Gefährliche Nähe

 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. November 2015
  • |
  • 496 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-98260-3 (ISBN)
 
Eine Künstlerkolonie im Südengland der 70er Jahre: Dora, Lehrerin an einer alternativen Schule, einen kreativen Ehemann an ihrer Seite, hat hier ihren Lebenstraum verwirklicht. Ihre Tochter Cecilia hingegen möchte vor dieser Freizügigkeitskultur am liebsten davonlaufen. Nichts wünscht sie sich sehnlicher, als die Töpfer- und Kletterkurse gegen klare Regeln und klassische Uniformen einzutauschen. Als der Englischlehrer James Dahl, Absolvent einer Eliteuniversität, an ihre Schule kommt, verbreitet er erstmals eine Aura der klassischen Bildung und Eleganz in Cecilias Welt. Dora nimmt das Schwärmen ihrer Tochter nicht ernst, sie ist selbst viel zu sehr mit ihrer eigenen Gefühlswelt beschäftigt: Nach Jahren einer erfüllten Ehe fühlt sie sich ausgerechnet zu Dahls weltläufiger, charismatischer Frau hingezogen. Sie bemerkt nicht, dass die Schwärmerei ihrer Tochter mehr und mehr Grenzen überschreitet.
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978-3-492-98260-3 (9783492982603)
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Kapitel 2: Das Haus

Ihre Kindheit hätte unschuldig sein sollen.

Als Kind war Cecilia Bannan glücklich gewesen. Erst später fragte sie sich, ob ihre erschreckende Naivität daher gerührt hatte, dass sie in dieser extremen Isolation aufgewachsen war und ihre Vorstellungen fast zur Gänze aus Büchern bezogen hatte. In dieser Zeit, an diesem Ort war alles möglich gewesen. Aber das große, so gut gemeinte liberale Experiment der Sechziger- und Siebzigerjahre brachte gewisse Folgen mit sich. Kinder wurden wie Tiere in alte Autos gepfercht, sie durften durchs Moor streifen, sie ernährten sich in der Gesellschaft von Ziegen und umherwandernden Idealisten von Quellwasser und Naturreis und kamen hin und wieder im Sumpf oder durch landwirtschaftliche Geräte ums Leben. In diesem verwilderten Garten Eden konnten romantische Anwandlungen ungehindert sprießen, ohne dass Cecilia sich der Intensität ihrer eigenen Bedürfnisse bewusst gewesen wäre.

Anfang der Siebzigerjahre kauften ihre Eltern Patrick und Dora Bannan das baufällige Dartmoor-Gehöft mit seinen vielen Scheunen und Schuppen, das am Ende eines Wegs mit steiler Böschung lag. Das niedrige, lange Gebäude aus schimmerndem Stein, mit dem Strohdach, den windgepeitschten Ecken und der gerundeten Veranda, schien träge auf seinem achthundert Jahre alten Fundament vor sich hin zu schlummern. Patrick, zweitjüngster Sohn einer wohlhabenden Dubliner Tuchmacherfamilie, und Dora, eigentlich Dorothy, die Tochter eines Konrektors aus Kent, hatten beschlossen, mit ihrer wachsenden Familie mitten nach Devon zu ziehen, wo Künstlerkolonien florierten und Kinder ungehindert von Konventionen aufwachsen konnten.

Dora packte die Kisten aus. Ihre handgedrechselten Schüsseln hatte sie schon herausgenommen, nun standen sie für Weintrauben bereit. Pinsel und Kassettenrekorder waren so unmittelbar verfügbar wie Zahnbürsten. Die Tigerkatze mit ihren Samtpfoten hatte gehorsam einen Schaukelstuhl bezogen. Dora seufzte über den Staub und verteilte Küsse, während sie mit ihren Kindern deren Zukunft auf dem Land besprach. »Das bedeutet, meine Lieben, dass ihr jeden Tag schwimmen gehen könnt, auch im Winter, wenn ihr wollt. Ihr könnt die alten Mauern bemalen, auf Ponys reiten .«

Sie trug einen dicken, durchgeknöpften Cordrock, ihr Haar fiel in einem hellen Zopf auf ihren Troyer; mit einem Baby im Arm kochte sie. Das Kerzenlicht warf die langen Schatten der Tonbecher in diese geflieste Höhle von Küche, die allmählich warm wurde, während der AGA-Kohleherd die erste Asche der Saison ausspuckte. Fleischerhaken bogen sich von der Decke, und die Anrichte thronte an der Wand wie eine Eiche, unter der die Kinder mit Filzstiften an der Ecke eines Tischs malten, der Anfang des Jahrhunderts an dieser Stelle gezimmert sein musste und so groß war, dass er nicht bewegt werden konnte. Cecilia, damals drei Jahre alt, pummelig, in ihrem Kleidchen aus gekämmter Baumwolle und ihren festen Stiefeln, wagte sich kaum aus der Küche in die dunklen Räume vor, wo sie sich verirren und von Gespenstern einverleibt werden könnte, die sicherlich in den Schatten lauerten.

Am frühen Morgen öffneten sie und ihr älterer Bruder das Fenster zu rauschendem Wasser, zu fernen Schreien von Eulen, Fledermäusen, Motten: eine Art dreidimensionale Dunkelheit aus lebenden Dingen und papierenem Rascheln. Sie hatte das Gefühl, sie könnte ewig über knarrende Holzdielen, über Schlamm, Gras, Schiefer, in Schränke und durch Flure flitzen, und es wäre nie zu Ende, niemals würde sie jeden Winkel finden, jedes Geheimnis dieses Ortes aufdecken.

Später blickte sie zurück und fragte sich: Wo waren sie damals gewesen, die Menschen, die sie in ihrem Leben lieben und nach denen sie sich sehnen würde? Einer von ihnen war zu dieser Zeit zweiundzwanzig, verglichen mit ihren drei Jahren. Der andere noch nicht geboren.

Wenige Tage nach ihrem Einzug wurde Dora und Patrick klar, dass allein der Unterhalt des Hauses, das sie hoch mit Hypotheken beliehen und so überstürzt gekauft hatten, wie sich die beiden auch gefunden hatten, ihre Mittel überstieg. Und so füllten sie in diesen ersten Wochen jedes freie Zimmer und Wirtschaftsgebäude mit Fremden, die auf der Suche nach billigen Unterkünften durchs Moor zogen und aufkreuzten, kaum dass sie von einer Scheune, einem Atelier, einem kleinen Job, einer schönen Aussicht gehört hatten.

»Wer sind all diese Leute?«, fragte Cecilia.

»Nachbarn«, antwortete ihre Mutter zaghaft.

»Warum wohnen sie in unserem Haus?«

»Nur ein paar wohnen hier.«

»Aber warum? Leben sie bei uns?«

»Ich denke schon. Nur für eine kleine Weile.«

Aber die Männer mit den fuchsroten Bärten und die flötenden Frauen in Kleidern, die aussahen wie Schürzen, die Hippies und dreckverkrusteten Künstler, die in Wind Tor House gelandet waren, blieben. Ihr Tabak, ihre Gouache und ihr Miso verpesteten die Luft, sie bezahlten unregelmäßig Miete, indem sie unsachgemäß Trockenmauern hochzogen, einen Nachmittag lang einen Graben aushoben oder zu einer der vielen Partys, die spontan gefeiert wurden, einen Topf Glühwein mitbrachten. Für die Bannan-Kinder waren diese Leute und die Bauernfamilien, die im weiten Umkreis des Hügellandes lebten, die Zivilisation.

Cecilia, das zweite Kind, war ein rothaariges Pummelchen mit einem Mund wie eine Rosenknospe, einem kleinen Näschen und einem liebreizenden Wesen, das ihren Eltern und deren Freunden schmeichelte. Mit vier Jahren schickte man sie mit dem Bus drei Meilen über die winzige Straße in die örtliche Grundschule, wo ihr älterer Bruder Benedict schon fröhlich inmitten zehnjähriger Analphabeten beim Lesenlernen versagte. Gelangweilt von den Episoden von Pat der Hund, schrieb Cecilia Geschichten über Waisenkinder, während ihre Altersgenossen mit gleichgültigem Geplapper vor sich hin kritzelten und zur Erntezeit früh die Schule verließen. Nachmittags stritten, zeichneten, flöteten, nähten, woben und schnitzten Benedict, Cecilia und der kleine Tom zu Hause, ermutigt von einer lächelnden Dora, die ihnen keine andere Wahl ließ, als künstlerische Leistungen zu vollbringen. Zu dieser Zeit - vor dem großen Fehler - betete Cecilia ihre Mutter und ihren Vater gleichermaßen an.

»Du bist mein kleines Holzpüppchen«, sagte Vater Patrick zu Cecilia.

»Wie meinst du das?«

»Du bist ein Holzpüppchen. Sieh doch: deine großen Augen und dein rundes Köpfchen.«

Er nannte sie Arrietty und Darrell Rivers nach den Büchern, die sie las. Er liebte sie für ihre herzliche Art und ihre verschrobenen Fantasien: verzerrte Vorstellungen der Welt, die ihn zum Lachen brachten, bei Dora aber leise Sorge weckten. In einem der Zimmer hatte Patrick einen altmodischen Flipper-Automaten stehen, den man immer schütteln und schlagen musste, in der Diele gab es eine unzuverlässige Jukebox, und in einem Schuppen rostete ein Rennwagen aus den Dreißigerjahren vor sich hin. Patrick töpferte, verkaufte seine Sachen an Freunde und Besucher, er richtete die Unterkünfte der Mieter her, und er sprach in Reimen, was Dora verzauberte und wütend machte, denn sie hatte gerade erst begonnen, sich gegen die Erkenntnis zu wehren, dass dieser so überaus faszinierende Spross eines erfolgreichen irischen Clans in Wahrheit ein Taugenichts war. In hektischer Aktivität und mit Helfern, die sie irgendwann einmal bezahlen würde, hatte Dora die größte Scheune zu einem Künstler-Resort herrichten lassen. Sie beschäftigte Mädchen aus dem Dorf, die das dunkelbraune Bettzeug wechselten, und verlangte von Schriftstellern und Bildhauern aus London höhere Mieten. Patrick hatte hochfliegende Pläne für Töpferkurse im Sommer.

Mit acht Jahren saß Cecilia geschlagen mit Heuschnupfen in ihrem schmucklosen Zimmer über dem Vorgarten von Wind Tor House und vertiefte sich in Die Borgmännchen, Die Abenteuer der Bastable-Kinder und Sara, die kleine Prinzessin. Noch immer hatte sie das sommersprossige, weißhäutige, leicht stupsnasige Äußere der Rothaarigen. Sie war wild entschlossen, etwas zu erreichen: einen Schatz zu finden, ein Wunderkind zu werden, ihren eigenen Heathcliff im dumpf brütenden Moor zu finden.

»Ich muss mir eine Arbeit suchen«, sagte sie sich voller Sorge um die Familienfinanzen. Sie schickte einen Schwur durch das Fenster und sah, wie er auf der Kuppe von Corndon Tor landete. Sie überlegte, ob sie wohl während der Pantomime-Sommerkurse gutes Geld verdienen könnte wie die Fossil-Mädchen Posy, Petrova und Pauline. Aber eine richtige Anstellung würde eine Ausbildung an einer Akademie oder irgendeiner Schule voraussetzen, am besten unter der Leitung eines russischen Tänzers, und sie wusste nicht, wie sie eine finden sollte. Gab es in Widecombe eine Ballettschule? Sie müsste sich postwendend an Sadler's Wells in London wenden.

Ballett üben: 1 Stunde abends, 3 Stunden Sa u. So, schrieb sie in ihren Stundenplan über dem Bett.

Ihr Vater schien nicht wie andere Väter einer geregelten Arbeit nachzugehen.

Gut sein, schrieb sie in ihrer Geheimkritzelschrift in eine Ecke ihres Stundenplans, denn wenn Beth March aus Betty und ihre Schwestern so gut sein konnte, so richtig, richtig gut, dann könnte sie zumindest versuchen, sich in ihrer unzulänglichen Art zu bessern. »Besser sein und besser handeln«, Emily Brontë, schrieb sie in die andere...

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