Psychotherapie nach Flucht und Vertreibung

Eine praxisorientierte und interprofessionelle Perspektive auf die Hilfe für Flüchtlinge
 
 
Thieme (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Juli 2017
  • |
  • 208 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe DRM | Systemvoraussetzungen
E-Book | PDF mit Adobe DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-13-240750-3 (ISBN)
 
Psychologen und Ärzte müssen sich in der psychotherapeutischen Versorgung von Geflüchteten auf den kulturellen-religiösen Hintergrund, die oft traumatischen Vorerlebnisse im Heimatland und während der Flucht und auf die Schwierigkeit der Integration einlassen. Dieses Buch gibt Ihnen Sicherheit bei der Therapie von Geflüchteten und beleuchtet Spezifika der therapeutischen Beziehung unter interkulturellen, sprachlichen, rechtlichen und versorgungsbezogenen Aspekten. Im Vordergrund stehen Konzeption, Diagnostik und Behandlung von Traumafolgestörungen und deren Komorbiditäten wie z.B. Depressionen oder Suchterkrankungen. Der Blick auf spezifische Personengruppen innerhalb der Geflüchteten (z.B. alleinreisende Jugendliche, Familien, ältere Menschen), auf die Belastung professioneller Helfer und ein Praxisleitfaden runden das Buch ab.
  • Deutsch
  • 1
  • |
  • 1 Abbildung
  • |
  • 1 Abbildungen
  • 3,53 MB
978-3-13-240750-3 (9783132407503)
313240750X (313240750X)
weitere Ausgaben werden ermittelt
1 - Maria Borcsa [Seite 1]
1.1 - Innentitel [Seite 4]
1.2 - Impressum [Seite 5]
1.3 - Preface by the International Organization for Migration, the UN Migration Agency [Seite 6]
1.4 - Vorwort [Seite 8]
1.5 - Anschriften [Seite 9]
1.6 - Inhaltsverzeichnis [Seite 11]
1.7 - 1 Einführung [Seite 15]
1.7.1 - Krisenherde und Flucht [Seite 15]
1.7.1.1 - Geflüchtete schützen heißt global Verantwortung teilen [Seite 15]
1.7.1.2 - Globale Trends [Seite 15]
1.7.1.3 - Hauptgründe für traurige Höchstzahl [Seite 15]
1.7.1.4 - Geflüchtete bleiben meist in der Region, aus der sie stammen [Seite 15]
1.7.1.5 - Flucht in und nach Europa [Seite 16]
1.7.1.6 - Der Konflikt in Syrien als größte Flüchtlingstragödie [Seite 16]
1.7.1.7 - Weltweit steigt die Zahl bewaffneter Konflikte [Seite 17]
1.7.1.8 - Unterfinanzierung der Flüchtlingshilfe [Seite 17]
1.7.1.9 - Geflüchtete in Camps sind in der Minderzahl [Seite 17]
1.7.1.10 - Humanitäre Hilfe reicht nicht aus [Seite 18]
1.7.1.11 - Internationales Flüchtlingsvölkerrecht [Seite 18]
1.7.1.12 - Innereuropäische Verantwortungsteilung [Seite 19]
1.7.1.13 - Mangel an innereuropäischer Solidarität [Seite 19]
1.7.1.14 - New Yorker Erklärung zu Geflüchteten und Migrant(inn)en [Seite 20]
1.7.1.15 - Globaler Flüchtlingspakt in 2018 [Seite 20]
1.7.1.16 - Literatur [Seite 20]
1.7.2 - Flucht und Asyl: Rechtliche Rahmenbedingungen, aktuelle Daten und Trends [Seite 21]
1.7.2.1 - Die Entwicklung der Flüchtlingssituation weltweit [Seite 21]
1.7.2.2 - Asylsuchende in der Europäischen Union [Seite 22]
1.7.2.3 - Asylverfahren und Flüchtlingsschutz in Deutschland [Seite 24]
1.7.2.4 - Literatur [Seite 27]
1.7.3 - Die aktuelle Situation und Herausforderungen der psychiatrisch-psychotherapeutischen Gesundheitsversorgung von Geflüchteten in Deutschland [Seite 28]
1.7.3.1 - Einleitung [Seite 28]
1.7.3.2 - Versorgungsbedarf [Seite 29]
1.7.3.3 - Gesetzliche "Rahmenbedingungen [Seite 29]
1.7.3.4 - Zugang zum "Gesundheitssystem [Seite 30]
1.7.3.5 - Regionale und kommunale Unterschiede in der Gewährleistung und Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen [Seite 30]
1.7.3.6 - Herausforderungen und Perspektiven bei der Versorgung von Geflüchteten [Seite 31]
1.7.3.7 - Literatur [Seite 32]
1.8 - 2 Prävalenz körperlicher und psychischer Erkrankungen bei Asylsuchenden und Geflüchteten [Seite 33]
1.8.1 - Einleitung [Seite 33]
1.8.2 - Körperliche Erkrankungen [Seite 33]
1.8.2.1 - Infektionserkrankungen [Seite 34]
1.8.2.2 - Chronische nicht-übertragbare Erkrankungen [Seite 36]
1.8.2.3 - Gesundheit von minderjährigen Geflüchteten [Seite 36]
1.8.3 - Psychische Erkrankungen [Seite 37]
1.8.3.1 - Das Spektrum psychischer Erkrankungen [Seite 37]
1.8.3.2 - Posttraumatische Belastungsstörung [Seite 39]
1.8.3.3 - Depressive Störungen [Seite 40]
1.8.3.4 - Angststörungen [Seite 40]
1.8.3.5 - Schmerzsyndrome und somatoforme Beschwerden [Seite 40]
1.8.3.6 - Suizidale Gedanken [Seite 41]
1.8.3.7 - Suchterkrankungen und Substanzmissbrauch [Seite 41]
1.8.3.8 - Psychische Erkrankungen bei Minderjährigen [Seite 41]
1.8.4 - Literatur [Seite 43]
1.9 - 3 Allgemeine und spezifische Grundsätze zur psychotherapeutischen Arbeit mit Geflüchteten [Seite 46]
1.9.1 - Sprachliche Verständigung und Arbeit mit Dolmetscher(inne)n [Seite 46]
1.9.1.1 - Einführung [Seite 46]
1.9.1.2 - Dolmetschen [Seite 48]
1.9.1.3 - Rolle der Dolmetscher(innen) [Seite 49]
1.9.1.4 - Funktion von Vermittlungsdiensten [Seite 49]
1.9.1.5 - Standards des Gemeindedolmetschens [Seite 50]
1.9.1.6 - Anforderungen beim Einsatz von Laiendolmetscher(innen) [Seite 51]
1.9.1.7 - Einweisung von Laiendolmetscher(inne)n [Seite 52]
1.9.1.8 - Literatur [Seite 53]
1.9.2 - Interkulturelle Aspekte der Therapiebeziehung bei Migrations- und Fluchtgeschichte [Seite 54]
1.9.2.1 - Bedeutung der therapeutischen Beziehung [Seite 54]
1.9.2.2 - Kultur- und machtsensible Therapie [Seite 57]
1.9.2.3 - Literatur [Seite 65]
1.9.3 - Institutionelle Einflüsse auf die psychotherapeutische Arbeit mit geflohenen Menschen [Seite 66]
1.9.3.1 - Einleitung [Seite 66]
1.9.3.2 - Barrieren der Inanspruchnahme [Seite 66]
1.9.3.3 - Grundlegende Voraussetzungen auf institutioneller Ebene [Seite 67]
1.9.3.4 - Konkrete Umsetzungsschritte [Seite 69]
1.9.3.5 - Sprachbarrieren [Seite 70]
1.9.3.6 - "Diversity"-Management als Voraussetzung für ganzheitlich orientierte Behandlungsansätze [Seite 71]
1.9.3.7 - Literatur [Seite 72]
1.10 - 4 Psychotherapeutische Unterstützung bei Traumafolgestörungen und psychischer Komorbidität [Seite 74]
1.10.1 - Traumafolgestörung und psychische Komorbidität: Konzeption und Diagnostik [Seite 74]
1.10.1.1 - Trauma, Trauma-Ereignis, Traumafolgestörung - eine Begriffsklärung [Seite 74]
1.10.1.2 - Traumafolgestörungen [Seite 75]
1.10.1.3 - Trauma-Ereignisse und Belastungen im Kontext von Flucht und Vertreibung [Seite 77]
1.10.1.4 - Prädiktoren von Traumafolgestörung und Resilienzfaktoren [Seite 80]
1.10.1.5 - Psychische Komorbidität [Seite 81]
1.10.1.6 - Diagnostik der Traumafolgestörungen [Seite 82]
1.10.1.7 - Literatur [Seite 85]
1.10.2 - Therapie von Traumafolgestörungen: Gesamtbehandlungsplan, Therapieverfahren und deren Wirksamkeit [Seite 87]
1.10.2.1 - Therapieziele, Indikationsstellung und Gesamtbehandlungsplan [Seite 87]
1.10.2.2 - Traumatherapeutische Methoden und Techniken [Seite 89]
1.10.2.3 - Rahmenbedingungen und Zugang zur Versorgung [Seite 97]
1.10.2.4 - Behandlungsangebote [Seite 97]
1.10.2.5 - Literatur [Seite 99]
1.10.3 - Spezifische Situationen in der psychotherapeutischen Begegnung [Seite 101]
1.10.3.1 - Einleitung [Seite 101]
1.10.3.2 - Der narrative Ansatz [Seite 103]
1.10.3.3 - Das psychotherapeutische Gespräch [Seite 104]
1.10.3.4 - Erwartungen an die Psychotherapie [Seite 106]
1.10.3.5 - Unterschiedliche Symptomdarstellung [Seite 108]
1.10.3.6 - Kultursensible Diagnostik [Seite 109]
1.10.3.7 - Kultursensible Behandlung [Seite 111]
1.10.3.8 - Empfehlungen im Umgang mit Patient(inn)en aus anderen Kulturen [Seite 113]
1.10.3.9 - Literatur [Seite 114]
1.10.4 - Geflüchtete Patient(inn)en in der Krise - Möglichkeiten der psychotherapeutischen Unterstützung [Seite 115]
1.10.4.1 - Einführung [Seite 115]
1.10.4.2 - Kriseninterventionen im transkulturellen Setting mit Geflüchteten [Seite 123]
1.10.4.3 - Literatur [Seite 130]
1.11 - 5 Lebensabschnitte [Seite 132]
1.11.1 - Unbegleitete Kinder und Jugendliche [Seite 132]
1.11.1.1 - Unbegleitete minderjährige Geflüchtete - Ankommen in Deutschland [Seite 132]
1.11.1.2 - Psychotherapie mit unbegleiteten Kindern und Jugendlichen [Seite 136]
1.11.1.3 - Literatur [Seite 142]
1.11.2 - Familien [Seite 143]
1.11.2.1 - Einleitung [Seite 143]
1.11.2.2 - Kenntnisse aus der Migrationsforschung [Seite 143]
1.11.2.3 - Familie und Trauma [Seite 145]
1.11.2.4 - Soziokulturell traumatisierte Familien - Sprechen oder Schweigen? [Seite 146]
1.11.2.5 - Therapeutische Haltung [Seite 147]
1.11.2.6 - Überweisungskontexte und Aufträge [Seite 148]
1.11.2.7 - Therapeutische Methoden und Settings [Seite 149]
1.11.2.8 - Literatur [Seite 151]
1.11.3 - Ältere Menschen [Seite 152]
1.11.3.1 - Ältere Flüchtlinge [Seite 152]
1.11.3.2 - Psychischer Gesundheitszustand von älteren Flüchtlingen [Seite 152]
1.11.3.3 - Ressourcen älterer Flüchtlinge [Seite 153]
1.11.3.4 - Besondere Aspekte der seelischen Gesundheit [Seite 153]
1.11.3.5 - Gesundheitsverhalten [Seite 154]
1.11.3.6 - Krankheitsverständnis [Seite 154]
1.11.3.7 - Einfluss auf die Behandlung [Seite 154]
1.11.3.8 - Die therapeutische Arbeit [Seite 155]
1.11.3.9 - Literatur [Seite 156]
1.12 - 6 Vernetzung und Zusammenarbeit [Seite 157]
1.12.1 - Geflüchtete und Sozialberatung - ein Überblick [Seite 157]
1.12.1.1 - Rahmenbedingungen der Sozialen Arbeit mit Geflüchteten [Seite 157]
1.12.1.2 - Besondere Aufgaben der Sozialen Arbeit im Asylverfahren [Seite 160]
1.12.1.3 - Grenzen und Herausforderungen für Sozialarbeitende [Seite 163]
1.12.1.4 - Chancen der Sozialen Arbeit und Schnittstellen zur Psychotherapie [Seite 163]
1.12.1.5 - Literatur [Seite 165]
1.12.2 - Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen in aufenthaltsrechtlichen Verfahren [Seite 166]
1.12.2.1 - Die Begutachtung und ihre Hindernisse [Seite 166]
1.12.2.2 - Zur Problemlösung [Seite 174]
1.12.2.3 - Literatur [Seite 175]
1.13 - 7 Belastung und Selbstfürsorge der Helfer(innen) [Seite 176]
1.13.1 - Besondere Belastungen in der Psychotherapie mit Geflüchteten [Seite 176]
1.13.1.1 - Definition und Entstehungsmodelle der Sekundären Traumatisierung [Seite 176]
1.13.1.2 - Begriffsverwirrung "Compassion fatigue" und "Vicarious traumatization" [Seite 178]
1.13.1.3 - Studien zur Sekundärtraumatisierung [Seite 179]
1.13.1.4 - Studien zur Sekundärtraumatisierung im Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen [Seite 180]
1.13.1.5 - Literatur [Seite 181]
1.13.2 - Selbstfürsorge und Supervision [Seite 182]
1.13.2.1 - Erfahrungssituation von Helfer(inne)n [Seite 182]
1.13.2.2 - Supervision im Kontext der Arbeit mit geflüchteten Menschen [Seite 183]
1.13.2.3 - Inhalte und Themen in der Supervision - Fokus: Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Asylbewerber(inne)n und Flüchtlingsfamilien [Seite 185]
1.13.2.4 - Literatur [Seite 188]
1.14 - 8 Praxisleitfaden und Therapieführer [Seite 189]
1.14.1 - Diagnostik [Seite 189]
1.14.2 - Behandlungsangebote [Seite 194]
1.14.3 - Beratungs- und Behandlungszentren für Migrant(inn)en, Geflüchtete und Folteropfer [Seite 200]
1.14.4 - Telefonische Hilfsangebote für Geflüchtete und Folteropfer [Seite 201]
1.14.5 - Online-Hilfe: Informations-, Selbstfürsorge- und Therapiemodule für Flüchtlinge und belastete Helfer [Seite 201]
1.14.6 - Sachverständigen-Gutachter(innen) [Seite 201]
1.14.7 - Literatur [Seite 202]
1.15 - 9 Sachverzeichnis [Seite 204]

2 Prävalenz körperlicher und psychischer Erkrankungen bei Asylsuchenden und Geflüchteten


Christine Schneider, Kayvan Bozorgmehr

2.1 Einleitung


Eine zunehmende Zahl von Menschen flieht aus ihren Heimatländern vor Kriegszuständen und Hungersnöten und sucht Schutz in anderen Ländern. Deutschland beherbergt in absoluten Zahlen die größte Anzahl an Schutzsuchenden in Europa.

So stehen das deutsche Gesundheitssystem, aber auch Ärzte und Therapeut(inn)en vor der großen Herausforderung, eine adäquate medizinische Versorgung für Geflüchtete sicherzustellen. Eine Vielzahl rechtlicher und bürokratischer Hürden erschwert dabei eine adäquate Behandlung. Durch unzureichende Gesundheitsversorgung im Herkunftsland, widrige Fluchtbedingungen und traumatisierende Erlebnisse stellen Geflüchtete eine besonders vulnerable Gruppe dar. Repräsentative Daten zum körperlichen und psychischen Gesundheitszustand von Geflüchteten in Deutschland sind noch immer rar ? [52]. Asylsuchende und Geflüchtete sind bisher weder in Gesundheitssurveys des Bundes eingeschlossen ? [84], noch existieren aussagekräftige epidemiologische Studien über ihren Gesundheitszustand jenseits einzelner Erkrankungen ? [52]. Hinzu kommt, dass angesichts der inhärenten Dynamiken der Fluchtbewegungen mit Blick auf die Herkunftsländer sowie Migrationsrouten epidemiologische Erkenntnisse unter Umständen eine kurze Halbwertszeit haben. Aus den Erkenntnissen vieler regionaler Studien ? [52] und den Rückgriff auf Untersuchungen in vorherigen Flüchtlingspopulationen lässt sich jedoch in ihrer Gesamtheit ein vorsichtiges richtungsweisendes Bild über das vorherrschende Krankheitsspektrum bei Asylsuchenden in Deutschland gewinnen, das im Folgenden dargestellt werden soll.

2.2 Körperliche Erkrankungen


Die Mehrheit der Geflüchteten entstammt Regionen, in denen die Gesundheitssysteme aufgrund von Armut und Bürgerkriegen in einem desolaten Zustand sind. Jedoch war in vielen Ländern bereits vor Ausbruch von Konflikten und Krisen vielen Menschen eine adäquate medizinische Versorgung aus finanziellen oder ethnischen Gründen verwehrt. So ist davon auszugehen, dass viele Geflüchtete schon im Heimatland unter gesundheitlichen Beschwerden litten, die nicht ausreichend behandelt wurden. Die belastenden Umstände und körperlichen Strapazen während der Flucht begünstigen die Verschlimmerung bestehender und das Auftreten neuer Erkrankungen. Zusätzliche Risikofaktoren für das Auftreten und die Verbreitung von Infektionskrankheiten stellen hohe Prävalenzen in den Herkunftsländern, fehlender Impfschutz und die Flucht per se dar ? [47]. Doch auch nach Ankunft in Deutschland fördert die Unterbringung in improvisierten Unterkünften durch die beengte Wohnsituation und mangelnde Basishygiene die Ausbreitung infektiöser Erkrankungen ? [42], ? [73].

Anhand von Daten des Bremer Gesundheitsprogrammes (1993-1994) beschreibt Mohammadzadeh ? [79] Erkrankungen der Atmungsorgane als die am häufigsten auftretenden gesundheitlichen Beschwerden, gefolgt von Hauterkrankungen, Krankheiten des Gastrointestinaltrakts und Schmerzzuständen. In den Jahren 2001-2008 wurden als häufigste Einzelbefunde geschlechtsübergreifend Kopfschmerz (17,2%), Grippe (ca. 5%) und Atemwegsinfektionen (ca. 5%) diagnostiziert. Auch die aktuellen Daten des Bremer Gesundheitsprogramms aus den Folgejahren lassen trotz des kontinuierlichen Anstiegs der Flüchtlingszahlen keine bedeutenden Unterschiede im Krankheitsspektrum erkennen ? [79]. Erstuntersuchungen, Impfungen und Beratungen (ICD-10 Kapitel Z) stellten mit 29,6% die häufigsten Behandlungsgründe dar, gefolgt von Atemwegserkrankungen (18,1%), unspezifischen (Schmerz-)Symptomen (16,9%), Erkrankungen des Verdauungstraktes (6,1%) und des muskuloskelettalen Systems (6%). Infektiöse und parasitäre sowie psychische Erkrankungen stellten in der Gesamtschau aller Jahre nur einen sehr kleinen Anteil der gestellten Diagnosen dar.

Ein bedeutender Teil der häufig diagnostizierten unklaren Beschwerden und Schmerzsymptome ist jedoch als Somatisierung der psychischen Belastungen während der Flucht und des Asylverfahrens zu werten ? [71]. In einer qualitativen Auswertung der von Asylsuchenden in Osnabrück genannten gesundheitlichen Beschwerden zeigt sich ein fast identisches Spektrum an Krankheitsbildern, das durch Magen-Darm-Beschwerden, Schmerzzustände und Erkältungskrankheiten dominiert wird ? [48]. In Einklang damit unterstreichen aktuellere Daten aus München das gehäufte Vorkommen von Atemwegsinfektionen, vor allem durch unspezifische virale Erreger, sowie neuropsychiatrischen Syndromen und gastrointestinalen Erkrankungen ? [42].

Anhand der Übereinstimmung der aufgeführten Beispiele lässt sich ein Krankheitsspektrum erkennen, das von Schmerzsymptomen, gastrointestinalen und respiratorischen Erkrankungen dominiert wird und nur einen geringen Anteil - zumeist im Promillebereich - schwerer infektiöser Erkrankungen aufweist. Auffallend ist eine große Bandbreite der Beschwerden, die im Wesentlichen dem allgemeinärztlichen Krankheitsspektrum entspricht, doch sollten Infektionskrankheiten mit Blick auf die Geoepidemiologie stets bedacht werden. Für Geflüchtete bestehen hohe Hürden im Zugang zur medizinischen Primärversorgung ? [90]. Daher ist es umso bedeutender, dass Personen, die regelmäßigen Kontakt zu Geflüchteten haben, sensibilisiert sind für häufige Krankheitsbilder, um beim Auftreten von körperlichen Krankheitssymptomen im Bedarfsfall eine entsprechende Behandlung zu initiieren.

2.2.1 Infektionserkrankungen


Stellungnahmen des Robert Koch Instituts betonen, dass von Asylsuchenden keine erhöhte Gefährdung für die Allgemeinbevölkerung ausgeht ? [86]. Dennoch sind Geflüchtete nicht nur aufgrund erhöhter Prävalenz von Infektionskrankheiten und eingeschränkten Möglichkeiten der Impfung in den Herkunftsländern, sondern auch durch widrige Bedingungen auf der Flucht und in den Aufnahmeeinrichtungen besonders gefährdet gegenüber infektiösen Erkrankungen ? [47]. Eine Auswertung repräsentativer Daten des Robert Koch Instituts ? [85] belegt, dass der größte Anteil aller Ausbrüche in Gemeinschaftsunterkünften für Asylsuchende (2004-2014) auf impfpräventable Erkrankungen und Schmierinfektionen zurückzuführen war, darunter vor allem Windpocken, Masern, Skabies, Rotaviren, Salmonellen und Tuberkulose ? [73]. Der Großteil der Infektionen (87%) wurde erst in Deutschland erworben ? [73]. Es zeigten sich in den letzten Jahren eine deutliche Zunahme von Fällen pro Ausbruch und gehäufte Ausbrüchen von Skabies und infektiösen Gastroenteritiden, die sich durch Verschlechterung der Gesundheitssysteme in den Herkunftsländern, aber auch durch die hohe Inanspruchnahme der Gesundheitsangebote und der Unterbringungsmöglichkeiten in Deutschland erklären lassen ? [73]. Durch verbesserte Primärprävention im Sinne von Impfungen, hygienischen Standards und Aufklärung ließe sich daher die Mehrheit der Ausbrüche in Gemeinschaftsunterkünften vermeiden.

Unter allen Asylsuchenden des Bremer Gesundheitsprogramms waren im Zeitraum von 2001-2008 15% aller männlichen und 11% aller weiblichen Asylsuchenden von infektiösen Erkrankungen betroffen. Wesentlich häufiger als schwerwiegende Erkrankungen wie HIV, Hepatitiden oder Tuberkulose wurden Dermatophytosen, Läuse- und Filzlausbefall und Skabies diagnostiziert ? [71]. Aktuelle Daten des Bremer Gesundheitsprogramms zeigen ähnliche Erkenntnisse ? [79]. Da die Verbreitung dieser Erreger durch schlechten Allgemeinzustand, engen zwischenmenschlichen Kontakt und unzureichende Hygienebedingungen gefördert wird, ist von einem gesundheitsschädlichen Einfluss der Lebensbedingungen während der Flucht und in den Aufnahmeeinrichtungen auszugehen ? [71].

Unter den nach Infektionsschutzgesetz meldepflichtigen Erkrankungen traten bei Asylsuchenden im Jahr 2016 vor allem impfpräventable und gastrointestinale Krankheiten auf. Am häufigsten wurden Windpocken (1091 Fälle), Influenza (455 Fälle), Rotavirus- (117 Fälle) und Norovirus-Gastroenteritiden (102 Fälle) gemeldet. Durch gezielte...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Adobe-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose Software Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Adobe-DRM wird hier ein "harter" Kopierschutz verwendet. Wenn die notwendigen Voraussetzungen nicht vorliegen, können Sie das E-Book leider nicht öffnen. Daher müssen Sie bereits vor dem Download Ihre Lese-Hardware vorbereiten.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Dateiformat: PDF
Kopierschutz: Adobe-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose Software Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat PDF zeigt auf jeder Hardware eine Buchseite stets identisch an. Daher ist eine PDF auch für ein komplexes Layout geeignet, wie es bei Lehr- und Fachbüchern verwendet wird (Bilder, Tabellen, Spalten, Fußnoten). Bei kleinen Displays von E-Readern oder Smartphones sind PDF leider eher nervig, weil zu viel Scrollen notwendig ist. Mit Adobe-DRM wird hier ein "harter" Kopierschutz verwendet. Wenn die notwendigen Voraussetzungen nicht vorliegen, können Sie das E-Book leider nicht öffnen. Daher müssen Sie bereits vor dem Download Ihre Lese-Hardware vorbereiten.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

49,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Adobe DRM
siehe Systemvoraussetzungen
PDF mit Adobe DRM
siehe Systemvoraussetzungen
Hinweis: Die Auswahl des von Ihnen gewünschten Dateiformats und des Kopierschutzes erfolgt erst im System des E-Book Anbieters
E-Book bestellen

Unsere Web-Seiten verwenden Cookies. Mit der Nutzung des WebShops erklären Sie sich damit einverstanden. Mehr Informationen finden Sie in unserem Datenschutzhinweis. Ok