Florence Nightingale

Nur Taten verändern die Welt
 
 
Patmos Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. Februar 2020
  • |
  • 176 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8436-1241-8 (ISBN)
 
Florence Nightingale (1820-1910) ist weltberühmt, aber wenig bekannt. Um ihren Namen ranken sich vor allem Legenden und Stereotype. Doch wer war diese Frau, der ungezählte Menschen ihr Leben verdanken? Mit ihren innovativen Methoden revolutionierte sie die Krankenpflege. Kaum jemand weiß, welche Widerstände sie dafür überwinden musste.
Dieses Lebensbild zeichnet anschaulich ihre äußere und innere Entwicklung nach. Wie sie ihre Berufung erkannte und lernte, zu ihr zu stehen. Und wie sie trotz Rückschlägen die Kraft fand, gerade als Frau das Korsett der gesellschaftlichen Erwartungen zu sprengen und ihre Berufung zu leben. In zahlreichen Quellentexten kommt Florence Nightingale selbst zu Wort.

>> aktuell zum 200. Geburtstag am 12. Mai 2020
>> Lebensbild einer starken Frau
>> der Mensch hinter den Legenden
  • Deutsch
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  • 3,95 MB
978-3-8436-1241-8 (9783843612418)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Nicolette Bohn ist freiberufliche Autorin von Sach- und Drehbüchern, Romanen und Jugendliteratur. Sie ist zudem Studienleiterin an der Hamburger "Schule des Schreibens". Studiert hat sie Germanistik, Sprachwissenschaft und Medienpädagogik. Sie lebt in Düsseldorf.
  • Intro
  • Inhalt
  • Einleitung
  • FRÜHE EINFLÜSSE
  • Florence' Eltern
  • Die Wohnsitze der Familie Nightingale
  • Zwei grundverschiedene Charaktere
  • Eine ungewöhnliche Bildung
  • »Gott rief mich in seinen Dienst«
  • DIE JAHRELANGE SUCHE NACH DER BERUFUNG
  • »Was soll ich tun?«
  • Begegnung mit Mary Clarke
  • Die Jahre 1839-1844
  • Liebe und Ehe als größte Versuchung
  • Krankenpflege setzt Wissen voraus
  • »Ich studierte Krankenhäuser«
  • Entscheidung gegen die Ehe
  • Sidney und Elizabeth Herbert
  • Rückkehr nach England
  • Die Reise nach Ägypten
  • Der erste Besuch in Kaiserswerth
  • Wachsende Probleme mit der Familie
  • Lösung von der Familie
  • Wieder in Kaiserswerth
  • In der Harley Street Nr. 1
  • DER KRIMKRIEG
  • Die Auswahl der Pflegerinnen
  • Die Reise in die Türkei
  • In der Hölle von Skutari
  • Die beste Strategie - Geduld und Gehorsam
  • Die britische Armee und ihre Dienststellen
  • Das Blatt beginnt sich zu wenden
  • Mary Stanley sorgt für Konflikte
  • Das Fiasko von Kulali
  • Am Krimfieber erkrankt
  • Missgunst und Gerüchte
  • Mr. Bracebridge redet zu viel
  • Florence wird zur Legende
  • Der Ruf der Soldaten wandelt sich
  • DIE JAHRE NACH DEM KRIMKRIEG
  • Das Ende des Krimkrieges
  • Florence' Kampf um Reformen
  • Statistiken für Reformen
  • Das Royal Victoria Hospital in Netley
  • Sidney Herbert stirbt
  • Der Sepoy-Aufstand in Indien
  • Die Sanitätskommission für Indien
  • Bemerkungen über Krankenhäuser
  • Florence und die Gründung des Roten Kreuzes
  • Das Nightingale'sche System
  • Freundschaft mit Benjamin Jowett
  • Errichtung einer Hebammenschule
  • Die Armenrechtsreform
  • Florence und die Frauenemanzipation
  • Sommer 1872 - Rückkehr nach Embley
  • Letzte Lebensjahre und Tod
  • ANHANG
  • Ehrungen
  • Der Nachlass
  • Lebensstationen
  • Personenverzeichnis
  • Verwendete Quellen und Literatur
  • Bildnachweis
  • Danksagung
  • ÜBER DIE AUTORIN
  • ÜBER DAS BUCH
  • IMPRESSUM
  • HINWEISE DES VERLAGS

Einleitung


Es macht viel aus, wenn man die Großen zu Freunden hat.

Als Florence Nightingale am 13. August 1910 im Alter von stolzen 90 Jahren verstirbt, schreibt die »New York Times« in einem Nachruf: »Kaum ein Leben verlief nutzbringender als das ihre.« Am 12. Mai 2020 jährt sich ihr Geburtstag zum 200. Mal. »Die Dame mit der Lampe« / »Der Engel der Krim« / »Heldin des Dienstes« / »Wegbereiterin des Roten Kreuzes« / »Verfechterin für mehr Menschlichkeit« - die Liste der Beinamen, die die Pionierin der modernen Krankenpflege im Lauf der Jahrhunderte erhalten hat, ist lang. Zahlreiche Legenden und Mythen ranken sich um die Frau aus England, die es sich bereits in jungen Jahren zur Aufgabe gemacht hatte, Armen und Kranken zu helfen, und der es gelang, der modernen Krankenpflege in der westlichen Welt den Grund zu legen.

Das »Florence Nightingale Krankenhaus« in der Kaiserswerther Diakonie in Düsseldorf erinnert bis in die Gegenwart an das Wirken seiner berühmten Namensgeberin. Im Burggarten von Kaiserswerth, nahe der Ruine der alten Kaiserpfalz, stehen die bronzenen Denkmäler von Florence Nightingale und Theodor Fliedner. Die Wege dieser im christlichen Glauben und Humanismus tief verwurzelten Menschen sollten sich im Verlauf ihres Lebens kreuzen und zu weitreichenden Verbesserungen des Krankenhauswesens und zu Sozialreformen führen.

Florence Nightingale ist es gegen alle Widerstände gelungen, die Krankenpflege zu reformieren und zu einem in der Gesellschaft anerkannten Beruf zu entwickeln, von dem sich vor allem alleinstehende, unverheiratete Frauen angesprochen fühlten.

Doch welche Einflüsse und Bedingungen führten dazu, dass es Florence Nightingale gelang, als junge Frau in der Regency-Epoche und später im viktorianischen England des 19. Jahrhunderts ihren Weg mit dieser Zielstrebigkeit zu verfolgen? Wer war Englands »lady with the lamp« fernab von Mythen und verklärender Legendenbildung? Wie ist sie aufgewachsen? Wie hat sie gelebt und gearbeitet? Und in welcher Form prägten ihr starker christlicher Glaube, die Familie sowie einflussreiche Freunde und Bekannte ihr Werk und ihren Lebensweg?

Florence Nightingale auf das warmherzige, helfende und von christ­licher Nächstenliebe geprägte Frauenbild des 19. Jahrhunderts zu begrenzen, hieße, diejenigen Persönlichkeitsmerkmale auszuklammern, die ­ihren Weg in die Krankenpflege überhaupt erst möglich machten - Eigenschaften, die für eine Frau im viktorianischen England ungewöhnlich und unerwünscht zugleich waren, da sie ausschließlich Männern zugesprochen wurden: Durchsetzungsvermögen, ein außergewöhnlicher und kritischer Intellekt und eine umfangreiche Bildung, gepaart mit Härte, Dominanz und Willensstärke. Florence hätte ohne diese Eigenschaften den jahrelangen Kampf um ihr Berufsziel, dem sich Familie und Gesellschaft in den Weg stellten, nicht gewinnen können. Die Zeitspanne zwischen dem ersten »Ruf Gottes«, den Florence im Alter von 17 Jahren vernommen zu haben glaubte, und ihrer endgültigen Gewissheit, Kranke pflegen zu wollen, erstreckte sich bis zu ihrem 33. Lebensjahr. 16 Jahre lang war sie familiären und inneren Konflikten ausgesetzt, die dazu führten, dass sie sich im Alter von 31 Jahren ihren eigenen Tod herbeiwünschte.

Beharrlich und mit schier grenzenloser Kraft hielt sie fest an der Vorstellung, von Gott berufen worden zu sein, und nutzte jede auch noch so kleine Möglichkeit, ihrem Ziel näherzukommen. Heimlich begann sie Studien über englische Krankenhäuser zu betreiben und Statistiken zu entwickeln, wobei ihr vor allem ihre mathematischen Fähigkeiten zugutekamen. Unterstützt von gesellschaftlich und politisch einflussreichen Persönlichkeiten, konnte sie im Alter von 32 Jahren schließlich nach Deutschland in die Kaiserswerther Diakonissenanstalt reisen, um die Pflege von Kranken und Bedürftigen unter christlichen Gesichtspunkten zu erleben und zu erlernen.

Der Aufenthalt in Kaiserswerth wurde nicht nur wegbestimmend für Florence Nightingales Werk, sondern auch zu einem entscheidenden Wendepunkt für ihr weiteres Leben. Sie konnte sich dort ihrer Bestimmung endgültig bewusst werden und begann, sich nach ihrer Rückkehr in die Familie gegen die Untätigkeit, die ihr nach wie vor aufgezwungen wurde, zur Wehr zu setzen. Ihr Vater sprach ihr schließlich - zum Leidwesen der Mutter - eine Leibrente von jährlich 500 Pfund zu, um ihre Selbstständigkeit und ihren beruflichen Weg zu unterstützen.

Als 1854 der Krimkrieg ausbrach, nutzte Kriegsminister Sidney Herbert seine jahrelange Freundschaft zur Familie Nightingale dazu, Florence um Hilfe zu bitten. Sie sollte mit zahlreichen Helferinnen in ein Militärkrankenhaus nach Skutari (Osmanisches Reich) gesandt werden. Sidney Herbert räumte ihr die alleinige Befehlsgewalt ein. Dadurch war es Florence möglich, für diesen Einsatz von vornherein nur Pflegerinnen auszuwählen, die strengen moralischen und christlichen Maßstäben entsprachen.

Nach dem Krimkrieg wandelte sich das gesellschaftliche Ansehen der Pflegerinnen. Hatten sie bisher gemeinhin als »betrunkene, lüsterne Weiber« aus untersten Gesellschaftsschichten gegolten, so sah man in ihnen nun achtbare und von christlicher Nächstenliebe geprägte Frauen. Auch ist es Florence Nightingale und ihren Pflegerinnen zu verdanken, dass das Bild der einfachen britischen Soldaten, die als »rohe Monster«, »Tiere« und »Abschaum der Gesellschaft« galten, einem grundlegenden Wandel unterzogen wurde.

Bis in unsere Gegenwart hinein ist der Einsatz Florence Nightingales während des Krimkrieges beispielhaft geblieben. Obwohl sie und die Pflegerinnen, die sie zu diesem Einsatz begleiteten, im Lazarett in Skutari nicht erwünscht waren und dort katastrophale hygienische Zustände herrschten, setzte sich Florence gegen alle Widerstände durch. Sie und ihre Pflegerinnen trotzten der Ablehnung von Armeeführung und Ärzten, die Frauen in einem Militärhospital zunächst nicht akzeptieren wollten. Florence leitete die Pflegerinnen an und unterwies sie in den Grundbegriffen von Hygiene und Pflege. In erster Linie war sie - wie man aus heutiger Sicht sagen würde - in der Pflegedienstleitung tätig. Ihr unermüdlicher Einsatz rettete unzähligen Soldaten das Leben. Die im Krimkrieg verwundeten und im Sterben liegenden Soldaten erblickten in ihr das Urbild der christlich-liebenden Mutter. Sie pflegten ihren Schatten zu küssen, wenn sie an ihren Betten vorüberging.

1856 neigte sich der Krimkrieg seinem Ende zu. Florence Nightingale war als »lady with the lamp«, »Retterin der Soldaten« und »Engel der Barmherzigkeit« zur Legende geworden. Auf zeitgenössischen Zeichnungen ist zu sehen, wie sie mit einer Lampe in der Hand des Nachts durch die dunklen, langen Gänge des Militärkrankenhauses in Skutari wandelt.

*

Leben und Werk von Florence Nightingale sind vor allem von drei gesellschaftlichen Bereichen geprägt: von der industriellen Revolution in England, von den Zuständen in den Spitälern und von der Stellung der Frau in der viktorianischen Gesellschaft.

Die industrielle Revolution, die sich in England zwischen 1750 und 1850 vollzog, löste mit ihrem technischen Fortschritt und dem schnellen Wechsel der Produktionstechniken einen tiefgreifenden Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft aus. Während das verelendete Proletariat als neue Klasse entstand, wurde das Bürgertum zunehmend reich und gewann politisch an Einfluss. In dieser Zeit der sozialen Gegensätze, der »hungrigen 40er-Jahre«, die der junge Friedrich Engels während eines Aufenthalts in England als »sozialen Krieg« bezeichnete, schrieb Florence Nightingale:

Mein Geist ist ganz ausgefüllt von dem Gedanken an die Leiden der Menschheit . alles, was die Dichter von der Herrlichkeit der Welt singen, kommt mir erlogen vor. Alle Menschen, die ich sehe, werden aufgezehrt von Sorge, Armut und Krankheit.

Sie kam mit den Auswirkungen, die die industrielle Revolution auf die Bevölkerung hatte, zum ersten Mal im Dorf Holloway in Berührung, das sich in unmittelbarer Nähe des Nightingale'schen Wohnsitzes Lea Hurst in der Grafschaft Derbyshire befand. In bitterer Armut lebten dort Weber, deren handgefertigte Produkte von den Erzeugnissen des mechanischen Webstuhles verdrängt worden waren. Holloway und das Elend, dem sie dort begegnete, sollten das humanistische Denken und das Werk von Florence Nightingale entscheidend prägen.

Als 1834 ein neues Armengesetz beschlossen wurde, weil das elisabethanische Armengesetz den Entwicklungen des 19. Jahrhunderts nicht mehr standhielt, wurden aus Gründen der Kosten­ersparnis Unterstützungen in Form von Geld und Lebensmitteln abgeschafft; stattdessen wurde die Einweisung ins Arbeitshaus vorgeschrieben. Zu dieser Zeit war Florence 14 Jahre alt. Während ihre Mutter in diesem Ungleichgewicht der Güterverteilung eine von Gott gegebene und festgelegte Weltordnung sah, in die der Mensch nicht eigenmächtig eingreifen dürfe, suchte Florence die Hungernden und Sterbenden persönlich in ihren ärmlichen Hütten auf. Sie schrieb an Mary Clarke:

Wenn man bedenkt, dass es Hunderte und Tausende von Leuten gibt, die leiden . wenn man sieht, wie es in jeder Hütte eine Sorge gibt, die kein Verständnis beheben kann, und jedermann schlüpft trotzdem allmorgendlich in seine Strümpfe und Schuhe, und die schweifende Erde durchläuft unverändert die Bahn zwischen den kalten, fühllosen Sternen, in ewigem Schweigen, als wenn nichts wäre - der Tod scheint mir weniger...

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