Vater und Sohn unterwegs

 
 
Ullstein Ebooks in Ullstein Buchverlage
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 10. März 2017
  • |
  • 208 Seiten
 
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978-3-8437-1387-0 (ISBN)
 
Heðin Brú, der wichtigste Autor der Färöer-Inseln, erzählt von dem alten Fischer Ketil, der Schulden von einer Walfleischauktion hat und alles Mögliche unternimmt, um sie zu begleichen. Er muss feststellen, dass der Fortschritt auch auf den abgelegenen Färöern Einzug hält und dass er nicht mehr recht Schritt halten kann. Trotzdem kämpft er einen tapferen Kampf um seine Ehre, die er sich nicht nehmen lassen will. Brú beschreibt kraftvoll und zugleich mit großem Einfühlvermögen Ketils persönlichen Spagat zwischen Tradition und Moderne.
1. Auflage
  • Deutsch
  • Deutschland
  • 1,34 MB
978-3-8437-1387-0 (9783843713870)
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Heðin Brú (1901-1987), eigentlich Hans Jacob Jacobsen oder Hans Jákup í Stovuni, stammt aus dem Ort Skálavík, der am östlichsten Zipfel der färöischen Insel Sandoy liegt. Brú fuhr als junger Mann als Fischer zur See und arbeitete als Landwirtschaftsberater auf den Färöer-Inseln. Heðin Brú ist heute ein färöischer Klassiker und es gelang ihm, die färöische Sprache auch als Literatursprache zu etablieren. Er schrieb neben einigen kurzen Romanen zahlreiche Erzählungen, war Mitherausgeber der Literaturzeitschrift »Varðin« und übersetzte u. a. William Shakespeare ins Färöische.

I


Es liegt eine Schule von Grindwalen im Seyrvágsfjord, eine Anzahl schweigender Wale, die ihre Kreise ziehen und zum offenen Meer streben, da hier ihr Revier nicht liegt; Männer haben sie von ihrer Zugbahn in die Ferne abgedrängt und in die Enge getrieben.

In Seyrvágur sind alle auf den Beinen. Autos, vollgepackt mit Menschen, kommen von der anderen Seite der Insel über den Berg herab und drängen sich hupend zwischen den Häusern, vollbesetzte Boote durchpflügen den Fjord und setzen ihre Passagiere an Land ab. Jeder Trampelpfad zwischen den Ortschaften ist gesäumt von Färingern, die im Laufschritt nach Seyrvágur streben. Aus allen Richtungen strömen Menschenmengen in dem sich füllenden Ort zusammen. Auf jedem freien Platz um die Häuser scharen sich die Massen. Sie fluten die Treppen hinauf in die Häuser, ergießen sich auf die Wege hinaus, auf die Landungsbrücken und die Boote. Eine große, tatkräftige Schar breitgewachsener Grindwalfänger.

Da sieht man alte, gedrungene Männer, die von Kopf bis Fuß in zweifach übereinander gezogener Lodenmontur stecken, hartgewalkt, eine Kapuzenhaube um die Schultern, ein Tuch um die Schuhe und mit Schlagseite von schweren Schlachtmessern. Das sind die, die mit Rudern und auf den Trampelpfaden zwischen den Ortschaften aufgewachsen sind. Für sie war jedes Verlassen ihrer Ortschaft eine weite und gefahrvolle Reise in die Fremde. Sie sind für gefährliche Kämpfe auf See gerüstet, und ein Hauch von schlechten Zeiten umgibt sie. Diese Männer stapfen schwer drein, machen wenig Lärm, brauchen wenig Worte.

Dort sieht man junge Männer in Pullover und Overalls gekleidet, mit Schirmmützen auf dem Kopf. Sie sind so, wie sie gerade waren, von zu Hause aufgebrochen, denn es war ja bloß ein Ausflug zum Grindwalfang nach Seyrvágur. Sie sind es, die die Straßen und die Landungsstege angelegt haben und die gelernt haben, mit Motoren umzugehen und Decks in Boote einzuziehen. Diese Männer messen Zeiten und Strecken anders als die Alten. Ihre Wege sind schneller zurückgelegt und die Tage ausgefüllter als die der Alten. Und diese Männer treten leichter auf und haben ein heitereres, unbefangeneres Gemüt als die Alten.

In Seyrvágur springen alle Türen auf, und freundlich dreinblickende Seyrvinger stehen auf den Treppen und laden ein: »In Gottes Namen steht nicht draußen herum, kommt herein und esst was.« Und so füllten sich die schmalen Räume der Häuser, aber die Räume im Herzen fühlten keine Enge.

An dem Morgen, an dem die Nachricht von den Grindwalen kam, standen Ketil und sein Sohn Kálvur auf der Wiese bei der Heuernte. Als sie die Rufe hörten, warfen sie augenblicklich ihre Sensen beiseite und eilten zum Haus. Längst waren da schon die Motoren der Autos angelassen, und am Landungssteg tuckerten die Motorboote. Ketil aber war der Meinung, dass sie zu Fuß gehen sollten: »Das Geld können wir woanders besser gebrauchen«, meinte er. Kálvur gefiel die Aussicht, über die Berge zu gehen, gar nicht, doch Ketil versuchte ihn zu überzeugen: »Du bist doch dumm bist du, Geld für diese Autos da auszugeben.« Er strich mit der Hand den Oberschenkel hinunter und breitete die Arme aus: »Wenn wir das Geld sparen, um davon Grindwalfleisch zu kaufen, dann bekommen wir ein Stück Walspeck, so dick wie von hier bis da.« Das wühlte Kálvur ordentlich auf und er war bereit zu gehen.

Sie ziehen sich warm an, binden sich einen Fanghaken, einen Walspeer sowie Leine, Treibsteine und Harpunen um und dann los.

»Vater, sieh wie schnell die Autos fahren«, sagt Kálvur voller Neid und geht gebückt unter seiner Last.

»Denk an den Speck, mein Kind, und beklage dich nicht, wir werden schon nach Seyrvágur kommen, auch der bedächtig geht, kommt weit. Jetzt werden wir schön langsam zum Bergpass Hálsur hinaufsteigen. Wir haben keine Eile. Gewöhnlich gehts auch mit der Grindwaljagd im Seyrvágsfjord nicht eins-zwei-drei.«

»Sollen wir nicht lieber doch den richtigen Weg nehmen, Vater?«, fragt Kálvur und stößt mit den Zehen an einen Stein.

Nein, das wollte Ketil nicht. »Dieser alte Pfad ist mein Lebtag gut genug gewesen, so wird er uns auch heute taugen.«

Kálvur lässt sich überzeugen, und so schleppen sie sich unter ihrer Last weiter voran. Ketil seufzte tief und stöhnte: »Oh gebe der Herr, dass man diese Grindwale erlegt, darum bete ich. - Nein, ich hab keine Kraft mehr, die Füße zu rühren, es ist völlig sinnlos, ich bin schweißgebadet. - Oh gebe der Himmel, dass die Grindwale erbeutet werden, das wünschte ich. Oh ja, dies wird das letzte Mal sein, dass ich zur Grindwaljagd reise, das seh ich.« So jammert der Alte vor sich hin und schleppt seine schwere Bürde den Berg hinauf, aber den ordentlichen Weg nehmen - im Leben nicht!

Sie kommen nach Seyrvágur und hinunter auf einen Anleger. Hier wird ein Boot gerade mit Wurfsteinen zum Waltreiben beladen: »Können wir mit euch mit?« »Aber klar!« So hieven sie ihre Lasten in das Boot und packen mit an.

Eben als sie alles verladen haben, wird es an Land lebhaft, man hört erregte Stimmen vom Ort her und von Stórá eilt eine Menschenmenge heran. Während sich die Menge den Weg Bakki entlangbewegt, schließen sich ihr immer mehr an, und als sie bei den Bootshäusern angekommen sind, ist das ganze Dorf dabei. An der Spitze geht der Grindwal-Anführer, ein stattlicher, kräftiger Mann aus Seyrvágur. In einer Hand hat er einen Walspeer, in der anderen einen Lammschenkel. Er hats recht wichtig, schreitet gravitätisch und fest einher, er hat eine schwere Arbeit vor sich, nun gilt es zu zeigen, was er sowohl als Grindwalfänger als auch als Mann aus Seyrvágur taugt. Er springt ins Boot und stößt ab: »Jetzt fahren wir zu dem Treiben.«

Die Boote setzen sich in Bewegung. Die Motoren schnurren, die Dollen knarren, Segel blähen sich im Wind. So fährt die gesamte Flotte hinaus zu den Grindwalen.

Ketil und Kálvur sind in einem Boot für sechs Männer untergekommen, das Trøllið, der Troll, heißt. Der Alte ist vom Fußmarsch völlig erschöpft und bittet die Bootsleute, ihn vom Rudern auszunehmen. - Das ist doch klar. - Dann lässt er sich auf den Hecksitz nieder, spuckt über das Wasser hinweg in ein anderes Boot und sagt: »Setzt mich an Land ab, sobald ihr beim Hólmi draußen seid. Beim Schlachten werd ich wohl zu nichts mehr gut sein können. Aber wenn mir ein Wal am Strand vor die Füße kommt, dann könnt es schon sein, dass ich ihn in die ewigen Jagdgründe befördere.«

»Ans Land bringen wir Euch noch«, versicherten die Männer. Einer bittet ihn um ein Priem. »Ja, ja, natürlich«, er fängt an, in seiner Westentasche zu suchen, »das Stück Kautabak an Bord gehört in solchen Fällen allen.«

Die Männer sitzen da und wägen ihre Erfolgsaussichten bei den Grindwalen ab. Kálvur sitzt nur dabei und lauscht gespannt ihren Gesprächen, beteiligt sich aber nicht daran. Wenn sie ihn ansprechen, antwortet er leise, senkt den Blick und läuft rot an. Er hätte ja zu gerne gewusst, wo der Grindwal nun war, aber er brachte die Frage nicht heraus, denn vielleicht wars ja seltsam, vielleicht wussten es alle sowieso schon, oder vielleicht war es komisch, danach zu fragen, wo die Grindwale waren - aber sie waren doch nicht immer am selben Ort. Nein, besser wars, sich zurückzuhalten und nichts zu sagen, denn das waren fremde Männer. Stellte er eine dumme Frage, würde er sich noch zum Gespött machen. Er konnte es sich schon ausmalen, was sie ihm geantwortet hätten: »Die Grindwale sind bei Seyrvágur«, hätten sie gesagt. »Das weiß ich, aber wo bei Seyrvágur?« - »Im Fjord«, worauf sie in schallendes Gelächter ausgebrochen wären. Ein anderer hätte hinzugefügt: »Nein, droben im Ort sitzt unser Grindwal, mit verschränkten Armen am Haus Ólavsstova.«

Kálvur ärgerte sich im Stillen, als Fremder auf diese Art behandelt zu werden: »Dann hätten sie mich doch besser gar nicht erst mit aufs Boot genommen, ich wär schon auch bei anderen als diesem groben Haufen untergekommen.«

Die Grindwalschule treibt still vor Selvík, als die Boote sie erreichen. Der Bezirksvorsteher fährt zu denen hinaus, die tagsüber Wache gehalten hatten, kehrt anschließend zurück, und die Boote bringen sich in Position für die Treibjagd.

Die Walschule schwingt mit den Wellen auf und ab, dicht aneinandergedrängt halten die Wale ihre bulligen Köpfe aus dem Wasser, dümpeln senkrecht dahin, sinken wieder zurück, heben sich zum Atmen heraus, sinken wieder zurück, so geht es die ganze Zeit. Manchmal werden sie ein wenig zueinandergetrieben und scheuern sich aneinander. Dann knarzt die Walhaut und die alten Männer spitzen die Ohren, um dieses Geräusch besser zu hören, dieses wunderbare, verheißungsvolle Geräusch von der reichen Beute, die von dem mächtigen, geheimnisvollen Meer zu ihnen hereingekommen ist.

Langsam nähern sich die Grindwalfänger, die Treibsteine in der Hand, dann werfen sie die Steine, um die Wale vor sich herzutreiben. Die Wale schrecken zusammen, schlagen ihre Fluken hoch über den Rücken und tauchen ab. Die Boote halten an: »Wo werden sie wohl wieder heraufkommen?« - Ah dort, draußen bei Múli kamen sie wieder in Sicht und hielten auf den Fjordausgang zu. Die Boote setzten ihnen nach, die Schule strebte mit unvermindertem Tempo auf die enge Bucht an dem kleinen Felseiland Tindhólmur zu, aber so schnell, dass ihr kein Boot folgen konnte. Als die Wale die Landnähe wahrnahmen, drehten sie langsam wieder meerwärts, doch dort schnitten ihnen die Boote den Weg ab und konnten sie so aufhalten. Darauf wandte sich die Walschule erneut landwärts und bewegte sich an der Längsseite des...

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