Die Morde von St. Pauli

Kriminalroman
 
 
Ullstein Taschenbuchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. April 2017
  • |
  • 432 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1514-0 (ISBN)
 

1927 - Hamburg in den Goldenen Zwanzigern: Eine Mordserie hält die Unterwelt von St. Pauli in Atem. Die Opfer sind Zuhälter, Betrüger und Einbrecher, und sie werden spektakulär im Viertel zur Schau gestellt: auf dem Kirchhof, im Wachsfiguren-Panoptikum, an der Kersten-Miles-Brücke. Ein Bandenkrieg? Zur selben Zeit ermittelt Kriminalkommissar Alfred Weber in den bürgerlichen Vierteln der Hansestadt, nachdem ein einflussreicher Reeder einem Raubmord zum Opfer gefallen ist. Weber sieht Zusammenhänge, wo andere keine wahrnehmen wollen. Doch dass er kein Phantom jagt, muss er bald schon am eigenen Leib erfahren ...

weitere Ausgaben werden ermittelt
Robert Brack, geboren 1959, lebt seit 1981 in Hamburg. Er arbeitet als Übersetzer und freier Schriftsteller. Für seine historischen und politischen Kriminalromane wurde er mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

Zweites Kapitel:
JENSEITS DER STRASSE

Weber saß im Laubfrosch und hatte Grün. Dieser verflixte Verkehr! Automobile, wohin man schaute. Dabei hätte alles so schön sein können. Der Himmel war strahlend blau, die Binnenalster glitzerte silbrig, über dem Hotel Vierjahreszeiten wehten die bunten Fahnen. Ein Alsterdampfer glitt übers Wasser, ein Zug der Verbindungsbahn schob sich kreischend über die Lombardsbrücke. Eine Straßenbahn wartete geduldig neben Webers Opel. Eine junge Frau in hellem Kleid mit Hütchen und Schirm stand lässig auf der Plattform und warf ihm einen Blick zu. Interessiert, wie er fand. Der Schirmrand hatte Rüschen.

»Na los doch, Mann!«, schrie sein Beifahrer ihm ins Ohr. »Grün!«

Die Aufgabe war, die Kupplung mit dem Fuß zu drücken, den Gang einzulegen, die Handbremse zu lösen, den Gashebel am Lenkrad zu betätigen. Dann anrollen, Fahrt aufnehmen, in den zweiten Gang schalten und außerdem noch lenken, damit der Zweisitzer mit dem offenen Verdeck und dem charakteristischen Bootsheck nach links in die Straße Neuer Jungfernstieg fuhr. Möglichst in einem eleganten Bogen - wegen der Rüschen am Schirmrand und des hübschen Gesichts darunter.

Andere Automobilisten kamen ihm aus der Esplanade entgegen und wollten ebenfalls links abbiegen, Richtung Alsterglacis. Schön und gut, aber wie viele Fahrzeuge passten auf so eine Kreuzung? Wie lange blieb die Ampel grün? Außerdem hatte Weber immer noch nicht verstanden, was sein Beifahrer meinte, wenn er befahl, er solle um den entgegenkommenden Linksabbieger herumfahren. Wie ging das, ohne ihn zu schneiden? Und vor allem: Wusste der Entgegenkommende darüber Bescheid?

Der Motor stotterte, der Wagen ruckte. Webers Hände verloren die Orientierung zwischen Lenkrad, Gas- und Schalthebel. Seine Füße wussten nicht mehr, wo die Kupplung und wo die Bremse war. Weber trat auf die Kupplung. Der Motor heulte auf. Erschrocken hob er den Fuß an, und der Opel 4/12 PS machte einen Satz auf den entgegenkommenden Ford zu. Der wich schlingernd aus, und der Fahrer drohte mit der Faust. Weber wurde samt Beifahrer nach vorn geschleudert, als er in unnötiger Panik die Bremse betätigte. Der Motor erstarb, und der Laubfrosch kam schlagartig zum Stehen.

»Rechts vorbei!«, schrie der Beifahrer, als es längst zu spät war.

Die Tram klingelte hämisch und setzte sich in Bewegung. Eine schmale Hand unter dem Rüschenschirm winkte ihm zu, aber vielleicht bildete er sich das auch nur ein. Die Straßenbahn verschwand, und jetzt wurde der Laubfrosch vom Gegenverkehr belagert. Quäkendes Hupen, Geschimpfe, anfeuernde Rufe. Aber der Motor wollte nicht.

Weber fing an zu schwitzen, als er unter dem Armaturenbrett den Schalter der Zündung umlegte und den Anlasser betätigte. Nur zündete nichts. War die Batterie leer?

»Na hören Sie mal, Weber, muss ich jetzt etwa kurbeln?«

Weber zuckte schuldbewusst mit den Schultern. Wieso war Autofahren nur so schwierig, warum konnten die Dinger nicht von allein fahren?

»Soll ich .?«, fragte er.

»Ach was.« Der Beifahrer bückte sich, um die Kurbel zu suchen. Die anderen Verkehrsteilnehmer fanden Wege um den Laubfrosch herum. Trotzdem, der Verkehr stockte, und das konnte der Beamte der Verkehrspolizei nicht zulassen, der von einem kleinen Podest aus die Kreuzung mit der ersten Ampelanlage Hamburgs überwachte. Er hob seinen Polizeistab und deutete damit in den Himmel, als gäbe es ein höheres Gesetz, das ihn ermächtigte, in das Verkehrschaos einzuschreiten. Der Verkehr kam zum Stillstand. Während der Wachtmeister in die Mitte der Kreuzung marschierte, schob Webers Beifahrer mit der Kurbel in der Hand die Tür auf.

Der Polizeibeamte lehnte sich mit seinem ganzen, nicht unerheblichen Gewicht auf die Fahrertür und stellte fest: »Abgewürgt, was?«

Weber nickte schwach. Hilfesuchend schaute er zu seinem Beifahrer, der sich aber gerade vor der Motorhaube verbeugte.

»Dann darf ich mal Ihren Führerschein sehen, bitte!«

Weber fiel wieder ein, was er vor unendlich langer Zeit einmal auswendig gelernt hatte: »Führer von Kraftfahrzeugen müssen ihre Zuverlässigkeit nachweisen. Sie dürfen namentlich nicht dem Trunke ergeben sein oder zu Ausschweifungen, insbesondere zu Rohheitsvergehen, neigen. Sie müssen durch amtsärztliches Zeugnis nachweisen, dass sie keine körperlichen Mängel haben, die ihre Fähigkeit, ein Kraftfahrzeug sicher zu führen, beeinträchtigen. Nach Darlegung ihrer technischen Befähigung werden sie durch einen Führerschein zur Führung von Kraftfahrzeugen befugt.« So stand es seit dem ersten April 1910 in den reichsrechtlichen Vorschriften. Seit dem ersten April?

»Aber ich habe doch keinen Führerschein.«

»Wie bitte?« Die Augen des Verkehrspolizisten blitzten auf, und er umfasste mit beiden Händen den Stab.

»Sehen Sie, ich bin noch nicht daran gewöhnt, das heißt, genauer gesagt, ist es so, dass .«

»Gang rausnehmen!«, schrie der Beifahrer, dessen Kopf noch immer nicht sichtbar war. Weber trat auf den Pedalen herum und rüttelte an der Schaltung.

Der Beifahrer drehte die Kurbel, sein Rücken erschien in regelmäßigen Abständen oberhalb der Kühlerhaube und verschwand wieder. Der Motor seufzte nur.

»Stopp!«, rief der Beamte. »So geht das nicht!« Seine buschigen Augenbrauen schoben sich zusammen, der Mund hinter dem Vollbart verzog sich missbilligend. Er streckte Weber eine Hand entgegen: »Papiere zur Legitimation!«

»Was?«

»Können Sie sich ausweisen?«, fragte der Polizist und betonte jedes Wort.

Der Motor des Wagens sprang keuchend an und drehte sich dann stotternd im Leerlauf. Weber griff in die Innentasche seines Jacketts und zog seine Brieftasche hervor. Die Polizeimarke fiel ihm in den Schoß.

»Oh«, sagte der Wachtmeister bei ihrem Anblick.

Der Beifahrer stieg wieder in den Wagen. »Na, was gibt's denn?«, fragte er leutselig.

»Ich soll mich legitimieren«, erklärte Weber, während ihm sein Dienstausweis herunterfiel. Um sie herum quäkten Hupen, Fahrradklingeln rasselten schrill, und eine weitere Tram bimmelte hysterisch.

Der Beifahrer brach in fröhliches Lachen aus. »Mensch«, sagte er zu dem Polizisten, »haben Sie denn das Schild da nicht gesehen?« Er deutete zum Heck des Wagens. Dort war ein Schild angebracht: »Fahrschule Pinkus - Vorsicht!« Allerdings nur auf der dem Bürgersteig abgewandten Seite. Weber hatte sich die ganze Zeit schon gefragt, ob das so korrekt war.

Offenbar nicht, denn der Verkehrspolizist zückte nun den Block mit den Strafzetteln und ging zum Heck des Opels. Er notierte das Kennzeichen und schrieb sich den Namen der Fahrschule auf, den er laut vor sich hin murmelte.

»Na, da haben Sie mir ja was Schönes eingebrockt«, schimpfte der Fahrlehrer.

Weber klaubte seine Papiere auf und drehte sich nach hinten. »Aber hat der denn noch immer nicht verstanden, dass ich .«

»Vorschrift ist Vorschrift, das muss wohl .«, sagte der Fahrlehrer bissig.

Der Verkehrspolizist trat wieder an die Fahrertür und ließ sich von Weber die Papiere geben. Er studierte den Dienstausweis mit gefurchter Stirn und sagte jede Silbe laut vor sich hin. Dann knallte er die Hacken zusammen und salutierte.

»Jawohl, Herr Kriminalkommissar!«

»Herrje, stehen Sie doch bequem .«

»Herr Kriminalkommissar lernen also das Chauffieren.«

»Autofahren, ja. Man muss mit der Zeit gehen«, versuchte Weber die Situation aufzulockern.

Der Verkehrspolizist warf einen kurzen Blick auf die Kreuzung, um die Lage einzuschätzen. Kraftwagen, Pferdedroschken und eine Bierkutsche rollten vorbei. Kein Chaos, keine Gefahr - die Ampel machte es möglich. Der Wachtmeister kniff die Augen zusammen, so fest, dass es aussah, als wollte er sie absichtlich vor etwas verschließen, und sagte: »Könnte es sein, dass dieser Fahrunterricht im Rahmen dienstlicher Belange erfolgt?«

Weber schaute ihn verwirrt an.

Der Fahrlehrer kapierte schneller. »Er soll zukünftig automobilisierte Verbrecher jagen.«

»Verstehe. Offizielle Lehrstunde also. Gut. Sie können weiterfahren, Herr Kommissar.«

»Danke.«

»Keine Ursache.« Der Verkehrsbeamte streckte die Hand aus und hielt dem Beifahrer einen Strafzettel unter die Nase. Der Fahrlehrer sah ihn fragend an.

»Vorschrift ist Vorschrift«, sagte der Beamte.

»Aber das ist doch .«, begann Pinkus zu protestieren.

Der Wachtmeister trat zurück und legte die Hand an die Mütze. Weber kuppelte in den ersten Gang, gab Gas und lenkte den Wagen über die Kreuzung nach links in den Neuen Jungfernstieg. Sie schnurrten am Hotel Vierjahreszeiten vorbei, bogen wieder links ab auf den Jungfernstieg, passierten den Alsterpavillon, wo auf der Terrasse im ersten Stock zwischen den Topfpalmen zahlreiche gerüschte Sommerschirmchen aufgespannt waren, mit hübschen Köpfen darunter.

»Achten Sie auf den Verkehr, Weber!«

Droschkenstau. Weber musste fleißig lenken, bog in den Neuen Wall ein und hielt schließlich am Ende der Straße vor der Polizeizentrale im Stadthaus. Die Fahrstunde war zu Ende.

»Abgesehen vom Linksabbiegen ganz passabel, Herr Weber«, sagte Pinkus. »Prüfung in zwei Wochen. Prägen Sie sich die Verkehrsregeln ein! Und vor allem eins: Konzentration!«

»Jawohl.« Weber stieg aus und verabschiedete sich.

Als er kurz darauf durch den schier endlosen, arg verwinkelten Flur zu seinem Dienstzimmer ging,...

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