt unserer Arbeit ist, der Heilige Abend. Er kriegt ganz glasige Augen, wenn er davon spricht. Seit dreiundzwanzig Tagen, in seiner Welt Türchen, redet er von nichts anderem. Jeden Tag, der vergangen ist und an dem wir uns sinnloserweise durch unser Dorf, also den lebendigen Adventskalender gearbeitet haben, hat er mehr Adrenalin produziert. Wir gehören zu der Prozession um den Blaschke Bürgermeister, ohne die weihnachtstechnisch in unserem Dorf nichts gehen würde, also bei der Fraktion der Lichterkettenjunkies, Leuchtschlauchfanatiker und LED-Jehovas. Immerhin ist das die Mehrheit der hundertfünfzig Bewohner unseres Dorfes, also quasi alle bis auf Tante Hildegard, die den Blaschke abgrundtief hasst, meine beiden bettlägerigen Nachbarn und Alfred Recknagel, unseren Dorfoppositionellen. Damit alles seine Ordnung hat, verabschiedet das Weihnachtskomitee bereits jedes Jahr im Juni einen Ablauf- und Organisationsplan für diesen Blödsinn, Ruprecht lernt ihn komplett auswendig und wenn es so weit ist, laufe ich nur mit. Seit ich mich hier zum Deppen mache, verdopple ich im Dezember mal locker meine in den restlichen elf Monaten zu Fuß zurückgelegten Kilometer. Meinen Kenntnisstand über meine Mitbürger kann ich proportional dazu auch auffrischen, unfreiwillig
natürlich.

Jedenfalls ist Ruprecht am vierundzwanzigsten Dezember absolut aus dem Häuschen, noch viel mehr als an dem Tag, an dem er erfahren hat, dass der Freistaat Thüringen die Tierarztkosten für Herrn Fuchs, also seinen Dackel, übernimmt. Ruprecht ist Förster und der Dackel ein Diensthund mit Fichtenpollenallergie, was bei uns im Thüringer Wald einem Kamikaze gleicht. Aber das tut jetzt nichts zur Sache. Bis an Heiligabend drehen hier alle komplett frei. Und danach wird es auch nicht viel besser.

Immerhin haben wir jetzt noch etwas Zeit, bis der Schwachsinn unserer Dorfweihnacht seinen diesjährigen Zenit erreicht, und ich will Ruprecht seinen Optimismus bezüglich des Schnees nicht nehmen. Schließlich haben die Indianer mit ihrem Regentanz auch mal Glück.

»Wenn die Urvölker ihr Regenritual abhalten, dann malen sie sich die Gesichter blau an oder tragen blaue Klamotten«, sage ich ein wenig zu euphorisch mitten in die zweite Strophe des Kinderliedes hinein. »Sie glauben, die Farbe lockt das Wasser an.«

Opa schaut auffällig lange auf mein weißes Spitzenkleid. Ich ahne, was er denkt, und beiße mir auf die Zunge. Wieso kann ich mit meinem gepflegten Halbwissen nicht einfach hinter dem Berg halten? Bevor hier jedoch der falsche Eindruck entsteht, das ist nur ein Kostüm und meine Intention, damit herumzulaufen, beruht allein auf Zwang. Das gilt übrigens auch für den roten Umhang und die Mitra, die ein Nikolaus zwingend haben muss und die ich nun an Opas Garderobenhaken parke. Natürlich habe ich das Zeug nicht in der Wohnung an. Ich bin ja nicht total plemplem. Wieso muss ich mich eigentlich permanent rechtfertigen? Schließlich habe ich diese dämliche Tradition nicht erfunden. Ruprecht auch nicht. Er läuft in Kackbraun. Ich will mir nicht ausmalen, was ein Schamane mit dieser Farbe auslösen könnte.

Ruprecht dreht sich zu uns um. Offenkundig hat er zugehört. Ausnahmsweise. »Meinst du, das geht?«, fragt er unsicher.

Ich zucke nur mit den Schultern. Erst jetzt bemerke ich, dass seine Wangen dunkelrot leuchten und ihm der Schweiß auf der Stirn steht. Kein Wunder, er trägt seinen zerfransten, dicken Fellmantel inklusive Hose und schwerer Stiefel.

»Wieso bist du eigentlich schon fertig angezogen?«, frage ich verwundert.

»Bin ich ja gar nicht«, entgegnet Ruprecht ein wenig trotzig und deutet auf seinen Kopf, womit er sagen will, dass er seine hässliche Kosakenmütze und den Rauschebart noch nicht angelegt hat. Über die dazu passende Perücke verlieren wir seit letztem Jahr ohnehin kein Wort mehr. Die liegt im Schrank. Dort kann sie Ruprechts empfindlicher Kopfhaut nichts mehr anhaben. Dass ein schwarzer Kunststoffbart in Kombination mit Ruprechts flachsblondem Haarschopf etwas befremdlich wirken könnte, ist nichts als ein unwesentliches Detail, wenn man bedenkt, dass wir ohnehin in der gesamten Weihnachtszeit wie zwei Idioten herumlaufen. Menschliche Würde ist bei uns im Dorf kein Argument, vor allem in der Weihnachtszeit. Ruprecht stört das nicht. Er ist glücklich. Bei mir hingegen kann man irgendwann sicherlich ein tiefsitzendes Trauma attestieren.

»Dein Mantel?«, frage ich und bemühe mich, meine Stimme dabei nicht zu heben.

Ruprecht wackelt mit dem Oberkörper wie ein verschämtes kleines Mädchen. »Du weißt doch, dass ich Mühe habe, die Knöpfe zuzubekommen, und bevor ich zu spät bin.« Er lässt den Satz so stehen und widmet sich wieder seiner Konversation mit der vermeintlichen Schneewolke. Der von Motten zerfressene Stoff auf seinem Rücken gibt alles, aber ich kann deutlich sehen, dass er diese Spannung kaum ewig aushalten wird. Wenigstens stinken der heilige Nikolaus und Knecht Ruprecht nicht mehr wie ein ausgewachsenes Iltispärchen. Letztes Jahr war es so schlimm, dass man uns nicht einmal sehen musste, um zu wissen, dass wir da sind. Peinlich war mir das nicht. Wieso auch? Ich habe ja nicht meinen, sondern den jahrzehntealten Muff von Eckbert spazieren getragen. Ich kann auch nicht sagen, dass es mir keine Freude gemacht hätte, die Dörfler mit diesem Dunst abzuschrecken, aber das hat die natürlich kein bisschen gestört. Bei uns im Thüringer Wald sind die Menschen einfach härter, auch was ihre Geruchsempfindlichkeit angeht. Nein, ich neige zu Aphten und die gesamte Weihnachtszeit mit einer...

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