Männer von fast perfekten Heldinnen

 
 
Ullstein Ebooks in Ullstein Buchverlage
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. Januar 2017
  • |
  • 360 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1423-5 (ISBN)
 
Was machen eigentlich die Männer, während Mathilde, Alice, Éva und Lucie mit vollgepackten Terminkalendern durch ihren Alltag wirbeln? Die Trennung von Mathilde erlaubt Max, endlich Luft zu holen, Verantwortung zu übernehmen, für sich selbst und für seine Kinder, die er nun in »Teilzeit« betreut. Adrien versucht einen Neustart mit Alice, der jedoch misslingt, was die Chancen ihres Chefs Fred steigen lässt - doch Fred muss erst mal seine traumatische Mutter- Sohn-Beziehung klären. Für Christophe, den überambitionierten Topmanager, geraten alle Gewissheiten ins Wanken: Er hadert mit seinem Beruf ebenso wie mit seiner Ehe - soll er alles an den Nagel hängen? Jacques wiederum erfährt, dass er der Vater von Évas Baby ist, und brütet über einem Plan, sie für sich zu erobern.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Adèle Bréau ist Journalistin, erstellt Psycho-Tests für die Frauenpresse, hat die Website Terrafemina.com mitgegründet und unterhält einen Blog, auf dem sich Frauen untereinander austauschen (adeledebrief.wordpress.com).

1 »Dann mach mal den Mund auf.«

Vincent saß auf dem neuesten Zahnarztstuhlmodell, das sein Freund Adrien besaß, seit er ein Jahr zuvor in einer plötzlichen Anwandlung erst seine Praxis, dann sein gesamtes Leben umgekrempelt hatte. Auf einem Bildschirm an der Decke folgte Vincent einer Gruppe von Nomaden, die langsam eine große Düne erklomm. Adrien war überzeugt, dass solche Videos entspannend auf seine Patienten wirkten.

Vincent trug eine Papierserviette um den Hals, die ihn an ein Babylätzchen erinnerte - er konnte das Wort »Baby« allmählich nicht mehr hören, so sehr hatte Éva sich in ihren Kinderwunsch hineingesteigert. Geradezu hysterisch.

Adrien beugte sich über ihn und reihte akribisch kleine spitze Instrumente auf, die sich früher oder später in seinen Zahnschmelz bohren würden. In dieser Position konnte Vincent, wenn er den Blick vom stummen Aufstieg der Nomaden abwandte, den Schädel seines Freundes genauer betrachten. Adriens Haar, das früher voll und dicht gewesen war, hatte sich altersbedingt ein wenig gelichtet, was er sehr geschickt kaschierte, indem er es toupierte und lang und zerzaust trug. Wann hatte es begonnen? Vincent erinnerte sich an den Spott ihrer einstigen Schulkameraden, wenn Adri sich verzweifelt bemühte, seine legendäre Mähne zu glätten. Zwanzig Jahre später hatten sie Brice, Nicolas, Julien und die anderen allmählich aus den Augen verloren, und nur sie beide waren in Kontakt geblieben, weil sich ihre Frauen eng befreundet hatten. Und weil Vincent niemals einen anderen Zahnarzt als Adrien an seinen Zähnen bohren lassen würde, selbst wenn man ihm alternativ den Leibarzt des Königs von Qatar anböte.

Er ließ den Blick durch den Raum schweifen, in dem er schon hundertmal gesessen hatte, und stellte fest, dass nichts mehr war wie früher, außer einem Fotowürfel auf dem Schreibtisch, der, inzwischen trübe und an den Ecken abgenutzt, das Lächeln der kleinen Laura und Bilder von Adrien und Alice aus glücklichen Zeiten bewahrte, um die man sie so sehr beneidet hatte. Die frischgestrichenen Wände schmückten keine gerahmten Bilder mehr, und der Holzschreibtisch aus dem Familienlandhaus, den die beiden Freunde an einem Sonntag im Winter gemeinsam hertransportiert hatten, war einer riesigen Glasplatte auf Ständern gewichen, die dem Raum jede Wärme nahm. Aber schließlich ging man ja nicht zum Zahnarzt, um am gemütlichen Esstisch zu plauschen.

Ganz im Gegenteil.

Als sich Adrien anschickte, die Backenzähne seines Freundes zu traktieren, wurde plötzlich die Tür aufgerissen.

»Hallo, Baby!«

Juliette, Adriens blutjunge neue Freundin und der Grund für das Scheitern seiner Ehe, betrat ohne jede Scham den Behandlungsraum. Im Schlepptau hatte sie die ebenso junge, extrem coole Vanessa. Hinter ihnen erhaschte Vincent einen Blick auf Chantal, Adriens treue Sprechstundenhilfe, die sich Alice sehr verbunden gefühlt hatte und die Trennung ihres Chefs schwerer nahm als Laura, seine einzige Tochter. Sie begegnete Juliette mit tiefer Verachtung. Das Gefühl beruhte offensichtlich auf Gegenseitigkeit, denn offenbar hatte die Neue es nicht einmal für nötig befunden, sie um Erlaubnis zu fragen, bevor sie in das Behandlungszimmer eindrang.

Chantal zog sich kopfschüttelnd zurück, nicht ohne Vincent, den sie für vernünftiger hielt als ihren vom Charme der Jugend geblendeten Chef, zu signalisieren, dass ihr allmählich der Kragen platzte, wirklich, und wenn das nicht aufhörte, müsste sie gehen. Das werden Sie werden ihm doch sagen, oder?, flehte sie stumm.

Ja, Chantal.

Ein leeres Versprechen, denn unter Freunden machte man sich keine Vorhaltungen. Man hielt zusammen, gönnte einander jedes Vergnügen und nutzte jede Gelegenheit zum Durchatmen, die das Leben bot, bevor man sich wieder der Pflicht widmete, die man sich, warum auch immer, auferlegt hatte. Oder besser: Von der man glaubte, man müsse sie erfüllen, weil einen die Frauen in die Falle gelockt hatten.

Adrien unterbrach die Behandlung und begrüßte Juliette und ihre Freundin. Vanessa kaute Kaugummi, ohne ihren Blick von Vincent abzuwenden, der sich plötzlich zu Tode schämte. Wie könnte er bloß möglichst unauffällig dieses Lätzchen loswerden? Die junge Frau trug eine enganliegende Jeans, die ihren wohlgeformten Po betonte, und ein ärmelloses T-Shirt ohne BH darunter. Als sie sich schließlich zu ihm herunterbeugte und ihn mit Küsschen rechts, Küsschen links und einem lakonischen »Vanessa« begrüßte, schwebte ihr wundervoller Busen vor seinen Augen. Vincent lachte unbeholfen und schickte sich an aufzustehen, weil er sich bewusst war, wie unwürdig er auf diesem Zahnarztstuhl wirkte, während die beiden jungen Mädchen im Raum herumflatterten.

Auch Adrien machte keine gute Figur, obwohl er doch allmählich an die Nähe dieser Schönheiten gewöhnt sein müsste. Juliette turtelte mit ihm, und er errötete, hingerissen wie ein Teenager vor seinem ersten Kuss.

»Trinken wir ein Glas nach eurem Termin?«, gurrte Juliette.

Adrien warf Vincent einen fragenden Blick zu, und Vincent zuckte mit den Schultern. Warum nicht.

»Ich behandle noch kurz das Gebiss dieses Herrn, und dann treffen wir uns im Mascotte

Mistkerl.

»O nein, nicht im Mascotte, das ist was für alte Leute. Da gibt's doch nur Austern und so. Nein, lass uns in der neuen Pop-up-Bar an der Bastille treffen. Ich stehe dort auf der Gästeliste, wegen meines Blogs. Soll ich dir die Adresse schicken?«

Was sich wohl hinter einer Pop-up-Bar verbarg?, überlegte Vincent, traute sich aber nicht nachzufragen.

»Abgemacht. Bis später, ihr beiden!«

Dann beugte sich Adrien zu dem schlanken jungen Ding hinunter, und sie küsste ihn leidenschaftlich und lange, während Vanessa auf ihrem Handy herumtippte.

Als sie die Praxis verlassen hatten, kam Adrien wieder zu sich und wandte sich an seinen Freund.

»Sie macht mich ganz verrückt.«

»Gar nicht gemerkt.«

Der Tag neigte sich dem Ende zu, und Adrien hatte wie durch ein Wunder ein kleines weißes Sofa gefunden, auf dem sie ihre Cocktails schlürften. Die meisten Gäste waren keine dreißig und wiegten sich in gewagten Outfits zum Takt der Loungemusik, die rhythmischer wurde, je mehr der Tag einer heißen Spätsommernacht wich.

»Was trinkst du da?

»Einen Aperol Spritz.«

»Was ist mit dir los? Ich habe dich noch nie etwas anderes trinken sehen als einen doppelten Whisky.«

»Juliette findet, dass Whisky etwas für alte Knacker wie James Bond ist. Du wirst es nicht glauben, aber sie weiß nicht mal, dass vor Pierce Brosnan und Daniel Craig schon andere Schauspieler James Bond verkörpert haben.«

»Wirklich? Was lernen die denn in der Schule?«

»Ich sage dir, die hat nicht mal den Paten gesehen.«

Vincent schüttelte ungläubig den Kopf. Wo sollte das hinführen? Auch wenn man sich Serien ansah, musste man doch die Klassiker kennen. Er dachte an Éva und ihre gemeinsamen Abende, die sich in letzter Zeit immer öfter vor dem Fernseher abspielten. Wenn er nicht auf Dienstreise oder lange im Büro war, was immer häufiger vorkam - manchmal streifte ihn der Gedanke, ob er nicht unbewusst seiner ehelichen Beziehung entfloh -, kam er gegen neun Uhr nach Hause. Dann bestellten sie sich etwas beim Lieferservice und verzehrten es schweigend vor den Episoden der zahlreichen Soaps, die praktisch das Einzige waren, was sie derzeit miteinander teilten. An den Abenden im Monat, an denen Éva ihren Eisprung vermutete, wechselte das Programm. Dann gingen sie ins Schlafzimmer, als zögen sie in eine Schlacht, und beide waren sich der Verzweiflung dieses Aktes bewusst, dem sie sich in der Folge körperlich hingaben. Die Lust aufeinander war der Pflicht gewichen. Und oft genug war es harte, vergebliche Arbeit und endete unschön. Tränenreich, was Éva anging, weil er nicht auf Befehl kommen konnte. Verzweifelt auf seiner Seite, weil er sich unzulänglich fühlte. Meist kehrte sie ihm dann den Rücken zu, und er schleppte sich ins Wohnzimmer und befriedigte sich selbst vor seinem iPad, erregt von dem feuchten Blick anderer Frauen.

Vanessa riss ihn aus seinen Gedanken. Enthusiastisch wippte sie vor ihm zum Rhythmus der Musik und hauchte ihm obszöne Dinge ins Ohr. Ihre Lippen glänzten vor Gloss, und er musste sich eingestehen, dass er, der spießige Rechtsanwalt über vierzig, der in Anzug und polierten Lederschuhen auf der Terrasse einer Pop-up-Bar an der Bastille saß, sich davon durchaus angesprochen fühlte.

Aber er war verheiratet. Mit seiner großen Liebe.

Vanessa lächelte ihm zu, wickelte eine Haarsträhne um ihren frisch manikürten Zeigefinger, und Vincents Gehirn wurde überflutet von erotischen Phantasien, während Adrien versuchte, sich mit ihm zu unterhalten. Er stand auf Frauen wie Vanessa, sinnlich und ein bisschen vulgär, obwohl er sich immer verboten hatte, dieser zweifelhaften Vorliebe nachzugeben.

Er, der kleine Portugiese, hatte einen weiten Weg zurückgelegt, seitdem er mit seinen Eltern in der Pförtnerloge des schicken Hauses an der Avenue Victor-Hugo gewohnt hatte. Die Unterwürfigkeit, mit der seine Mutter den Wohlstandsbürgern des Viertels begegnete, und die Herablassung, die man ihr im Gegenzug zeigte, waren ihm schon immer zuwider gewesen. Entschuldigen Sie Marie, dass ich Sie an einem Sonntag störe, aber ich habe meinen Schlüssel vergessen, könnten Sie mir bitte den Ersatzschlüssel geben? Marie, putzen Sie auch im Haushalt? Marie, Sie haben Vertreter hereingelassen. Sie müssen besser...

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