Hochsensibel Mama sein

Das Ressourcen-Buch
 
 
Beltz (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Februar 2020
  • |
  • 291 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-407-86625-7 (ISBN)
 
Zwischen unglaublicher Erschöpfung und unendlicher Liebe. Zwischen extrem hohen Ansprüchen, schlechtem Gewissen und totaler Überreizung. Für hochsensible Mütter ist das Leben mit Kindern besonders anspruchsvoll. Dieses Buch hilft, ihre ganz persönlichen Herausforderungen in Stärken zu verwandeln. Vor dem Hintergrund neuester Forschungsergebnisse und persönlicher Erfahrungen bietet Kathrin Borghoff, selbst hochsensible Mutter, Strategien und Übungen für Mütter, die direkt im Alltag umsetzbar sind. Ihr positiver, bejahender Ansatz weist Wege, ihr besonderes Temperament mit einer bindungsorientierten Erziehung ihrer Kinder zu verbinden. Denn hochsensible Menschen können sich durch ihre Feinfühligkeit besonders öffnen für die Bedürfnisse anderer. Wer weiß, wie gezielte Stressreduktion, Achtsamkeit und Entspannung auf die eigene Situation anzuwenden sind, wird am Ende die besondere Feinfühligkeit als Geschenk annehmen.
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Kathrin Borghoff wurde 1987 geboren. Sie gilt als eine der wichtigsten Expertinnen zu hochsensibler Mutterschaft und ist bekannt durch Workshops und Vorträge. Auf ihrem erfolgreichen Blog www.oeko-hippie-rabenmuetter.de schreibt sie zu Familienthemen rund um Bindung und Beziehung. Ihre eigene Hochsensibilität erkannte sie erst, als sie selbst Mutter geworden war. Sie gründete die Familienschule Dortmund und bildete sich fort zum Familiencoach mit den Schwerpunkten Hochsensibilität, Stressreduktion durch Achtsamkeit und Entspannungspädagogik. Mit ihren zwei kleinen Söhnen und ihrem Mann lebt sie in Dortmund.

Kapitel 1

Hochsensibilität ist keine Krankheit


Auf der Suche nach einer Diagnose: Annette


Annette ist Ende 20 und aufgrund ihrer Unsicherheit beim Stillen zu mir gekommen. Sie ist sich nicht sicher, ob sie das alles so richtig macht, ob das, was sie tut, ihrem Baby reicht. Sie hat Angst und will das Beste für ihr Kind.

Nachdem ich mit ihr ein paar Werte und den Tagesablauf durchgegangen bin, sie mir von der Geburt und der ersten Zeit mit ihrem Baby zu Hause erzählt hat, sage ich ihr, dass es nicht den kleinsten Verdacht gibt, dass ihre Milch nicht reichen oder dem Baby gar etwas zustoßen könne. Ich spüre, dass sie das nicht zufriedenstellt, und so lege ich ihr in Zahlen dar, in greifbaren Werten, was pathologisch wäre und wie weit ihr Baby davon entfernt ist. Annette ruft mich in den nächsten Wochen trotzdem noch regelmäßig an, wenn sie unsicher wird, und erzählt dann, irgendwann in einem Nebensatz, dass sie an einer Angststörung leide und sich sicherlich deshalb so fertigmachen würde. Ich lade die junge Mutter in meinen Babykurs ein, nachdem sie mir erzählt, wie lang und oft am Tag ihr Kind schreit. Nach der ersten Kursstunde ist mir klar: Annette ist hochsensibel.

Wir vereinbaren einen Termin, bei dem wir uns über ihr Leben unterhalten. Sie schildert mir ihre Geschichte, und auf meine Frage, wie lange sie denn ihre Angststörung schon habe, antwortet sie:

»Also wenn du mich so fragst . eigentlich war ich so, seit ich denken kann.«

Bis zu diesem Tage hatte Annette noch niemals etwas von Hochsensibilität gehört und sich darum auch nicht damit befasst. In unserem Gespräch weint sie - aus Erleichterung darüber, dass ihr überhaupt mal jemand zuhört und sie reden kann. Denn tatsächlich ist es genau dieses Gefühl, das sie ihr Leben lang begleitet: Sag lieber nichts. Dich versteht sowieso niemand. Und falle niemandem zur Last, du Mimose. Annette wächst auf mit der Überzeugung, ihre Gefühle könnten so, wie sie sind, nicht normal sein - ja, tatsächlich ist sie fast ihr ganzes bisheriges Leben lang der festen Überzeugung, dass sie krank sein müsse. Ihre Ängste, ihre tiefen Gefühle, die ständige Trauer, die schnelle Überforderung . das kann nicht normal sein. In ihrem Umfeld ist sie die Einzige, die so empfindet. Bis auf eine: ihre eigene Mutter, die selbst so ängstlich und gefühlsstark ist, dass Annette schnell Strategien entwickelt, ihr nicht noch zusätzlich eine Belastung zu sein und sie zu schützen.

Annette, deren Freunde über ihre Ängste und Zweifel stets die Nase rümpfen, sie abwerten oder einfach nicht nachvollziehen können, sucht diverse Ärzt*innen und Therapeut*innen auf, um sich von Kopf bis Fuß durchchecken zu lassen. Nach vielen Jahren, in denen sie der festen Überzeugung war, krank zu sein, gibt es endlich Entwarnung. In einem großen Check-up stellt man fest, dass sie kerngesund ist. Keine Tumore, keine Entzündungswerte, ein gesundes Herz und überhaupt - alles in bester Ordnung. Doch anstatt darauf anzustoßen und sich zu freuen, dass sie ein gesundes Leben führen kann, bricht die nächste Verzweiflung aus: Warum, wenn ich gesund bin, bin ich dann so anders? Wie kommt es, dass ich so tief fühle, ständig eine solche Angst habe, mich tief hineinsteigere und an manchen Tagen nicht einmal das Haus verlassen kann? Annette gibt keine Ruhe und reiht einen Arztbesuch an den nächsten. Sie sucht nicht nach einer Bestätigung ihrer Gesundheit, nein: Sie sucht nach einer Diagnose. Nach einem tröstenden Etikett, das ihr endlich sagt, dass sie nicht verrückt ist und sich das alles auch nicht einbildet. So dringend braucht sie eine Krankheit, die sie endlich verstehen lässt, wieso sie ist, wie sie ist. Annette findet schließlich einen Neurologen, der ihr die Diagnose »Angststörung« ausstellt, ihr eine therapeutische Begleitung nahelegt und eine Therapie anordnet.

Wenige Jahre später wird sie Mutter und erlebt die gleichen Ängste, die gleichen Sorgen, die gleichen Gefühle - nur tausendfach verstärkt. Denn jetzt hängt da ein Baby mit dran, ein Kind, das sie sich so sehr gewünscht hat und das ihr neben all der Angst und Sorge auch diese überbordende Liebe, die überschwängliche Freude, die explosive Euphorie und die unendliche, tiefe Verbundenheit schenkt. Und das schreit. Das den ganzen Tag schreit, sich kaum beruhigen lässt, dem alles zu viel ist, das ständig irgendetwas braucht und das Annette einfach nicht versteht. Und obwohl sie alles richtig macht, ihr Kind liebt, schützt und pflegt, aufmerksam und liebevoll ist, sich gleichwohl schützend vor es stellt und loslassen kann, keimt ein Gedanke auf, der ihr Leben schon immer bestimmte und der der einzige Grund für diese Misere sein kann:

»Ich mache etwas falsch!«

Als ich Annette erkläre, was in ihrem Gehirn passiert, was Hochsensibilität ist und dass die Möglichkeit besteht, dass sie vielleicht gar keine Angststörung hat oder diese zumindest mit ihrer Hochsensibilität zusammenhängt, fängt sie erneut an zu weinen. Sie kann nicht glauben, dass sie ihr halbes Leben nach einer Krankheit gesucht hat, die man heilen könnte, und nun erfährt, dass es da womöglich gar nichts zu heilen gibt. Leicht fühlt sich das gerade nicht an, im Gegenteil. Wie erleichternd kann es denn auch schon sein zu hören, dass man das, was man an sich am meisten hasst, niemals wieder loswird?

Annette verlässt den Beratungsraum und steigt in meine wöchentliche Gruppe für hochsensible Mütter und Mütter hochsensibler Kinder ein. In den nächsten Wochen wird sie drei weitere Frauen kennenlernen, die ihr Leben mit »Angststörung« meistern. Sie wird auf Frauen treffen, die eine ähnliche Geschichte hinter sich haben, die ihre Gedanken teilen, die ihre Gefühlswelt verstehen, die sogar selbst Schreibabys haben. Sie wird weinen über die Freude, verstanden zu sein, und lachen über die vielen verrückten Gemeinsamkeiten, die sich ergeben. Sie wird fragen »Kennt ihr das auch?« und oft ein Nicken ernten. Sie wird Geschichten lauschen und »Genauso ist es bei mir auch« denken.

Zum ersten Mal in ihrem Leben wird Annette aufhören, zu suchen, und ankommen - begleitet von Menschen, unter denen sie kein Alien ist.

Hochsensibel geboren


Mein Sohn Peter wurde hochsensibel geboren. Genau wie ich selbst und viele andere Menschen in meiner Familie. So wie auch Annette. Und wie du vermutlich auch. Denn deine Hochsensibilität ist Veranlagung, ein Persönlichkeitsmerkmal - etwas, das wir mit deiner Augen- oder Haarfarbe vergleichen könnten, mit deinem Temperament, deiner Stimmfarbe, deiner Körpergröße, die von Anfang an in deinem genetischen Material festgelegt war. Du kamst mit deiner Hochsensibilität auf die Welt und lerntest doch nicht von Beginn an, mit ihr zu leben. Tatsächlich prallten Welten aufeinander: die feinfühlige, sensible Welt in deinem Inneren, in der Werte, Gefühle, Gedanken und Träume eine maßgebliche Rolle spielen, und die Welt im Außen, die auf Leistung, gesellschaftliche Anpassung und Zielsetzung ausgerichtet ist. Für hochsensible Menschen wie dich ergibt sich nicht selten ein Spagat, der sich anfühlt, als wäre er nicht zu bewältigen.

Und so bist du vielleicht bisher durch dein Leben spaziert und immer wieder an Grenzen gestoßen. Zum Beispiel, weil du einen ganz besonderen Blick auf die Welt und ihre Schönheit hast. Oder weil du dich besonders gern mit Künstlerischem beschäftigst, dich tagelang mit Musik oder deiner Malerei einschließen und die Welt vor der Tür lassen kannst. Vielleicht hast du nicht viele Freunde und willst auch gar nicht unbedingt jeden Tag jemanden um dich herum haben. Oder es ist das genaue Gegenteil: Du liebst es, Menschen um dich zu haben, und fühlst dich trotzdem oft einsam und unverstanden. Etwa, weil du sehr hohe Ideale hast, die für dich weitaus wichtiger und dringender sind als Freundschaft. Oder weil du dich gar nicht wirklich traust, dich zu zeigen, wie du wirklich bist, aus Angst, deine besonders feinen Antennen und Gedanken könnten dazu führen, dass man dich auslacht, nicht ernst nimmt oder mit Missachtung straft. Und tatsächlich hast du so etwas auch schon am eigenen Leibe erfahren. Im Großen oder Kleinen. Du fühlst und denkst, was andere nicht empfinden. Und die meiste Zeit fühlt es sich an, als...

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