Das Bauwerk der Sehnsucht

Roman -
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. September 2021
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-26611-0 (ISBN)
 
Zwischen Heimweh und Sehnsucht, Fortschritt und Widerstand - der zweite Band der Familiensaga um die Mandelli-Frauen

1978. Als Rosalba beschließt, in die Schweiz auszuwandern, bricht sie ihrer Mutter Aurora das Herz. Doch die Neunzehnjährige sehnt sich nach Freiheit und Fortschritt, während in Italien die Arbeitslosigkeit regiert und das Bauunternehmen der Familie um jeden Auftrag kämpfen muss. Sie lässt sich zur Maurerin ausbilden. Nur wenige Jahre später übernimmt Rosalba das Bauunternehmen eines Cousins in den Schweizer Alpen - und lernt Remo kennen, einen Architekten, der ihre Träume versteht und ihrer Sehnsucht ein Zuhause gibt. Doch Rosalba stößt auf ungeahnten Widerstand. Einer Frau an der Spitze eines Bauunternehmens traut man nicht, ihre Firma wird boykottiert. Schon bald steht das Familienunternehmen kurz vor dem Ruin. Und Rosalba erwartet Zwillinge ...
  • Deutsch
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Heyne
  • 1,16 MB
978-3-641-26611-0 (9783641266110)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Ladina Bordoli wurde 1984 in der Schweiz geboren. Seit ihrer Ausbildung zur Fachfrau für Unternehmensführung arbeitet sie im elterlichen Bauunternehmen und führt eine eigene Werbetechnik-Firma. Ihre Leidenschaft gilt jedoch dem Schreiben, dem sie sich überwiegend am Wochenende und an den Feiertagen widmet. Sie lebt im Prättigau, einem kleinen Tal in den Schweizer Alpen.

Kapitel 1

Argegno, Norditalien

Oktober 1978

Rosalba nahm eine Scheibe Brot, schöpfte eine Portion carpaccio di bresaola und beträufelte das Trockenfleisch mit Olivenöl und Balsamico.

Der Briefumschlag, der am Abend für sie in der Post gewesen war, lag neben ihr. Die Rückseite des Kuverts verriet, dass es sich bei dem Absender des Schreibens um Remo Albrecht handelte. Der junge Architekt, den Rosalba während ihres Praktikums in der Schweiz kennengelernt hatte, sandte ihr bereits den zweiten Brief seit ihrer Abreise vor wenigen Wochen. Natürlich hatte sie sein erstes Anschreiben umgehend beantwortet.

»Wie gefällt dir das Buch über Coco Chanel, das dir Madrina Marisa zum Geburtstag geschenkt hat?« Papa tupfte sich mit der Serviette die Lippen ab und schaute Rosalba mit hochgezogenen Augenbrauen und einem interessierten Lächeln an.

Aus ihren Gedanken hochgeschreckt, starrte sie ihn einige Sekunden lang schweigend an, ehe sie sich an seine Frage zu ihrem neunzehnten Geburtstag im September erinnerte. »Sehr gut, es ist unglaublich inspirierend.« Sofort senkte sie den Blick und widmete sich erneut ihrem Essen. Sie war viel zu aufgewühlt, um sich mit ihren Eltern zu unterhalten. Immer wieder zuckten ihre Augen in Richtung der Nachricht. Gewaltsam riss sie sich los und versuchte, sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Während ihr Vater von irgendwelchen ärgerlichen Auseinandersetzungen mit den Behörden und gegnerischen Advokaten erzählte, schaute sie zu den nach Norden gerichteten Fenstern hinaus, durch die nun das letzte matte Tageslicht hereinfiel. Vom Tisch aus war der etwas tiefer liegende Garten, das Meisterstück ihrer Mutter Aurora, leider nicht zu sehen. Man erkannte bloß den im Abendlicht glitzernden Teppich des Sees und die Bergketten am Horizont. Rosalbas Blick glitt zurück in den Essraum.

Wie eine Kuppel spannte sich die schon etwas in die Jahre gekommene bemalte Zimmerdecke über ihren Köpfen. Die einem wolkigen Himmel bei Sonnenuntergang nachempfundene Malerei ließ zahllose Pastelltöne von Blau bis Rosa harmonisch miteinander verschmelzen. Da Papa es nicht mochte, das Abendessen im Dämmerlicht einzunehmen, war der Kronleuchter, der über dem Tisch hing, bereits angezündet worden und tauchte den Raum in goldenes Licht. Massive lackierte Holzmöbel, deren Farbtöne an flüssigen Honig und geschmolzene Schokolade erinnerten, standen im Raum verteilt. Der Esstisch, der aufgrund seiner Ausmaße eher für rauschende Bankette gedacht war, bestand ebenfalls aus dunklem Holz. Die geschwungenen Beine verliehen ihm etwas Verspieltes. Der viel zu bunte orientalische Teppich, der während Rosalbas Kindertagen den Boden bedeckt hatte, war vor einigen Jahren in ein anderes Zimmer verlegt und durch ein altrosa Exemplar ersetzt worden, das besser zur Deckenmalerei passte. Ihre Mutter hatte sich nach jahrelangen Diskussionen endlich durchgesetzt. Das wertvolle Flechtwerk schmückte nun ein Gästezimmer in einer der oberen Etagen.

Obwohl Rosalba sich redlich bemühte, alles detailliert anzusehen, bloß nicht das ..., endete ihr Blickspaziergang ausgerechnet dort. Schon wieder.

Bei dem ungeöffneten Briefumschlag.

Was er wohl geschrieben hatte?

»Hattet ihr einen guten Arbeitstag?« Papa blickte sie und Mamma der Reihe nach an und hob fragend eine Augenbraue.

»Ja«, beantwortete ihre Mutter die Frage. »Wir haben heute mit dem Bau einer Natursteinmauer rund um den Froschteich einer Familie in Castiglione begonnen. Der Anfang ist uns gelungen, wie ich finde. Allerdings sieht unser Arbeitsvorrat bis zum Jahresende noch etwas spärlich aus. Ich hatte gehofft .«

Ob er seine Reiseabsichten zwischenzeitlich durchdacht und festgelegt hatte?

»Rosalba?«

Sie fuhr erschrocken aus ihren Gedanken hoch und starrte ihren Vater an, als sehe sie ihn gerade zum ersten Mal. »Hm?«

Ein feines Schmunzeln zuckte um seine Mundwinkel und verlieh seinen Augen ein warmes Schimmern. »Ich fragte dich, ob du die Mauer beim Froschweiher geplant und kreiert hast oder ob es das Werk deiner Mutter war.«

Rosalba spürte Hitze aus dem Kragen ihrer Bluse ihren Hals hinaufwallen. »Das war meine Planung. Ich habe mich an der Optik einer Burgruine orientiert. Die Natursteinmauer ist ungleich hoch und mit Lücken versehen, so vermittelt sie den Eindruck, halb verwittert zu sein. Der Wunsch der Kundin war etwas Dekoratives, das die Frösche jedoch nicht einsperrt oder in ihrem natürlichen Dasein einschränkt. Offenbar mögen die Tiere es, im Sommer auf solchen losen Steinformationen zu sitzen und die Sonne zu genießen.«

Gottlob schwang die Tür in diesem Moment auf, und Lucilla trug die Pasta herein. Penne aglio e olio. Sofort schöpfte sich Rosalba einen Teller Teigwaren und gab vor, sich auf das Essen zu konzentrieren.

Doch als sie nach der Gabel griff, um eine Penna aufzuspießen, zuckte ihr Blick unwillkürlich ein weiteres Mal zu dem ungeöffneten Brief.

Remo besaß eine ungewöhnlich geschwungene, sinnliche Handschrift. Rosalba Mandelli . Auf dem Briefumschlag sah es aus wie der Beginn eines mittelalterlichen Gedichtes. Märchenhaft und romantisch.

Hastig widmete sich Rosalba wieder den Speisen auf ihrem Teller und aß weiter. Nach dem Hauptgang blieb sie, wie es ihr die Erziehung ihrer Eltern nahegelegt hatte, am Tisch sitzen, bis alle fertig gegessen hatten. Doch zu ihrem Entsetzen musste sie feststellen, dass ihr Vater gemächlich nach den Wassermelonenstücken griff und sich ihre Mutter einige Trauben in den Mund schob. Ein Kribbeln und Jucken zuckte durch ihre Beine, und sie spürte, dass sie anfing zu schwitzen. Warum bloß musste es an Werktagen auch noch einen Nachtisch geben?

»Na los, geh in dein Zimmer und lies den Brief. Du machst mich nervös. Mamma und ich werden uns noch etwas unterhalten, in Ruhe einige Früchte essen und den Tag ausklingen lassen.« Papa schenkte ihr ein Lächeln und wedelte mit der Hand in Richtung der Tür.

Erlöst schob Rosalba den Stuhl zurück, griff nach dem Briefumschlag und verließ eilig den Raum. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, stieg sie die weiße Steintreppe mit dem roten Samtteppich hinauf in ihr Zimmer, wo sie die Tür hinter sich schloss und erleichtert ausatmete.

Dieser Raum war ihr Refugium, ihr Rückzugsort seit Kindertagen. Er umfasste die Ausmaße einer kleinen Wohnung und blickte hinaus auf die Zufahrt der Villa und die kleine geteerte Straße, die sich durch eine lockere Anordnung von Pinien, Korkeichen und Buchsbäumen den sanften Abhang hinunter in Richtung Argegno schlängelte. Jeden Abend tauchte die Sonne das Zimmer in goldenes Licht, ehe sie hinter dem Horizont verschwand.

War dieser lang gezogene Raum früher in Schlaf- und Spielbereich unterteilt gewesen, so füllte nun eine Sitzecke mit Salontisch die ehemalige Spielecke. Seit Rosalbas Kindheit beherrschte ihre Lieblingsfarbe ihr Reich: Ein dunkles Himbeerrot mischte sich in den schweren Vorhängen mit Goldstickereien. Sessel und Sofa waren mit einem himbeerrot-weiß gestreiften Stoff bezogen, und selbst die Bettwäsche war nach Möglichkeit in derselben Farbe gehalten. Kombiniert mit den dunkelbraunen Holzmöbeln, strahlte der Raum eine Mischung aus fruchtiger Frische und schokoladiger Behaglichkeit aus.

Ein Kamin, der sich gleich neben der Polstersitzgruppe befand, spendete Rosalba und ihren Freunden im Winter Wärme und Gemütlichkeit. Halb abgebrannte Kerzen und Kinderfotos verteilten sich über den Kaminsims. An der Wand neben dem Schlafplatz hing immer noch das Bild, das Madrina Marisa ihr zum zehnten Geburtstag geschenkt hatte. Träume groß, hatte sie auf dessen Rückseite geschrieben.

Rosalba warf sich auf das Bett und starrte die filigrane Schrift auf dem Briefumschlag eine geschlagene Minute lang an. Endlich öffnete sie den Brief mit zittrigen Fingern und trockenem Mund.

Liebe Rosalba,

herzlichen Dank für Deine interessante Briefantwort. Es freut mich außerordentlich, Post von Dir zu erhalten. Das Haus des Scheichs aus Dubai ist immer noch nicht fertig, hat er doch fast täglich neue Einfälle und Wünsche. Mein ehemaliger Ausbilder beschäftigt mich also weiterhin als Freiberufler, um den anspruchsvollen Stammkunden zufriedenzustellen. Zwischenzeitlich sind wir damit beschäftigt, ihm ein Wellnessgewölbe in der Optik eines Weinkellers zu erstellen. Gerade in den letzten Tagen ist mir daher bewusst geworden, wie sehr Deine italienischen Ideen an dieser Stelle fehlen. Bestimmt hättest Du als Grotto-Kennerin ein besonderes Auge für die Ästhetik eines solchen Raums. Natürlich ist mir Antonio stets eine wertvolle Stütze, doch schätze ich das Unkonventionelle an Deinen Visionen, die sich doch oft von meinen und Antonios unterschieden. Jedenfalls, wenn unser Blaublüter so weitermacht, läuft er der bekannten Lady Winchester noch den Rang ab. An Geld und Zeit mangelt es ihm jedenfalls nicht.

Bestimmt fragst Du Dich, wie es nun um meine Studienreise bestellt ist. Nun, ich habe in der Zwischenzeit tatsächlich eine Entscheidung getroffen. Ich unternehme in den Wintermonaten eine Reise nach Italien. Anfang des neuen Jahres starte ich. Es würde mich natürlich freuen, wenn wir uns im Zuge meiner Recherchen einmal sehen könnten. Gerne würde ich außerdem die Firma Deiner Mutter kennenlernen und mir einige Eurer Werke ansehen. Aus Deinen faszinierenden Erzählungen schließe ich, dass sie beeindruckend sein müssen. Sollte ein Treffen nicht möglich sein, bin...

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