Mein Leben oder ein Haufen unvollkommener Momente

 
 
Hanser, Carl (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 29. Januar 2018
  • |
  • 272 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-446-25968-3 (ISBN)
 
Getroffen haben sich Tess und Jonah nur ein einziges Mal. Obwohl sie sieben Monate zusammen waren. In dieser Zeit haben sie alles miteinander geteilt per Chat, Facebook, Tweets, haben sich herzzerreißende E-Mails geschrieben, ihr Innerstes preisgegeben, sich gegenseitig ihre Liebe erklärt. Und trotzdem hat Tess es nicht kommen sehen: Jonahs Selbstmord. Doch Tess sendet weiter Nachrichten an Jonah, ihre erste Liebe. Es ist ihre Art, die Trauer zu verarbeiten. Und eines Tages erhält sie tatsächlich Antwort . Ein außergewöhnlicher Roman über Tod und Abschied in Zeiten von Social Media und darüber, dass jedem Ende ein neuer Anfang - und vielleicht sogar eine neue Liebe - innewohnt.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Peter Bognanni lebt mit seiner Familie in Saint Paul, Minnesota, wo er am Macalester College Kreatives Schreiben unterrichtet. Er ist Absolvent des Writer¿s Workshop der Universität von Iowa, Stipendiat der American Academy of Arts and Letters, und Gewinner des Rome Prize. 2010 erschien sein vielfach ausgezeichneter Debütroman "The House of Tomorrow". Mein Leben oder ein Haufen unvollkommener Momente (2018) ist sein erstes Jugendbuch.

1


An dem Morgen, nachdem ich die Schule geschmissen hatte, wachte ich noch vor Sonnenaufgang im leeren Haus meines Vaters auf und dachte über den langsamen Tod des Universums nach. Das Gästezimmer roch nach Old Spice und schwermütigen Männern in der Midlife-Crisis, und ich habe den Verdacht, dass das einer der Gründe für meine Grübeleien über die vollständige Auslöschung des Kosmos war. Ein anderer Grund, dem ich die Schuld daran gebe: Physik - das Unterrichtsfach, nicht die Naturwissenschaft. Physik war eines der letzten Fächer, für die ich zu lernen versucht hatte, bevor ich den Entschluss fasste, aus dem Internat zu verschwinden, und in einer wagemutigen Flucht fünf Stunden lang durch die Ackerlandschaft Iowas raste.

Ich fuhr den ganzen Weg ohne Pause durch und hörte dabei zu, wie sich ein christlicher Radiosender mit Rockmusik mischte, was ungefähr so klang: »Unser Gott ist ein großartiger Gotttttt« und »Ooooh dieser Gestank. Riecht ihr diesen Gestank? Ihr seid umgeben vom Gestank des Todes!« Ich konnte bloß Dünger riechen. Und während die brachliegenden Felder und wirbelnden Rotoren der Windräder an meinem Fenster vorbeizogen, versuchte ich, nicht zu viel darüber nachzudenken, wie es so weit hatte kommen können. Und ich bemühte mich noch mehr, nicht an diesen einen Menschen zu denken, der etwas so Unbegreifliches getan hatte. Den ich so sehr geliebt hatte und den es in meinem Leben nicht länger gab.

Aber zurück zum Universum.

Die Wissenschaft scheint sich nicht wirklich darüber einig zu sein, wie alles enden wird, und das bereitete mir in diesen Stunden vor Tagesanbruch ziemlich Sorgen. Wenn das Allerschlimmste irgendwann eintreten sollte - und das ist ja immer der Fall -, würde ich gern ein paar Einzelheiten wissen. Aber die gängigen Theorien sind zu verschieden, um eine große Hilfe zu sein.

Manche Leute meinen, der Big Bang wird einfach umgekehrt noch mal stattfinden. So wie: BANG - aus allem wird plötzlich nichts! Und jetzt viel Spaß damit, ihr Trottel! Andere Leuten glauben, der Weltraum wird einfach irgendwann dunkel und kalt und die Sterne erlöschen wie auf einem interstellaren Geburtstagskuchen. Und wieder andere meinen, die Zeit selbst wird irgendwann an ihr Ende kommen, wie die Uhr eines alten Mannes, die man vergessen hat aufzuziehen.

Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich vermutlich die letzte Möglichkeit wählen. Nicht weil sie besonders lustig klingt. Aber ich glaube, dass ich ganz gut damit klarkäme, wenn alles irgendwie erstarrt, so wie die letzte Einstellung in einem Film aus den Achtzigern - vorausgesetzt, ich dürfte mir den richtigen Moment aussuchen.

Zum Beispiel könnte ich von einem Felsen springen und im Flug wie ein majestätischer Pegasus verharren. Oder ich könnte mitten in einem Schluckauf für immer in einer völlig abgedrehten, peinlichen Grimasse erstarren. Oder vielleicht könnte ich auch einfach sämtliche Leute um mich versammeln, die ich in den letzten Monaten enttäuscht habe, und mich bei allen aufrichtig entschuldigen, bevor alles stillsteht. Ich könnte es durch ein Megafon rufen: ICH BIN TESS FOWLER, UND ICH HABE SCHLIMME FEHLER BEGANGEN! DAS TUT MIR SEHR LEID! UND JETZT VIEL SPASS IM NICHTS!

Und mit ein bisschen Überredung würde ich mich vielleicht auch für einen ewigen Orgasmus entscheiden.

Ein Long Bang sozusagen.

Entscheidend ist: Ich will es selbst in der Hand haben. Ich will wissen, wann es passiert, und ich will mir meine letzte Tat selbst aussuchen können, wenn es so weit ist. Denn in letzter Zeit hatte ich ziemlich oft das Gefühl, keine Kontrolle mehr über mein Leben zu haben.

Wie sich herausstellte, hilft es da nur wenig, die Schule hinzuschmeißen. Allerdings ist es auffallend einfach. Alles, was du tun musst, ist, eines Morgens aufzuwachen und zu erkennen, dass du in sämtlichen Fächern auf ganzer Linie versagt, dass du die meisten Leute, die einmal deine Freunde waren, vergrault hast und dass du dich seit mehr als einem Monat nicht mehr wie ein funktionierendes menschliches Wesen fühlst.

An diesem Punkt empfehle ich, den letzten Notfall-Joint aus der Mickey-Maus-Pflasterdose deiner Mitbewohnerin zu klauen, damit zu der Bundesstraße zu spazieren, die am Eingang der von Quäkern gegründeten Bildungseinrichtung namens »Freundschaftsakademie« vorbeiführt, und sich beim Kiffen von einem Ort zu verabschieden, der sich für kurze Zeit fast wie ein Zuhause angefühlt hat. Dann schlage ich vor, in deinen Ford Festiva zu steigen und wie ein flüchtiger Verbrecher mit Volldampf das Weite zu suchen.

Ich beschloss, meine Mitbewohnerin Emma nicht zu wecken. Sie hatte wieder mal ihren Freund in unser Zimmer geschmuggelt und war mit ihm zu einer pornografischen Brezel verschlungen, die sich jeder Vorstellungskraft widersetzte. Ohne Witz, die beiden sahen aus wie diese seltsam verschachtelten Treppen in einem Escher-Gemälde, nur nackt und mit mehr Körperbehaarung.

Also ließ ich ihr, anstatt mich zu verabschieden, lieber die fünfundzwanzig Dollar da, die ich ihr noch schuldete, und den Rest von meinem Orangen-Ingwer-Körperspray, das sie sowieso immer heimlich benutzt hat. Dann verließ ich das Zimmer und zog die Tür für immer hinter mir zu.

Es klingt vielleicht hart, aber in den sieben Monaten, in denen wir zusammenwohnten, haben wir kein einziges Mal offen und ehrlich miteinander geredet. Oder uns gestritten. Okay, ich habe ihr beigestanden, als sie ihre Tage nicht bekommen hat, und wir haben gemeinsam Teen Mom auf YouTube angeschaut und dabei geheult. Aber wir waren keine besten Freundinnen. Ich werde ganz sicher nie ihre Trauzeugin sein und auf ihrer Hochzeit eine tränenreiche Rede halten. Und ich werde ihr vermutlich auch keine Niere spenden. Jedenfalls nicht meine Lieblingsniere.

Trotzdem, in den letzten Monaten haben wir einen halben Meter voneinander entfernt in einem Zimmer von der Größe einer Gefängniszelle geschlafen. Wir haben uns eine Duschablage geteilt. Wir haben uns gegenseitig die Haare gehalten, wenn wir zu viel Malibu getrunken hatten und unsere Kotze nach Sonnenmilch roch. Das verbindet schon irgendwie.

Ich entschied mich auch dagegen, Elaine vom psychologischen Dienst Bescheid zu sagen, wofür sie mich früher oder später noch am Arsch kriegen würden. Elaine ist die Frau, die mit mir während des letzten Monats über meinen »Trauerprozess« gesprochen hat. Sie ist wahrscheinlich sogar ganz nett, und ihre Umarmungen sind nicht zu verachten. Aber wenn ich die Fotos von ihrem Hund in Halloweenkostümen sehe, tut sie mir einfach nur schrecklich leid. Es ist, als ob die Probleme von Mädchen wie mir ihr die Fähigkeit geraubt hätten, ein echtes Leben zu führen. Und das Einzige, was sie jetzt noch kann, ist, sich Sorgen zu machen und mit ihrem Spaniel Gassi zu gehen.

Aber ich hätte einfach keinen weiteren ihrer Anrufe ertragen können, in denen sie so schmerzhaft ernste Fragen stellt und gleichzeitig ziemlich offensichtlich herauszufinden versucht, ob ich vorhabe, mich umzubringen. Tja, jetzt bin ich weg, Elaine, du brauchst dir darüber also keine Sorgen mehr zu machen. Und ich erlaube dir auch, deswegen erleichtert zu sein. Gönn dir doch einen zweiten Drink bei der wöchentlichen Happy Hour für die Schulangestellten. Du hast es dir verdient.

Vermutlich sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass ich gerade im Haus meines Vaters untergekrochen bin und keine konkreten Pläne habe, es so bald wieder zu verlassen. Das Haus ist eine heruntergekommene Dreizimmerbude in Minneapolis, wo er lebt, seit seine Ehe mit meiner Mutter sich aufgedröselt hat wie ein alter Wollpulli. Und es gibt zwei Gründe, warum ich wieder hier wohne.

Erstens liegt das Haus nur eine halbe Tagesfahrt von meiner Hippieschule in Iowa entfernt, was mir ein geeigneter Zeitraum schien, um allein in einem Auto zu sitzen. Zweitens hält sich meine Mutter gerade zu einem längeren »Retreat« in Indien auf, wo sie gemeinsam mit ihrem neuen Freund Lars etwas praktiziert, was sich Ashtanga Yoga nennt und was ich mir lieber nicht bildhaft vorstellen möchte.

Ich bin also zur Junggesellenbude meines Vaters gefahren, wo er in meinem früheren Zimmer ein Bestattungsinstitut betreibt.

Ja, richtig gelesen.

Seit einigen Jahren versucht mein Vater, neue Ideen für das Geschäft mit dem Tod zu entwickeln. Er macht das, obwohl er eigentlich keine Ausbildung in diesem Bereich hat und trotz der anhaltenden fehlenden Unterstützung von eigentlich allen Leuten, die er so kennt.

In der Garage stapeln sich immer noch halb fertige Kisten von seinem ersten Versuch mit »handgefertigten Totenschreinen«. Mittlerweile versucht er, als Bestattungsplaner sein Geld zu verdienen, weshalb in meinem alten Zimmer überall Broschüren herumliegen mit der Aufforderung: Planen Sie die Party Ihres Lebens! (Womit in Wahrheit der TOD gemeint ist - Überraschung!)

Das ist leider typisch für ihn und auch ein entscheidender Grund, warum wir kaum noch miteinander reden. Genauer gesagt liegt es vor allem daran, dass er meine Collegeersparnisse ausgegeben hat, um damit eins seiner »Projekte« zu finanzieren. Eine mobile Wellnessoase, mit der er die halb nackten Körper älterer Menschen in ihren Hauseinfahrten verwöhnen wollte. Tolle Idee, Dad. Komisch, dass das kein Erfolg geworden ist!

Natürlich wollte er das Geld sofort zurückzahlen! Aber irgendwie hat er sich letztendlich dann nur noch mehr Geld von meiner Mutter geliehen - allerdings ohne sie zu fragen. Und trotzdem habe ich ihn gestern Abend in einem schwachen Moment angerufen. Oder...

"Ein emotionales Roadmovie, quer durch die USA, bis nach Sizilien, über Abschied, Neuanfang und vielleicht Glück." Roswitha Budeus-Budde, Süddeutsche Zeitung, 30.04.18

"Obwohl die moderne Kommunikation in diesem Roman eine wichtige Rolle spielt, ist die Botschaft mitnichten, das Internet mache junge Menschen zu sozial inkompetenten Krüppeln. Vielmehr versuchen Tess und Daniel zu ergründen, was einen glauben lässt, jemanden zu kennen. Und sie fragen sich, ob man einen Menschen liebt oder nur die eigene Vorstellung von ihm. Es ist tröstlich, dass der Autor es die beiden gemeinsam ergründen lässt - und ehrlich, dass das Ende unvollkommen bleibt." Katrin Hörnlein, Die Zeit, 15.03.18

"Bognanni gelingt es, skurrile Settings zu bauen . Viel wichtiger aber noch ist: Er lässt die Kombination von Digitalisierung und Tod leitmotivisch durch seinen Roman wandern . Und so dekliniert Peter Bognanni durch, was es mit dem postmortalen digitalen Leben auf sich hat." Gerrit Bartels, Tagesspiegel, 01.03.18

"Eine lesenwerte Geschichte darüber, wie man den Tod, die Ausnahme im Leben, als lebendigen Teil davon begreifen kann, auch wenn man, wie es so schön heißt, 'noch so jung' ist." Eva-Maria Nagel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.01.18

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