Aus Licht gewoben

Roman
 
 
Goldmann Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. August 2011
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-06888-2 (ISBN)
 
Ein einziger Tropfen Regen verändert ihre ganze Welt ...

Die sechzehnjährige Sydelle kennt nichts als Trockenheit und Dürre, bis der lang ersehnte Regen kommt - und mit ihm Wayland North. Der mysteriöse Magier ahnt, welch große Gabe Sydelle in sich trägt. Und so wählt er sie als Gefährtin für eine geheime Mission, die die beiden durch viele Gefahren bis in die entlegene Hauptstadt des Königreichs führen soll. Denn nur, wenn Wayland seine inneren Dämonen besiegt und Sydelle ihre wahre Bestimmung erkennt, können die beiden ihrer Heimat neue Hoffnung schenken .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Goldmann
  • 0,50 MB
978-3-641-06888-2 (9783641068882)
3641068886 (3641068886)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Alexandra Bracken wuchs im US-Staat Arizona auf. Nach ihrem Studium in Virginia zog es sie nach New York City, wo sie derzeit lebt und arbeitet. Ihren ersten Roman schrieb sie schon während des Studiums als Geschenk für eine Freundin. Die Liebe zu Büchern hat sie aber nicht nur dazu gebracht, selbst zu schreiben. Sie arbeitet außerdem bei einem großen amerikanischen Buchverlag und hat jederzeit eine Buchempfehlung parat.

Erstes Kapitel


Der Tag, an dem der Regen endlich kam, begann wie jeder andere. Glühende Luft überzog den Canyon, und eine schwere Stille lag über dem Land. Nachmittags schließlich war das Einzige, was noch erstickender schien als die Luft, der Staub, den unsere Füße aufwirbelten. Mucksmäuschenstill bewegten wir uns von Fels zu Felsspalte, immer nach Anzeichen von Bewegung Ausschau haltend. Doch nicht einmal ein Wüstenhase kam aus den Schatten hervor. In gewisser Weise waren wir dankbar, dass wir in Ruhe gelassen wurden, aber der Gedanke an das, was uns im Tal unten erwartete, war quälend: ein Dorf aus Holz- und Lehmhäusern und mit leeren Straßen, einzig erfüllt von dem Laut des quietschenden, leeren Eimers am Brunnen.

Meine Beine schmerzten vor Anstrengung, als ich mich im Schutz der vorstehenden Felsen zusammenkauerte. Der Staub unter meinen Fingern war unerträglich heiß, und meine Knie taten weh von den zahllosen kleinen Steinen, die sich in meine Haut gruben. Ich war fürchterlich schlecht bei diesem Spiel, war es als Kind schon gewesen und war es bis heute, Jahre später, als Henry entschieden hatte, ein Versteck-Spiel wäre die beste Methode, um auf seine kleinen Brüder aufzupassen.

Selbst bei all den Verstecken, die die Sasinou-Berge zu bieten hatten, schien es doch keins zu geben, das meine roten Haare hätte verbergen können, die in alle Richtungen von meinem Kopf abstanden. Außerdem war ich auch nicht gerade die Anmut und Leichtfüßigkeit in Person.

Als Henry zu unserem Haus gekommen war und mich angebettelt hatte, mit ihnen in die Berge zu kommen, hatte meine Mutter uns voller Empörung angesehen. Wochenlang hatte sie den schwarzen Stoffstreifen wie eine Rüstung getragen, ihn jeden Morgen im Dunkeln erbittert um ihren Oberarm gebunden, seit Vater die Nachricht per Post erhalten hatte.

Mutter und die anderen Erwachsenen waren mit dem König aufgewachsen. Sie erinnerten sich daran, wie früh er den Thron bestiegen hatte, wie er die Truppen Austers jahrelang von unseren Küsten ferngehalten hatte, und sie waren voller Bewunderung gewesen für seine gerechte Herrschaft. Als der König vor drei Jahren die schöne junge Eglantine geheiratet hatte, war die Hochzeit im ganzen Land gefeiert worden. Für uns war er nur ein Gesicht auf einem Gemälde. Für unsere Eltern war er ein Held gewesen.

»Spielen gehen, ausgerechnet jetzt? Damit bringt ihr den Kleinen doch nur Respektlosigkeit bei«, hatte sie gesagt, während sie auf dem Küchentisch einen Klumpen Teig knetete. Ich griff nach dem silbernen Anhänger an meinem Hals und hielt den Mund.

»Der König wurde schon vor einem Monat begraben«, antwortete Henry sanft.

»Einen Monat und schon vergessen«, erwiderte sie. »Was soll nur aus uns werden, jetzt, wo der gute Alte fort ist. Die Königin ist viel zu jung, um zu regieren.«

Henry und ich wechselten einen Blick. Denselben Satz hatte jeder der Erwachsenen irgendwann geäußert. Mein Vater hatte in der Nacht, als er die schreckliche Nachricht erhielt, eine Dorfversammlung einberufen. Alle Eltern waren in die große Halle geströmt und hatten sich die ganze Nacht eingeschlossen, fernab von neugierigen Kinderohren. Die Königin war für meine Eltern ein heikles Thema. »Zu jung«, erklärte meine Mutter. »Zu unerfahren«, ergänzte mein Vater. »Ihre Welt ist ihr Kleiderschrank.« All das stimmte; Eglantine war nur ein paar Jahre älter als ich. Sie hatte einen Mann geheiratet, der alt genug war, um ihr Vater zu sein, und beim Volk nur Hohn geerntet, als sie nicht in der Lage war, einen Thronerben hervorzubringen.

Am nächsten Morgen verließen alle die Versammlung mit demselben angespannten Gesichtsausdruck. Scheinbar war ein Pakt geschlossen worden, und wir wurden nicht eingeweiht. Doch wir wussten, dass ein einziger Brief geschafft hatte, was keine zehnjährige Dürre hatte bewirken können: Das Dorf war bis in seine Grundfesten erschüttert.

Damals waren Henry und ich uns noch sicher, dass die Erwachsenen sich nur Sorgen machten, Königin Eglantine könnte die Dörfer im Westen des Landes vernachlässigen. Der König hatte besonderes Interesse an der Region gezeigt und die besten Zauberer der Zauberergarde aufgeboten, um den Regen aus den Wolken zu locken. Als sich das als vergeblich erwies, hatte er einen friedlichen Wasserhandel zwischen uns und Saldorra, einem eigentlich feindlichen Nachbarland, vereinbart. Mit Wasser gemischt, konnte unsere gelbe Erde zur härtesten Keramik gebrannt werden, die die Welt je gesehen hatte. Unser Sand war die einzige Währung, die wir besaßen.

Meine Mutter wandte sich an Henry. »Ich weiß, dass zumindest du Besseres zu tun hast.«

»Wir haben vom Mais gerettet, was es zu retten gab«, antwortete Henry. »Es ist nicht besonders viel, aber Vater sagt, dass es zumindest für einen Monat reichen sollte. Meine anderen Pflichten habe ich erledigt, und Vater und ich brechen nicht vor morgen früh auf, um den Lehm auszuliefern.«

Meine Mutter hörte auf zu kneten, und ihre Hände gaben den Teig frei. Sie warf einen kurzen Blick aus dem Fenster, das unser Stückchen Land überblickte.

»Sydelle, hast du mit der Decke für Mrs. Anders angefangen? «

Ich nickte, und mein Blick wanderte zum Webrahmen, der gegen die Wand gelehnt war. Mrs. Anders wollte nichts weiter als eine gelbe Decke, um den Staub zu verstecken, der in ihr klappriges, kleines Heim geschleppt wurde. Dafür würde ich einen, vielleicht zwei Tage brauchen.

»In Ordnung, aber nimm den Korb und bring ein paar Trockenwurzeln mit. Ich muss neue für deinen Vater mahlen, nachdem du die letzten mit deinen ungeschickten Händen ruiniert hast.«

»Wir sammeln genug für die nächsten paar Monate, versprochen«, sagte Henry.

Und zu meinem Erstaunen ließ sie uns wirklich gehen.

Drei Stunden später - ich kauerte noch immer hinter den Felsen, und meine Knie zitterten - wollte ich gerade aus meinem Versteck springen, da tauchte ein kindisch grinsender Henry neben mir auf. Mir entfuhr ein überraschtes Quieken. Er hielt einen Finger an die Lippen.

Nicht zum ersten Mal an diesem Tag hatte ich das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Wir hatten schon seit Jahren nicht mehr eine so dichte Wolkendecke gehabt, und Henrys gebräunte Haut und seine dunklen Haare sahen eigentümlich stumpf aus. Er verschmolz beinahe mit den Bergen im Hintergrund. Meine blasse, mittlerweile von der Sonne rot verbrannte Haut machte es mir noch schwerer, mich zu verstecken.

Er kroch an mir vorbei und streckte den Kopf heraus, um nachzusehen, ob seine Brüder noch in der Nähe waren.

»Ich glaube, ich habe sie abgehängt«, sagte er. »Bereit?«

»Warum muss ich zuerst gehen?«, beschwerte ich mich. »Immer zwingst du mich, zuerst zu gehen - das war schon so, als wir noch zehn waren.«

»Und sechs Jahre später«, flüsterte er, »mag ich dich immer noch genug, um dir den Siegesruhm zu überlassen, Sydelle Mirabil. Wir müssen unsere Ehre verteidigen, vergiss das nicht.«

»Du meinst wohl deine Ehre«, gab ich zurück. »Gegen deine sechsjährigen Brüder. Wenn einer dieser kleinen Teufel mich mit einem Stein trifft, übernimmst du eine Woche lang meine Haushaltspflichten.«

Henry sah kurz um die Ecke und nickte. Ich sprang hervor und steuerte auf das Stück Stoff zu, das um einen hohlen Baumstumpf geknotet war. Henry war dicht hinter mir, seine langen Beine trugen ihn schnell den schmalen Pfad entlang. Über uns hörten wir die Rufe der Zwillinge und das Aufschlagen der Steine, die sie nach uns warfen. Kleine Teufel.

Irgendetwas traf mich. Etwas Nasses, das Schweiß hätte sein können, wäre es nicht deutlich kälter gewesen. Es rann meinen Nacken hinab, und ein Ruck ging durch meinen Körper. Zuerst begriff ich nicht, was es war. Es war Jahre her, buchstäblich Jahre.

Ich wirbelte herum und sah Henry an. Hatte er es auch gespürt? Er starrte mit aufgerissenen Augen zum Himmel, während die Zwillinge noch einen letzten Stein von dem Felsvorsprung über uns warfen. Er schlug direkt neben meinem Fuß auf, aber ich rührte mich nicht. Einen Augenblick lang herrschte absolute Stille, dann grollte der Donner, und der Himmel öffnete seine Schleusen.

Der Regen fiel in dicken, schweren Tropfen, und sofort waren wir bis auf die Haut durchnässt. Mir entfuhr ein erstickter Laut, halb Freude, halb Überraschung. Henry und ich starrten uns mit angehaltenem Atem an, aus Angst, es könnte so schnell wieder vorbei sein, wie es begonnen hatte. Beim letzten Regen waren wir vielleicht sechs oder sieben und die Zwillinge noch nicht einmal geboren gewesen. Sie sahen zum Himmel, und die Verwirrung stand ihnen deutlich ins Gesicht geschrieben.

»Kommt schon!«, rief Henry und rannte los. »Allan! John!«

»Mein Korb!«, fiel mir ein.

»Hol ihn später«, drängte Henry.

»Wir treffen uns unten«, sagte ich. »Geh schon, du musst auf deine Brüder aufpassen.«

Die Zwillinge stürmten den steilen Pfad hinunter und an uns vorbei. Aus dem Tal unter uns waren Rufe zu hören, als das Dorf aus seinem langen, trockenen Schlaf erwachte.

Henry sah mich lange an. Machte er sich wirklich Sorgen, ich könnte mich verlaufen? Während der Regen den Staub auf seinen Wangen in dunkle Rinnsale verwandelte, sah ich ihn an und lächelte. So war er eben, ein Freund, der sich immer um andere kümmerte.

»Geh!«, sagte ich und gab ihm einen sanften Schubs. Gleichzeitig drehten wir uns um, er zurück zum Dorf, das durch den strömenden Regen kaum noch zu sehen war. Ich aber machte mich auf den Weg nach oben, zum höchsten Punkt des Canyons.

Es regnete erst seit knapp einer Minute, und schon hatte...

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