Die Verbindung

Du kannst niemandem trauen - Roman
 
 
Goldmann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. August 2019
  • |
  • 448 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-23654-0 (ISBN)
 
An ihrem ersten Tag am Elite-College Hawthorne fragt sich Malin, ob sie hierhin gehört, ob sie hier Freunde finden wird. Doch schon bald ist sie Teil einer Clique um den charismatischen John und die beliebte Ruby. Dazu gehören außerdem Khaled, Johns Cousin Max und die Engländerin Gemma. Schnell werden sie zu einer eingeschworenen Gemeinschaft, teilen Hoffnungen, Ängste und dunkle Geheimnisse. Doch als Ruby und John sich verlieben, verschieben sich die Allianzen. Neid, Missgunst und tödlicher Hass erschüttern Malins Vertrauen und sie ist froh, dass der Abschlusstag näher rückt. Ein Tag jedoch, den einer von ihnen nicht überleben wird ...

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Goldmann
  • 1,46 MB
978-3-641-23654-0 (9783641236540)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Cambria Brockman, aufgewachsen in den USA und in England, studierte Englische Literatur und Kunstgeschichte. Sie arbeitete als preisgekrönte Lifestyle- und Hochzeitsfotografin (Cambria Grace Photography), bevor sie sich dem Schreiben widmete. Sie lebt mit ihrer Familie in Boston.

1


Erstes Studienjahr

Diese ersten Wochen in Hawthorne habe ich in Erinnerung wie Bücher in meinem Regal, nach Genre sortiert. Ich weiß nicht, ob es den anderen auch so geht. Fragmente, Momente, einzelne Sätze, Erlebnisse. Dass wir uns später so nahkamen, das fing in diesen ersten Tagen an, als wir alle unsicher waren und die Nerven bloßlagen.

Nachdem meine Eltern meine Sachen in das leere Zimmer getragen, mich zur Mensa begleitet hatten und abgereist waren, blieb ich alleine zurück. Es gab niemanden hier, den ich kannte, und ich hatte ein Einzelzimmer. Die Situation erinnerte mich an meinen ersten Tag im Kindergarten. Nachdem meine Mutter damals gegangen war, hing der Duft ihres Parfums noch in der Luft. Ihr Parfum ist für mich intensiv mit einigen Phasen meiner Kindheit verknüpft. Während die anderen Kinder weinten, schrien und Wutanfälle kriegten, saß ich ganz still an einem der niedrigen Tische. Und so war es auch an der Uni, nur ohne das Theater. Jetzt versuchten zwar alle, ihre Ängste zu verbergen, aber ich sah den anderen an, dass sie Panik schoben. Sie fragten sich, ob sie Freunde finden würden und wie sie die nächsten vier Jahre hier klarkommen sollten.

Ich schaute mich in der nagelneuen Mensa um, die erst diesen Sommer fertig geworden war. Die Sonne fiel durch die Fensterfront, wärmte mein Gesicht. Poster warben für Campus-Clubs und Sportveranstaltungen. Ich dachte an meine Eltern, die wahrscheinlich grade die Grenze von Maine zu New Hampshire passierten und auf der Interstate 95 zum Flughafen von Boston unterwegs waren. Vermutlich fuhr mein Vater, während meine Mutter auf die Bäume starrte.

John lernte ich zuerst kennen. Später galt ich immer als Rubys beste Freundin, und deshalb glaubten alle, so sei es vom ersten Tag an gewesen. Dieser Legende habe ich nie widersprochen. Zu Ruby mit ihrem hüpfenden kastanienbraunen Pferdeschwanz und ihrem liebenswerten Lächeln fühlten sich ohnehin alle hingezogen, aber nicht zu mir. An Rubys Attraktivität wollten alle Anteil haben und glaubten deshalb, sie hätte mich aus einer Schar bewundernder Anhängerinnen erwählt. Doch das Gegenteil war der Fall: Ich hatte sie ausgesucht.

Die Mensa war voller Studienanfänger, und ein paar drängten sich an mir vorbei, um möglichst schnell einen freien Platz zu finden. Ich blieb stehen und erwog meine Optionen. Rings um mich machten sich die Leute bekannt, plauderten über den Sommer. Die Einführungsveranstaltung begann erst in zehn Minuten, ich musste mir noch keinen Platz suchen, sondern konnte noch einen Kaffee trinken. Ich machte kehrt und ging zu dem Kaffeewagen nach draußen, froh, dem Gedränge zu entkommen.

»Eiskaffee«, sagte ich zu dem Mädchen. Sie war eindeutig älter als ich, machte das vielleicht als Job. »Schwarz.«

»Für mich das Gleiche«, sagte eine Stimme hinter mir. Ich schaute über die Schulter und musste nach oben gucken. Das kam nicht oft vor. Leuchtend blaue Augen blickten auf mich herunter. Der Junge warf mir ein charmantes, schiefes Lächeln zu. Unter seiner Cap quollen blonde Haare hervor. Ich drehte mich wieder zu dem Mädchen um - etwas zu schnell vielleicht -, das den Jungen wie gebannt anstarrte. Erst als er sich räusperte, reichte sie uns beiden je einen Kaffeebecher.

»Geht auf mich«, sagte der Junge. Bevor ich widersprechen konnte, hatte er dem Mädchen schon vier Dollar gegeben.

»Oh, ähm«, murmelte ich. »Danke. Wär echt nicht nötig gewesen.«

»Kein Ding. Den Freunden nah sein, aber den Feinden noch näher, wie?«

Ich sah ihn verdutzt an. Ein amüsiertes Lächeln spielte um seine Lippen.

»Dein Sticker da«, sagte er und deutete auf meine Büchertasche. »Texans?« Er zeigte auf seine Cap. »Ich bin Giants-Fan.«

Ich schaute auf meine Tasche. Mein Vater hatte den Sticker draufgeklebt, nachdem die Texans im letzten Winter zweimal in Folge gewonnen hatten. Was sensationell war, weil sie sonst die meiste Zeit verloren. Mein Vater hatte sich gefreut wie ein kleines Kind. Weil ich ihn seit meiner Kindheit nicht mehr so froh erlebt hatte, ließ ich den Sticker dran.

»Ja, genau, Texans-Fan«, sagte ich. »Aber wir sind ja eher keine Gefahr.«

»Hey, das weiß man nie. Mit ein paar guten neuen Spielern .«, erwiderte der Junge und zwinkerte mir zu.

Ich lächelte, als wäre ich dankbar, obwohl ich in Wirklichkeit sauer war. Ich kann es nicht leiden, in der Schuld von jemandem zu stehen. Vor allem nicht von Typen wie dem da. So naiv und pubertär, wie der wirkte, würde er mir garantiert irgendeinen Spitznamen verpassen und jedes Mal abklatschen wollen, sobald er mich traf.

Der Junge hielt mir die Tür zur Mensa auf, und ich ging rasch rein, damit ich nicht weiter mit ihm reden musste.

»John«, rief jemand hinter uns, und John, der Giants-Fan, blieb draußen und ließ die Tür los. Ich sah, wie er einem anderen Jungen die Hand schüttelte und ihm auf den Rücken klopfte. Die beiden bewegten sich so geschmeidig und kraftvoll wie Sportler. Ihre Waden waren ungleich gebräunt. Fußballer wahrscheinlich.

Ich stellte mich in die Schlange, um meine Willkommensunterlagen abzuholen, und beobachtete dabei die beiden durchs Fenster. Fragte mich, ob sie sich grade erst begegnet waren oder ob sie sich von zuhause kannten. Ich beobachtete gerne Leute. Der erste Eindruck war oft richtig. An der Körpersprache der beiden sah ich, dass sie versuchten, besonders lässig zu wirken. John blickte zu mir, und sein Mund verzog sich zu diesem vielsagenden Lächeln, das ich noch so oft sehen würde. Er zwinkerte mir schon wieder zu, und ich wandte rasch den Blick ab, tat, als hätte ich es nicht gesehen. Ich blieb lieber unbemerkt, hatte aber von meiner Mutter die helle glatte Haut und die auffälligen grünen Augen geerbt. Mein Gesicht war ebenmäßig und fein, und so viel ich auch aß, ich blieb immer dünn. Zu allem Überfluss hatte die texanische Sonne meinem Haar einen Goldschimmer verliehen. All das, obwohl ich lieber unscheinbar und unauffällig gewesen wäre.

Obwohl ich den Kopf abgewandt hatte, spürte ich, dass John mich musterte. Und ich hörte sein Lachen, wenn die Tür auf- und zuging.

Etwas an ihm kam mir vertraut vor - das Lächeln, seine Bemühungen, etwas Nettes für mich zu tun, der Farbton von Haut und Haaren. Ich schluckte und zwang mich, die Erinnerung aus meinem Kopf zu vertreiben.

»Die Leute, mit denen du dich in dieser Woche anfreundest, bleiben Freunde fürs Leben.«

Ich hörte der Studentin zu, die uns Anfänger willkommen hieß, war aber genervt, sah gar nicht ein, weshalb man uns nicht einfach eine Broschüre in die Hand drückte. Ich wollte Vorlesungen, feste Rhythmen und Abläufe und hoffte, dass man nicht noch irgendwelche Teambuilding-Spiele machen würde. Die Studienanfängerin links von mir zupfte an ihrer Nagelhaut. Ich sah zu, wie das Mädchen mit dem Zeigefinger die Haut nach hinten schob und daran herumzerrte, so lange, bis der rosa Hautfetzen zu Boden fiel.

»Und sauft nicht zu viel, ja, Leute?«, sagte die Studentin jetzt. »Bisschen angeschickert sein ist cooler.«

Einige lachten. Ich dachte mir, dass die Unileitung es wahrscheinlich für wirkungsvoll hielt, wenn ein älteres Semester mit uns über Drogen und Alkohol redete. Schien zu funktionieren.

Ich schaute nach draußen auf die Wipfel der Kiefern, die sich vor dem blassblauen Sommerhimmel abzeichneten. Weiter hinten sah ich den Turm der Unikirche und die Dächer der Ziegelgebäude, in denen die einzelnen Fakultäten untergebracht waren. Edleton in Maine war ein idyllischer Ort für eine kleine geisteswissenschaftliche Universität; sie lag inmitten von Ahorn-, Kiefern- und Eichenwäldern. Als mein Vater und ich damals alles besichtigten, erzählte unser Führer viel über die Holzindustrie in der kleinen Ortschaft: dass überall Laster unterwegs waren, um Baumstämme abzuholen, die dann zu Zellstoff oder Pellets zum Heizen verarbeitet wurden. Oder zu Dielen. Mein Vater fand das spannender als Hawthorne und fuhr hinterher mit mir den ganzen Ort ab, wo er die alten Fabrikgebäude und die baufällige Wassermühle fotografierte.

Während der Führung durch Hawthorne hatte ich gehört, wie jemand in der Gruppe leise berichtete, dass die Einheimischen die privilegierten Studis regelrecht hassten. Bei einem Streit im Pub war vor ein paar Jahren ein Student erstochen worden. Man brachte ihn nicht rechtzeitig ins Krankenhaus, und er war draußen auf dem Gehweg verblutet.

Das Nagelhaut-Mädchen neben mir stupste mich jetzt an und nickte in Richtung eines Jungen vor uns. Er hatte rabenschwarze Haare und dunkelbraune Haut, eine angenehme Abwechslung zwischen all den weißen Gesichtern. Der Junge trug ein Hoodie, teure schwarze Jeans und nagelneue Hightop-Sneakers und schien auf seinem Handy irgendein Spiel zu machen.

Ein Raunen an meinem Ohr. »Das ist ein Prinz.«

Ich sah das Mädchen an. Die Augen unter den mit Mascara dick verklebten Wimpern leuchteten vor Aufregung. Sie hatte dunkle Haut und schwarze Augen, auch schwarze Haare an den Armen. Mochte aus Indien oder Sri Lanka stammen. Blauer Nagellack, halb abgesplittert, die glänzenden schwarzen Haare stufig geschnitten. Üppige Brüste.

Sie beugte sich wieder zu mir. »Ich stalke ihn auf Facebook. Er hat zehn Lamborghinis oder so. Ist aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Dubai oder Abu Dhabi . ich glaub, Abu Dhabi. Sein Dad ist da Finanzminister. Ich konnt's nicht lassen und hab ihn auch auf Google gestalkt, aber sonst bin ich nicht so, ehrlich«, flüsterte das Mädchen. Britischer Akzent.

Reichtum hatte mich noch nie interessiert. Ich kam aus...

»Genial!«
 
»Suchtpotential!«

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