Middelhoff

Abstieg eines Star-Managers
 
 
Campus (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 16. September 2017
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | PDF mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-593-43678-4 (ISBN)
 
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Thomas Middelhoff: Wirtschaftsgeschichte hautnah

»Big T«: Gefeierter Vorstandschef bei Bertelsmann, Privatflüge auf Firmenkosten, Karstadt-Pleite, Graupensuppe in der JVA Essen. Kaum ein Manager ist in der Öffentlichkeit so zum Symbol für Gier und Größenwahn geworden wie Thomas Middelhoff. Eine Karriere wie im Rausch. Ein Absturz mit Privatinsolvenz und Gefängnis, ohne Reue und ohne Sympathien. Und die offene Frage: Wo sind die vielen Millionen geblieben?
In der ersten auf dem Markt befindlichen Biografie gibt der preisgekrönte Reporter Massimo Bognanni unbekannte Einblicke in Aufstieg und Fall des einstigen Shootingstars - dieses Buch ist kritisch, erhellend und spannend wie ein Krimi.

- Bognanni beschreibt den spektakulären Fall vom bestbezahlten Manager der Republik zum verurteilten Straftäter.
- Das Buch über »Big T« mit exklusiven Recherchen und spannenden Enthüllungen.
  • Deutsch
  • Frankfurt / New York
  • Neue Ausgabe
mit Lesebändchen
  • 8,03 MB
978-3-593-43678-4 (9783593436784)
3593436787 (3593436787)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Massimo Bognanni ist Reporter im Investigativteam beim Handelsblatt. Jahrelang hat er die Hintergründe von Thomas Middelhoffs Karriere recherchiert, seinen Strafprozess verfolgt und unzählige Gespräche geführt. 2016 veröffentlichte er gemeinsam mit Sven Prange das Buch »Made in Germany«.
Inhalt

Einleitung 7

1. Die Apokalypse 13
2. Spätzünder 21
3. Eine Ohrfeige namens Mohndruck 29
4. Dealmaker 49
5. Planet M 73
6. Comeback-Boy 117
7. Seine Majestät 141
8. Vom Jäger zum Gejagten 207
9. Der Gerichtssaal als Showbühne 235
10. Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen 255

Resümee 270
Danksagung 276
Quellenverzeichnis 277
Einleitung

Der Termin wäre uns beinahe durchgerutscht. Beginn des Prozesses am Landgericht Essen gegen den früheren Arcandor-Chef Middelhoff wegen Vorwurfs der Untreue, vermeldete die tägliche Themenvorschau für den 6. Mai 2014 nüchtern. Ich war seinerzeit 29 Jahre alt, Reporter bei Deutschlands führender Wirtschaftszeitung, dem Handelsblatt. Solche Strafprozesse waren nicht selten dröge Veranstaltungen. Die Angeklagten, die ich bislang erlebt hatte, huschten an den wartenden Journalisten vorbei, versteckten sich hinter ihren Anwälten. Stundenlang wurden Klageschriften verlesen, Anwälte trugen Anträge vor. Und so fiel mir, dem Jungreporter, der Job zu, aus dem Gerichtssaal zu berichten.
Doch dieser Auftrag war ein Glücksgriff. Thomas Middelhoff war anders. Bevor ich ihn das erste Mal live sah, hörte ich ihn schon. Eine laute, tiefe Stimme dröhnte aus einem Pulk von Journalisten. Ich drängelte mich dazu. Wie in einem "Townhall-Meeting" tigerte Middelhoff über eine imaginäre Bühne, die ihm die Journalisten bereiteten. Der groß gewachsene Mann war eine Erscheinung. Die Haut braun gebrannt, der Anzug saß perfekt. Voller Inbrunst beteuerte er seine Unschuld, noch bevor der Prozess überhaupt begonnen hatte.
Am gleichen Tag legte er auch dem Gericht seine Sicht der Dinge dar. Er, der gläubige Katholik und fünffache Familienvater, so der Tenor, sei das Opfer einer von Staatsanwälten, Insolvenzverwaltern, Journalisten konspirativ angezettelten Hetzkampagne. Und die deutsche Öffentlichkeit mit ihren Biertischen und Neidhammeln habe dies gierig aufgesogen.
Drei Stunden lang redete Middelhoff und klang dabei recht überzeugend. War "Big T", der vielen als böse Fratze des Kapitalismus galt, wirklich so schlimm?, fragte ich mich, oder war er Beute von Ermittlern im Jagdfieber geworden? Hatten ihn alle zu Unrecht vorverurteilt? Waren wir es, die das Problem hatten? Die einfach nicht verstanden, was Manager in solchen Konzernen eigentlich auf sich nehmen? Wie unwichtig da ein paar Flugreisen und ein hübsches Geburtstagsgeschenk auf Firmenkosten waren?
Andererseits, so schoss es mir durch den Kopf, was wäre, wenn sein Handeln tatsächlich kriminell war? Wie abgehoben wäre dieser Middelhoff, sich hier so vor das Gericht zu stellen? Mit welcher Arroganz war er hier aufgetreten? Über 80 gedruckte Seiten vorzutragen, auf denen er hauptsächlich seinen Zuhörern von oben herab referierte, warum für ihn die Vorwürfe im Grunde Lappalien waren.
Schließlich war Thomas Middelhoff einst der schillernde Posterboy der deutschen Wirtschaft, angestellt bei einem der weltweit größten Medienkonzerne: bei Bertelsmann. Hier war Middelhoff nicht nur einer der einflussreichsten Manager der Republik, er war ein Star. Wunderkind der deutschen Wirtschaft, Tempomacher, Dealmaker, High-Flyer - die deutsche Presse überschlug sich. Sie feierte einen Mann, der es mit 45 Jahren an die Spitze des Bertelsmann-Konzerns gebracht hatte. Der "erste Popstar an der Spitze des Medienhauses", befand das Manager Magazin. Das amerikanische Time-Magazin wählte Middelhoff 1996 unter die zehn dynamischsten Deutschen, die der Gesellschaft "den Weg in das neue Jahrtausend weisen".
Und er hatte in der Tat einiges vorzuweisen. Durch die von Middelhoff eingefädelte Übernahme des US-Verlages Random House 1998 wurde der Konzern im Buchgeschäft die Nummer eins der Welt. Mit dem Kauf der Mehrheit an der Sendergruppe RTL sicherte "Big T", wie Freund und Feind ihn rief, dem Unternehmen eine der rentabelsten Privatfernsehfirmen.
Nach dem Platzen der Dotcom-Blase verlor Middelhoff allerdings an Auftrieb und Geltung. Als er dann in Zeiten abnehmenden Scheinwerferlichts Bertelsmann partout an die Börse bringen wollte, fiel er auch noch beim Unternehmenspatriarchen Reinhard Mohn in Ungnade. 2002 kam er seinem Rauswurf mit einer Kündigung zuvor - nicht unüblich in solchen Fällen.
Der stets breit strahlende Sunnyboy fiel weich. Als einer der bestbezahlten Manager Europas vertrieb er sich die Zeit in London bei der Beteiligungsgesellschaft Investcorp. Er suchte Anlageobjekte für Scheichs, war das deutsche Gesicht der so gescholtenen Private-Equity-Industrie.
Doch ihn drängte es zurück auf die große Bühne. Es schien, als wollte er Rehabilitation in der Beletage der deutschen Wirtschaft. Das Bild, bei Bertelsmann einfach vom Hof gejagt worden zu sein, sollte nicht stehen bleiben. So konnte Middelhoff nicht widerstehen, als ihn Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz 2004 fragte, ob er dem angeschlagenen Handelskonzern KarstadtQuelle helfen könne. Vor allem aber suchte die Großaktionärin jemanden, der ihr privates Vermögen rettete.
Middelhoffs Regie im Reich der Handelswaren ließ sich zunächst gut an. Mit raffinierten Deals, undurchschaubaren Zahlen und vor allem viel Euphorie verhalf Middelhoff KarstadtQuelle zu neuen Höhen. Er taufte den Konzern in Arcandor um, der Aktienkurs stieg von knapp 8 Euro bei seinem Amtsantritt auf fast 30 Euro im Jahr 2007.
Wenige Monate später kam der Wendepunkt. Von nun an ging es nur noch bergab. Für Arcandor. Und für Middelhoff.
Und die weltweite Finanzkrise 2008 gab dem angeschlagenen Handelsriesen den Rest. Middelhoff wurde ein zweites Mal zur Tür hinauskomplimentiert. Kurz darauf meldete Arcandor Insolvenz an. Der Name Middelhoff klebte wie ein Warnschild an einer der größten Pleiten der deutschen Wirtschaftsgeschichte.
Er hatte das Arcandor-Reich noch nicht ganz verlassen, da hielt sich hartnäckig der Verdacht, Middelhoff habe beim kriselnden Konzern in die Kassen gegriffen. Die Bundesjustizministerin forderte am 4. Juni 2009 Ermittlungen. Spezialisten von der Bochumer Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität hefteten sich an seine Fersen. Es folgte der beispiellose Absturz eines Superstars. Middelhoff wurde der Prozess gemacht.
Ab dem 6. Mai 2014 saß ich regelmäßig im Gerichtssaal. Das Medieninteresse des ersten Verhandlungstages war schnell verflogen, immer schlechter gelang es Middelhoff zu verbergen, wie sehr ihn das ganze Verfahren nervte. Und dennoch bot der Prozess mehr als eine gewöhnliche Gerichtsreportage. In der ersten Reihe sitzend, lauschte ich den Ausführungen des Richters, als mir aus dem Zuschauerraum jemand eine Kaugummiverpackung unterschob. Auf der Rückseite stand geschrieben: "Folgen Sie in der Mittagspause dem Mann mit dem pinken Polohemd. Es ist ein Gerichtsvollzieher."
Der Tipp bewahrheitete sich. Der Mann im Polohemd war tatsächlich ein Gerichtsvollzieher, geschickt von Middelhoffs mächtigen Gläubigern, darunter die Beraterlegende Roland Berger. In der Mittagspause bat der Beamte Middelhoff in einen Mediationsraum des Gerichts, überreichte unangenehme Post. Termine wie diese wiederholten sich. Der Schuldner musste sein Portemonnaie wenden. Taschenpfändung.
Die Schlammschlacht des inzwischen hochverschuldeten Middelhoff mit seinen Gläubigern beschäftigte mich noch für Monate. Ich gewann immer tiefere Einblicke und ging schließlich der Frage nach, ob Middelhoff versuchte, während des Prozesses Firmen und Vermögenswerte auf einen seiner engsten Berater und langjährigen Anwalt zu übertragen: Hartmut Fromm.
Der Berliner Jurist, den Middelhoff bereits aus Bertelsmann-Zeiten kannte, fragte mich im Herbst 2016, ob ich mir vorstellen könne, an einer Biografie über Herrn Middelhoff mitzuwirken. Middelhoff habe bereits erste Gedanken zu Papier gebracht, ich könne sie mir anschauen, um eine Einschätzung abzugeben.
Fromm residiert in einer Villa am Dianasee, im Berliner Nobelviertel Grunewald. Auf schweren Sitzmöbeln präsentierte er mir mehrere Ordner. Das sei Middelhoffs Biografie, sagte Fromm - und entschwand zu einem Termin. Später wollte er meine Meinung hören. Zwischen allerlei Gemälden und Skulpturen sitzend, zog ich den ersten Ordner zu mir heran. Die Seiten waren mit einer raumgreifenden Handschrift beschrieben.
Was ich auszugsweise las, stimmte mich misstrauisch. Es war das Bild einer glanzvollen Managerkarriere, sabotiert durch eine jahrelange, ungerechte Medienkampagne, beendet von einem skandalösen Urteil des Landgerichts Essen. Keine Reue, keine Demut, keine Selbstkritik.
Einen Tag später antwortete ich dem Middelhoff-Anwalt per Mail, dass ich mir vorstellen könnte, Koautor einer Biografie zu sein. Allerdings nicht als Ghostwriter, der das Manuskript nur "ins Reine" brachte. Vielmehr wäre ich ein Konterpart, der mit Nachfragen und Recherchen hilft, einen authentischen, in allen Teilen auch belegbaren Text zu schreiben. Middelhoff jedoch hatte daran offenbar kein Interesse.
Als ich von Rechtsanwalt Fromm einen der Textordner als Stichprobe überreicht bekam, sicherte ich zu, diese nicht ohne Absprache zu veröffentlichen. Ich werde mit diesem Buch nicht dagegen verstoßen. Im Gegenteil. Dieses Buch ist aus kritischer Distanz entstanden.
Um Thomas Middelhoffs Leben ranken sich unzählige Legenden. Viele wurden von ihm selbst in die Welt gesetzt. Ich beschloss, mit den Recherchewerkzeugen eines Investigativreporters, kritisch und fair die einzigartige Karriere von Thomas Middelhoff aufzuarbeiten, seine Vita akribisch und gewissenhaft zu rekonstruieren. Dieser Text lässt die Fakten sprechen und basiert auf zahlreichen Quellen.
Ich interviewte Dutzende Zeitzeugen - Freunde wie Feinde Middelhoffs, engste Weggefährten wie energische Widersacher. Darunter ranghohe Politiker, mächtige Konzernlenker, Vorstandskollegen und Aufsichtsräte, PR-Berater und Journalisten, Assistenten und Sekretärinnen, Kommilitonen, Mitschüler, Nachbarn. Ich nutzte Stadt- und Unternehmensarchive, fragte Historiker, Ministerien, nutzte Auskunfteien, fuhr ins Bundesarchiv nach Koblenz. Zehntausende Seiten von Gerichtsunterlagen und unveröffentlichten Dokumenten ergänzten das Bild ebenso wie Informationen aus Hunderten Presseartikeln.
Stück für Stück fügte sich ein Mosaik dieses glänzenden Netzwerkers und Menschenfängers zusammen, der hinter seiner Maske des stets fröhlichen Grinsens ebenso Unsicherheiten wie aggressiven Machthunger verbarg. Finden sich in diesem Werk Wertungen über Thomas Middelhoff, so wurden sie von Menschen getroffen, die eng mit ihm zusammenarbeiteten, ihn bestens kannten.
Middelhoff selbst weigerte sich, auf meine Nachfragen einzugehen. Eine von Rechtsanwalt Fromm übermittelte Zusage zu einem Hintergrundgespräch nahm er unvermutet zurück. Auf Anrufe und SMS reagierte er nicht. Mitte Mai 2017 fuhr ich ins Landgericht Essen. Dort saß er erneut auf der Anklagebank. Dieses Mal warf die Staatsanwaltschaft Middelhoff vor, er habe Aufsichtsräte angestiftet, ihm einen ungerechtfertigten Millionenbonus auszuzahlen. Middelhoff bestritt dies. Das Verfahren gegen ihn wurde - mit Blick auf die bereits verhängte Gefängnisstrafe - eingestellt.
Ich versuchte, Middelhoff meine Fragen zu überreichen. Starren Blickes schritt er an mir vorbei. Ich übergab meine Fragen seinem Anwalt Fromm. Zu meinem Bedauern hat Thomas Middelhoff auf die Gelegenheit kategorisch verzichtet, seine Sicht auf die Ergebnisse meiner Recherchen zu schildern.
In diesem Buch soll es um mehr gehen als um die Vita eines Managers. Es bietet auch ein Stück jüngere deutsche Wirtschaftsgeschichte. Dotcom-Blase und Internet-Hype, Konsumflaute und Warenhaussterben. Die Finanzkrise und ihre Folgen für die Weltwirtschaft. Die Managerkritik jüngerer Tage. Die Laufbahn des Topmanagers Thomas Middelhoff spiegelt all diese Entwicklungen und ist ein aufschlussreiches Zeitzeugnis.


1. Die Apokalypse

Thomas Middelhoff springt mit einem Strahlen aus dem nachtschwarzen Audi A8, als wolle er der Öffentlichkeit neue Rekordgewinne präsentieren. Es ist der 14. November 2014. Der Tag der Urteilsverkündung. Nach 35 Verhandlungstagen endet heute der Strafprozess gegen den einstigen Managerstar. Untreue soll Middelhoff begangen haben, drei Jahre und zwei Monate Gefängnis fordern die Ankläger.
Mit dynamisch wehendem Jackett steuert Middelhoff an diesem Morgen das Gerichtsgebäude an. Der blaue Anzug sitzt tadellos, der Hemdkragen ist weiß, die gepunktete Krawatte sitzt fest. Galant schiebt er sich als freier Mann durch die Sicherheitsschleuse des Landgerichts Essen. Small Talk mit den Beamten, Kleinkram und den braunen Aktenkoffer wirft er in eine Schale. Siegerlächeln.
Hinter der Schleuse großes Hallo mit den Anwälten. Der Staranwalt Sven Thomas, der sich beim Prozessstart noch schützend vor Middelhoff gestellt hatte, ist heute verhindert. Formel-1-Boss Bernie Ecclestone hat Sven Thomas in Beschlag genommen. Diese böse Korruptionsgeschichte, Middelhoff hat das Nachsehen.
Und so wartet die Zweitbesetzung auf Middelhoff. Der nervöse Jungjurist Udo Wackernagel, 32 Jahre, groß gewachsen, die dunklen Haare gescheitelt, hellgrauer Anzug, wirkt wie eine jüngere Version seines Mandanten. Wackernagel zur Seite steht der Stuttgarter Haudegen Dr. Winfried Holtermüller. Die Haupthaare weichen, dafür trägt der schwarze Schnurrbart dick auf. Wie ein Pfau seine Federn stellt Holtermüller den Louis-Vuitton-Schal zur Schau, die dazu passende Ledertasche hat er auch dabei. Für den Tag der Urteilsverkündung hat er die breite rote Krawatte gebunden.
Bevor es in den Saal geht, steuert das Trio die Gerichtskantine an, die Männer sitzen auf weißen Plastikstühlen. Vor ihnen steht ein Fläschchen Maggie-Würze, die pinken Blümchen der Tischdeko lassen den Kopf hängen. Der Espresso in der Kantine bietet eine letzte Atempause. Dann geht es rauf in Saal 101.
Schon im Treppenhaus umzingelt ein ganzer Pulk von Fotografen den Angeklagten. Kameraleute, ihr Arbeitsgerät geschultert, drängeln sich nach vorne. Reporter halten ihm Mikrofone wie Klappmesser ins Gesicht. Jedes Detail, jedes Statement taugt heute zur News. Journalisten zücken Handys und Tablets. Zeitungsredakteure schließen Wetten ab. Nur die Kühnsten setzen auf eine Gefängnisstrafe.
"Hier her, hier her!", brüllen die Fotografen, als Middelhoff den Gerichtssaal 101 betritt. "Guten Morgen", entgegnet er mit tiefer Stimme, lächelt in die Objektive. Nach einigen Minuten müssen die Fotografen weichen, in der holzvertäfelten Rückwand des Saals öffnet sich eine zuvor unsichtbare Tür. Richter Jörg Schmitt betritt in schwarzer Robe den von Neonröhren beleuchteten Hauptsaal, begleitet von seinen Kolleginnen Astrid Rohrschneider und Katrin Grönegräs, in diesem Prozess Beisitzerinnen, und Ersatzrichter Hans-Jürgen Konrad. Auch die beiden Schöffen ziehen mit ein.
Mit einem Ruck erheben sich die Zuschauer von den Stühlen. Alle Blicke kleben nun an Schmitt. Der Richter trägt die graumelierten Haare zurückgekämmt, die Brille gerahmt und die Krawatte - wie üblich - in Weiß. Aus seiner Sicht links stehen die Staatsanwälte Daniela Friese und Helmut Fuhrmann. Rechts wartet Thomas Middelhoff, flankiert von den Verteidigern, auf sein Urteil. Wenige Atemzüge lang herrscht angespannte Stille im Saal.
Der Satz, der Middelhoffs Leben in ein Davor und Danach, in das Leben eines Starmanagers und das eines Straftäters teilt, fällt um 9:25 Uhr. Richter Schmitt zieht das Mikrofon zu sich heran, verkündet, im Namen des Volkes, das Urteil. Drei Jahre Freiheitsstrafe. Middelhoff habe sich in 27 Fällen der Untreue, in drei Fällen der Steuerhinterziehung schuldig gemacht. Setzen, bitte!
Ein letztes Mal lächelt Middelhoff, dann verdreht er die Augen, als sei ihm gerade Senf aufs Hemd gekleckst, schließlich versteinert seine Miene. Der frühere Topmanager soll ins Gefängnis. Keine Geldstrafe, keine Bewährung, keine Auswege. 35 Verhandlungstage lang hatte er, braun gebrannt, den Rücken gerade durchgedrückt, seine Unschuld beteuert. Jetzt wirkt der 61-Jährige blass, er hat die Ellenbogen auf der Tischplatte, sein Kopf sinkt auf die gefalteten Hände, abwesend starrt er aus dem Fenster. Die mahnenden Worte des Richters - wabernde Wortfetzen aus dem Off.
Middelhoff habe davon gesprochen, um seine Ehre kämpfen zu wollen, holt Richter Schmitt aus. "Aber Ehre hat auch etwas mit Ehrlichkeit zu tun. Ich habe selten einen Angeklagten erlebt, der so oft unehrlich war. Sie sind an entscheidenden Stellen nicht ehrlich mit uns gewesen - vielleicht auch nicht mit sich selbst." Noch nie in seiner Richterlaufbahn habe er solch "hilflose und abenteuerliche" Erklärungsversuche erlebt. "Mit einigen Aussagen haben Sie mich regelrecht vom Stuhl gehauen. Etwa mit der Aussage, Sie seien Mister Arcandor und lebensnotwendig für den Konzern. Nach dieser Argumentation hätte Ihnen Arcandor Ihr ganzes Leben zahlen müssen."
Gegenstand des Urteils, so Schmitt, seien 26 private oder teilweise private Reisen, die sich Middelhoff als Vorstandsvorsitzender der Arcandor AG vom Unternehmen bezahlen ließ. Dies habe dem Konzern einen Schaden von 308?812 Euro und 14 Cent verursacht. "Sie haben sich dabei zunutze gemacht, dass Sie als Vorstandsvorsitzender Ihre Charterflugrechnungen ebenso wie Hotel- und Limousinenrechnungen ohne Beteiligung anderer freizeichnen konnten." Ein Anspruch auf Übernahme der Kosten, befand Schmitt, bestand in keinem der abgeurteilten Fälle - und das sei Middelhoff jederzeit bewusst gewesen.
Nicht besser kommen bei Gericht die vielen Helikopterflüge der Jahre 2008 und 2009 an. Von seinem Anwesen in Bielefeld war Middelhoff in die Essener Arcandor-Zentrale geflogen. Für die 150 Kilometer standen dem Manager Dienstwagen und Fahrer zu, selbst eine Wohnung in Düsseldorf, Monatsmiete 3?500 Euro, hätte er nutzen können. Doch der Manager bevorzugte den Heli, um den gehassten Stau am Kamener Kreuz zu überfliegen. "Dann hätten Sie früher aufstehen müssen oder die Kosten selbst tragen", urteilt Schmitt. Der Schaden: über 74?000 Euro. Ins Urteil fließt auch ein Helikopterflug von Düsseldorf nach Münster ein. Middelhoff sei mit dem Hubschrauber zu einer Hochschulsitzung seiner alten Uni geflogen, für 1?368 Euro. "Was hat das mit Arcandor zu tun?"
Da sind weitere Flüge mit Privatjets zu Nebenjobs, etwa nach New York, wo Middelhoff Aufsichtsratsmitglied der New York Times war. Entstandene Kosten pro Flug: 80?000 Euro und mehr. Nicht milder stimmten Richter Schmitt Middelhoffs Flüge nach Saint-Tropez auf Arcandor-Kosten. Middelhoff hatte sich verteidigt, er habe seinen Urlaub wegen dienstlicher Termine unterbrechen müssen, ihm stünde die Erstattung der "Heimflüge" zu. Papperlapapp, meint Schmitt. "Die Diensttermine standen schon lange fest. Wenn jemand nach Saint-Tropez will, sei ihm das gegönnt. Aber dann muss er bitte auch die Kosten selbst tragen! Was wäre denn gewesen, wenn Ihr Zweitwohnsitz in Südafrika läge?"
Vor allem aber ist da die Festschrift, die Middelhoff für seinen früheren Mentor bei Bertelsmann, Mark Wössner, anfertigen ließ. Richter Schmitt ist sich sicher: Das war ein privates Geschenk von den "Wössner Boys", einer Gruppe von einstigen Jungmanagern, die der Bertelsmann-Boss einst besonders gefördert hatte. Middelhoff war einer von ihnen und habe seinem früheren Mentor, "Entdecker", privaten Freund und Vorgänger im Amt des Bertelsmann-Chefs zum 70. Geburtstag eine besondere Freude machen wollen.
Auf einem eigens dafür veranstalteten Symposium am 25. Oktober 2008 hatte Middelhoff die Festschrift Wössner feierlich übergeben. Die redaktionelle Bearbeitung der Artikel und der Druck des grauen Buches kosteten insgesamt 179?437,70 Euro. Als Middelhoff später auf den Kosten sitzen blieb, habe er sie Arcandor nachträglich zugeschoben. Er habe gar um eine neue Rechnung gebeten und damit unbeteiligte Personen hineingezogen. "Die Kostenübernahme entsprach nicht dem Interesse des Arcandor-Konzerns. Ein messbarer finanzieller Vorteil war durch die Herausgabe der Festschrift und die Veranstaltung des Symposiums nicht erzielt und von Herrn Middelhoff auch nie beabsichtigt worden." Ein besonders schwerer Fall der Untreue sei das, der sich "strafverschärfend" auswirke. Zudem sei die in den Rechnungen ausgewiesene Umsatzsteuer in Höhe von 26?885,55 Euro zu Unrecht bei der Vorsteueranmeldung geltend gemacht worden, woraus die Verurteilungen wegen dreifacher Steuerhinterziehung resultieren.
Milde zeigt sich die 15. Wirtschaftskammer des Landgerichts Essen bei 13 anderen Reisen sowie den "Vorstandswochenenden" in Saint-Tropez. Middelhoff hatte Vorstandskollegen und andere Führungskräfte in seine Ferienvilla "Aldea" eingeladen. "Natürlich wird da der ein oder andere vielleicht geschluckt haben, dass dort bei einem Glas Wein etwa das Sanierungsprogramm für Neckermann mit dem Abbau von 4?000 Arbeitsplätzen beschlossen wurde", sagt Schmitt. Das alles mache zwar einen dekadenten Eindruck, sei aber von Middelhoffs Führungsanspruch umfasst. "Es ging Ihnen darum, eine Art Teambuilding zu organisieren."
Nach über einer Stunde Urteilsbegründung folgt der nächste Schock. Wegen der Höhe der Strafe bestehe Fluchtgefahr, sagt Richter Schmitt ansatzlos, er habe deshalb Untersuchungshaft angeordnet. Ein Raunen geht durch den Saal. Stühle rücken, Tastaturen klackern, Journalisten twittern, Radioreporter hasten aus dem Raum zur nächsten Schalte. Schmitt ordnet an, den Saal zu räumen. Middelhoff muss ins Gefängnis - sofort.
Zögerlich leert sich der Raum. In den hinteren Reihen des Zuschauerbereiches, ganz am Rand, sitzt noch ein kleines Grüppchen. Ein Schluchzen ist zu hören. Middelhoffs Frau Cornelie und drei der fünf Kinder hatten sich unter das Publikum gemischt. Sie verlassen den Raum durch einen Nebenausgang.
Vor dem Saal bedrängen Dutzende Reporter den Sprecher des Landgerichts. Middelhoffs Fahrer tigert nervös vor den verschlossenen Türen hin und her. Ratlos, aber unwillig, das Revier zu räumen. Vor grellen Standscheinwerfern machen Fernsehreporter Aufsager. Plötzlich eilen Fotografen der Bild-Zeitung ins Treppenhaus. Die Journalisten fragen: "Verlässt Middelhoff das Gebäude? Wird er abgeführt?" Niemand will die Szene verpassen. Wie eine Herde Hyänen, die ein schwaches Jungtier wittern, stürmen die Journalisten hinter den Bild-Fotografen her. Ein älterer Magazinjournalist stürzt. Die Kollegen springen über ihn hinweg. Der Aufruhr ist indes umsonst. Fehlalarm.
Die schweren Türen des Saals 101 vermögen die Tumulte im Vorraum nicht zurückzuhalten. In dieser aufgewühlten Atmosphäre begründet Richter Schmitt nüchtern die angeordnete Untersuchungshaft. Da gebe es die Wohnortfrage (Bielefeld oder Saint-Tropez?), die nicht geklärten Vermögensverhältnisse (pleite oder nicht?), schließlich das internationale Netzwerk (China, USA), auf das Middelhoff zurückgreifen könne. Unterm Strich bestehe Fluchtgefahr. Als Middelhoff dem Gericht einen abgelaufenen Pass vorlegt, gibt es kein Zurück. Der Verurteilte muss umgehend in Untersuchungshaft.
"Mein Bruder hat sich umgebracht. Machen Sie sich um mich keine Sorgen." Die beiden Sätze, die Middelhoff entgleiten, sieht der Richter als Bestätigung einer bösen Vorahnung. Als Schmitt zum Abschluss seines Arbeitstages die Haftbedingungen diktiert, fällt die, wie sich zeigen wird, folgenschwere Formulierung: "Gefahr der Selbsttötung und Selbstverletzung".
Nachdem sich Richter und Schöffen verabschiedet haben, geht es, eskortiert von Sicherheitspersonal, einen Gang entlang, Treppenstufen hinunter, in einen unterirdischen Flur. Dessen Ende mündet im Innenhof der Justizvollzugsanstalt Essen. Hohe Mauern, Wachtürme, Stacheldraht.
Middelhoffs Albtraum beginnt mit Papierkram. Name, Alter und Konfession will der Vollzugsbeamte wissen. Die Geschäftsstelle ist in einem dunklen Kabuff untergebracht. Neuankömmlinge bekommen hier ihre Akte. Ein paar Formalitäten, ein Foto noch, dann geht es über Treppenstufen aus Gitterrost in die Kleiderkammer.
Wie alle neuen Gefangenen muss sich Middelhoff auf die grüne Gummimatte stellen. Als lege er sein altes Leben ab, löst er die Krawatte, zieht das sportlich geschnittene Jackett seines blauen Anzuges aus, stellt die Lederschuhe beiseite, öffnet den Gürtel. Middelhoff, der am Morgen vom Fahrer chauffiert nach Essen gereist war, muss nun die Socken abstreifen, die Unterhose ausziehen. Die Befehle der Beamten sind Routine: Hände auseinander, Beine breit. Wie bei jedem Neuankömmling ertasten die Beamten, ob der Häftling Teile an oder in seinem Körper versteckt hat.
Middelhoffs Anzug, das Handy, alle Habseligkeiten werden verpackt, verschnürt und verstaut. Das alte Leben in einem Karton. Für die Neuen gibt es ein Begrüßungspaket, eingewickelt in eine blaue Wolldecke: Geschirr, Handtücher, Rasierzeug, eine Rolle Toilettenpapier, Besteck, Schlafanzug.
Er ist entblößt. Am Abend des 14. November 2014, streift sich jener Mann, der als Deutschlands modernster Manager galt, die fremde Unterwäsche über, fixiert die Jeans mit einem Riemen, zieht den Pulli an. In der JVA ist er eine Nummer unter vielen. Häftling 173?14?1.

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