Aubreys End - Folge 2: Ein ungebetener Gast

 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 30. April 2021
  • |
  • 120 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7517-0288-1 (ISBN)
 
FOLGE 2: EIN UNGEBETENER GAST

Nachdem Sienna den Zorn von Lady Celia auf sich gezogen hat, wird sie in die Stallungen abkommandiert. Dort begegnet sie Thunder, dem widerspenstigen Hengst des Lord Kilcane. Keiner außer Sienna, scheint das Pferd zähmen zu können. Doch damit zieht sie weiteren Verdacht auf sich.

DIE SERIE:

England, 1819. Als der jungen Diebin Sienna klar wird, dass ihr brutaler Ziehvater sie an ein Bordell verkaufen will, flieht sie mit der nächsten Kutsche aus London. Doch dann hat diese einen Unfall, und Sienna überlebt als eine der Wenigen. Durch ein Missverständnis gerät Sienna an die Habseligkeiten einer verunglückten Mitreisenden. Sie wittert ihre Chance auf einen Neuanfang, auf ein Leben ohne Furcht vor ihrem Ziehvater. Sie nimmt die Identität des toten Mädchens an. Und so wird aus der Diebin Sienna, die Magd Tess.

Siennas Weg führt sie zum Herrenhaus Aubreys End, wo sie von nun an als Dienstbotin arbeitet. Doch wie lange kann Sienna ihr Geheimnis wahren, ohne sich selbst zu verraten? Durch ihre Hitzköpfigkeit droht ihre Tarnung ein ums andere Mal aufzufliegen. Besonders als sie auf den attraktiven Lord Kilcane trifft, Hausherr von Aubreys End.
1. Aufl. 2021
  • Deutsch
  • Köln
  • |
  • Deutschland
  • 1,52 MB
978-3-7517-0288-1 (9783751702881)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Reena Browne wuchs Anfang der Siebziger Jahre im ländlichen Süden Deutschlands auf und begann während ihrer beruflichen Laufbahn als kaufmännische Angestellte mit dem Schreiben von Liebesgeschichten. Mittlerweile lebt sie mit ihrer Familie im Südwesten Deutschlands.

1.


1819, Derbyshire, Aubreys End

Es war weit nach Mitternacht, als Lady Fiona ihre Zimmertür öffnete und in den Flur hinauslugte. Ungeduldig hatte sie darauf gewartet, dass Grimwald endlich seinen letzten Rundgang beendete. Zu Fionas Leidwesen unternahm der Kammerdiener ihres Cousins solch einen Kontrollgang jeden Abend, seit er mit Edmond nach Aubreys End zurückgekehrt war.

Sorgsam horchte Fiona darauf, ob das schwerfällige Atmen des alten Mannes noch zu hören war. Aber alles blieb still. Daher zog sie die Tür hinter sich zu und lief eilig über den Flur. In der einen Hand hielt sie ein kleines Nachtlicht, das ihr gerade genug Licht spendete, um nicht fehlzugehen. Lautlos, da der wertvolle, dicke Teppich ihre Schritte dämpfte, näherte sie sich der Galerie, die ganz im Dunklen lag.

Den schweren silbernen Kerzenleuchter in der anderen Hand presste sie dicht an ihren Leib, während sie sich immer wieder vorsichtig umsah. Auch wenn sie nicht daran glaubte, dass Celia oder Edmond sie bei ihrem Tun ertappen würden, so gab es im Moment einfach zu viele Leute in diesem Haus. Madame Noel geisterte manchmal des Nachts durch die Flure des Westflügels, weil sie nicht schlafen konnte, oder Grimwald sah aus unerfindlichen Gründen nach dem Rechten.

Fiona blickte wachsam vom Treppenabsatz in die große Eingangshalle hinunter, doch dort war es still. Die beiden Hausjungen lagen schlafend neben den Kaminen, die Glut, auf die sie aufpassten, leuchtete in der Dunkelheit. Rasch ging Fiona weiter. Sie zog ihre Stola enger um ihre Schultern, denn es war empfindlich kalt. Sie huschte die Galerie entlang zu der Wendeltreppe, die in den jetzt gespenstisch anmutenden Ballsaal hinunterführte, den sie rasch durchquerte. Die übermannsgroße, verglaste Flügeltür knarrte leise, als Fiona sie öffnete, um vom Ballsaal in die Halle der Nymphen zu gelangen.

Das Mondlicht ließ die Marmorstatuen seltsam lebendig wirken, doch dafür hatte sie im Moment keinen Blick übrig. Stattdessen beschleunigte sie ihren Schritt, um zur Orangerie zu gelangen. Und während sie auf die kleine Tür am Ende des Gewächshauses zusteuerte, verwünschte sie Edmonds Anwesenheit auf Aubreys End. Dass er hier war, machte alles so viel komplizierter.

Kalte Nachtluft wehte Fiona entgegen, als sie die Hintertür öffnete und einen Schritt hinaustrat. Ein Schatten löste sich aus der Dunkelheit und kam auf sie zu.

»Simmons?«, flüsterte sie leise.

»Hier!«, gab der Schatten mit fisteliger Stimme zur Antwort.

»Gut, du bist pünktlich«, flüsterte sie dem Mann zu.

»Was habt Ihr heute für mich?« Ein Schwall fauligen Atems traf Fiona, die sich jedoch nichts anmerken ließ.

»Einen silbernen Leuchter«, flüsterte sie und übergab ihm ihre Beute.

»Das ist ein ordentlicher Batzen Silber.« Der Mann wog den Leuchter in seinen Händen. »Dann wie üblich?«, fragte er sie.

Fiona nickte. »Ja, wie immer, und betrüge mich ja nicht!«, zischte sie ihm zu.

»Das würde ich nie tun.« Ein ehrlich gekränkter Unterton schwang in seinen Worten mit.

»Melde dich, wenn du das Silber verkauft hast, ich komme dann ins Dorf.« Fionas Blick schweifte unruhig über die nähere Umgebung.

»Ja, ist gut, Mylady.« Damit wandte sich Simmons ab und verschwand lautlos wieder in der Dunkelheit.

Fiona schloss die Tür und war froh, nicht länger dem Gestank seiner Ausdünstungen ausgesetzt zu sein. Ebenso war sie erleichtert die verräterische Beute nicht mehr in den Armen zu halten, denn nun war der Weg zurück in ihr Gemach lange nicht so nervenaufreibend.

Wieder verfluchte Fiona Edmonds Anwesenheit, die ihre Pläne bedrohte. Dabei hätte alles so einfach sein können, jetzt da sie endlich eine Möglichkeit gefunden hatte, ungesehen ins Erdgeschoss zu gelangen. Drei silberne Leuchter hatte sie schon aus der Silberkammer entwenden können, ohne dass die Haushälterin Verdacht geschöpft hatte. Diese zu stehlen war weitaus lukrativer, als den Lohn der Dienstmädchen zu kürzen und sich die Differenz in die eigene Tasche zu stecken. Mit den Diebstählen könnte sie innerhalb kürzester Zeit ein Vermögen verdienen.

Doch mit dem ganzen Gesinde, das mit Edmond auf den Herrensitz zurückgekehrt war, würde ihr Vorhaben nun schwieriger werden. Atemlos stieg Fiona die Wendeltreppe zur Galerie hoch. Wäre Edmond in London geblieben, dann bräuchte sie nicht in finsterer Nacht durch das Haus zu geistern. Völlig außer Atem lief sie in den Westflügel zurück. Erst als sie die Tür ihres Gemachs hinter sich geschlossen hatte, atmete sie erleichtert auf. Wenn alles gut ging, dann würde sie im nächsten Jahr genug Geld haben, um diesen verfluchten Ort für immer zu verlassen.

Das Krähen des Hahns vor ihrem Fenster ließ Sienna erwachen. Es dauerte einen Moment, ehe sie begriff, dass sie in ihrem Bett lag: auf Aubreys End. Schläfrig richtete sie sich auf, während ihre Erinnerung an den gestrigen Tag zurückkehrte.

»Verfluchtes Vieh«, grummelte Jane schlaftrunken.

Siennas Finger fuhren über ihre pochende Lippe und befühlten vorsichtig die Wunde über ihrer Augenbraue. Auch die anderen Stellen, die Bekanntschaft mit der Reitgerte dieser gefühllosen Frau gemacht hatten, schmerzten.

Tief in ihrem Inneren war Sienna froh, dass man sie nicht entlassen hatte. Allein aus Mangel an anderen Möglichkeiten war es gut, bleiben zu können. Auf dem Land war es einfacher, sich vor Marlowe zu verstecken, als in einer Stadt, wo überall seine Spione lauerten. Sie sah zu Jane rüber, die sich in ihrem Bett streckte. Ihre Zimmergenossin gähnte geräuschvoll und warf mit Schwung ihre Bettdecke zurück. Die Kerze, die sie entzündete, spendete gerade so viel Licht, dass Sienna die Umrisse des Stuhls sehen konnte, auf dem ihre Kleider lagen.

»Immerhin ist es heute nicht mehr so kalt«, bemerkte Jane mit rauer Stimme. »Gut, dass du schon wach bist.« Sie stand auf, ging zum Waschtisch und goss das kalte Wasser in die Porzellanschüssel, um sich zu waschen. Als sie nach dem Handtuch griff, um ihr Gesicht zu trocknen, wandte sie sich zu Sienna um. »Wer ist eigentlich Marlowe?«, fragte sie unvermittelt.

Sienna zuckte zusammen. Die Erwähnung des Namens fühlte sich wie ein Schlag in die Magengrube an.

»Du redest im Schlaf«, meinte Jane und ging zu ihrem Bett zurück. »Ist er dein Freund?«

Heftig schüttelte Sienna den Kopf. »Nein, sicher nicht. Ganz im Gegenteil, er ist ein böser Mensch, der mich nicht in Ruhe lassen wollte«, sagte sie knapp, als sie ihre Fassung wiedergewonnen hatte. Mit versteinerter Miene zog sie ihr Unterkleid über den Kopf.

»Ich verstehe«, erwiderte Jane mitfühlend.

»Nein, das glaube ich nicht. Niemand, der im Schutz eines solchen Hauses lebt, kann das verstehen. Wo ich herkomme, ist man auf sich allein gestellt.« Sienna hörte selbst, wie bitter es klang. Sie senkte den Kopf, damit ihre aufkommenden Tränen verborgen blieben.

»Ach ja, glaubst du?« Jane setzte sich auf die Bettkante und nahm ihre Strümpfe in die Hand. »Es mag sein, dass wir auf Aubreys End einen gewissen Schutz genießen, Tess. Aber das ist nicht auf jedem Herrensitz so. Meine ältere Schwester trat mit fünfzehn ihren ersten Dienst in einem respektablen Haus an. Drüben, jenseits des Levern. Der Lohn war gut, die Arbeit auch, bis eines Tages der Sohn ihres Herrn ihr aufgelauert hat, um ihr Gewalt anzutun. Sie hat sich gewehrt und konnte den Wüstling abwehren. Sie hat es auch gleich ihrer Haushälterin erzählt, aber was denkst du, was passiert ist? Dass der Vater seinen Sohn für diese Tat bestraft hat? Weit gefehlt. Meine Schwester hat ihre Stellung verloren und ihren guten Ruf gleich mit dazu. Dabei hat sie nichts getan, um so etwas zu verdienen.« In Janes Stimme schwang Wut mit. »Sie hat weit in den Norden gehen müssen, um wieder eine Anstellung zu finden. Sie ist jetzt auch mit einem Mann von dort verheiratet, denn hier hätte sie keinen mehr gefunden, der sie zur Frau hätte haben wollen.« Sie zog ihr Kleid vom Stuhl. »Aber wie es so ist, der Ruf des Wüstlings blieb natürlich unbeschädigt«, der unterdrückte Zorn, der aus ihren Worten sprach, war nicht zu überhören.

»Es tut mir leid, ich wollte dich nicht .«, Sienna brach hilflos ab.

Aber Jane schüttelte den Kopf. »Mach dir darüber keine Gedanken, Tess. Als Frauen teilen wir das gleiche Schicksal. Das Einzige, was uns bleibt, ist zusammenzuhalten und uns gegenseitig zu schützen.« Sie zupfte eine unsichtbare Fussel von ihrem Strumpf, den sie noch immer in ihren Fingern hielt. Schließlich streifte sie ihn über ihren Fuß und zog das Strumpfband über ihrem Knie fest. »Aber jetzt beeil dich, ich habe gehört, dass es heute kalten Braten zum Frühstück geben soll, und ich gedenke nicht, diesen Louisa zu überlassen.«

Lord Edmond Kilcane starrte auf die Kassettendecke mit den feinen Schnitzereien in seinem Gemach. Auch in dieser Nacht hatte er keinen Schlaf finden können. Nur war es diesmal nicht die Erinnerung an seine verstorbene Frau gewesen, die den Schlaf von ihm fernhielt, sondern der Gedanke an die Magd, in deren Blick so viel Abscheu und Verachtung gelegen hatte. So hatte ihn, da war er sich sicher, noch nie ein Mensch, geschweige denn eine Frau angesehen.

Aber warum berührte ihn das überhaupt? Sie war doch nur eine Magd! Konnte es ihm nicht gleichgültig sein, was sie von ihm dachte? Auch wenn er zugeben musste, dass Celias Verhalten ihn zutiefst beschämt hatte. So durfte es mit seiner Schwester wirklich nicht weitergehen.

Edmonds Gedanken kehrten wieder zu dem Mädchen zurück, die Verachtung in seinem Blick hatte ihn aufgewühlt, ohne, dass er verstand, warum das so war. Vor seinem inneren Auge tauchte...

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