Nomaden der Arbeit

Überleben in den USA im 21. Jahrhundert
 
 
Blessing (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. April 2019
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-22768-5 (ISBN)
 

Zehntausende Menschen in Amerika sind unterwegs. Sie leben in Wohnmobilen, Vans, Anhängern. Übernachten auf Supermarkt-Parkplätzen, neben den Highways, in der Wüste. Sie schaufeln Zuckerrüben in North Dakota, reinigen Toiletten in den Nationalparks von Kalifornien, arbeiten Zwölf-Stunden-Schichten im Amazon-Versandzentrum im winterlichen Texas. Und sie haben eines gemeinsam: Sie sind alt. Der American Dream hat für sie Bingo-Spielen und Gartenpflege vorgesehen. Doch im 21. Jahrhundert, erschüttert von der Finanzkrise der Zehnerjahre, ist der Boden für den sprichwörtlich wohlverdienten Ruhestand weggebrochen. Deshalb ziehen sie als Nomaden der Arbeit von einem saisonalen Tageslohnjob zum nächsten.

Jessica Bruder hat sich ihnen ein Jahr lang angeschlossen und ist diesem Treck durch ganz Amerika gefolgt. Nicht nur die stetig wachsende Zahl der Nomaden, auch Bruders Buch hat dazu beigetragen, dieses im Verborgenen, am Rande der Gesellschaft rollende Phänomen in den Fokus zu rücken. Eine nachhallende Reportage über Ausbeutung, Ungerechtigkeit und prekäre Lebensumstände, aber auch über altersweise Beharrlichkeit, Sinn für Gemeinschaft und Abenteuer, wie sie nur ein amerikanischer Highway versprechen kann.

  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Blessing
1 schwarz-weiße Abbildungen
  • 1,85 MB
978-3-641-22768-5 (9783641227685)
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Jessica Bruder war als Professorin an der Columbia Graduate Journalism School tätig. Ihr Leitartikel "The End of Retirement" im Harper's Magazine, Basis dieses Buches, wurde mit dem Aronson Award for Social Justice Journalism ausgezeichnet, sie veröffentlicht darüber hinaus u. a. in "The New York Times Magazine", "The Washington Post" und "The International Herald Tribune". Bruder lebt in Brooklyn, New York City.

2  DAS ENDE

Am Thanksgiving Day 2010 - bevor ihr Leben als Nomadin begann - saß Linda May in New River, Arizona, allein in dem Trailer, den sie bewohnte. Die sechzigjährige Großmutter mit dem silbrig grauen Haar verfügte weder über Strom noch fließendes Wasser, weil sie die Rechnungen dafür nicht hätte bezahlen können. Sie fand keinen Job, und die Arbeitslosenunterstützung war ausgelaufen. Viele Jahre hatte sie bei ihrer Tochter gewohnt und war von dort aus einer Reihe schlecht bezahlter Jobs nachgegangen, aber die Tochter und ihre Familie hatten sich kürzlich mit einer kleineren Wohnung bescheiden müssen. Für sechs Personen standen jetzt nur noch drei Schlafzimmer zur Verfügung, und für sie war kein Platz mehr. Ohne Ausweg saß sie gefangen in einem dunklen Trailer.

»Ich werde allen Schnaps austrinken, der da ist, und dann drehe ich den Gashahn auf. Wenn ich weggetreten bin, wär's das gewesen«, sagte sie sich. »Und wenn ich aufwachen sollte, zünde ich mir eine Zigarette an und schicke uns alle zur Hölle.«

Ihre beiden kleinen Hunde Coco und Doodle starrten sie an. (Der Zwergpudel Doodle starb später, noch bevor sie in den Squeeze Inn zog.) Sie zögerte - war es für sie tatsächlich denkbar, die beiden ebenfalls in die Luft zu sprengen? Nein, das kam nicht infrage. Also nahm sie stattdessen die Einladung zum Thanksgiving Dinner im Haus einer Freundin an.

Aber diesen Augenblick - den Sekundenbruchteil, in dem sie ins Zaudern geriet - konnte sie nicht so leicht vergessen. Linda hält sich für »einen unbeschwerten, freudvollen Menschen«. Noch nie hat sie ernsthaft erwogen, alles hinzuwerfen. »Ich war einfach so fertig, dass ich keinen Ausweg mehr sah«, erinnerte sie sich später. Es musste sich etwas ändern.

Ein paar Jahre später stand Linda abermals vor dem Ruin. Sie arbeitete in Lake Elsinore, Kalifornien, beim Home-Depot-Baumarkt an der Kasse und verdiente 10,50 Dollar die Stunde. In manchen Wochen wurde sie nur für zwanzig bis fünfundzwanzig Wochenstunden eingeteilt, und das reichte so gerade für die 600 Dollar Monatsmiete, die sie für den Trailer zu bezahlen hatte, den sie auf der anderen Seite der Stadt im Shore Acres Mobile Home Park bewohnte. Monate hatte sie nach diesem Job suchen müssen, obgleich in ihrem Lebenslauf zwei Bauwesen-Diplome standen sowie eine anderthalbjährige Anstellung bei einem Home Depot in Las Vegas, wo sie als Disponentin ungefähr 15 Dollar die Stunde verdient hatte. Diese Tätigkeit hatte ihr gefallen, denn sie konnte persönlich die Probleme der Kunden lösen. An der Kasse zu sitzen kam ihr nach alldem wie ein Abstieg vor. Dennoch versuchte sie, das Beste daraus zu machen. »Sie machten mich zur Kassiererin, obwohl ich doch so viel Erfahrung hatte«, erinnerte sie sich. »Also sagte ich mir: >Okay, dann werde ich hier die beste Kassiererin sein.<« Linda unterhielt sich mit ihren Kunden, erkundigte sich nach ihren Projekten und half, wo sie konnte. Wenn ein Hausbesitzer mit der falschen Holzsorte für einen Dachausbau bei ihr bezahlen wollte, riet sie ihm zu sogenannten Grobspanplatten, die den Zweck besser erfüllten (und auch 500 Dollar weniger kosteten). Warum sollte Home Depot derartige Fachkenntnisse ungenutzt hinter einer Registrierkasse verkümmern lassen? »Die haben wohl ein paar Vorurteile gegenüber älteren Leuten«, vermutete sie.

Nicht zum ersten Mal fragte sich Linda, wie irgendjemand es sich leisten konnte, alt zu werden. Unter all den Jobs, die sie im Laufe ihres Lebens ausgeführt hatte, war kein einziger gewesen, der auch nur ein Mindestmaß an nachhaltiger finanzieller Sicherheit eingebracht hätte. »Hab's nicht geschafft, mir eine Rente zu erarbeiten«, sagte sie.

Linda wusste, dass sie bald Anspruch auf Sozialhilfe haben würde. Sie hatte sich jedoch nie sonderlich um den jährlichen Bescheid gekümmert, sodass sie überrascht war, als sie einen davon las und erfuhr, dass ihre monatliche Unterstützung um die 500 Dollar betragen würde, nicht einmal ausreichend, um ihre Miete zu bezahlen.

Linda hatte als alleinstehende Mutter zwei Mädchen großgezogen. Sie wusste, was es bedeutete, so gerade über die Runden zu kommen. Ihre Mutter hatte ihr bereits vorgemacht, wie sie mit einem Pfund Hack dafür sorgen konnte, dass Linda und ihre Brüder eine Woche lang zu essen hatten. Wenn es abends Spaghetti bolognese ohne die geringste Spur von Fleisch gab, machten die Kinder sich über ihre Mutter lustig und sagten, sie hätte das Hack wahrscheinlich in eine Socke gestopft und die dann über dem Topf geschwenkt, damit dem Gericht wenigstens ein Hauch von Aroma zuteilwurde. Von Zeit zu Zeit, wenn die Familie ein Kind zusätzlich aufnahm, dessen Eltern in Schwierigkeiten geraten waren, habe ihre Mutter, wie Linda scherzte, »das Hackfleisch in der Socke einmal mehr über dem Topf geschwenkt, damit auch der Neuling satt wurde«.

Vielleicht war dieser Lebensgeschichte das Mitgefühl zu verdanken, das Linda für Menschen aufbrachte, die in Pechsträhnen gerieten. In den frühen 1990ern führte sie ein Geschäft für Teppiche und Fliesen namens Cherokee Interiors in Bullhead City, Arizona. Dort versammelten sich Obdachlose an einem Außenwasserhahn hinter dem Gebäude, um sich zu waschen und ihre Wasserkrüge zu füllen. »Das geht absolut in Ordnung«, beruhigte sie die Leute. »Denkt nur daran, den Hahn zuzudrehen, wenn ihr fertig seid. Nicht vergessen!« Das Gebäude im Blockhaus-Stil besaß eine Veranda mit Pferdestangen unter einem Dachüberhang. Als die Männer dort zu übernachten begannen, wies sie ihnen die Aufgaben eines Wachtpostens zu. »Also, wenn du hier schlafen willst, bist du der Nachtwächter«, sagte sie und trug ihnen auf, genau das jedem Polizisten zu erzählen, der versuchen sollte, sie zu verscheuchen.

Einer der Männer, ein ehemaliger Baumpfleger, vertraute Linda an, dass er von der Straße wegkommen wollte. Er war der Meinung, Geld verdienen zu können, indem er im Auftrag der Stadt von Unkraut überwucherte Grundstücke bereinigte. Sie half ihm dabei, fürs Startkapital Spenden zu sammeln: Harken, einen Mäher, ein wenig Benzingeld. Zusammen fuhren sie durch die Gegend und sahen sich verwilderte Parzellen an, die von der Stadt zur Pflege ausgeschrieben waren. Mithilfe ihrer Gewerbeerlaubnis konnte Linda ihm zu einigen Aufträgen verhelfen.

Dann kam es zu einem doppelten Debakel. Der Handel mit Fußbodenbelägen ging pleite, weil ihr Geschäftspartner doppelte Buchhaltung betrieben und einen Teil der Gewinne abgeschöpft hatte. Und der ehemalige Baumpfleger schmiss die Aufträge, die Linda ihm besorgt hatte. Als man ihm anbot, ein Haus in Las Vegas zu streichen, verschwand er aus der Stadt, ohne auch nur eines der Grundstücke auf Vordermann gebracht zu haben.

Dennoch schätzte Linda sich glücklich. »Gott sei Dank war auch so für mich gesorgt«, erinnerte sie sich. »Ich hatte keinen Job, der mir Geld brachte, aber ich hatte all diese festen Aufträge.« Schon bald schob sie an knochentrockenen Sommertagen bei fast fünfzig Grad Celsius einen Mäher durchs Gras. Sie machte sich mit den Symptomen eines Hitzschlags vertraut: »Solltest du jemals in der Sonne plötzlich Schüttelfrost bekommen, sofort ab nach drinnen!« Die Aufträge brachten ihr jeweils 150 Dollar ein. Oft begann sie bei Tagesanbruch mit der Arbeit und machte um die Mittagszeit Schluss. Später kehrte sie dann die Abfälle zusammen und füllte sie in Säcke.

»Als ich beim ersten Mal noch nicht bezahlt worden war, hatte ich nicht das Geld, den Abfall zur Entsorgung zu bringen. Also nahmen wir das Zeug mit zum See und machten ein Lagerfeuer. Es war sehr windig«, erinnerte sie sich an den Ausflug. »Der Wind erfasste die trockenen Gräser und blies sie über das Ufer. Ein Ranger kam und sagte: >Das dürfen Sie nicht.< Und ich: >Hab ich ja schon eingesehen. Wir schaufeln doch schon Erde drüber, um das Feuer zu löschen.<

Daraufhin dachte ich: >Ich kann doch nicht bei fast fünfzig Grad im Freien schuften und Gartenabfälle entsorgen. Dafür habe ich doch nicht das College besucht!«, erinnerte sich Linda, die Bautechnik studiert hatte. Ihre ältere Tochter und ihr Schwiegersohn hatten Arbeit in der florierenden Casinobranche gefunden. Sie arbeitete im Restaurant, ihr Mann im Parkservice. Linda bekam schon bald einen Job als Zigarettenmädchen im Riverside-Casino in der Glücksspielhochburg Laughlin, Nevada. (Der Namensgeber der Stadt - Riverside-Besitzer Don Laughlin - hätte sie gern »Casino« genannt, aber dagegen erhob die US-Post Einspruch.17) Linda war so dankbar für die Arbeitsstelle, dass sie Don Laughlin zwei Dutzend Rosen schickte. Er ließ sie zu sich ins Büro rufen. »Was soll das hier?«, fragte er verblüfft.

»Ein von Herzen kommendes Dankeschön an Sie, Don«, erklärte sie. »Mehr nicht. Einfach danke für den Job. Mehr hab ich mir dabei nicht gedacht.« Linda verkaufte Naschwerk, Blumen und Rauchwaren von einem Bauchladen an Tragebändern. Das Tablett war so schwer, dass sie anfangs ein Stützmieder tragen musste, um es halten zu können. Und trotz des Mieders wurde die Arbeit zu einem harten Trainingsprogramm. »Von Größe 46 hab ich mich runtergeschuftet auf 42 - allein durch Zigarettenverkauf!«, erinnerte sie sich.

Linda kaufte Rosen im Großhandel für 96 Cent das Stück und verkaufte sie für vier Dollar weiter. Meistens wurden daraus durchs Trinkgeld fünf Dollar. Zigaretten kaufte sie stangenweise ein und verkaufte sie mit einem Gewinn von 50 Cent pro Schachtel. Mit der Zeit lernte sie die Spieler kennen, zum Beispiel denjenigen, der immer Kopfschmerzen bekam. Bei ihm konnte man sich darauf verlassen, dass er für eine...

»Bruder eröffnet Einblicke auf ein soziales Phänomen, das so brisant wie tabuisiert ist. [...] Eine spannend geschriebene Dokumentation.«
 
»Jessica Bruders flüssig geschriebenes Buch [...] bietet, obwohl sie Trumps Namen nie erwähnt [...], eine Erklärung an für die prekäre, instabile und fluide Situation der Mittelklassen.«
 
»Ein überwältigendes und großartig geschriebenes Buch, das an John Steinbecks >Früchte des Zorns< denken lässt.«
 
»Wer glaubt, die Finanzkrise von 2008 sei schon lange vorbei, sollte die Menschen treffen, denen Jessica Bruder in diesem beißenden, großartig geschriebenen, lebendigen Buch begegnet.«

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