Die Harfenspielerin

Roman
 
 
Ullstein (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 27. September 2021
  • |
  • 400 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-2375-6 (ISBN)
 
Die Suche nach ihrem verschwundenen Sohn führt eine junge Mutter aus den norwegischen Wäldern nach Bremen - begleitet von der Kraft der Musik.Norwegen, 1905. Ane Solingen hat mit ihrem Mann Hans das Glück gefunden. Zurückgezogen, ganz im Einklang mit der Natur, leben sie auf einem kleinen Gehöft in den Tiefen der norwegischen Wälder. Doch eines Tages kehrt Hans nicht nach Hause zurück, er ist bei einem Gewitter ums Leben gekommen. Zu Anes Überraschung kümmern sich die Dorfbewohner rührend um sie. Sie machen ihr ein Geschenk, das ihr Leben für immer verändern wird: eine Harfe.
Nach und nach entdeckt Ane ihre Leidenschaft und ihr großes Talent für das märchenhafte Instrument. Schwanger mit Hans' Kind beginnt sie, an eine glückliche Zukunft zu glauben. Als das Schicksal erneut zuschlägt, ist Ane bereit, alles für die wichtigste Person in ihrem Leben zu opfern. Entschlossen begibt sie sich auf eine mutige Reise mit ungewissem Ausgang - immer begleitet vom Zauber der Musik, die ihr Herz auch in düsteren Zeiten zum Klingen bringt.
Eine zutiefst tröstende Geschichte für all jene, die Sofía Segovias Das Flüstern der Bienen geliebt haben.
1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 2,59 MB
978-3-8437-2375-6 (9783843723756)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Laila Brenden, geboren 1956, ist die Autorin von mehr als achtzig in Norwegen sehr erfolgreichen historischen Liebesromanen. Von den Büchern ihrer Reihen Hannah und Mountainroses hat sie mehr als eine Million Exemplare verkauft. Die Harfenspielerin ist ihr erster großer Roman.

1


Der Ofen bullerte, trotzdem legte Ane weitere Holzscheite hinein. Sie lief von Fenster zu Fenster und starrte hinaus in die Dämmerung. Bald würde sie den Wald, der die Lichtung umgab, nicht mehr sehen können. Sie zog ihr Umhängetuch enger um die Schultern. Hans hatte die Hütte noch nie für so lange Zeit verlassen.

Sie nestelte an den Fransen des Tuchs, knautschte die Fäden zu einem Knäuel zusammen. Sie hatte nur ihn, den Holzfäller und Pelztierjäger, der keine anderen Nachbarn als Nadelbäume und Raubtiere haben wollte. Wenn er morgen nicht zurückkäme, würde sie ihn suchen gehen müssen.

Die Stille zog sich bedrohlich um sie zusammen. Während es draußen immer dunkler wurde, flüsterte sie stockend ein Gebet. Wie um das Unbehagen abzuschütteln, zuckte sie mit den Schultern, dann holte sie ihr Stopfzeug hervor. Während sie wartete, wollte sie das Loch in seiner Jacke ausbessern.

Etwas schlug hart gegen die Hüttenwand. Einen Moment lang wusste sie nicht, warum sie vollständig angezogen auf dem Stuhl saß, doch dann fiel es ihr wieder ein. Mit einem Satz war sie an der Tür und riss sie erwartungsvoll auf, aber er war nicht da; es empfingen sie nur hohe Fichten, die ihre Wipfel im Wind tief zur Erde neigten. Höhnische Verbeugungen im Morgenlicht. Im Laufe der Nacht war das Wetter umgeschlagen, und dunkle Wolken trieben über den Wald und ins Gebirge hinauf. Das Geräusch, das sie gehört hatte, kam vom Griff der an der Wand hängenden Sense, die von den Böen angestoßen wurde.

Sie erledigte schnell die morgendliche Arbeit im Stall. Anschließend schmierte sie sich Brote, packte ihren Rucksack und schloss beim Hinausgehen die Tür leise hinter sich. Ihre Schritte waren schwerfällig, und der Moorboden seufzte unter ihren Stiefeln. Sie watete über Bäche. Umrundete umgestürzte Bäume, stieg über Baumstümpfe und eilte Abhänge hinauf. Sie stieg über einen alten, flechtenüberwachsenen Steinwall und passierte eine zugewucherte Rodungsfläche, auf der ein rostiger Kaffeekessel im Gestrüpp vor sich hin gammelte. Hans hatte vorgehabt, ihn zu vergraben.

Auf der Hochebene blies der Wind so stark, dass sie sich zusammenkrümmen musste, als sie dort stehen blieb, um auf den Wald hinunterzuschauen. Die kleine Lichtung, auf der die Hütte stand, lag versteckt zwischen den dicht stehenden Fichten, aber wenn jemand Feuer im Ofen gemacht hätte, müsste sie Rauch sehen. Er war nicht zurückgekommen.

Sie trieb sich an weiterzugehen. Hinauf. Vorwärts. Der Wald war größer und das Gebirge kleiner, als sie es in Erinnerung hatte, aber alles war groß genug, um sie mutlos werden zu lassen. Und ängstlich.

Dem Wind den Rücken zukehrend, hielt sie an, schloss die Augen und verschnaufte einen Moment. Hans war sicher zur Fischerhütte gegangen. Und auch wenn sie nie dort gewesen war, würde sie sie bestimmt finden. Hinter der großen Anhöhe. Sie musste einfach weitergehen. Aber der Unwetterhimmel war verräterisch, er täuschte sie mit seinem dunklen Farbenspiel, sodass sie zu spät bemerkte, dass der Tag sich bereits seinem Ende zuneigte. Nicht nur der Sturm war für die frühe Dunkelheit verantwortlich.

»Hans!«

Ihre Stimme versagte. Am liebsten hätte sie sich hingesetzt und auf das Morgenlicht gewartet, aber die Vernunft trieb sie weiter. Um den Berg herum und am Moor vorbei. Sie war so klein in alldem. Aber gerade, als ihre Gedanken zerfaserten und sie kurz davor war aufzugeben, stieß sie auf einen Moränenrücken und sah etwas blank schimmern.

Sie ließ sich auf die Knie fallen und versuchte, mit den Händen Wasser zu schöpfen, aber es rann sofort zwischen ihren Fingern hindurch. Also tauchte sie das ganze Gesicht in den See, und eine brennende nasse Kälte riss sie zurück in die Wirklichkeit. Sie musste einen Unterschlupf finden.

Der größte Teil der Umgebung lag in Dunkelheit verborgen, und sie wusste nicht, an welchem Ende des Sees die kleine Hütte lag. Ihr Körper fühlte sich taub an. Kalte Böen wehten von allen Seiten, und wäre sie sich vollkommen sicher gewesen, dass Hans nicht mehr am Leben war, hätte sie sich einfach hingelegt und den Wind gebeten, sie auch zu holen.

Eine Weile blieb sie schwankend stehen, starrte gleichgültig vor sich hin und vergaß die Zeit. Doch als die ersten Regentropfen gegen ihre Haut hämmerten, erinnerte sie sich an etwas, das Hans zu sagen pflegte: An dem Tag, an dem wir die Hoffnung aufgeben, ist alles vorbei. Freude. Stärke. Leben.

»Hans!«

Ihre Stimme verhallte in der Dunkelheit. Sie hatte keine Ahnung, wo sie war, und ihr Kopf schmerzte, als sie vorwärtsstolperte.

Plötzlich erhob sich drohend etwas Großes vor ihr. Ein Bär? Sie kniff die Augen zusammen und wartete. Wenn er sie angreifen wollte, sollte er das ruhig tun. Aber der Bär rührte sich nicht, ragte bloß wie ein Riese im Dunkeln vor ihr auf. Es war kein Tier; es war die Hütte.

»Wenn Gott oder jemand anderes mich geführt hat, danke schön.«

Sie wusste nicht, ob sie es laut aussprach oder bloß dachte. Sie war sich auch nicht bewusst, dass sie den Riegel aufschob und hineinging, aber das war der Fall. Das Nächste, was sie wahrnahm, war, dass sie sich über die Feuerstelle beugte und versuchte, ein Streichholz anzureißen, wobei ihr Tränen über die Wangen liefen. Die Finger wollten ihr nicht gehorchen, und viele Streichhölzer zerbrachen, bis es in der trockenen Birkenrinde aufleuchtete.

Eine kleine Pfütze Regenwasser aus ihrer Kleidung sickerte in den Boden der Hütte, der nur aus festgetretener Erde bestand, und bildete einen dunklen Fleck um ihre Stiefel. Sie starrte lange auf den Fleck, bevor sie den Knoten ihres Schultertuchs löste und das völlig durchnässte Kleidungsstück zum Trocknen aufhängte. Hans war nicht da - aber sich selbst hatte sie in Sicherheit gebracht.

Die Sonne versteckte sich hinter einer grauen Wolkendecke, als sie früh am nächsten Morgen aus der Hütte trat, aber kein Windhauch kräuselte die Oberfläche des Sees oder bewegte die gelben Halme, die sich nach dem Sturm trotzig wieder aufrichteten. Sie erschauerte, als sie den Riegel vor die Tür schob. Es war unheimlich still.

Weit entfernt glitzerte es auf einem weiteren See, aber bis dorthin konnte es gut ein Tagesmarsch sein, und sie glaubte nicht, dass Hans so weit gelaufen war. Zwei Schneehühner flatterten lärmend aus einem Gebüsch. Die Flügel in anmutigen Bögen nach unten gekrümmt, segelten sie zum Geröllfeld auf der Rückseite des Berges, um den sie am Tag zuvor herumgegangen war. Von dieser Seite war es leichter hinaufzugelangen, und vielleicht verlief eine Abkürzung quer darüber.

Ihr Blick folgte den Schneehühnern, aber sie konnte die Vögel nicht mehr vom Stein unterscheiden. Galt das Gleiche für Hans? Lag er irgendwo, wo er eins wurde mit der Umgebung? Oder war er schon auf dem Weg zurück zur Hütte? Sie wollte das so gern glauben, aber tief in ihrem Innern wusste sie, dass es nicht so war. Sie wusste es auf die gleiche Weise, wie eine Schneehuhnmutter es weiß, wenn ihr Küken eine plötzliche Frostnacht nicht überleben wird.

Der Schnee, der auf dem Bergrücken lag, war nass vom Schmelzwasser und glitschig, sodass sie auf dem Weg die Bergflanke hinauf immer wieder auf glatten Steinen wegrutschte. Sie musste kurze Schritte machen, die ganze Zeit aufpassen, wohin sie den Fuß setzte.

»Hans!«

Weitere Schneehühner erhoben sich gackernd von einem Stein und erschreckten sie, aber ansonsten lag der Berg in träger Herbststarre da. Ihre Stiefel hinterließen deutliche Spuren in der weißen Decke in Form eines schrägen Streifens Richtung Himmel. Am höchsten Punkt, wo ein kühler Luftzug sie umspielte, hielt sie an und wischte sich den Schweiß ab. Sie zwang sich, an den Rand des Abgrunds zu treten, schaute in die Tiefe hinab und fühlte den Sog im Magen. Und den Schwindel. Von ihrem Liebsten war nirgendwo etwas zu sehen. Also war er zumindest nicht hier abgestürzt.

Auf der anderen Seite verlief der Weg hinunter in undeutlichen Windungen über steilen Fels, sodass sie rückwärts hinabklettern musste. An einigen Stellen war der Pfad nur ein schmaler Streifen, und weit unten wartete ein bedrohliches Geröllfeld nur darauf, Ane zu empfangen, wenn sie strauchelte. Einmal stieß sie an einen losen Felsbrocken, der hinunterpolterte und dabei einen Schweif von Kieseln und Sand mit sich zog. Es dauerte eine Weile, bis die Lawine das Geröllfeld traf. Scharfkantige Steine, Überhänge und Felsvorsprünge vereinten sich zu einem wahren Waffenarsenal in der Bergflanke, und sie bereute es, diesen Weg gewählt zu haben.

Dann lösten sich weitere Steine, eine Wolke aus Erde und Kies rutschte den Hang hinunter, und Ane blieb bewegungslos stehen, bis sich der Staub gelegt hatte und alles wieder still wurde. Und da sah sie es. Die Farbe. Das grelle Blau, das zwischen den Felsbrocken dort in der Tiefe leuchtete. Ein Stück Stoff. Ultramarin, wie die Farbe des Schals, den Hans gewöhnlich um den Hals trug.

Später konnte sie sich nicht mehr erinnern, wie sie ins Geröllfeld hinuntergekommen war. Dorthin, wo ihr...

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