Ihr macht uns die Kirche kaputt...

...und wie wir das nicht zulassen!
 
 
Verlag Herder
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. April 2020
  • |
  • 160 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-451-81848-6 (ISBN)
 
Keine Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal, überkommene monarchische Strukturen und immer wieder die Frauenfrage: Viel zu lange haben Bischöfe, Kardinäle und der Papst Aufbruch nur gepredigt, ohne dass den Worten Taten gefolgt wären. Daniel Bogner, der junge Theologe, beschreibt klar und deutlich, woran die Kirche krankt und wie Reformen verhindert werden. Doch er ist kein routinemäßiger Kritiker, dem nichts an der Kirche läge: In seinem Buch zeigt er, wie die Kirche verlorenes Vertrauen wiedergewinnen und den Anschluss an die Moderne schaffen kann, ohne sich selbst zu verraten. Provokant bringt Bogner auf den Punkt, wovor die Kirche nicht ausweichen darf!
1. Auflage
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 2,97 MB
978-3-451-81848-6 (9783451818486)
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Dr. theol., Professor für Moraltheologie und Ethik an der Universität Fribourg. Zuvor tätig im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz.

Nichts ist mehr, wie es war


Irgendetwas ist anders. Dieses Gefühl haben viele, wenn sie heute an die Kirche denken. Ich spreche von der katholischen Kirche. Sie ist meine Kirche, immer schon. Ich wurde nach der Geburt katholisch getauft, in diesem Glauben erzogen und durch meine bayerische Heimat auch kulturell in ihn »hineingeprägt«. Religiös zu sein war für mich immer eine natürliche Möglichkeit, die dem Menschen offensteht. In der katholischen Ausprägung des christlichen Glaubens fand ich einen Weg, diese Möglichkeit zu ergreifen.

Ich empfand diesen Weg als einladend - sinnenfroh und ganzheitlich, stets darum bemüht, die religiöse Botschaft in die kulturelle Umgebung zu übersetzen, dem Rationalen gegenüber keinesfalls abgeneigt. Nicht engstirnig und sektiererisch, sondern weltoffen und interessiert erlebte ich den Katholizismus in Kindheit und Jugend. Es war die glückliche Gestalt einer Glaubenskultur, die fähig war zu Synthese und Kompromiss. Man lebte in dieser Kirche das lebendige Erbe einer jahrhundertelangen Tradition mit ihren Bräuchen und spirituellen Praktiken. Das schuf ein Selbstbewusstsein der Religion, das die Basis war für ihre Neugierde und die Freude am Experiment. Ich durfte eine Kirche erleben, die, angestoßen durch das II. Vatikanische Konzil, sich den Entwicklungen in Welt und Gesellschaft zuwandte, davon lernen wollte, ohne ihre Quellen preiszugeben.

Ein solcher Katholizismus bot vieles, Verankerung und Aufbruch, Gedächtnis und Wagnis, Gewissheit und Risiko. Auch Debatte und Streit gab es, gewiss. Darum, was denn die notwendigen Konsequenzen des Glaubens im Politischen seien, und natürlich darüber, welche Reformen in der Kirche anstünden. Von einer Krise sprach man eigentlich immer schon. Dass der Glaube irgendwie angesagt war oder unumstritten - davon kann wirklich keine Rede sein. Dennoch, es ist heute nicht mehr so, wie es bisher war.

Etwas ist zerbrochen, und dieses Etwas lässt sich an der Missbrauchskrise festmachen. Ich nenne es das »Hintergrundvertrauen«. Das ist die Gewissheit, dass es im Letzten schon sein Richtiges habe mit der Kirche. Für viele Menschen, die ich auf meinem Weg im Katholizismus kennengelernt habe, war immer klar: Diese Kirche ist unendlich langsam damit, sich auf Neues einzulassen und das Notwendige zu lernen. In ihr sind Kräfte am Werk, die sie bremsen und durch die sich viele ausgebremst fühlen. Aber es ist doch eine Kirche, für die sich der Einsatz lohnt. Irgendwann, so die stille Annahme, wird das »lange Bohren dicker Bretter«, wie der Soziologe Max Weber es einmal für das Geschäft der Politik ausdrückte, auch in der Kirche Erfolg haben. »Und sie bewegt sich doch .« - so die Hoffnung, die viele lange Zeit hatten.

»Die Menschen glauben uns nicht mehr!«, sagt der Münchner Kardinal Reinhard Marx heute, wenn er die Situation analysiert. Die Kirche hat offenbar ihre wichtigste Ressource verspielt, die Glaubwürdigkeit. Denn das, was unter keinen Umständen passieren durfte, ist geschehen. Nicht nur bei den anderen, sondern hier, mitten in der eigenen Kirche. Man kann nichts verdrängen, etwa indem man auf andere Länder zeigt. Und es ist nicht nur einmal passiert, sondern immer wieder - und geschieht wahrscheinlich fortlaufend, wie die Forscher der Studie zum Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige (die sogenannte »MHG«-Studie) sagen. Dieses Buch setzt hier an. Es ist entstanden aus einer Empörung: Wie kann die Kirche zulassen, dass das geschieht, was den Namen »Missbrauch« trägt? Wie kann es sein, dass die Kirche offenbar Verbrechen zum System werden lässt? Weshalb tut sie nicht alles, um zu verhindern, dass so etwas weiter vorkommen kann?

Mein Eindruck ist: Viele spüren, dass die Kirche vor einer gewaltigen Aufgabe steht und dass sie sich Fragen zuwenden muss, die ihr wehtun. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht Bischöfe und hohe Kirchenverantwortliche betonen, wie sehr alles Mögliche »auf den Prüfstand« müsse - Zölibat, Machtausübung in der Kirche, die Beteiligung von Laien und überhaupt »der Umgang miteinander«. Die vielen Äußerungen zeigen, dass man spürt, wie wenig man auf den eingefahrenen Gleisen weiterkommen wird. »Die alte Zeit ist zu Ende« - diese Aussage des Essener Bischofs Franz-Josef Overbeck markiert am deutlichsten dieses Bewusstsein, und das ist durchaus bemerkenswert.

Was aber folgt? Hinter den Kulissen der Bischofskonferenz wird mittlerweile mit harten Bandagen um diese Frage gekämpft. Vor einem »Missbrauch des Missbrauchs« warnen manche Amts­träger. Der Missbrauchsskandal solle nicht dafür genutzt werden, die angeblichen Ladenhüter der kirchlichen Reformdebatte nun endlich unter die Leute zu bringen. Was für eine narzisstische Aussage! Gerade weil die Verbrechen des Missbrauchs wiederholt und über einen langen Zeitraum geschehen sind, sind die Bischöfe verpflichtet, nach den tieferen Ursachen zu suchen. Dass dabei einiges infrage gestellt wird, was so mancher Kirchenführer lieber unangetastet ließe, ist kaum zu vermeiden.

Ich versuche, erste Schritte auf dem Weg zu gehen, den jetzt viele fordern. Dieses Buch spürt den Ursachen für die »toxische« Gestalt der Kirche nach, die mit dem Missbrauchsskandal sichtbar wurde. Die zentrale Frage lautet: Was ist schuld daran, dass die Kirche sich für viele so »vergiftet« anfühlt? Diese Diagnose kennt viele Facetten. Der Missbrauch ist die schlimmste davon. Aber »toxisch« ist die Kirche auch auf andere Weise.

Ich habe jene Menschen von heute im Blick, die von der Botschaft Jesu angezogen sind und Glaubensbereitschaft mitbringen. Das Problem besteht darin, dass viele von diesen Menschen nicht den Eindruck haben, man begegne ihnen in der Kirche auf Augenhöhe - als Menschen, die in Beruf und Familie mit Kompetenz und Engagement ihren Einsatz zeigen und gehalten sind, Regeln des Respekts vor der gleichen Würde aller einzuhalten. In der Kirche hingegen wird die eine Hälfte der Menschen wegen ihres angeblich falschen Geschlechts einer Sortierung unterzogen, die bestimmte Möglichkeiten der Teilhabe von vornherein ausschließt. Und wer das Glück hat, Mann zu sein, muss immer noch damit rechnen, dass die Entscheidungen eines Geweihten im Zweifelsfall als das bessere Argument gelten. Oder man muss zur Kenntnis nehmen, dass die Macht des kirchlichen Amtsinhabers einer geringeren Kontrolle unterliegt, als dies bei jedem Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft der Fall wäre . Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich ernst nehmen möchte, was so viele Bischöfe und Verantwortliche jetzt fordern - dass man den Ursachen auf den Grund gehen soll und über die notwendigen Schritte der Veränderung konkret nachdenken muss.

»Ihr macht uns die Kirche kaputt!« - mit diesem Titel ist eine ganz bestimmte Perspektive eingenommen. Es ist die Blickrichtung derjenigen, die wirklich etwas zu verlieren haben in der gegenwärtigen Krise. Die Rede ist von den Kirchenmitgliedern, die - aus welchen Gründen auch immer - bis heute dabeigeblieben sind und zu denen auch ich selbst mich zähle. Viel zu lange haben die Menschen in der Kirche pauschales Vertrauen zu ihrer Leitung aufgebracht, im guten Glauben, die Gottesmänner würden schon das Richtige tun, um die Botschaft des Evangeliums auch in der Kirche Wirklichkeit werden zu lassen. Spätestens jetzt, mehr als jemals zuvor, müssen Gläubige sich eingestehen, dass dieses Vertrauen oft nicht gerechtfertigt war. Wir haben zu lange stillgehalten, schäfchen-brav hingenommen und uns einlullen lassen, wenn in fromm klingender Sprache von oben herab die herrschenden Verhältnisse für richtig erklärt wurden.

Vieles ist heute anders. Einzelne Bischöfe sprechen Klartext. Selbst treueste Kirchenmitglieder sind entsetzt und enttäuscht, wie mit ihrem Vertrauen umgegangen wurde. Die Kirchenleitung steht in der Bringschuld. Blickt man auf die zentrale Stellung und Machtfülle von Bischöfen in der römischen Kirche, sind sie es, die zuallererst »liefern« müssen. Es gibt allerdings auch eine zweite Seite dieser Medaille. Denn wie in jedem Herrschaftsverhältnis braucht es auch in der Kirche Menschen, die sich in ein Untertanenbewusstsein fügen. Gläubige könnten und sollten diese Haltung ablegen und ihren Kirchenleitungen auf eine ganz andere Weise Druck machen, als das bislang geschieht. Ich werde deshalb im Folgenden auf zwei unterschiedliche Punkte eingehen.

Auf der einen Seite geht es um den Rahmen der Kirche, also Kirchenverfassung und Rechtsordnung der katholischen Kirche. Beides wurde viel zu lange vernachlässigt und nicht für wichtig erachtet, obwohl damit die Grundlinien der Kirche gezogen sind. Auf der anderen Seite wird ein Blick auf die Mentalitäten, die Denk- und Handlungsweisen gerichtet, die der verfassungsmäßigen Grundordnung folgen und von den Akteuren oft blind verinnerlicht sind. Dass die Oberen »sanft herrschen« und die Unteren sich so gern führen lassen, allenfalls »Fragen stellen« statt aufzubegehren, ist eben auch eine Folge des Platzes, den die Kirchenordnung, unter der man als katholisches Kirchenmitglied steht, einem zuweist.

Ich finde es befremdlich, dass so viele Katholikinnen und Katholiken ihre ganze Hoffnung auf Papst Franziskus richten. Einer, der da ganz oben, soll es nun richten! Was aber, wenn er anderes tut oder äußert, als man es von ihm erhofft? Oder wenn der Papst wechselt und das kommende Pontifikat andere Ziele verfolgt als das aktuelle? Wie vermessen und unrealistisch überhaupt ist die Erwartung, von einer einzigen Person, die noch dazu innerhalb eines fest gefügten institutionellen Systems agiert, könne die...

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