Aufbruch zur Heimkehr

Auf der Via Francigena von Besançon nach Aigle
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 23. März 2021
  • |
  • 152 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7526-6392-1 (ISBN)
 
Mit diesem Buch beginnt eine Reise durch Orte und Zeiten auf der Suche nach dem anderen, das nicht nur heimführt und verankert, sondern auch vernetzt und verweist. Ein Ausrücken in Richtung Quadratur des Kreises mit einem Fallstrick für die Utopie bis hin zum Stelldichein mit dem Unfassbaren.
Den Weg von Besançon nach Aigle hat der Autor im August 2019 zu Fuss zurückgelegt.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,55 MB
978-3-7526-6392-1 (9783752663921)
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Chris Bremer ist Gründer und Leiter der bremerkurse, die Wanderungen in Italien für Klein- und Kleinstgruppen anbieten, mit der Absicht, echten Zugang zu Land und Leuten zu schaffen und thematische und persönliche Weiterbildung zu fördern.
Er stammt aus einer Theaterfamilie, erwarb das Lizenziat in Geschichte und Italienisch und lebte lange in der Umgebung von Assisi, bevor er in den Kanton Bern übersiedelte. Verheiratet, Vater von vier Kindern und zweifacher Nonno.

Von Besançon nach Pontarlier


BESANÇON


Besançon. Hauptstadt der Freigrafschaft und Ausgangspunkt eines eigenwilligen Abenteuers. Römerstadt mit dem Triumphbogen des Mark Aurel, des Philosophen, der sich wunderte, wie man als Christ sein Leben für eine Illusion hingeben kann. Wo es doch die religiöse Ökumene gibt, einen reichen Götterhimmel und das Bewusstsein, dass alle Wege nach Rom führen - oder, anders ausgedrückt, dass alle Religionen zu Gott führen. Römisches Reich heisst Toleranz, Organisation, Strassennetz, Grenzenlosigkeit, mit einem Zentrum-Rom, aber auch mit wachsender Bedeutung der Peripherie. Peripherie, die für den Pilger Ausgangspunkt ist. Ich breche von einer Randzone aus auf, welche Ausdruck von geistiger Leere, Übersättigung und Fremdbestimmung sein kann, um meine Mitte in Rom zu finden - Mittelpunkt der Geschichte und Hort christlichen Gedächtnisses. Und doch in meinem Fall nur Zwischenziel. Ich blicke gen Osten - auch das Reich wandte sich dorthin: Die Via Appia führt an die Adria. Immer mehr hing Rom vom Osten ab, Kaiser wurden graecophil, bevor fast alle aus dem Osten kamen; manche Historiker meinen, selbst das römische Recht oder der Strassenbau seien im Osten erfunden worden. Und schliesslich: Wenn das Römische sich selbst überlebte, dann im Osten. Und wo ist Christus geboren, gestorben und aufgefahren? Woher stammen Altes und Neues Testament? Die Apostel und das gesamte Christentum?

In Otranto möchte ich mich einschiffen, in der Hafenstadt, die auch nach Ende des weströmischen Reiches ihre Stellung nicht verlor und dem ganzen Salent als Terra d'Otranto den Namen gab. In Otranto, wo einst der Osten vergeblich versuchte, im Westen nochmals Fuss zu fassen. Wo der zweite Mohammed von der Herrschaft über die westliche Welt und ihrer allmählichen Islamisierung träumte - so ganz anders als die grünen Ameisen in Australien. Dann das Ziel Jerusalem - wo zwar die Kaiser Vespasian und Hadrian die Juden abschlachteten, der Tod aber nicht das letzte Wort hat: Himmel und Erde berühren sich, Verfall wird gestoppt, Leben siegt und Korken knallen. Jerusalem wird ersehnter Aha-Effekt, Kraftort, Katalysator, oder wie Fellini sagen würde, Nashornmilch - also Begriff für umgesetzte Erkenntnis, lebendige Theorie, angewandte Einsicht; somit Voraussetzung für den Abstieg von Dante und Vergil ins Reich des Todes und ihrem Aufstieg - im Bereich der Antipoden - auf den Läuterungsberg zum irdischen Paradies. Dort ist die Materie erneuert, die Frau übernimmt das Steuer, Beatrice geleitet Dante von Planeten zu Planeten - auf der Voie lactée in den Fixsternhimmel und über das Primo Mobile bis zum Urgrund allen Seins, wo Wort und Tat, Geschaffenes und Ungeschaffenes, Körper und Geist, Frau und Mann zusammenfallen im Punkt unauslöschlicher Liebesdynamik.

Das heutige Besançon wirkt durch und durch französisch. Die lebenslustige Universitätsstadt ist von grauem Jurakalk, von Gebäuden des 19. Jahrhunderts und der Schlaufe des Doubs geprägt. Seine Vergangenheit als Teil des deutschen Reichs - und kurzzeitig der spanischen Habsburger - geriet nach der Eroberung Ludwigs XIV. und der Errichtung einer monumentalen Wehranlage, dem Fort Vauban, schnell in Vergessenheit. Aber der Freigeist der Freigräfler war nie gänzlich zu zügeln. Wenn sie sich auch zu Lebzeiten dem Sonnenkönig nicht entziehen konnten, liessen sie sich doch bäuchlings begraben, um nach dem Tod nicht in die Sonne schauen zu müssen. Und beim Sturm auf die Bastille bildeten sie die Vorhut. Es galt, ein neues Frankreich zu wagen, das Volk mitzureissen. Rouget de Lisle aus Besançon komponierte die Marseilleise. «Allons enfants.»

Freiheitsdrang und kühne Zukunftsentwürfe rufen zum Aufbruch, doch geniesse ich vorerst das rege städtische Treiben und setze mich an einen Tisch nahe der Brücke, die zur Pilgerunterkunft von Sainte-Madeleine führt. Vierzehn Betten gab es da, bevor der Sonnenkönig das Hospiz in die Stadt verlegte. Nicht weit von mir befindet sich der Temple du Saint-Esprit, eine Einrichtung des im 12. Jahrhundert gegründeten Heiliggeist-Ordens zur Kranken- und Armenfürsorge. Papst Innozenz III. übergab dem Initiator Guido von Montpellier in Rom die zum Krankenhaus umfunktionierte einstige Pilgerherberge der Sachsen, Santo Spirito in Sassia. Dieser leitete die Spitäler in Montpellier und Rom bis zu seinem Tod 1208; kurz darauf rief der Orden die hiesige Institution ins Leben. Nicht nur Kranke und Arme, sondern auch Waisenkinder und Pilger fanden hier unentgeltlich Aufnahme. Eine offene Sozialeinrichtung als Antwort auf herrschaftliche Ausbeutung.

Pierre-Joseph Proudhon (1809 in Besançon geboren) setzt sich zu mir.

«Herrschaft des Menschen über den Menschen ist Sklaverei, ein Unding, das abgeschafft gehört. Herrschaft ist durch Solidarität zu ersetzen. Ausbeuter sind Diebe, und Diebstahl beginnt schon mit Eigentum.»

«Du kannst Solidarität nicht einfach verordnen», entgegnet Charles Fourier (geboren in Besançon 1772), der sich vor uns aufgebaut hat, «gesellschaftliche Harmonie erreichst Du nur, wenn Du den Individuen gestattest, ihre Leidenschaften auszuleben; in ihrer Verschiedenheit werden sie sich harmonisieren. Jeder Einzelne trägt so zu einer Art Gesamt-Ordnung bei.»

Ich bitte ihn, sich zu setzen. «Wir dürfen», fährt er fort, indem er mein Angebot annimmt, «die Antriebskräfte des Menschen nicht bremsen, die Ghettoisierung sozialer Gruppen wie beispielsweise der Arbeiter ist verhängnisvoll und führt zwangsläufig zur Ungleichheit. Arbeit ist Ausdruck der menschlichen Individualität, sie darf weder zensuriert noch gewertet werden. Und auch die Frauen gehören in kein gesellschaftliches Korsett, ihrer Entfaltung darf nichts im Wege stehen, auch die sexuelle Bevormundung muss aufhören.»

Victor Hugo, dessen Geburtshaus in der Nähe ist, gesellt sich zu uns (geboren 1802).

«Das soziale Elend, die staatlichen Ungerechtigkeiten produzieren immer neues Elend; die Frage ist, wie kommt man aus diesem Teufelskreis heraus. Ein Staat, der auf heiligmässiges Verhalten seiner Untertanen angewiesen ist, damit sich etwas zum Guten wandelt, hat seine Moralität eingebüsst.»

«Jede staatliche Gewalt», wirft Pierre-Joseph ein, «produziert Missbrauch, bedeutet unzulässige Machtaneignung. Wer gibt dem Menschen das Recht, sich über seinen Mitmenschen zu erheben? Wenn Macht etwas mit machen zu tun hat, dann machen wir dezentralisierte Arbeitsgruppen im Kleinformat, schaffen einen radikalen Föderalismus, wo jeder dem anderen in die Augen schauen kann.»

«Damit die Macht des Kapitals gebrochen werden kann», übernimmt nun Fourier, «fordere ich das bedingungslose Grundeinkommen. Wir haben das Recht, uns ohne Zwänge zu entwickeln; echte Gemeinschaft entsteht nur, wenn der Einzelne sich entfalten kann.»

«Auch die Galeerensträflinge müssen eine Gemeinschaft sein, wenn sie ihr Ziel erfüllen sollen. Doch zu welchem Preis? Die Vergewaltigung des Einzelnen vergiftet die Gemeinschaft, die zur unerlaubten Waffe wird.» Victor Hugo weiss, wovon er spricht. «Die Piratenüberfälle mit den dressierten Schnellruderern haben die Seefahrt im Mittelmeer jahrhundertelang in Atem gehalten, nun hat sich die Romantik ihrer angenommen. Warum aber, frage ich euch, haben wir auf diesem Gebiet Fortschritte erzielt? Warum gibt es heute eine friedliche Schifffahrt und gehören Galeerensklaven der Vergangenheit an? Weil sich die Betroffenen an einen Tisch gesetzt und ihre wahren Interessen erkannt haben. Ich will damit sagen, dass es neben den nationalen Revolutionen auch internationale Zusammenarbeit geben kann, die Festgefahrenes oder Ungerechtes zu verändern vermag. Eine Zusammenarbeit von Frankreich und Deutschland oder gar ein vereintes Europa würde allein schon durch die Vielzahl der Interessen und Ideen für Entspannung sorgen.»

«Oder für noch schärfere Konflikte» ruft Tristan Bernard (1866 in Besançon geboren), der beim Vorbeifahren den letzten Satz aufgeschnappt hat. «Wie kann man sich mit den Deutschen zusammensetzen, wenn sie nur darauf warten, sich zum Herrn aufzuspielen, unser Land zu besetzen, unwertes Leben auszurotten.»

«Eine Vereinigung federt Gegensätze ab, schafft Raum für Gemeinsamkeiten und verbreitert die Teilnahme an der Macht. Ein jeder erzeugt Güter und Ideen, die dann im gemeinschaftlichen Raum frei zirkulieren zum Wohle aller.»

Tristan scheint wenig überzeugt und ist schon wieder auf sein Rover-Rad gestiegen. Er hat noch etwas zu verbessern, morgen wird im Volkstheater ein Stück von ihm gespielt.

Ich erhebe mich; in der Stadt, in der sogar die Bilder laufen lernten (Frères Lumière, 1862/64 in Besançon geboren), darf ich nicht sitzenbleiben, mein Vorhaben einfach vergessen.

Auf dem Weg zur Kathedrale komme ich am Palais von Nicolas Perrenot de Granvelle vorbei, einem Renaissancepalast aus den Vierzigerjahren des 16. Jahrhunderts - einem Heim wie es sich für einen Kanzler Karls V. gehört. Auch den Adelstitel hat er...

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