Im Herzen des Kometen

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 31. Mai 2017
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-21348-0 (ISBN)
 
Leben auf dem Kometen

Als im Jahr 2062 der Halleysche Komet erneut wiederkehrt, fliegen ihm nicht nur ein paar Robotsonden entgegen, sondern eine gut ausgerüstete bemannte Expedition. Ihre Aufgabe ist es, den zehn Kilometer durchmessenden Kometenkern zu einer Art "Raumschiff" umzubauen, um ihn während der nächsten 76 Jahre auf seiner Reise in die fernen Regionen des äußeren Sonnensystems zu begleiten, seine Zusammensetzung und seinen Aufbau zu studieren und Beobachtungen und Messungen an den äußeren Planeten durchzuführen. Sowie der Photonensturm der Sonne nachlässt, werden die ersten Bauwerke auf der Oberfläche errichtet und die ersten Tunnel ins Eis gegraben. Da machen die Expeditionsteilnehmer eine ebenso wunderbare wie fatale Entdeckung: Auf Halley gibt es Leben! Niederes, aber uraltes Leben, das in Jahrmillionen gelernt hat, die kurzen Sommer zu nutzen und auf jeden Wärmekontakt mit explosionsartiger Vermehrung zu reagieren. Es ist zu spät: Eine Rückkehr zur Erde ist nicht mehr möglich - und auch alles andere als wünschenswert. Die Forscher sind auf sich allein gestellt .

  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Heyne
  • 1,01 MB
978-3-641-21348-0 (9783641213480)
weitere Ausgaben werden ermittelt
David Brin, 1950 im amerikanischen Glendale geboren, studierte Astronomie und Physik und arbeitete lange als Wissenschaftler und Dozent, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Mittlerweile gehört er zu den bedeutendsten amerikanischen Science-Fiction-Autoren der Gegenwart und erobert regelmäßig die Bestsellerlisten. Besonders mit seinem Roman "Existenz" ist ihm eine der eindrucksvollsten Zukunftsvisionen der Science Fiction gelungen. David Brin lebt in Südkalifornien.

1. Carl


 

Kato starb als erster.

Er hatte die Baumaschinen gewartet - selbststeuernde Roboter, die auf der staubigen grauen Eisdecke des Kometen Gittermasten errichteten.

Von Carls Standort auf einer ungefähr einen Kilometer entfernten Anhöhe war Katos Schutzanzug ein orangefarbener Punkt inmitten der schwerfälligen grauen Geräte.

Nicht weit von Kato und dem Nordpol des Kometen standen bereits acht dünne Gittermasten, die zusammen eine Art Zeltdach oder Pyramide bildeten. Wo ihre Spitzen sich vereinten, ruhte die Parabolantenne des Mikrowellenbohrers wie eine umgestülpte Schüssel. Kato arbeitete hundert Meter entfernt, unbekümmert um die wütende Energie, die sich dort in das Eis fraß.

Carl hatte oft gedacht, dass der Bohrer in seinem Gestell einer grotesken, langbeinigen Spinne gleiche. Aus dem Bohrloch darunter schossen in kurzen Abständen Dampfausbrüche.

Als grübe sie geduldig nach Beute, spie die Spinne unsichtbare Mikrowellen in Abständen von fünf Sekunden in den Schacht. Augenblicke nach jedem Energiestoß schoss ein Dampfstrahl aus dem Loch, vermischt mit der gelblichblauen Flamme erhitzter Gase. Der Dampfstrahl wurde von Abweisblechen in sechs weißen Fahnen seitwärts abgelenkt, bevor er den Mikrowellensender erreichen konnte.

Dieser war seit Tagen am Werk und bohrte mit elektromagnetischen Zentimeterwellen einer Frequenz, die Kohlendioxidmoleküle zerlegte, geduldig Schächte in den Kometenkern.

Bei jedem Impulsstoß spürte Carl ein leises Zittern unter den Füßen. Der Horizont aus altem grauen Eis krümmte sich in alle Richtungen. Zutageliegende Schichtenköpfe aus Clathratschnee verschiedener Einschlussverbindungen erhoben sich reinweiß aus der grauen, rostfleckigen Oberfläche.

Kato und seine Maschinen waren durch im Eis verankerte Leinen gesichert. Die geringe Schwerkraft des Kometenkopfes vermochte sie nicht am Boden zu halten, wenn sie sich bewegten. Am schwarzen Himmel über ihnen wehten dünne Fahnen von Eiskristallen und gefrorenen Gasen, Kato überwachte die gefährliche Arbeit seiner Robotermaschinen aus Stahl und Keramik. Er hatte dem Bohrgestell den Rücken zugekehrt.

Carl blickte gerade von seiner eigenen Arbeit auf, als es geschah.

Der Bohrer verrichtete methodisch seine Arbeit und verwandelte Eis in Dampf, der bald nach dem Austritt ins Vakuum zu Eiskristallen gefror. Plötzlich löste sich einer der tragenden Gittermasten in einer lautlos aufstiebenden Schneewolke aus seiner Verankerung, der Einfallswinkel der Mikrowellen veränderte sich und brachte Kato für eine Sekunde in den Wirkungsbereich. Das war genug.

Ehe Carl zu einer Reaktion fähig war, sah er Kato eine ruckartige Wendung machen, als wollte er davonlaufen. Später wurde ihm klar, dass es des Mannes kurzer Todeskampf gewesen sein musste.

Der Strahl des Bohrers riss das Oberflächeneis auf, und leuchtende gelbe und orangenfarbene Gas- und Dampfschleier stoben in den schwarzen Himmel. Geräuschlos.

Der unsichtbare Strahl wanderte in unregelmäßiger Bahn weiter über die Eisfläche und tastete mit dem Nachgeben eines weiteren Trägers auf den nahen Horizont zu. Carl tastete nach der Fernbedienung, zog die Schutzkappe ab und drückte den Notschalter. Alle Maschinen und Geräte auf dieser Seite des Kometenkerns wurden abgeschaltet. Der Mikrowellenfinger hörte auf, seine Spur auf das Eis zu schreiben.

Das Bohrgerüst begann zusammenzubrechen. Der Halleysche Komet, auf dem jeder Körper, bedingt durch die vergleichsweise geringe Masse, nur ein Zehntausendstel dessen wiegt, was er auf der Erdoberfläche wiegen würde, hätte den Rückstoßeffekt des arbeitenden Mikrowellengenerators nicht ausgleichen können, aber ohne den Strahlungsdruck machte sich die schwache Anziehungskraft des Kometenkerns bemerkbar. Das Gerüst wankte und fiel wie in Zeitlupe beklemmend langsam in sich zusammen.

»Was ist los?«, dröhnte eine Stimme aus dem integrierten Funksprechgerät im Helm. »Ich hab keinen Saft mehr.«

Das musste Jeffers sein. Andere Stimmen plapperten dazwischen.

»Helft mir! Kato ist verletzt.«

Carl schoss über das schmutziggraue Eis dahin. Seine Impulsdüsen zündeten sicher und rasch, als er zur Unfallstelle startete. Jahrelange Übung verlieh seinen Bewegungen im Zustand annähernder Schwerelosigkeit eine natürliche Anmut, die unbewusst jede Vergeudung von Energie vermied. Die Überquerung von Halleys runzligem Gesicht war ein Dahinsegeln über eine gefrorene graue See unter schwarzem Himmel.

Als er an der Unfallstelle eintraf, fand Carl etwas, was weniger einem Menschen als vielmehr einem geschwärzten, verzerrten, schlecht gebratenen Huhn ähnelte.

 

Umolanda war die zweite.

Der Zeitplan ließ nicht viel Raum, Kato zu betrauern. Ein Arzt und ein Sanitäter kamen vom Flaggschiff, der Edmund Halley, zur Oberfläche herab, um Katos Leichnam zur Obduktion mitzunehmen, aber dann hieß es zurück an die Arbeit.

Carl hatte schon vor Jahren gelernt, trotz beunruhigender Nachrichten, Unfälle, Verwirrungen weiterzuarbeiten. Den Tod eines Kollegen mit einem Achselzucken abzutun, war weniger leicht. Er hatte Katos Energie, seinen schlagfertigen Humor und seine Zuversicht gemocht. Das Versprechen, dem Andenken des Freundes wenigstens eine gründlich betrunkene Gedächtnisfeier zu widmen, blieb ein unvollkommener Trost.

Carl und Jeffers richteten das Bohrgerüst wieder auf, Carl schnitt den verbogenen Abschnitt des Gittermasts heraus, und gemeinsam setzten sie ein neues Stück ein. Während Carl es hielt, ließ Jeffers die Flamme des Schweißbrenners über die Nahtstellen züngeln. Die selbstschweißende Legierung verband sich in orangegelber Glut. Die Reparatur war erledigt, bevor Katos Leichnam an Bord der Edmund Halley eintraf.

Über der nahen Krümmung des Horizonts erschien Umolanda. Die blassblauen Stichflammen ihrer Impulsdüsen trieben sie das Äquatorialkabel entlang. Die einfachste Art und Weise, den unregelmäßigen Eisball des Kometenkerns zu umkreisen, bestand darin, dass man sich am Äquatorialkabel oder dem rechtwinklig dazu verlaufenden Polarkabel einhängte und die Impulsdüsen betätigte. Das Kabel hielt einen wenige Meter über der Oberfläche und seine magnetischen Verankerungen klinkten im Augenblick des Durchgangs automatisch aus, um den Reibungsverlust so gering wie möglich zu halten.

Umolanda war für den Innenausbau verantwortlich, die Ausformung der unregelmäßigen Bohrschächte zu geraden Stollen und Räumen. Sie traf Carl beim Eingang zu Schacht 3, etwa einen Kilometer vom Schauplatz des Unfalls entfernt. Das Bohrgerüst hatte die Arbeit schon wieder aufgenommen.

»Eine dumme Geschichte«, sagte sie in das helmintegrierte Funksprechgerät.

»Ja.« Die Erinnerung an den Anblick des Toten verdüsterte Carls Miene. »Ein netter Kerl, obwohl er die ganze Zeit diese alten Videofilme laufen ließ.«

»Wenigstens war es ein rascher Tod.«

Dazu hatte er nichts zu sagen, wollte hier draußen ohnehin nicht lange darüber reden. Wer wollte, konnte mithören, und es hielt die Arbeit auf.

Umolandas sanfte Augen musterten ihn durch die schmutzbespritzte Scheibe des Helmes. Der Halsring verbarg ihr gespaltenes Kinn. Er war überrascht, dass dieser Umstand sie als eine auffallend schöne Frau erscheinen ließ, deren ebenholzfarbene Haut durch die hohen Backenknochen einen Ausdruck ironischer Verschmitztheit erhielt. Seltsam, dass es ihm vorher nie aufgefallen war.

»Haben Sie die Ursache festgestellt?«, fragte sie.

»Ich habe die Stelle überprüft, wo der Gittermast sich aus der Verankerung löste«, sagte Carl. »Anscheinend hat ein darunterliegender Hohlraum nachgegeben.«

Sie nickte. »Nicht überraschend. Ich habe unten immer wieder solche Hohlräume gefunden, die sich bildeten, als radioaktive Kerne in ferner Vorzeit das Eis erwärmten. Wenn heiße Gase und Wasserdampf von den Bohrarbeiten durch einen dieser Hohlräume zur Oberfläche entweichen, können sie weiteres Abschmelzen und Einbrüche verursachen.«

Carl blinzelte zum Horizont und stellte sich den ganzen Kometenkopf von gewundenen Stollen und Schächten durchlöchert vor. »Das wird es sein.«

»Hätte der Bohrer nicht ausgeschaltet werden sollen, sobald er aus der Richtung kam?«

»Doch.«

»Und der Schalter?«

»Der Sicherheitsschalter war defekt«, sagte Carl verdrießlich. »Funktionierte nicht, das verdammte Ding.«

Sie zog die Brauen zusammen. »Wieder fehlerhaftes Material!«

»Ja. Irgendein Unternehmen hat seine Gewinnspanne ein wenig verbessert.«

»Haben Sie es gemeldet?«

»Selbstverständlich. Aber die Lieferung von Ersatzteilen ist ein Kapitel für sich.« Er lächelte ironisch.

»Es wird immer Unfälle geben. Auch auf Encke haben wir Leute verloren.«

»Das macht es nicht leichter.«

»Gewiss nicht.«

»Übrigens war Encke ein Muster von einem Kometen. Alt. Ausgegast. Jede Menge fester, sicherer Fels.«

Sie lächelte. »Vielleicht kann dieses Eis uns langfristig am Leben erhalten, aber kurzfristig bringt es uns um.«

Carl deutete zu drei Maschinen, die auf Arbeitsanweisungen warteten. Staub, Gesteinsbrocken und Schlamm hatten ihnen bereits eine Schmutzschicht und die ersten Narben beigebracht. »Das sind Ihre Maschinen. Kato hat sie bereitgestellt.«

»Sie sehen einwandfrei aus.« Umolanda besah die farbkodierte Ablesung auf der Oberseite des nächsten Geräts und nickte. »Ein Glück, dass der Mikrowellenstrahl sie nicht getroffen hat. Ich werde sie mit hinunter nehmen und in Schacht 3 einsetzen.«

Sie hängte die Sicherheitsleinen der gedrungenen, mehrarmigen Roboter ein und zog sie im Schlepptau...

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