Fluch des Wolfes

Alpha & Omega 3 - Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Januar 2013
  • |
  • 448 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-09417-1 (ISBN)
 
Atemberaubende Spannung, mysteriöse Wesen und die ganz große Liebe

Die Werwölfe sind an die Öffentlichkeit getreten und haben sich den Menschen zu erkennen gegeben. Doch wie fatal die Konsequenzen sein würden, konnte auch der Marrok, der mächtigste Werwolf Amerikas, nicht ahnen: In Boston treibt ein Serienkiller sein Unwesen - und all seine Opfer sind Werwölfe. Der Marrok schickt seinen Sohn Charles und dessen innig geliebte Gefährtin Anna in die Stadt, um herauszufinden, wer Jagd auf die Wölfe macht. Das ungleiche Traumpaar kommt dem Geheimnis schneller auf die Spur, als ihm lieb ist, denn nun geraten sie selbst in das Visier des Killers.

  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Heyne
  • 1,57 MB
978-3-641-09417-1 (9783641094171)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Patricia Briggs, Jahrgang 1965, wuchs in Montana auf und interessiert sich seit ihrer Kindheit für Fantastisches. So studierte sie neben Geschichte auch Deutsch, denn ihre große Liebe gilt Burgen und Märchen. Neben erfolgreichen und preisgekrönten Fantasy-Romanen wie »Drachenzauber« widmet sie sich ihrer Mystery-Saga um Mercy Thompson. Nach mehreren Umzügen lebt die Autorin heute gemeinsam mit ihrem Mann, drei Kindern und zahlreichen Haustieren in Washington State.

Prolog

Es war einmal ein kleines Mädchen namens Leslie.

In dem Jahr, in dem sie acht wurde, passierten in ihrem Leben zwei Dinge: Ihre Mutter verließ Leslie und ihren Vater, um mit einem Börsenmakler nach Kalifornien zu ziehen; und mitten in einem sensationellen Mordprozess enthüllte das sagenumwobene Feenvolk aus den Märchen der Welt seine Existenz. Von ihrer Mutter hörte Leslie nie wieder etwas, doch beim Feenvolk war das anders.

Als sie neun Jahre alt war, nahm ihr Vater eine Stelle in einer fremden Stadt an. Sie zogen aus dem Haus, in dem Leslie aufgewachsen war, in eine Wohnung in Boston, wo sie die einzigen Schwarzen in einer sonst ausschließlich weißen Nachbarschaft waren. Ihre Wohnung lag im obersten Stockwerk eines schmalen Hauses, das Mrs. Cullinan gehörte, die im Erdgeschoss wohnte. Mrs. Cullinan passte auf Leslie auf, während ihr Vater arbeitete, und ihre stillschweigende Unterstützung erleichterte es Leslie, mit den Nachbarskindern in Kontakt zu kommen, die auf Kekse oder Limonade zu Besuch kamen. Unter Mrs. Cullinans kompetenter Aufsicht lernte Leslie Häkeln, Stricken, Nähen und Kochen, während ihr Dad das Haus und den Rasen der alten Frau perfekt in Ordnung hielt.

Selbst als Erwachsene war Leslie sich nicht sicher, ob ihr Dad die alte Frau bezahlt hatte oder ob diese sie ohne Absprache unter ihre Fittiche genommen hatte. Das hätte sie Mrs. Cullinan durchaus zugetraut.

Als Leslie in der dritten Klasse war, verschwand ein kleiner Junge aus dem Kindergarten. In der vierten Klasse verschwand eine ihrer Klassenkameradinnen, ein Mädchen namens Mandy. Im selben Zeitraum wurden auch viele Haustiere vermisst - überwiegend Kätzchen und junge Hunde. Nichts davon hätte Leslies Aufmerksamkeit erregt, wäre nicht Mrs. Cullinan gewesen. Auf ihren täglichen Spaziergängen (Mrs. Cullinan nannte sie »Kontrollbummel« und gab offen zu, dass sie herausfinden wollte, was die Leute in der Nachbarschaft so trieben) hielt die alte Dame vor Suchplakaten an Laternenpfählen und Ladenfenstern an, um dann ein kleines Notizbuch herauszuziehen und alle Informationen abzuschreiben.

»Suchen wir nach verlorenen Tieren?«, fragte Leslie schließlich. Überwiegend lernte sie durch Beobachtung und nicht durch Fragen, da die Leute ihrer Erfahrung nach besser mit Worten logen als mit Taten. Aber sie hatte keine gute Erklärung dafür gefunden, was mit den vermissten Haustieren geschehen sein konnte, und schließlich musste sie doch versuchen, mithilfe von Worten dahinterzukommen.

»Es ist immer gut, die Augen offen zu halten.« Das war keine richtige Antwort, aber Mrs. Cullinan klang besorgt, also hakte Leslie nicht weiter nach.

Als Leslies Geburtstagswelpe - ein Mischling mit braunen Augen und großen Pfoten - plötzlich verschwand, presste Mrs. Cullinan die Lippen zusammen und verkündete: »Es ist Zeit, dem ein Ende zu machen!« Leslie war sich ziemlich sicher, dass ihre Vermieterin nicht wusste, dass sie sie gehört hatte.

Ein paar Tage später aßen Leslie, ihr Vater und Mrs. Cullinan gerade zu Abend, als eine schicke Limousine vor Miss Nellie Michaelsons Haus hielt. Aus den dunklen Tiefen des glänzenden Wagens stiegen zwei Männer in Anzügen und eine Frau mit einem weiß geblümten Kleid, das zu sommerlich und luftig wirkte, um zu ihren Begleitern zu passen. Die Männer waren für eine Beerdigung gekleidet, sie dagegen für ein Picknick im Park.

Leslies Vater und Mrs. Cullinan verließen den Tisch, um unverhohlen aus dem Fenster zu starren, während die drei Leute, ohne anzuklopfen, Miss Nellies Haus betraten.

»Was .?« Der Gesichtsausdruck von Leslies Vater wechselte in einem Augenblick von neugierig (niemand besuchte je Miss Nellie) zu grimmig, und er packte seinen Revolver und seine Dienstmarke. Doch Mrs. Cullinan stoppte ihn auf der vorderen Veranda.

»Nein, Wes«, sagte sie seltsam leidenschaftlich. »Nein. Sie gehören zum Feenvolk, und sie sind hier, um einen Schlamassel des Feenvolkes zu bereinigen. Lass sie tun, was nötig ist!«

Leslie, die um die Beine der Erwachsenen herumspähte, sah endlich, was die beiden so in Aufregung versetzt hatte: Die zwei Männer trugen Nellie aus ihrem Haus. Sie wehrte sich, und ihr Mund war weit aufgerissen, als würde sie schreien, doch kein Laut drang heraus.

Leslie hatte immer gefunden, dass Nellie mit ihren traurigen blauen Augen und ihrem weichen Mund aussah, als wäre sie ein Model oder ein Filmstar. Aber im Moment sah sie nicht hübsch aus. Sie schien nicht verängstigt - sondern wütend. Ihr wunderschönes Gesicht war zu einer hässlichen Grimasse verzogen, die so beängstigend wirkte, dass sie Leslie selbst noch als Erwachsene in ihren Albträumen verfolgen sollte.

Die Frau in dem luftigen Feenkleid, die zusammen mit den Männern gekommen war, verließ das Haus genau in dem Moment, in dem die Männer Nellie endlich auf den Rücksitz der Limousine geschoben hatten. Sie verschloss die Haustür hinter sich, dann sah sie auf und entdeckte, dass drei Leute sie beobachteten. Nach kurzem Zögern schlenderte sie über die Straße und über den Gehweg auf sie zu. Die Frau schien sich nicht schnell zu bewegen, doch kaum hatte Leslie auch nur realisiert, dass sie auf sie zusteuerte, öffnete sie auch schon das Gartentor.

»Und was genau beobachtet ihr eurer Meinung nach hier gerade?«, fragte sie sanft, doch etwas in ihrer Stimme sorgte dafür, dass Leslies Vater die Pistole in seinem Holster entsicherte.

Mrs. Cullinan trat vor. Ihre Miene war so hart wie an dem Tag, als sie sich einer Gruppe Halbstarker gestellt hatte, die eine alte Frau für ein leichtes Opfer hielten. »Gerechtigkeit«, sagte sie mit derselben unterschwelligen Drohung in der Stimme, die dafür gesorgt hatte, dass sich die Jungs lieber nach anderer Beute umgesehen hatten. »Und werden Sie bloß nicht frech! Ich weiß, was Sie sind, und ich habe keine Angst vor Ihnen!«

Die seltsame Frau senkte in einer aggressiven Geste den Kopf, und ihre Schultern verspannten sich. Leslie trat hinter ihren Vater. Aber Mrs. Cullinans Antwort hatte die Aufmerksamkeit der Männer neben der Limousine erregt.

»Eve!«, rief einer der Männer leise, die Hand auf der offenen Autotür. Sein Akzent klang so deutlich irisch wie der von Mrs. Cullinan, seine Stimme voll und schön. Mühelos drang sie über die Straße, als handelte es sich um das einzige Geräusch weit und breit. »Komm zum Auto und leiste Gordie Gesellschaft, ja?« Selbst Leslie wusste, dass dies keine Bitte war.

Die Frau versteifte sich. Sie kniff die Augen zusammen, aber sie drehte sich um und ging. Nachdem sie seinen Platz am Auto eingenommen hatte, kam der Mann über die Straße.

»Sie müssen Mrs. Cullinan sein«, sagte er, sobald er nah genug für ein ruhiges Gespräch war. Er hatte eines dieser unauffällig gut aussehenden Gesichter, die in einer Menschenmenge nicht weiter herausstachen - bis auf die Augen. Egal, wie sehr sie sich bemühte, Leslie konnte sich nie daran erinnern, welche Farbe diese Augen hatten; nur daran, dass sie seltsam und wunderschön waren.

»Sie wissen, dass ich das bin«, entgegnete Mrs. Cullinan steif.

»Wir wissen zu schätzen, dass Sie uns angerufen haben, und ich würde Ihnen gern eine Belohnung hinterlassen.« Er hielt ihr eine Visitenkarte entgegen. »Einen Gefallen, wenn Sie ihn dringend brauchen.«

»Meine Belohnung besteht darin, dass die Kinder wieder sicher spielen können.« Sie stemmte die Hände in ihre Hüften und machte keinerlei Anstalten, dem Mann die Karte abzunehmen.

Er lächelte, ohne seine Hand zu senken. »Ich werde Ihnen nichts schuldig bleiben, Mrs. Cullinan.«

»Und ich bin nicht so dumm, ein Geschenk von den Feen anzunehmen!«, blaffte sie.

»Eine einmalige Belohnung«, beharrte er. »Etwas Kleines. Ich verspreche, dass Ihnen oder den Ihren kein absichtlicher Schaden zugefügt wird, solange ich lebe.« Dann fügte er mit schmeichelnder Stimme hinzu: »Kommen Sie! Ich kann nicht lügen. Wir leben in einer anderen Zeit, in der Ihre Art und unsere lernen müssen, zusammenzuleben. Sie hätten Ihre Vermutungen - die vollkommen richtig waren - auch der Polizei darlegen können. Hätten Sie das getan, wäre sie nicht verschwunden, ohne noch viel mehr Kinder zu töten als nur die, die sie bereits entführt hatte.« Er seufzte und warf einen Blick über seine Schulter zu den getönten Scheiben der Limousine. »Es ist schwer, sich zu verändern, wenn man so alt ist, und unsere Nellie hatte schon immer die Angewohnheit, kleine Dinge zu fressen.«

»Weswegen ich Sie gerufen habe«, erklärte Mrs. Cullinan beherzt. »Ich wusste nicht, wer die Kleinen entführt hatte, bis ich vor zwei Tagen Nellie in unserem Hinterhof gesehen habe und am nächsten Morgen der Welpe dieses Kindes fehlte.«

Der Feenmann schaute zum ersten Mal Leslie an, aber sie war zu durcheinander, um seine Miene zu deuten. »Kleine Dinge fressen«, hatte der Mann gesagt. Und Welpen waren klein.

»Ah«, entfuhr es ihm nach einem langen Moment. »Kind, lass dir zum Trost gereichen, dass der Tod deines Welpen bedeutet, dass niemand sonst mehr durch ihre Untaten sterben...

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